Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Ich hätte das nie geglaubt, wenn man mir das vorher gesagt hätte

Hannah Deutch erinnert sich an den Besuch in Bochum 1995

Ich bin  gebeten worden, meine Gefühle auszudrücken, die mich bewegten, als wir vor 20 Jahren nach Bochum eingeladen wurden.

Auf die Einladung hatte ich schon lange gewartet. War es doch so, dass viele kleinere Städte längst solche Einladungen ausgesprochen hatten, nicht aber Bochum. Warum das so war, weiß ich nicht. Als endlich, nach langem Warten, die Einladung kam, waren meine Gefühle sehr gespalten. Wir wohnten am 9. November 1938 gegenüber der Synagoge, ich werde den Brand mein Leben lang nicht vergessen. Auch nicht den Polizeiwagen, der am nächsten Tag herum fuhr, um alle jüdischen Männer abzuholen. Die Einladung weckte so  manch schlimme Erinnerung. Da ich eine Begleitperson mitbringen und so mein Sohn mich begleiten konnte, wurde die Reise nun mehr in die Gegenwart gezogen. Nun hatte ich zwei Fragen: Warum sollte ich zurück fahren zu Menschen, die meine ganze Familie umgebracht hatten? Meine Antwort darauf war ein lautes NEIN. Dann kam noch eine andere Frage auf, und die bejahte ich. Ich wollte noch einmal wenigstens die Menschen meiner früheren Gemeinde wiedersehen, die noch am Leben waren. Viele von ihnen waren schon in hohem Alter und wer konnte wissen, ob noch einmal die Gelegenheit kommen würde, dass wir alle wieder zusammen sein können. Ich selbst war damals bereits 73 Jahre alt (jung). Also entschloss ich mich zur Reise.

Einige meiner Schulfreunde waren bereits gestorben. Viele von den Ostjuden waren verschollen nach der Abschiebung nach Polen im Oktober 1938. Andere hatten dieselben Gefühle wie ich und kamen von weit, weit her: Aus Argentinien, Chile, Kolumbien, aus den Vereinigten Staaten, Israel und   auch aus England, Holland, Frankreich. Es war ein wunderbares Wiedersehen. Die Gastgeber waren sehr freundlich und haben es uns viel leichter gemacht als wir es erwartet hatten.  Die Studenten, die uns die ganze Zeit beschützt und die uns geholfen haben, waren fantastisch. Ich habe nicht genug Loblieder für die Gruppe Erinnern für die Zukunft. Ich habe neue Freundschaften geschlossen mit unglaublichen Menschen, die nach dem Krieg geboren waren. Ich hätte das nie geglaubt, wenn man mir das vorher gesagt hätte.

Der Aufbau der Stadt, die ja ganz zertrümmert war, war nicht nur hoch interessant. Was mich besonders rührte, war, dass alle vorigen Straßennahmen wieder da waren, wenn auch nicht am selben Platz, aber wenigstens in der Erinnerung.  Aus einer Kohlestadt ist eine Universitätsstadt geworden zum großen Vorteil der Bevölkerung. Ich ziehe meinen Hut vor den Architekten. Dass in den letzten Jahren eine Synagoge und ein Gemeindehaus entstanden sind, dafür gilt allen, die sich daran beteiligt haben, mein Loblied. Es war sicher eine große Arbeit, viele mussten daran arbeiten.

Die Stolpersteine, die in Bochum seit einigen Jahren gelegt werden, sind ein anderes Kapitel. Ein großer Dank gilt dem Artisten, der sie mit so viel Gefühl selbst überall legt. So ist meine Familie wenigstens nicht ganz vergessen.

Nun komme ich zu einem anderen Kapitel, das mich sehr berührt hat. Als man mich bat, in einer Schule zu den Schülern zu sprechen, war ich selbstverständlich dazu bereit. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich denn meine Rede anfangen könnte. Das Problem löste sich ohne mein Zutun. Ein Lehrer brachte den Abend vorher zwei Schülerinnen zu mir ins Hotel. Eines der Mädchen berichtete mir: Es sei von der Großmutter erzogen worden. Immer, wenn sie an sie Fragen über die Zeit nach 1933 gestellt habe, habe sie keine Antwort bekommen. Ich wusste natürlich gleich, dass diese Großmutter und vielleicht auch die Eltern mit der Nazizeit verbunden waren, sagte dem Mädchen, ich würde ihr eine    Ant- wort morgen in der Schule geben. Als ich in das Klassenzimmer in der Schule kam, saßen alle Schüler um mich herum, auch die Lehrer und die Presse. Ich sagte nur einen Satz zum Anfang, ehe ich mit meiner Rede anfing, aber ich schaute auf das Mädchen, so dass sie wusste, dass dieser Satz für sie bestimmt war: Ihr braucht keine Schuld auf Euch zu nehmen für das, was Generationen vor Euch getan haben. Ihre Augen leuchteten auf und ich bemerkte, wie erleichtert viele waren. (Als ich in Israel zu Besuch war, hörte ich, dass im Sommer während der Ferien deutsche Jugendliche nach dort kamen und im Kibbuz gearbeitet haben. Viele sprachen von der Schuld der Eltern, darauf bezog sich meine Bemerkung).

Seit meiner ersten Reise war ich noch zweimal in Bochum, einmal bei meinen neuen Freunden, den Schneiders, und ein zweites Mal, um im Stadttheater an einer Buchpräsentation unter der Leitung von Heiner Lichtenstein teilzunehmen.

Durch unser Treffen habe ich viele Kontakte mir früheren Bochumer Juden wieder aufnehmen können. Leider sind viele von ihnen in der Zwischenzeit nicht mehr am Leben.

Auf Reisen in die Schweiz oder Israel habe ich immer meinen Flug unterbrochen, kam von Frankfurt aus mit dem Zug nach Bochum, um auf den Friedhof zu gehen zu den Gräbern meines Vaters, Großvaters und der Stiefgroßeltern. Nach dem Tod meines Vaters 1929 sind wir jeden Sonntag auf den Friedhof an der Wasserstraße gegangen und als 7jährige kann ich mit noch erinnern, wie ruhig und friedlich es dort war und wie schön alles erhalten war. Die Wege waren geharkt. Als ich nach so vielen Jahren zurückkam, sah er genauso aus wie früher, nur gab es Gräber von Leuten, die in Bochum    im K.Z. umgekommen sind. Ich danke dem Gärtner, der sich aufgeopfert hat, unseren Teil des Friedhofs so wunderbar zu erhalten. Es war eine Arbeit der Liebe, wie er meiner Mutter sagte. Leider kann ich mich nicht an seinen Namen erinnern.

Ich danke allen Bochumern, die sich daran beteiligt haben nicht nur die Synagoge und das Gemeindehaus neu aufzubauen, besonders auch, dass sie Paten für die Stolperseine geworden sind. Ein ganz besonderes Lob gilt der Gruppe Erinnern für die Zukunft. Der Name sagt alles, sowas darf sich nie wiederholen. Viele Grüße und viel Glück Bochum!

Hannah Deutch