Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Felix Lipski, Holocaustüberlebender, Klub STERN der Jüdischen Gemeinde Bochum, hielt am 8. Mai 2015, am 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, auf dem Friedhof am Freigrafendamm an den Gräbern der russischen Kriegsgefangenen, folgende Ansprache:

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Heute feiern wir 70 Jahre, seitdem Nazideutschland die bedingungslose Kapitulation unterschrieben hat, 70 Jahre, seit der Befreiung des vom Nazismus und Faschismus besetzten Europa und Deutschland, 70 Jahre seit der Rettung der europäischen Juden vor der vollständigen Vernichtung, 70 Jahre seit dem Ende des größten Blutvergießens in der Kriegsgeschichte.

Dieser Krieg löschte das Leben von 60 Millionen Menschen aus, darunter fast die Hälfte friedliche Zivilisten.

Jeder zehnte Tote war ein Jude.

Den größten Schlag dabei erlitten die Sowjetunion und die Rote Armee. Das sowjetische Volk zahlte einen hohen Preis für den Sieg. 27 Millionen Menschen starben, davon 12 Millionen Soldaten und Offiziere.

Mehr als 3 Millionen sowjetische Bürger wurden dabei nach Deutschland gebracht und gezwungen zu arbeiten. Sie arbeiteten unter den schwersten Bedingungen in Schächten und der Hüttenindustrie, in Fabriken, in der Kriegsindustrie, am Bau von unterirdischen Fabriken. Sie sollten zerbombte deutsche Orte säubern und nicht explodierte Minen entschärfen. Sie bekamen dafür wenig zu essen, sie lebten in kalten Baracken, die mit Stacheldraht umzäunt waren, litten unter Infektionskrankheiten und Tuberkulose, hatten keine medizinische Hilfe und bekamen dafür KEINERLEI Bezahlung. Noch schlechter erging es den Kriegsgefangenen.

Von fast 5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind in KZs 3,5 Millionen gestorben. Vorgestern hat Bundespräsident Joachim Gauck den Tod von mehreren Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen als eines der größten Verbrechen der Nazizeit beurteilt. Er sagte: “Millionen von Soldaten der Roten Armee sind in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben gebracht worden – sie gingen an Krankheiten elendig zugrunde, sie verhungerten, sie wurden ermordet.”

ln der Kriegszeit arbeiteten in Nazideutschland mehr als 11 Millionen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. In Bochum (ohne Wattenscheid) arbeiteten mehr als 30 Tausend ausländische Arbeiter, unter ihnen 5 Tausend sowjetische Kriegsgefangene und 8 Tausend Ostarbeiter. lm Bochumer Verein und Eisen- und Hüttenwerk arbeiteten vom Sommer 1944 an 2000 Juden, die aus Ungarn deportiert wurden, als Sklaven.

ln den Kriegsjahren starben an die 1000 sowjetische Kriegsgefangene, ungefähr 2000 Ostarbeiter, Zwangsarbeiter aus Polen Frankreich, Belgien, Jugoslawien, Holland und anderen Ländern, die in Europa besetzt waren und 93 Juden aus dem KZ Buchenwald.

Auf dem Grabstein des Massengrabs der sowjetischen Kriegsgefangenen steht: „Den hier ruhenden Kriegstoten – Es sind Söhne von Eltern, Männer von Frauen, Väter von Kindern des Sowjetvolkes.“

Gefangen und verschleppt, kamen sie um, im fremden Land. ihre Gebeine liegen hier, fern der Heimat, doch Gottes Erde ist überall - tritt an ihr Grab, wie du treten würdest an das Grab deines Sohnes, deines Mannes, deines Vaters. Gedenkst du ihrer, dann erfüllst du den Sinn auch der Opfer unseres Volkes.

Die Kriegstoten aller Völker mahnen zum Frieden. Den hier ruhenden sowjetischen Bürgern, den Opfern während des Nationalsozialismus Gestorbenen in der Erinnerung, Lebendige in der Lehre, die hier Verstorbenen vermachen uns eine Welt in Frieden.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, dass gerade im vergangen Jahr fremdenfeindliche, antisemitische sowie rassistisch motivierte Straf- und Gewalttaten zugenommen haben.

Die antisemitischen Straftaten nehmen mit einem Zuwachs von 25,2 Prozent deutlich zu.

Wir müssen aktiv dagegen vorgehen, gegen Neonazismus, Antisemitismus, Rassismus, religiöse Verfolgung. Der den Holocaust überlebende Elie Wiesel, Schriftsteller und Nobelpreisträger hat gesagt:

„WENN WIR VERGESSEN, SIND WIR SCHULDIG, SIND WIR KOMPLIZEN.”