Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Im Rahmenprogramm der Gedenkveranstaltung zum 9. November hielt Hubert Schneider im Stadtarchiv Bochum einen Vortrag zu einem Thema, das in der Forschung bislang kaum eine Rolle spielte. Wir drucken den Text hier ab.

Bochum September/Oktober 2014

Christliche und jüdische Partner aus sogenannten „Mischehen“ und deren Kinder werden in Arbeitslager deportiert.

Meine Damen und Herren,

im Mittelpunkt meines Vortrags stehen heute Opfergruppen im nationalsozialistischen Deutschland, die im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielen: Die in sogenannter Mischehe lebenden Juden, deren christliche Partner – in der Terminologie der Nationalsozialisten jüdisch Versippte – und deren Kinder, die sogenannten Mischlinge. Bei letzteren unterschied man zwischen Mischlingen ersten und zweiten Grades, die Zuordnung erfolgte gemäß der Anzahl der jüdischen Großeltern: Mischlinge ersten Grades – in der Terminologie der Nationalsozialisten Halbjuden - waren Menschen mit zwei jüdischen Großeltern, Mischlinge zweiten Grades – in der Terminologie der Nationalsozialisten Vierteljuden - hatten eine jüdische Großmutter oder einen jüdischen Großvater. Um eine Vorstellung von der Größenordnung zu bekommen, mit der wir es hier zu tun haben, seien einige Zahlen genannt: Nach der Volkszählung von 1939 gab es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch 20454 Mischehen, für 1933 wir die Zahl auf 35000 geschätzt. Nach derselben Volkszählung lebten 1939 in Deutschland noch 330000 Juden, 71 000 jüdische Mischlinge 1. Grades und 42000 Mischlinge 2. Grades. Werten wir die Volkszählungsliste für Bochum aus, so ergeben sich folgende Zahlen: 1939 gab es hier 38 Mischehen, 131 Mischlinge ersten Grades und 122 Mischlinge zweiten Grades.

Bevor ich nun auf den ideologischen Hintergrund dieser Kategorisierung durch die Nationalsozialisten und dessen Umsetzung in der Politik näher eingehe, möchte ich Ihnen von den Erfahrungen des Ehepaares Siegbert und Emmy Vollmann berichten. Herr Vollmann war jüdisch, nach dem Krieg wurde er für viele Jahre Vorsitzender der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Bochum. Frau Vollmann war evangelisch, der Sohn Gert wurde jüdisch erzogen.

Siegbert Vollmann und Emmy geb. Heitmann hatten Anfang der zwanziger Jahre geheiratet, 1922 war der Sohn Gert geboren worden. In Bochum wohnte man in der Alsenstraße 47. Am 1. Oktober 1928 begann er im Kaufhaus Alsberg – ab 1933 Kortum – als Einkäufer und Abteilungsleiter. Zum 31. Juli 1935 wurde er wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum auf Veranlassung der Gauleitung der NSDAP Bochum entlassen. Vollmann war bei Alsberg/Kortum für die Abteilungen Weißwaren, Baumwollwaren, Tisch- und Bettwäsche, Schürzen und Taschentücher zuständig gewesen. Auf uns wirkt es heute zynisch, wenn die Direktion es Hauses ihm in einem Zeugnis vom 31. Juli 1935 gern bestätigte,

dass er ein äußerst tüchtiger Fachmann in den einschlägigen Artikel ist und uns in der Lagerhaltung und Kalkulation vollauf zufrieden stellte. Herr Vollmann hat die Abteilungen jederzeit zielbewusst geleitet und können wir ihm in bezug auf sein persönliches Verhalten und seine Führung nur das beste Zeugnis ausstellen. Herr Vollmann war uns jederzeit ein schätzenswertet Mitarbeiter und es begleiten ihn bei seinem heutigen Austritt unsere besten Wünsche.

Mit großer Mühe gründete Vollmann nach seiner Entlassung eine selbständige Fabrikation von Berufskleidung. Als er ein Geschäft aufgebaut hatte, gingen seine Lieferanten Anfang 1938 dazu über, jüdische Unternehmen nicht mehr zu beliefern. Der Umsatz und damit auch das Einkommen sanken um die Hälfte. Anschließend an die Vorgänge des 9. November 1938 wurde das Geschäft aufgrund der veränderten Rechtsla- ge zum 31. Dezember 1938 geschlossen. Ein sogenannter Abwickler löste den Betrieb auf und verkaufte die noch vorhandenen Vorräte.

Der Verhaftung am 9. November 1938 entging Vollmann dadurch, dass er rechtzeitig Bochum verließ und untertauchte. Die Wohnung der Vollmanns in der Alsenstraße wurde vom Vermieter sofort nach dem 9. November widerrechtlich gekündigt. Monate , bevor der gesetzliche Mieterschutz für Juden aufgehoben wurde, begannen Hausbesitzer willkürlich mit der Entjudung deseigenen Wohnraums. Schließlich zogen die Vollmanns am 1. Juli 1939 in die inzwischen zum Judenhaus gewordene Frommsche Villa in der Horst-Wessel-Straße 56. Nach dessen Auflösung zog man in das Judenhaus in der Rottstraße 9.

Eine neue Tätigkeit fand Siegbert Vollmann nicht mehr. Ab Januar 1939 hatte er keine Einkünfte mehr, er lebte mit seiner Frau von seinen Ersparnissen.

Ab dem 20. März 1941 wurde der 58-jährige Vollmann auf Veranlassung der Gestapo – zusammen mit anderen Bochumer und Dortmunder Juden - bei verschiedenen Tiefbaufirmen als Hilfsarbeiter mit einem Stundenlohn von zunächst 70 Pfennigen, später 65 Pfennigen beschäftigt. Dabei wurde die Lohnsteuer nach Steuerklasse I einbehalten. Außerdem bezahlte er die neu eingeführte 15-prozentige Sozialausgleichssteuer für Juden und Polen. Vollmann musste Schwerstarbeit leisten: Für das Dortmunder Tiefbauunternehmen Müller & Co. verrichtete er z.B. an einer Baustelle in Langendreer Ausschachtungsarbeiten, um die Gasrohre von der Zeche Bruchstraße bis zur Zeche Robert Müser zu legen. Ähnlich gestaltete sich die Arbeit bei den Firmen Hochtief AG in Essen und Behler & Schmidt in Bochum.

Am 28. Februar 1943 wurde für alle Juden Westfalens ein Arbeitsverbot erlassen. Am 13. Mai 1943 mussten sich alle männlichen Juden Westfalens, soweit sie als arbeitsfähig ein gestuft wurden, auf Anordnung der Gestapo Hörde in Kamen melden. Der Judendezernent der Gestapo Hörde nahm sie in Empfang und übergab sie dem Vertreter der Iserlohner Baufirma Eduard Niclas. Dort leistete Vollmann - bei geringer Bezahlung – bis zum 29. September 1944 als Gleisarbeiter Zwangsarbeit. Ende September 1944 wurden die Männer nach Dortmund in eine Schule verbracht und von dort am nächsten Tag nach Weissenfels in Thüringen transportiert. Während die meisten Gefangenen später, nach einem Zwischenaufenthalt in einem Lager bei Halle, nach Theresienstadt deportiert wurden, kam Siegbert Vollmann am 2. November 1944 in das der Gestapo unterstehende Internierungslager für Juden in der Iranischen Straße in Berlin. Hier erfuhr er wenige Tage später durch seine Frau von den schweren Bombenangriffen auf Bochum am 4. November, bei denen auch die kleine Wohnung im Judenhaus Rottstraße 9 zerstört worden war. Frau Vollmann als jüdisch Versippte, der die Verhaftung drohte, nutzte das Chaos nach den Bombenangriffen, verließ Bochum und tauchte unter. Am 8. August 1945 kehrte Siegbert Vollmann, kurz vor seinem 63. Geburtstag, krank und arbeitsunfähig nach Bochum zurück. Der Amtsarzt erkannte ihn alsbald als 100%ig beschädigt an, eine Folge von jahrelanger Verfolgung, Schwerstarbeit und Lagerhaft. Der Sohn Gert - in der Definition der Nationalsozialisten Mischling 1. Grades - entging der weiteren Verfolgung in Deutschland: Mit dem ersten Kindertransport war er Anfang Januar 1939 nach Holland gekommen, die Weiterfahrt in das sichere England gelang nicht. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 war er in den Niederlanden Verfolgungen ausgesetzt, mit viel Glück überlebte er. Aber das ist eine andere Geschichte, die an anderer Stelle bereits erzählt worden ist.

Hier ist nun der Platz, kurz den Hintergrund dieser Kategorisierung durch die Nationalsozialisten in „Mischlinge 1. und 2. Grades“ und „Mischehen“ darzustellen und zu erörtern, wie sie diese Kategorien politisch umsetzten.

Im 25-Punkte Parteiprogramm der NSDAP von 1920 hieß es unter Punkt vier:

Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf die Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

So klar diese Aussage zu sein schien, so uneindeutig blieb die Bestimmung der Rasse im NS-Regime. Entgegen allen biologistischen Beteuerungen und Bezugnahmen auf das Blut nehmen die Nationalsozialisten doch Zuflucht zur Religionszugehörigkeit, um Juden von Nicht-Juden zu unterscheiden; und in der Frage, wie Mischlinge zu bewerten sind, fand das NS-Regime bis zum Schluss keine übereinstimmende Auffassung.

Eine entscheidende rassenpolitische Weichenstellung bildeten die sogenannten Nürnberger Gesetze vom September 1935. Sie umfassten

    Das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, das sogenannte Blutschutzgesetz (RGBl. I S. 1146) und

    Das Reichsbürgergesetz (RGBl. I. S. 1146).

Die im Blutschutzgesetz gebrauchten Begriffe Reinheit des deutschen Blutes und deutschen oder artverwandten Blutes entstammten der nationalsozialistischen Rassekunde, wonach das Blut als Träger der Rasseeigenschaften galt. Eheschließungen zwischen Juden und Ariern wurden verboten. Außerehelicher Geschlechtsverkehr wurde mit Zuchthaus bestraft. In weiteren Bestimmungen wurde jüdischen Bürgern untersagt, die Reichs- und Nationalflagge zu hissen. Auch wurde es ihnen verboten, nicht jüdische weibliche Angestellte unter 45 Jahren in ihren Haushaltungen zu beschäftigen.

Durch das Reichsbürgergesetz wurden alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens oder mit zwei Großeltern jüdi schen Glaubens zu Menschen mit eingeschränkten Rechten eingestuft. Wer als Jude zu gelten hatte, wurde in der ersten Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 festgelegt:

    Volljude war nach nationalsozialistischer Auffassung, wer mindestens drei jüdische Großeltern hatte.

    Jüdischer Mischling war, wer von einem oder zwei volljüdischen Großeltern abstammte. Das Gesetz unterschied zwischen Mischlingen 1. Grades (Halbjuden mit 2 jüdischen Großeltern) und Mischlingen 2. Grades (Vierteljuden mit 1 jüdischen Großelternteil).

    Mischlinge ersten Grades (Halbjuden) galten als Juden, wenn sie bei Erlass des Gesetzes der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten oder danach in sie aufgenommen wurden oder wenn sie mit einem Juden verheiratet waren. Für sie kam der Begriff Geltungsjude auf.

Des Weiteren wurde bestimmt, dass kein Jude Reichsbürger sein konnte. Juden durften kein öffentliches Amt bekleiden, jüdische Beamte mussten spätestens am 31. Dezember 1935 in den Ruhestand treten. Das Stimmrecht in politischen Angelegenheiten stand Juden nicht mehr zu.

Bei den sogenannten Mischehen unterschieden die Nationalsozialisten Gruppen, die im nichtamtlichen Sprachgebrauch privilegierte und nichtprivilegierte Mischehen genannt wurden. Gesetzlich wurde dieses nie geregelt. Privilegiert galten diese Ehen, wenn aus ihnen eheliche Kinder hervorgegangen waren und diese Kinder sowie der deutschblütige Partner – nicht der mosaischen Religion angehörten. War in einer kinderlosen Ehe der Mann deutschblütig, so war diese auch privilegiert Jüdische Partner aus den sogenannten privilegierten Mischehen mussten den gelben Stern nicht tragen. Die sogenannte Mischehe bot keine sichere Überlebensgarantie. Aber dadurch, dass es während es Krieges zu keiner endgültigen, rechtlichen Regelung kam, bot sie den Betroffenen einen Zeitaufschub zum Überleben. Man kann davon ausgehen, dass bei einer längeren Kriegsdauer auch diese Juden in das Mordproramm der Nationalsozialisten einbezogen worden wären.

Andere Diskriminierungen blieben dem jüdischen Teil einer Mischehe sowie ihren Kindern und dem deutschblütigen Partner , den sogenannten Jüdisch Versippten nicht erspart. Alle antijüdischen Maßnahmen, die bis 1938 ergriffen wurden, trafen auch die jüdischen Partner einer Mischehe: Ihre Geschäfte wurden arisiert, sie mussten per Namensänderungsverordnung die Zusatznahmen Sara oder Israel führen und wurden nach den Novemberpogromen 1938 zur Sühneabgabe herangezogen. Viele Berufe blieben ihnen verschlossen, ihr jüdisch versippter Ehegatte wurde in der Regel nach dem Deutschen Beamtengesetz aus dem Staatsdienst entlassen. Nichtprivilegierte Ehepaare und wenig später auch Ehepaare, bei denen der männliche Teil als Jude galt, wurden zur Aufgabe ihrer Wohnung gezwungen und beengt in Judenhäusern untergebracht. Die jüdischen Ehepartner wurden ab 1940 meist zur Zwangsarbeit verpflichtet und ab 1943 in der Regel kaserniert.

Das Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 beschränkte den Zugang von Juden zu höheren Bildungsanstalten, jüdische Mischlinge durften noch mittlere und höhere Schulen besuchen. Sie konnten die Reifeprüfung ablegen, doch berechtigte diese nicht unbeschränkt zur Aufnahme eines Studiums. Ab 1937 war ihnen ein Pharmazie- und Medizinstudium verwehrt. Nach Kriegsbeginn 1939 wurden jüdische Mischlinge 1. Grades kaum noch zum Studium zugelassen. Ab 1942 wurde auch die Zulassung von Mischlingen 2. Grades restriktiver gehandhabt.

Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung verschärfte für Mischlinge 1. Grades am 25. Oktober 1940 die Zulassungsbeschränkungen zum Hochschulstudium bzw. dessen Fortsetzung. Mit Erlass vom 2. Juli 1942 wurden Mischlinge 1. Grades vom Besuch der Haupt- und weiterführenden Schulen, ab Oktober 1943 auch von Berufsschulen ausgeschlossen.

Ab Sommer 1942 erwog man den Einsatz der jüdischen Mischlinge 1. Grades und jüdisch Versippten (der arischen Ehepartner in Mischehen) in Arbeitsbataillonen. Diese sollten jedoch nach Vorschlag von Ernst Kaltenbrunner vom RSHA nicht als Wehrunwürdige in Bewährungsbataillonen der Wehrmacht zusammengefasst, sondern in gesonderten Formationen der Organisation Todt in einem besonders verschärften Einsatz verwendet werden. Schließlich fiel nach kontroversen Verhandlungen mit der Kanzlei Hitlers und dem Oberkommando der Wehrmacht eine Entscheidung: Im November 1943 befahl Fritz Sauckel als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz den geschlossenen Einsatz der „Mischlinge“ beider Organisation Todt.

Ab März 1944 stellten die Arbeitsverwaltungen Gruppen von jeweils einhundert Zwangsarbeitern aus Wehrunwürdigen, jüdischen Mischlingen 1. Grades sowie in Mischehe lebenden Ariern und Zigeunern zusammen. Die reichsweite Durchführung erreichte jedoch nicht den erwarteten Umfang, weil kriegswichtige Betriebe ihre Arbeitskräfte zurückhielten. Im Oktober 1944 wurde die Gestapo beauftragt, alle männlichen jüdischen Mischlinge 1. Grades und alle jüdisch Versippten aus den Betrieben herauszuziehen. Bei der Aktion, die im Dezember 1944 abgeschlossen war, wurden schätzungsweise 20 000 Zwangsarbeiter aus der Gruppe der Mischlinge und jüdisch Versippten zum geschlossenen Arbeitseinsatz eingezogen.

Betrachten wir vor dem Hintergrund dieser Ausführungen noch einmal die Berichte über die Familie Vollmann. Sie stehen stellvertretend für viele vergleichbare Fälle. Die zunehmend restriktiver werdenden Gesetze trafen sie mit voller Här- te: Der Jude Vollmann verlor 1935 seinen Job als Abteilungsleiter bei Kortum. Sein Versuch, einen selbständigen Betrieb aufzubauen, scheiterte 1938, als die Zulieferer sich weigerten, den Juden weiter zu beliefern. Zum 1. Januar 1939 wurde der Betrieb offiziell abgewickelt. Ab 1940 musste er Zwangsarbeit leisten, im September 1944 wurde er in das Arbeitslager für Juden in Berlin deportiert. Dort blieb er bis zur Befreiung. Schwerkrank kehrte er nach Bochum zurück. Die evangelische Emmy Vollmann hätte ihr Los mit einem Schlag verbessern können, sie hätte sich nur von ihrem jüdischen Mann scheiden lassen müssen. Das tat sie nicht: Sie ertrug die Diskriminierungen, verlor ihre Wohnung, wurde in verschiedene Judenhäuser eingewiesen. Bei den Bombenangriffen in Bochum ließ man sie – das wissen wir aus anderen Quellen –, die jüdisch Versippte, nicht in die Bunker. Der Verhaftung im September 1944 entging sie dadurch, dass sie außerhalb Bochums untertauchte.

Was ihr durch das Untertauchen erspart blieb, das wissen wir aus anderen Berichten.

Wie es den jüdischen Männern aus den sogenannten Mischehen erging, das haben wir bereits am Beispiel Vollmann bereits gehört: Sie kamen, nachdem sie jahrelang Zwangsarbeit geleistet hatten, Ende September 1944 entweder in das Judenarbeitslager in Berlin oder sie kamen in das Konzentrationslager Theresienstadt. Die jüdischen Frauen aus den sogenannten Mischehen kamen entweder nach Berlin, die meisten aber in ein Arbeitslager nach Kassel-Bettenhausen.

Wie sie dahin kamen und was sie dort erlebten, wird nach dem Krieg in zahlreichen Berichten beschrieben: Johanna Menzel geb. Goldenberg, verheiratet mit dem evangelischen Wilhelm Menzel, erklärte am 24. Januar 1952:

Im Januar 1944 (den Tag kann ich nicht mehr angeben) wurde ich gezwungen, täglich nach Dortmund zu fahren und in der Firma Sackfabrik von Sticht zu arbeiten. Dies war etwa 2- 3 Monate lang. Ich besitze noch den mir vom Polizeipräsidenten in Bochum ausgestellten polizeilichen Erlaubnisschein zur Benutzung von Eisenbahn und Straßenbahn. Dieser Ausweis datiert vom 2.9.44 und ich erbiete mich ausdrücklich zu seiner Vorlage. Am 29.9.1944 wurde ich von der Gestapo abgeholt, und, nachdem wir eine Nacht in der Schule in der Bleichstraße in Bochum gelegen hatten, in das Lager Kassel- Bettenhausen gebracht. Dort blieb ich bis zum 5. April 1945, als die Alliierten Truppen einzogen. In Kassel war ich vom 10.11.1944 bis Ende März 1945 bei der Spinnfaser AG in Kassel-Bettenhausen im Arbeitseinsatz tätig.

Nach Kassel kam Frau Menzel mit ihrer Tochter Margot, in der Terminologie der Nationalsozialisten Mischling 1. Grades, mit zwei Schwestern und einer Nichte. Über die Lebensumstände dort berichten die Frauen nur wenig. Helene Backhaus, eine Schwester von Frau Menzel, berichtete lediglich, sie hätten in einem bombardierten Gebäude ohne Fenster und Licht, aber mit viel Ungeziefer und faulem Strohsack kampiert. Die Tochter Doris Backhaus, die als Zehnjährige mit der Mutter nach Bettenhausen gekommen war, ergänzte: Sie habe auf einem fauligen Strohsack voll von Ungeziefer gelegen, Krätze und einen eitrigen Ausschlag bekommen. Noch heute erinnert sie sich daran, wie die Frauen jeden Abend versuchten, sich von Läusen und Wanzen zu befreien. Für sie als Kind sei das damals nicht besonders schockierend gewesen, das sei eben der normale Alltag gewesen. Sie erinnert sich weiter daran , kurz vor der Befreiung sei ein großer Graben ausgehoben worden. Sie meint, alle Lagerinsassen sollten eigentlich vor der Befreiung erschossen und in dem Graben verscharrt werden.

Der evangelische Wilhelm Menzel arbeitete viele Jahre als Lokomotivführer beim Bochumer Verein. Da er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen, wurde er im Januar 1939 degradiert, arbeitete stattdessen als Hilfsarbeiter mit geringeren Bezügen beim Bochumer Verein. Am 15. Oktober 1944 wurde er als jüdisch Versippter mit zahlreichen anderen Leidensgenossen zunächst in das Arbeitslager Kassel-Bettenhausen geschickt, nach wenigen Tagen in das Arbeitslager in Hünfeld (Hessen) verlegt. Befreit wurde er von den amerikanischen Truppen am 1. April 1945. Nach Bochum kam er aber erst im Juni 1945: Krankheit und Transportschwierigkeiten hatten eine frühere Heimkehr verhindert.

Wie es den Mischlingen 1. Grades erging, auch davon möchte ich an einigen Beispielen berichten: Ruth Unger, geboren 1921, war die Tochter des jüdischen Pinkus Unger und der evangelischen Grete Meseck. In einer Erklärung schrieb sie am 23. Februar 1956:

Mein Vater ist Volljude. Meine Mutter ist arischer Abstammung. Weil ich Halbjüdin bin, konnte ich nach meiner Schulentlassung im Jahre 1935 den Schneiderberuf nicht erlernen, da mir das Arbeitsamt Bochum auf meine Vorsprache hin keine Stelle angewiesen hatte. Mein eigenes Bemühen hatte keinen Erfolg, weil die Meisterinnen, bei denen ich mit meiner Mutter vorsprach, es ablehnten, eine Halbjüdin einzustellen. Da damals meistens die arische Abstammung nachzuweisen war, musste meine Einstellung von vornherein als aussichtslos angesehen werden. Deswegen haben wir auch von weiteren Bewerbungen Abstand genommen. Ich kann heute nicht mehr sagen, wo ich mit meiner Mutter überall vorgesprochen habe. Damals war ich 14 Jahre alt. Auch meine Mutter, mit der ich mich nochmals ausgetauscht habe, kann ebenfalls keine Anschrift mehr nennen. Ich versichere aber nochmals, dass ich ernsthaft bestrebt war, diesen Beruf zu erlernen, weil ich die Veranlagung dazu hatte. Kurz nach Beendigung des Krieges habe ich geheiratet und habe nicht mehr die Möglichkeit gehabt, diese Berufsausbildung nachzuholen. Zum Schaden an beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen mache ich folgende Angaben: Ich konnte im Jahre 1935 bei der Fa. Flinzer in Bochum als Lampenschirmnäherin Arbeit finden. Bei dieser Firma hatte ich keine Schwierigkeiten, weil der erste Mann der Frau Flinzer selbst Jude war. Als im Jahre 1939 das Geschäft aufgegeben werden musste, hat er mich bei der Fa. Kaiser in Essen unterbringen können. Diese Firma gab 1941 wegen Materialmangels das Geschäft auf. Ich habe mir danach selbst Arbeit gesucht, und zwar bei der Fa. Galuschka in Bochum. Als ich einige Zeit dort beschäftigt war, konnte ich nach einer Verfügung des Arbeitsamtes Bochum den Arbeitsplatz nicht ohne Erlaubnis des Arbeitsamtes Bochum wechseln […] Ungefähr Anfang Oktober 1944 wurden im hiesigen Bezirk die Halbjuden verhaftet und in ein Arbeitslager eingewiesen. Diese Tatsache wurde mir bekannt. Da auch der damalige Blockleiter Braumann geäußert hatte, das „Judenschwein läuft auch nicht mehr lange hier herum“ und mich damit meinte, habe ich aus Angst verhaftet zu werden, kurzerhand die Beschäftigung bei der Fa. Galuschka aufgegeben. Ich bin zunächst zu meiner Schwägerin Frau Toni Vogt nach Nehden b. Brilon gefahren, wo ich mich bis zum 2.12.1944 ohne polizeiliche Anmeldung aufgehalten habe. Ich erhielt dort Kost und Logis und habe dort im Geschäft bzw. Haushalt ausgeholfen. Am 2.12.1944 habe ich mich mit meiner Mutter nach Meinerzhagen begeben. Dort hatten wir uns polizeilich angemeldet. Bevor ich von Bochum wegging, hatte ich Anweisung von der Polizei, mich wöchentlich 2-mal auf dem Polizeipräsidium zu melden. Da ich dieser Aufforderung seit dem 4.11.1944 nicht mehr nachgekommen war, fühlte ich mich dort nicht mehr sicher genug und verließ am 2.12.1944, ohne mich polizeilich abzumelden, diesen Ort und begab mich mit meiner Mutter nach Stettin. Ich habe dort für Kost und Logis den Haushalt meiner Großmutter geführt. Am 31.3.1945 mussten wir von dort flüchten, weil der Russe kurz vor Stettin stand. Mit dem Flüchtlingsstrom sind wir am 4.4.1945 nach Lüneburg gekommen und wohnten dort bis zum Juli 1945. Am 18.7.1945 habe ich in Lüneburg geheiratet und bin am 19.7.1945 nach Bochum wieder zurückgekehrt. Da ich seit dem 3.11.1944 ohne jedes Einkommen war, beantrage ich Entschädigung für Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen für die Zeit vom 4.11.1944 bis 31.7.945. […]

Manfred Müller, 1923 geborener Sohn der jüdischen Emma Müller geb. Sommer und des evangelischen Otto Müller, berichtete nach dem Krieg:

Am 15. Oktober 1944 wurden mein Vater, Otto Müller, geb. am 14. März 1893, und ich von der Gestapo verhaftet. Wir mussten uns am Bahnhof Nord stellen und wurden von dort aus mit einem Transport in das Judenlager Kassel und später nach Elben überführt. Am 21. April 1945 wurden wir durch den Einmarsch der Amerikaner befreit. Seit Ende Mai 1945 halten wir uns in Bochum auf. Meine Mutter ist Volljüdin. Aus diesem Grunde erfolgte die Verhaftung.

Die Mutter Emma Müller war bereits Ende September 1944 nach Kassel-Bettenhausen gekommen. Über seinen Werdegang nach 1933 schrieb Manfred Müller am 13. August 1959:

Von 1929 bis 1933 besuchte ich die Volksschule in Bochum- Weitmar, 1935 – 1937 das Reform-Realgymnasium an der Königsallee. (Heute Graf Engelbert-Schule). Infolge der nationalsozialistischen Rassenlehre wurde es mir nahegelegt, das Gymnasium zu verlassen. Anschließend besuchte ich bis zum 31.3.1940 die Höhere Privatschule - Herderschule in der Mauritiusstraße. Dieselbe verließ ich, da die Rasseverfolgung immer größere Ausmaße annahm. An ein Vorwärtskommen war als rassisch Verfolgter somit nicht mehr zu denken und ein Studium als Diplomkaufmann ausgeschlossen.

Es blieb mir also keine andere Wahl als einen Beruf zu ergreifen, der nicht der nationalsozialistischen Rasselehre unterworfen war. Ich entschloss mich, mit Zustimmung meines Vaters, für eine kaufmännische Laufbahn. Vom 1. April 1940 bis 31. März 1943 war ich als Lehrling und anschließend als Verkäufer bei der Firma Josef Fischer, Herren- und Knaben-Kleidung in Bochum, Bongardstraße tätig. Leider musste ich auch hier meinen Arbeitsplatz verlassen, da ich vom Arbeitsamt Bochum eine Arbeitsstelle beim Bochumer Verein annehmen musste. Dort wurde ich vom 1. Mai 1943 bis zu meiner Verhaftung durch die Gestapo am 15.10.1944 als Rangierer im Eisenbahnbetrieb eingesetzt. Mein Leidensweg durch die Nationalsozialisten fand durch die Befreiung der Amerikaner am 31.3.1945 ein Ende. […].

Zum Abschluss möchte ich Ihnen die Geschichte der Familie Wegerhoff erzählen.

Die jüdische Sara Rosenstein war mit dem christlichen Friedrich Wegerhoff verheiratet. Das Paar hatte insgesamt 9 Kinder, die zwischen 1927 und 1944 geboren wurden. Friedrich Wegerhoff schrieb am 20. Mai 1951:

Meine Frau Sara Wegerhoff geb. Rosenstein, geb. 14.4.1907, ferner Sohn Hermann , geb. 5.6.30 und Tochter Karin, geb. 3.5.44 sind am 13. März 1945 von der Gestapo verhaftet worden. Der Gestapohelfer Sawatzki hat meine Frau und die beiden Kinder nach Hattingen in das Konzentrationslager Henrichshütte in Welper gebracht. Vom 14. März 1945 fehlt jegliche Spur von Frau, Tochter und Sohn. Erst die Ausgrabungen der Leichen aus den Bombentrichtern der Henrichshütte brachten mir die Gewissheit von dem Verbleib meiner Angehörigen. Meine Frau, Sohn und Tochter sind kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner erschossen und in den Bombentrichtern verscharrt worden. Der Tod war durch Erschießen eingetreten. Die Leichen wurden am 10. Juli 1945 auf dem Gemeindefriedhof in Welper beigesetzt. […] Meine Familie bestand zu der Zeit aus 10 Personen, sechs meiner Kinder waren durch die Verhaftung meiner Frau in verschiedenen Familien unter- gebracht worden. […]

Warum kamen die Kinder nicht zum Vater? Und welche Familien wurden für die Kinder ausgewählt?

Friedrich Wegerhoff saß zum Zeitpunkt der Ermorderung seiner Frau und zwei seiner Kinder als jüdisch Versippter im Arbeitslager in Kassel-Elben. Je zwei der sechs Kinder wurden bei Familien in Herne, Witten und in Langendreer untergebracht. Was waren das für Familien? Es waren in der Terminologie der Nationalsozialisten in sogenannter Mischehe lebende Paare und deren Kinder, die jederzeit verhaftet und in ein Arbeitslager verschickt werden konnten. Das nutzte die Gestapo aus und setzte diese Familien unter Druck. Sie hatten keine Wahl, sie mussten die Kinder aufnehmen, wollten sie nicht selbst inhaftiert werden.

Friedrich Wegerhoff kam im Mai 1945 nach Bochum zurück, nahm seine sechs Kinder zunächst wieder zu sich. Nach seiner Wiederverheiratung 1948 kamen fünf der Kinder in ein Waisenhaus in Hamburg-Blankenese, von dort aus nach Palästina. Dort gründeten sie Familien, die Nachfahren leben noch heute dort. Das sechste Kind wurde vom Vater zur Adoption freigegeben

Bleibt noch die 1927 geborene älteste Tochter Frieda. Sie war bei der Ermordung der Mutter und der Verhaftung des Vaters nicht mehr in Bochum. Sie wurde, nachdem sie – wie viele andere Frauen – 1944 zunächst einige Monate bei der Sackfabrik Sticht in Dortmund dienstverpflichtet worden war, Ende Dezember verhaftet und kam in ein Arbeitslager in Hagen- Haspe. Nach eigenen Angaben wohnte sie dort mit etwa 40 anderen Frauen in einer Baracke, die sich an einem Fabrikhof befand und mit Stacheldraht umzäunt war. Die Frauen mussten in den Klöckner -Werken arbeiten. Im Februar 1945 wurde Frieda nach Theresienstadt deportiert. Die späte Deportation in den Monaten Januar und Februar 1945 von ungefähr 1600 jüdischen Mischehepartnern und Mischlingen, die im jüdi schen Glauben erzogen waren, erfolgte nach einem Erlass des RSHA vom 19.1.1945. Die Menschen kamen aus vielen Städten. Im Februar 1945 sind 21 Transporte nachgewiesen. Aus Dortmund kamen in Theresienstadt am 20. 2. 1945 zehn Personen an. Unter ihnen war mit ziemlicher Sicherheit Frieda. Frieda musste in Theresienstadt in der Wäscherei und in der Badeanstalt arbeiten. Nach der Befreiung kam sie nach Bochum zurück, lebte beim Vater. Sie wollte aber nach Palästina. Sie befand sich 1947 auf dem Schiff „Exodus“, dessen Geschichte ja weithin durch die Literatur und durch den Film gleichen Namens bekannt ist. Das Schiff wurde von den Engländern vor Haifa aufgebracht, die Insassen an den Ausgangshafen Hamburg zurückgeschickt. Nach der Gründung des Staates Israel kam Frieda doch noch nach Israel, gründete dort eine Familie. Sie ist in Israel im Jahre 2004 gestorben.

Meine Damen und Herren, ich könnte die Erzählungen über die Schicksale der in sogenannter Mischehe lebenden Menschen und deren Kinder beliebig fortsetzen. Ich denke aber, dass deutlich geworden ist, in welcher Unsicherheit diese Menschen nach 1933 lebten, wie sich die Lebensbedingungen auch für sie immer mehr einschränkten. Dass man sie vor der Deportationen ab Ende 1941 zunächst verschonte, hatte wohl damit zu tun, dass man nicht einschätzen konnte, wie die christliche Verwandtschaft dieser Menschen reagieren würde. Je länger der Krieg dauerte, umso weniger Rücksicht nahm man. Wir können heute davon ausgehen, dass bei einer längeren Dauer des Krieges alle diese Menschen ermordet worden wären.

Der rasche Vormarsch der alliierten Truppen bewirkte, dass alle diese Arbeitslager ab Anfang April 1945 befreit wurden. Aber es sollte in der Regel noch Wochen dauern, bis die Menschen nach Bochum zurückkamen: Sie kamen in den meisten Fällen zu Fuß, in seltenen Fällen organisierten sie selbst Transporte, die sie selbst finanzieren mussten. Es ist schon eigenartig, dass sich niemand um den Rücktransport dieser Menschen kümmerte. Ein Betroffener sagte später: Es war schon bemerkenswert: Alle Länder, aus denen Menschen als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden waren, bemühten sich sofort nach Kriegsende um den Rücktransport ihrer Landsleute. In Deutschland kam offensichtlich niemand auf die Idee, sich um die verschleppten Landsleute zu kümmern.

Warum spielen diese Opfer des Nationalsozialismus im öffentlichen Bewusstsein bis heute keine Rolle? Sie kamen fast alle zurück in ihre alten Heimatstädte, auch nach Bochum, lebten fortan inmitten der Gesellschaft, die es zugelassen hatte, dass sie in ihren Lebensmöglichkeiten immer mehr eingeengt, schließlich deportiert worden waren. Eigentlich hielten sie durch ihre Anwesenheit dieser Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vor, der sie an das eigene Versagen erinnerte. Aber das eigene Schicksal nach dem verlorenen Krieg wog schwerer als das Mitleid mit den Opfern des Nationalsozialismus. Und immerhin: Diese Opfergruppen hatten ja überlebt.

Vortrag, gehalten am 6. November 2014, 18 Uhr, im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte