Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

    Veranstaltung zum 9. November 2014: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2014 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen  Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und  dann auch durchgeführt. Erinnert wurde in diesem Jahr an die Fahrt der St. Louis“ im Jahre 1939. Das Kreuzfahrtschiff verließ am 13.5.1939 Hamburg in Richtung Kuba mit 937 jüdischen Emigranten. Alle Passagiere – unter ihnen auch die Bochumer Familie Pander - hofften, dass diese Reise der Beginn eines neuen Lebens sein würde. Aber diese Hoffnung zerbrach, als sich herausstellte, dass falls alle Visen für Kuba gefälscht wurde, den Flüchtlingen die Einreise nach Kuba verweigert wurde.. Nach tagelanger Ungewissheit begann eine Irrfahrt, die damit endete, dass die St. Louis am 10.6.1939 in Antwerpen vor Anker ging und die Passagiere auf mehrere Länder verteilt wurden. Von den ursprünglich 937 Passagieren wurden ca. 240 in Konzentrationslagern ermordet. Die Panders wurden am 18.1.1944 nach Theresienstadt deportiert. Tochter Hilde heiratete dort vor einem Rabbiner Adolf Wolff. Er wurde, wie Hildes Vater, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Hilde und ihre Mutter überlebten und emigrierten in die USA. Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse der Willy Brandt-Gesamtschule hatten sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Sie trugen während der Veranstaltung die Ergebnisse ihrer Bemühungen vor. Der Schwerpunkt wurde dabei auf die Darstellung des Schicksals der Hilde Pander gelegt, die ja 1939 ungefähr im Alter der Schülerinnen war.. Den hohen Stellenwert, den die Gedenkveranstaltung in der Stadt spielt, unterstrichen auch die Ansprachen der Oberbürgermeisterin, Frau Dr. Scholz, und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne- Hattingen, Herrn Grigory Rabinovich. Das Totengebet (Kaddisch) sprach Herr Rabbiner ‚Boruch Babaev. Artur Libischewski vom Kinder- und Jugendring Bochum e.V. moderierte die Veranstaltung. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Beiträge des  Chors  Chorrosion der IG Metall Bochum. iIm umfassenden Rahmenprogramm zu dem Gedenktag war unser Verein mit 3 Veranstaltungen beteiligt:

    Bereits um 15.30 des 9. November hatte Hubert Schneider einen sehr gut besuchten Rundgang zu den in Bochum verlegten Stolpersteinen durchgeführt. Ein zweiter Rundgang wurde von der VVN-BdA Bochum angeboten. Diese Rundgänge sind inzwischen zum festen Bestandteil der Gedenkveranstaltungen zum 9. November geworden.

    Am 6. November hielt Hubert Schneider im Stadtarchiv einen Vortrag zum Thema „Bochum September/Oktober 1944:  Christliche  und  jüdische  Partner  aus sogenannten ‚Mischehen‘ und deren Kinder werden in Arbeitslager deportiert.“

    Am 19. November stellte Hubert Schneider im Stadtarchiv  sein neues Buch vor: Leben nach dem Überleben. Juden  in Bochum nach 1945. In den folgenden Wochen kam es zu  weiteren  Präsentationen  des  Buches  in  der  Stadt.

    Das Projekt Stolpersteine wurde 2014 fortgeführt: Am 10. Dezember 2014 war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 18 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten am 22. Januar 2015 ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor.  Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem  Heft genannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden sollen, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden:
    www.Bochum.de/Stolpersteine

    Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

    Auch Anfragen aus dem In- und Ausland zu jüdischem Leben in Bochum erreichten uns. Vor allem nach dem Erscheinen des Buches „Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945“ meldeten sich zahlreiche Betroffene und deren Nachfahren im In- und Ausland, um nähere Informationen zu bekommen. Das zeigt einmal mehr, wie sinnvoll und notwendig ist, die Geschichte der jüdischen Gemeinde unserer Stadt zu erforschen und die Ergebnisse zu publizieren.

    Im kollektiven Gedächtnis der interessierten Bochumer Öffentlichkeit gilt das noch erhaltene Gebäude des Nordbahnhofs als Ausgangspunkt der Deportationen der Bochumer Juden ab Januar 1942. Konkret ließen sich dafür bisher keine Belege finden. Hubert Schneider konnte durch die Recherchen zu seinem Buch „Leben nach dem Überleben“ erstmals nachweisen, dass zumindest die Deporationen im September/Oktober 1944 christliche und jüdische Partner in sogenannten „Mischehen“ und deren Kinder, die sogenannten „Mischlinge“) vom Nordbahnhof aus in Arbeitslager verschleppt wurden. Es gibt auch Hinweise dafür, dass zumindest der Transport nach Theresienstadt im Juli 1942 am Nordbahnhof seinen Ausgangspunkt nahm. Es hat sich nunmehr ein Arbeitskreis gebildet, der sich darum bemüht, im noch stehenden Gebäude des Nordbahnhofs eine Gedenkstätte zu errichten. Probleme bestehen vor allem darin, dass das Gebäude sich heute in Privatbesitz befindet. Wir werden im nächsten Heft über den Fortgang der Bemühungen berichten.

    Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird: Paul Wassermann  (London) – er ist 94 Jahre alt – schrieb, dass er das Heft jedes Jahr erwartet, es immer ganz liest. Besonders erwähnt er den Sachsenhausen-Artikel. Hanna Deutch (New York schreib, dass auch sie immer das Heft erwartet, es in Gänze liest. Andere riefen an, sie können nicht mehr schreiben: So Jerry Freimark und Lisel Spencer. Auch aus telefonischen Rückmeldungen wird deutlich, dass das Heft immer noch als eine Verbindung zur Geburtsstadt Bochum gesehen wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Menschen i.d.R. 90 Jahre und älter sind. Solange wir solche Rückmeldungen bekommen, werden wir das Heft weiter produzieren. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden.

    Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im „Bochumer Bündnis gegen Rechts.

    Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde oder deren Angehörigen: Am 1. Juli 2015 starb in den USA Stefanie Perlstein geb. Freimark kurz vor Vollendung ihres 95. Lebensjahres. Am 4. Juli 2015 starb in Israel Hermann Brecher. Mit beiden hatten wir bis zuletzt Kontakt. Im Besitz von Frau Perlstein befand sich ja der Briefwechsel der Freimark-Kinder vor und nach deren Deportation nach Theresienstadt, den wir 2005 in Buchform veröffentlichen durften. Das Buch gilt heute als eine wichtige Quelle für die Erforschung der Geschichte der Bochumer Juden ab 1938. Hermann Brecher hat wiederholt Artikel über seine Kindheit und Jugend in Bochum geschrieben, die wir im Mitteilungsblatt veröffentlicht haben. Vor wenigen Wochen starb Medi Salomon, die Witwe von Alfred Salomon. Und kürzlich erreichte ich uns die Nachricht aus Südafrika, dass auch der Mann von Miriam Kleineibst geb. Samson kurz vor seinem 100. Geburtstag in Cape Town gestorben ist. Wir trauern mit den Angehörigen, werden die Erinnerung an die Verstorbenen in unserem Gedächtnis bewahren.

    Hingewiesen sei auf 2 Neuerscheinungen: 2014 erschien    der vom jüdischen Museum in Dorsten herausgegebene Band HEIMATKUNDE. Westfälische Juden und ihre Nachbarn. Hubert Schneider veröffentlichte darin einen Aufsatz über den Bochumer Lokalpolitiker und Ehrenbürger unserer Stadt Dr. Carl Rawitzki. Besonders eindrucksvoll ist in diesem Band ein Artikel von Elizabeth Petuchowski, die als Elisabeth Meyer in Bochum geboren ist. In dem in dem Buch veröffentlichten Artikel erinnert sich Frau Petuchowski  an ihre Kindheit in Bochum. Erschienen ist das Buch von Hubert Schneider: Leben nach dem Überleben. Juden in Bochum nach 1945

Nach wie vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse:
www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

Hubert Schneider