Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Wiederholte Beschädigungen des Herner Shoa-Mahnmals

 „Eine geschändete Gedenkstätte erinnert nicht mehr an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern an die Bedrohung durch den heutigen Rechtsextremismus.“ *)

 2010 errichtete die Stadt Herne an einem zentralen innerstädtischen Ort, dem Willi-Pohlmann-Platz (Herner Oberbürgermeister 1984 - 1994) zwischen Kulturzentrum und Volkshochschule ein beeindruckendes Erinnerungs- und Mahnmal an die Herner und Wanne-Eickeler Opfer der Shoa. (Wir berichteten in unserem Mitteilungsblatt 2010 ausführlich darüber.)

Jährlich finden in Herne Veranstaltungen zum Holocaust- Gedenken um den 27. Januar statt. Diese werden in erster Linie jeweils von einer anderen Schule mit sehr anspruchsvollen Programmen veranstaltet. Daran nehmen neben vielen Erwachsenen aus dem öffentlichen Leben einige hundert Schülerinnen und Schüler teil. Den Abschluss finden diese Veranstaltungen am Shoa-Mahnmal mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust und dem Kaddish. Am 27. Juni 2011 waren erstmals einige gläserne Okulare, in denen die Namen der Opfer zu lesen sind, zerstört worden.

Da dies mit weiteren Beschädigungen auf dem gesamten Willi -Pohlmann-Platz einherging, und keine eindeutigen antisemitische Spuren erkennbar waren, wurden diese Zerstörungen auch nicht als solche gedeutet und konnten nicht aufgeklärt werden.

Im vergangenen Jahr wurde das Mahnmal innerhalb weniger Wochen noch dreimal beschädigt.

Die Herner WAZ schrieb dazu am 24.02.2014: „Nach blindem ‚Jetzt machen wir mal was kaputt‘, sieht es nicht aus: Auf der Rampe, die zu der Steinplatte mit den Okularen führt, ist eine merkwürdige Buchstaben-Zeichen-Folge gekritzelt, Rampe und Steinplatte sind mit brauner und weißer Farbe beschmiert. Zwei der Okulare waren schon am Wochenende vom 15./16. Februar zerstört worden, so die Stadt Herne. Der Staatsschutz des Bochumer Polizeipräsidiums hat die Ermittlungen aufgenommen.“

Keine vier Wochen später wurde das Mahnmal erneut mit schwarzer Harzfarbe beschmiert. Auch wenn die Täter bis heute nicht ermittelt werden konnten, so scheinen diese Taten doch eindeutige antisemitische Hintergründe zu haben.

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 Foto: Ralph Bodemer / WAZ FotoPool

In der folgenden Zeit wurde es mit Bauzäunen abgeschirmt. Parallel wurden öffentliche Diskussionen geführt, wie das Mahnmal geschützt werden könnte. Vorschläge dazu reichten von der Überwachung mit Videokameras bis zur Verlegung in den Innenhof der Akademie Mt. Cenis im Stadtteil Sodingen. „Den Erhalt des Denkmals hat bisher niemand in Frage gestellt. Die Beschmutzungen sprechen für sich: Das Mahnmal ist so notwendig wie nie, so Oberbürgermeister Horst Schiereck.“ (WAZ v. 01.04. 2014.)

Im Juli 2014 kam es zur 4. Schädigung in dem Jahr. Mit Werkzeugen und Gewalt wurde der Bauzaun aufgebrochen und „einen der Betonstandfüße des Zauns mit großer Wucht auf das Denkmal geworfen und dabei weitere 12 Okulare zerstört… Wie auch in den vorhergehenden Fällen, hat der Bochumer Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen. Ob der Anschlag im Zusammenhang mit dem Gaza -Konflikt stehen könnte, sei Spekulation, so Leo Heitfeld, Leiter des Staatsschutzes Bochum.“ (WAZ 27.07.2014).

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Foto: Ralph Bodemer / WAZ FotoPool, Archiv

Im politischen Raum hatte der Oberbürgermeister eine Kommission aus Fachleuten einberufen und verschiedene Schutzmaßnahmen erarbeiten lassen. Aufgrund der zeitlichen Verzögerungen durch die Kommunalwahlen im letzten Herbst und die Neukonstituierung des Stadtrates hatte der Oberbürgermeister zwischenzeitlich eine Reinigung und provisorische Wiederherstellung beauftragt, damit zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung das Gedenken dort wieder stattfinden konnte.

Von den vier erarbeiteten Vorschlägen, entschied sich der Rat im März 2015 für eine ‚mobile Schiebetüren- Konstruktion‘. Nachdem alle Okulare ausgebaut und überarbeitet worden sind, soll die senkrecht stehende Steinplatte mit den 400 Okularen mit einer Glaskonstruktion ‚eingehaust‘ werden und zwar so, dass sie tagsüber elektrisch beiseite und abends wieder über die Steinwand gefahren werden kann. Damit soll es möglich sein, die Wand mit den Okularen auch weiterhin zu berühren. Zusätzlich soll die Konstruktion mit einer Alarmvorrichtung ergänzt werden.

Die Video-Überwachung wurde aufgrund großer rechtlicher Bedenken verworfen wie auch die Verlegung.

„Die Parteien folgten nicht nur dem Vorschlag der Verwal tung, sondern bekannten sich auch ausdrücklich zum aktuellen Standort auf dem Willi-Pohlmann-Platz. ,Der Standort wird von uns nicht mehr in Frage gestellt‘ sagte CDU-Fraktions- Chef Markus Schlüter unter Verweis auf frühere Bedenken der Union. Man dürfe sich nicht von anderen Leuten vorschreiben lassen, wo das Mahnmal zu stehen habe. Ähnlich argumentierte Andreas Ixert (Linke) ,Eine Verlegung des Standortes würde ein Einknicken bedeuten‘.

SPD-Fraktionsvorsitzender Frank Dudda betonte, dass der Steuerzahler nach Errichtung der Glashülle insgesamt bereits 125 000 Euro für die Sanierung habe zahlen müssen. ,Und das nur, weil es einige Unbelehrbare gibt‘, so der Sozialdemokrat. Die Glashülle biete zwar keinen umfassenden Schutz, sei aber alternativlos: „Auch wir bekennen uns zu diesem Standort.“ (WAZ 17.03.2015)

„Einer Verlegung des Mahnmals an einen anderen Standort hatte Oberbürgermeister Horst Schiereck bereits am 27. Januar bei der Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz eine klare Absage erteilt: ,Am Ende der Zeitzeugenschaft wird das Shoah-Mahnmal selbst zu einem ,Zeitzeugen’. Deshalb gehört es an diesen Platz. Es stellt sich uns entgegen. Es steht im öffentlichen Raum und genau hier ist es notwendig‘.“ (WAZ 05.03.2015)

Auch wenn diese extremistischen Taten nur von wenigen Einzelnen verübt werden, ist wichtig, dass die übergroße Mehrheit der Herner Bürgerinnen und Bürger solches verurteilt!

 *) Anton Maegerle in der Jüdischen Rundschau, Sept. 2014 „Schändungen von NS-Gedenkstätten – Aus dem „Nie wieder“ wird ein „Wir sind wieder da“

Günter Nierstenhöfer