Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Bei der Einweihung der Stele in der Goethestraße – siehe Foto auf dem Deckblatt unseres Mitteilungsblattes von 2014 – stellte Dr. Manfred Keller, der frühere Leiter der evangelischen ‚Stadtakademie Bochum, das Projekt „Orte der Erinnerung. Stationenweg zur jüdischen Geschichte in Bochum und Wattenscheid.“

Wir drucken den Text der Ansprache hier ab.

Orte der Erinnerung - Stelenweg zur jüdischen Geschichte Bochums

Einführung zum Vortrag von Schülerinnen und Schülern der Geschichts-AG der Goethe-Schule Bochum am 6.3.2014: Jüdische Familien in der Goethestraße

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

das Projekt, dessen Konzept und dessen Entwicklung ich vorstellen möchte, ist erwachsen aus einer langjährigen Beschäftigung der Evangelischen Stadtakademie mit der jüdischen Geschichte Bochums. Am Anfang stand die Inventarisation – die vollständige textliche und bildliche Dokumentation - des jüdischen Friedhofs an der Wasserstraße. Mit seinen über 600 Grabsteinen aus 350 Jahren stellt er ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch dar. Wer sich die Zeit nimmt, die einzelnen Gräberfelder zu begehen und Inschriften und Symbole zu studieren, erfährt vieles über Leben und Glauben der Bochumer Juden. Der älteste Grabstein stammt von 1660, der jüngste aus diesem Jahr. Man lernt Familien kennen, die über mehrere Generationen hier lebten und ihren Beitrag leisteten zum wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben der Stadt. Die jüdischen Bewohner der Goethestraße spielten, wie wir nachher von den Schülerinnen und Schülern erfahren werden, in dieser Hinsicht eine beispielhafte Rolle.

Leider ist die jüdische Geschichte heute bei uns wie in anderen Städten weitestgehend unsichtbar. Zwölf Jahre Nationalsozialismus haben fast alles zerstört, was Juden in Deutsch land geschaffen hatten. Auch in Bochum und Wattenscheid sind die historischen Zeugnisse jüdischen Lebens und jüdischer Kultur nahezu vollständig vernichtet worden. Begegnungen und Gespräche mit Überlebenden der Shoah wird es bald nicht mehr geben. Wo und durch wen kann die Erinnerung wach gehalten werden? Wie kann dem Vergessen entgegengearbeitet werden?

Die häufigste Antwort auf diese Frage ist die Errichtung eines Mahnmals zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus am Ort. Kein Zweifel: Mahnmale oder Denkmale für die Opfer der Shoah sind sinnvoll und notwendig. Aber zur Erinnerung an das Ganze der jüdischen Geschichte einer Stadt sind sie nicht geeignet. Denn der enge Blick, der nur die Zeit des Nationalsozialismus erfasst, führt zu einer bedenklichen Engführung der Erinnerungskultur. Er beschneidet das Bild und die Reflexion der Vergangenheit, weil er weder die Jahrhunderte vor 1933 noch die Jahrzehnte nach 1945 in Betracht zieht. Außerdem führt die Reduktion dazu, dass die aktive Rolle, die Leistungen der jüdischen Minderheit unbeachtet bleiben, weil Juden nur als Opfer, nicht als handelnde Menschen wahrgenommen werden.

Um über diese unzureichenden Formen der Erinnerung hinauszukommen und im Gedenken Raum für die positiven und zukunftsweisenden Beiträge von Juden in unserer Stadt zu schaffen, wurde das Projekt „Orte der Erinnerung – Stationenweg zur jüdischen Geschichte in Bochum und Wattenscheid“ entwickelt. Im Oktober 2001 veröffentlichte die Evangelische Stadtakademie Bochum ein Impulspapier, das den politischen Entscheidungsträgern der Kommune zugeleitet wurde. Es beschreibt das Konzept eines Gedenkweges mit einzelnen Stelen an ausgewählten „Orten der Erinnerung“. Der Stelenweg soll, so heißt es in dem Papier, „an die ganze Geschichte der Juden in unserer Stadt … erinnern“. Und weiter: Es gelte, „an Orten, die in besonderer Weise mit dem Leben und Wirken der Juden in unserer Stadt verknüpft sind, Erinnerungszeichen aufzustellen, die nicht bloße Information über Vergangenes liefern, sondern auch der konstruktiven Auseinandersetzung dienen.“

Als Neudruck erschien dieses Impulspapier im März 2002 in einer deutsch-russischen Fassung. Mit der Übersetzung ins Russische wollten wir auch die Einwanderer aus den GUSStaaten erreichen, die seit den 1990er Jahren hierher gekommen sind und den Großteil der etwa 1200 Mitglieder umfassenden Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ausmachen. Den jüdischen Neubürgern will der Stationenweg helfen, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln und die jüdische Geschichte Bochums zu einem Teil auch ihrer eigenen Geschichte zu machen.

Was die „Machart“ des Stationenwegs angeht, haben wir uns für großformatige gläserne Stelen entschieden und diese in Stahlrahmen auf einem massiven Sockel anzubringen.

    jeweils vor Ort an authentischen Schauplätzen jüdischer Geschichte unserer Stadt

    mit informativen Texten, Daten und Bildern und

    mit wiedererkennbarer grafischer Grundgestaltung.

Gedacht ist an zehn bis zwölf Stelen, die am Ende eine Art „Markierungsnetz“ von „Orten der Erinnerung“ im gesamten Stadtgebiet bilden, nicht nur in der Bochumer Innenstadt, auch in den Stadtteilen.

Für die Umsetzung des Projekts ist die Evangelische Stadtakademie auf Partner angewiesen. Schon die Erforschung und Dokumentation der lokalen jüdischen Geschichte seit den 1980er und 1990er Jahren war nur in Zusammenarbeit mit Dr. Gisela Wilbertz vom Stadtarchiv Bochum und Dr. Hubert Schneider vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ möglich. Für die Realisierung des Stelenweges warben wir von Anfang an um Kooperationspartner, insbesondere auch bei den Schulen. Dabei stellten wir vorhandenes Material zur Verfügung, hofften aber auch auf eigene Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler bei ihrer Recherche. Wichtig war uns vor allem, dass sich die Jugendlichen eigenständig mit dem Thema beschäftigen.

Dies ist im Blick auf die jüdischen Familien der Goethestraße geschehen. Wir freuen uns, davon heute Abend im Bericht über die Arbeit an der Stele – der dritten Stele des Stationenwegs - zu hören. Zuvor möchte ich Ihnen kurz die beiden ersten Stelen zeigen.

Die erste Stele, aufgestellt im Jahr 2010 vor der heutigen Synagoge, erinnert an Erich Mendel, der von 1922-1939 als Kantor und Lehrer für die jüdische Gemeinde am Ort von besonderer Bedeutung war und in seinem „zweiten Leben“ in den USA weltweite Bedeutung als Sammler und Bewahrer synagogaler Musik erlangte.

Die zweite Stele erinnert an die Anfänge jüdischen Lebens in Bochum. Das äußere Leben einer jüdischen Gemeinde wird bestimmt durch drei Stichworte: Synagoge, Schule, Friedhof. Der Standort der Stele ist so gewählt, dass die Lage der ersten Synagoge, der ersten Schule und des ersten Friedhofs für den Betrachter gut vorstellbar sind.

Als Karl Arnold Kortum im Jahr 1790 die erste Bochumer Stadtgeschichte veröffentlichte, gab er ihr einen von eigener Hand gezeichneten Stadtplan bei, auf dem alle Straßen, Plätze und Häuser genauestens abgebildet sind. Diesen Plan haben wir auf der Stele mit einem aktuellen Luftbild der Bochumer Innenstadt kontrastiert, um die Anfänge jüdischen Lebens in Bochum zu markieren. Synagoge und Schule sind im Kortumplan jeweils als Gebäude eingezeichnet, auch die Lage des Friedhofs ist deutlich erkennbar. Ebenso sind alle drei Orte in der aktuellen Luftaufnahme gekennzeichnet. Der Text der Stele vermittelt wenige Fakten, die aber deutlich Auskunft geben über eine geordnete, lebendige, selbstbewusste jüdische Gemeinschaft.

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom im Jahr 2011 stellte eine Geschichts-AG der Goetheschule sehr engagiert die Geschichte der jüdischen Familie Kaminski aus der Goethestraße vor. In der kleinen Arbeitsgruppe der Evangelischen Stadtakademie, die sich mit den Orten und Themen des Stationenwegs beschäftigt, weckte diese eindrucksvolle Präsentation den Wunsch, die nächste Stele den jüdischen Bewohnern der Goethestraße zu widmen und die Schule zur Kooperation einzuladen. Im September 2012 traf sich eine neue Geschichts-AG unter der Leitung von Kathrin Schneider und Tobias Ossmann mit der Arbeitsgruppe der Stadtakademie. Im November 2013 konnte die Stele an der Ecke Goethestraße / Schillerstraße der Öffentlichkeit übergeben werden. Heute berichten Schülerinnen und Schüler über die Erträge ihrer Arbeit, die auf der Stele festgehalten sind, aber auch über weitere Ergebnisse, die sich bei den Recherchen ergeben haben.

Die Arbeitsgruppe der Akademie, zu der Renate Blätgen, Dr. Hubert Schneider, Arno Lohmann und ich gehören, freut sich besonders über diese zusätzlichen Ergebnisse, zeigen sie doch, dass der Prozess der Erinnerungsarbeit noch keineswegs abgeschlossen ist. Deshalb verbinden wir mit dem Dank an die Goetheschule für die ergiebige Zusammenarbeit die Einladung auch an andere Schulen, mit uns auf Entdeckungsreise in die jüdische Geschichte unserer Stadt zu gehen. Weitere Orte und Themen sind schon angedacht.

Manfred Keller

 

JuedBewohnerGoethestr