Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Schülerinnen und Schüler der Willy-Brandt-Schule gestalteten die Gedenkveranstaltung am 9. November 2014 in Bochum. Wir drucken den Bericht von Leandra Lotz ab:

Bei der jährlichen Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 09. November 2014 sollte zum 76. Mal an die Schicksale der Juden in Bochum erinnert werden. Diesmal widmeten wir Schülerinnen und Schüler der 10c der Willy-Brandt- Gesamtschule uns der Geschichte des Flüchtlingsdampfers St. Louis. Auch die gebürtige Bochumerin Hilde Pander befand sich auf diesem Flüchtlingsschiff und zu diesem Anlass stellten wir ihr Leben vor.

Wir sind 28 Schülerinnen und Schüler in unserer Klasse und bereiteten uns knapp drei Monate auf Gedenkveranstaltung vor. Seit den Sommerferien stand die Vorbereitung auf dem Stundenplan, vor allem im Geschichts- und Deutschunterricht. Unsere Klasse gab sich sehr viel Mühe bei der Planung dieses Projektes und wir haben uns sehr gefreut, dass wir für die Teilnahme ausgewählt wurden. Zunächst überlegten wir uns gemeinsam, wie wir die Geschichte auf der Bühne darstellen und unseren Auftritt aufbauen wollen, und anschließend arbeiteten wir in kleineren Gruppen weiter an unserem Part.

Unser Bühnenauftritt sah dann wie folgt aus: Zum Einstieg gab es eine Gruppe, die ein kurzes Quiz mit dem Publikum durchführte, um den Zuschauern zu zeigen, dass wir viel zu wenig über die Vergangenheit wissen. Ein paar Zuschauer hatten bei der Rede der Bürgermeisterin aber gut aufgepasst und wussten zumindest schon, welcher inhaltliche Schwerpunkt sie erwartete und was es mit der St. Louis auf sich hatte. Danach kamen die ‚Theatergruppe’ und die ‚Geschichtsgruppe’ auf die Bühne. Die ‚Theatergruppe’ hatte sich vorab mit szenischem Spiel beschäftigt und ein fiktives Interview mit dem Kapitän des Schiffes, Herrn Gustav Schröder, und Hilde Pander erarbeitet, um sie selbst zu Wort kommen zu lassen. An wichtigen Stellen während des Interviews setzte Gitarrenmusik ein, die live von einem unserer Mitschüler gespielt wurde, um von dem Inter view zur ‚Geschichtsgruppe’ überzuleiten. Die Mitglieder dieser Gruppe ergänzten dann immer wieder wichtige Hintergrundinformationen und Daten, die sie dem Publikum vorgelesen haben. Anknüpfend an diese Informationen stellte der Interviewer Hilde Pander und dem Kapitän Fragen zu ihren eigenen Erfahrungen und ihrer persönlichen Sichtweise, denn beide stehen beispielhaft für die vielen Helden und Schicksale während der zeit des Nationalsozialismus. Nach und nach erfuhr das Publikum so, was die junge Hilde Pander vor, während und nach ihrer Fahrt auf dem Flüchtlingsdampfer St. Louis erlebt hatte...

Damals ließen die Nazis ihrem unerklärlichen Hass freien Lauf und zerstörten in der Reichspogromnacht am 09. November 1938 zum Beispiel auch die alte Synagoge in der Bochumer Innenstadt. Viele jüdische Familien wollten daraufhin fliehen und so kam es, dass am 13. Mai 1939 das Flüchtlingsschiff St. Louis mit mehr als 900 Juden an Bord den Hafen von Hamburg verließ und das Ziel Havanna auf Kuba ansteuerte. Jedoch scheiterte diese Auswanderung, da zunächst Kuba und später auch Kanada und die USA den Passagieren die Einreise verweigerten. Die St. Louis sollte auf Anweisung der Reederei wieder nach Hamburg zurückkehren, allerdings schaffte es der Kapitän Gustav Schröder nach großen Bemühungen, dass sich einige europäische Länder zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge bereit erklärten, unter anderem die Niederlande, in denen auch Hilde Pander mit ihrer Familie landete. Leider geriet die Mehrzahl trotzdem in die Hände der Nazis und wurde deportiert, so auch Hilde Panders Vater und ihr Ehemann. Nur wenige Flüchtlinge überlebten, darunter Hilde Pander, der es schließlich doch noch gelang, in die USA auszuwandern.

Ihre Geschichte zu erzählen, hat unserer Klasse viel bedeutet, denn es ist viel leichter, die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit nachzuvollziehen, wenn man sich Einzelschicksale vergegenwärtigt oder sich so intensiv wie wir mit einer Zeitzeugin auseinandersetzt, die für den Rest ihres Lebens in den USA blieb und nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setze und setzen wollte. Dass gerade unsere Klasse an einer Veranstaltung teilnehmen durfte, die einen so großen Stellenwert hat, ist großartig, denn es geht um einen sehr prägenden Teil unserer Geschichte.

Schön an diesem Projekt war auch, dass wir alle Informationen selbst herausfinden und auch den Ablauf unseres Auftrittes gemeinsam in der Klasse erarbeiten konnten. Jugendlichen so eine Aufgabe zu stellen bedeutet auch, ihnen zu vertrauen, dass sie ihre Aufgabe und den Anlass ernst nehmen. Durch die vielen Proben kannten alle ihren Text und wussten genau, was zu tun war, als wir uns zur Gedenkfeier am Dr. Ruer Platz in Bochum trafen. Und die ganze Arbeit hat sich gelohnt, denn wir bekamen sehr viel Lob für diesen besonderen Auftritt, der auch uns sehr viel bedeutet hat. Zu sehen, wie gerührt manche Zuschauer waren, hat auch uns sehr bewegt.

Veranstaltungen wie die jährliche Gedenkfeier zur Reichspogromnacht sind überaus wichtig, da Geschehnisse wie die Reichspogromnacht oder die NS-Zeit allgemein unter keinen Umständen vergessen werden darf. Sich längere Zeit mit diesem grausamen Thema zu befassen, hilft, es besser zu verstehen und auch in Zukunft überlegter zu handeln. Heutzutage gibt es noch Zeitzeugen, aber auch wenn es sie nicht mehr gibt, dürfen solche Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten – damit es in Zukunft nie wieder zu so einem grausamen und sinnlosen Völkermord kommt.
 

„The one who does not remember history is bound to live through it again“ George Santayna

 Leandra Lotz

„Das Projekt gab mir die Möglichkeit mich intensiv mit der Vergangenheit der verfolgten Juden in der Zeit des Nationalsozialismus zu befassen. Die Recherchen, Diskussionen und Gespräche waren für mich sehr interessant und haben mich emotional sehr berührt. Ich bin der Meinung, dass dieses Thema nach wie vor und auch weiterhin von großer Bedeu tung sein sollte, um zu verhindern, dass sich die Vergangenheit nochmal wiederholt. Demnach ist es wichtig dass über dieses Thema aufgeklärt wird.“

– Leandra Lotz

„Bei einer Umfrage wurde festgestellt, dass nicht viele der Befragten gute Kenntnisse der deutschen Geschichte haben, deshalb empfinden wir es als sehr sinnvoll, dass weitaus mehr junge Menschen an so einer Veranstaltung teilnehmen.“

- Leandra Lotz