Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2016                          Nr. 20

Inhaltsverzeichnis

Dankrede                                                                              Manfred Keller

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

sehr geehrter Herr Lehrer,
lieber Herr Rabinovich,
meine Damen und Herren,

der Abschnitt aus der Thora, der am gestrigen Shabbat den Mittelpunkt des Gottesdienstes in der Synagoge bildete – hier in Bochum und weltweit – , steht im 1. Buch Mose in den Kapiteln 12 bis 17. Er beginnt mit den Worten: „Der Ewige sprach zu Abraham: `Zieh hinweg aus deinem Land, von deinem Geburtsort und von deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich will dich zu einem großen Volk machen, will dich segnen und deinen Namen groß werden lassen. Du selbst sollst ein Segen sein`. “ So lauten die bekannten Verse in der Übersetzung von Rabbiner Gunther Plaut, der in Münster geboren wurde ebenso wie Dr. Otto Ruer. Plaut verließ Deutschland bereits 1935 nach dem Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“, ging zunächst in die USA, dann nach Kanada. Seine dort geschriebenen wissenschaftlichen Kommentare zu den 5 Büchern Mose gehören zu den Standardwerken jüdischer Exegese, aus denen Rabbiner Brandt in unserem Bochumer Studienkurs „Einführung in das Judentum“ oft und gern zitierte.

Farbig und höchst anschaulich erzählte Brandt an einem der Kursabende die Lebensgeschichte Abrahams, die den Inhalt von 1. Mose 12 bis 17 bildet. Er machte deutlich, dass Abraham, mit dem die Geschichte Israels beginnt, zugleich das große Leitbild für alle kommenden Generationen und Jahrhunderte ist. Abraham ist der Vater schlechthin, nicht nur in biblischer Zeit, sondern bis auf den heutigen Tag, bis hin zur Generation derjenigen Juden, die seit den 1990er Jahren aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion hierher nach Deutschland kamen. Brandt zitierte Plaut, der die eingangs verlesenen Verse mit Worten kommentierte, die uns in der aktuellen Situation besonders unter die Haut gehen: „Es ist schwer, das eigene Land zu verlassen und ein schutzlos Umherirrender zu sein. Schwerer ist es, alles, was einem in seinem vertrauten Zuhause lieb ist, zurückzulassen. Noch schwerer ist es, aus den Werten und  Ge-wohnheiten seiner Familie auszubrechen.“ Rabbiner Brandt zeigte, wie sich die aktuelle Geschichte in den alten Bibelversen spiegelt. Die christlichen Teilnehmer des Kurses leitete er dazu an, die Probleme und Chancen der jüdischen Einwanderer – auch hier in der Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen – im Licht der Thora zu erkennen und zu verstehen. Und die wenigen jüdischen Teilnehmer ermutigte er, Abraham gleichsam als „Prototyp“ zu sehen, in dem jeder Jude sich selbst und seine Bestimmung – das eigene Leben und die darin gestellten Aufgaben – zusammenfassend vorgezeichnet findet. Gerade darum war dem Rabbiner noch ein weiterer Satz wichtig, der ebenfalls in den Anfangsversen der Abrahamsgeschichte steht. Gott sagt zu Abraham: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.“ Die Auslegung dieses Satzes lautet in Kurzform: Gottes Ruf an Abraham öffnet der jüdischen Gemeinschaft den Blick über das eigene Volk und die eigene Religion hinaus. Gottes Ruf verpflichtet das Volk Israel, die Menschen jüdischen Glaubens, zu einem gedeihlichen Miteinander der Völker und zum Dienst an der Welt im Ganzen. Dass in diesem Verständnis auch der Ansatz für einen Jüdisch -Christlichen Dialog enthalten ist – sogar für einen Dialog der drei Abrahamsreligionen Judentum, Christentum und Islam – versteht sich von selbst.

Ja, liebe jüdische Gemeinde, das haben Sie jetzt davon, dass Sie einen christlichen Theologen, einen evangelischen Pfarrer, mit Ihrer Dr.-Ruer-Medaille auszeichnen. Dann kommt er her und fängt an, in Ihrer Synagoge zu predigen. Doch Scherz beiseite. Ich hoffe, Sie haben verstanden, dass ich hier nichts Unzulässiges getan habe. Ich habe vielmehr versucht, Ihnen in und mit der Betrachtung des aktuellen Wochenabschnitts „Lech lecha“ – zu Deutsch: „Zieh hinweg“ oder „Geh für dich“ – ansatzweise meinen Dank für diese Auszeichnung abzustatten.

Vor dreißig Jahren, im Sommer 1985, begannen wir in der Evangelischen Stadtakademie Bochum mit dem Ausgangsprojekt einer vollständigen Inventarisation des Jüdischen Friedhofs an der Wasserstraße. Aus dem gemeinsamen Engagement vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Akademie entwickelten sich die Folgepro-jekte: Das Buch „Spuren im Stein“; die Ausstellung „Spurensuche“ mit der pädagogischen Arbeitsmappe „Juden in Bochum“; das Gedenkbuch für die Opfer der Shoa; die Aktion „Eine Synagoge für Bochum“ und schließlich der Stelenweg“ „Orte der Erinnerung - jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid“, der noch nicht abgeschlossen ist. Keines dieser Projekte hätte ich allein stemmen können. Deswegen betrachte ich meine Nominierung für die Dr. Ruer- Medaille 2015 als Auszeichnung auch der Stadtakademie, ihrer angestellten Mitarbeiter – stellvertretend seien hier Klaus Grote und  Dr. Udo Arnolde genannt – und ihrer Ehrenamtlichen, namentlich Renate Blätgen.

Sehr herzlich danke ich den beiden Entscheidungsgremien der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen: Dem Vorstand unter Grigory Rabinovich und dem Gemeinderat, insbesondere seinem Vorsitzenden Dr. Michael Rosenkranz. – Ich danke Prof. Dr. Günter Brakelmann, meinem Lehrer und Freund, für die Laudatio, die er Hubert Schneider und mir gehalten hat: gründlich, sachlich und zugleich persönlich einfühlsam. - Und last not least danke ich Ihnen allen, meine Damen und Herren, dass Sie uns die Ehre  erweisen, bei der Preisverleihung anwesend zu sein.

Wer eine solche Ehrung erhält, wie sie heute in dieser Feierstunde zum Ausdruck kommt, tut gut daran, zurückzuschauen und zu fragen: Wer hat mir die entscheidenden Impulse gegeben? Wer ist mir auf meinem Weg begegnet und hat geholfen, die gesteckten Ziele zu erreichen?

Nun, den ersten Anstoß zu einer Beschäftigung mit dem Judentum bekam ich vor jetzt genau 55 Jahren. Im Herbst 1960 wurde in der Kunsthalle Recklinghausen die Ausstellung „Synagoga“ eröffnet. Ich hatte damals gerade mein Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule Bethel begonnen. Schwerpunkt des ersten Semesters war der Sprachkurs Hebräisch, und so lag es nahe, an meinem Heimatort Recklinghausen die Ausstellung zu besuchen, die einen Überblick über jüdische Geschichte und Kultur von der biblischen Zeit bis in die Gegenwart versprach. Selten bin ich von einer Ausstellung so beeindruckt worden. Sie wurde für mich nicht nur zu ei-ner Quelle der Information, sondern mehr noch der Inspiration. Ich war fasziniert von dem Reichtum und der Schönheit synagogaler Kunst. Das bundesweit beachtete Ausstellungsprojekt, zu dem nicht nur Vortrags- und Seminarveranstaltungen gehörten, sondern auch Konzerte mit synagogaler Musik, eröffnete mir einen vom Ansatz her positiven Zugang zum Judentum. Dafür bin ich dankbar.

Diese Erfahrung hat zunächst mein Studium mitbestimmt, dann auch die sieben Jahre im Gemeindepfarramt in Württemberg, vor allem aber die mittlerweile 36 Jahre hier in Bochum von der Arbeit in der Evangelischen Stadtakademie ab 1979 bis zum aktiven Ruhestand seit 2005.

Im Studium hat mich die Frage nach dem Verhältnis des Alten Testamentes zum Neuen Testament sehr beschäftigt. Ich lernte, die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens zu entdecken und anzunehmen. Das heißt: Ich lernte, beim Ausarbeiten einer Predigt etwa die Mahnung des Apostels Paulus zu beherzigen: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ (Röm. 11,18). Dieser Sachverhalt lässt sich am Umgang mit dem Wochenabschnitt 1. Mose 12 gut veranschaulichen. Die einleitenden Verse 1. Mose 12, 1-4 stehen auch in der Ordnung der Predigttexte meiner Evangelischen Kirche. Bei der Predigt über diesen Abschnitt habe ich immer zu beachten: Die ersten Adressaten von Gottes Ruf und der Zusage seines Segens sind Abraham und mit ihm das Volk Israel, die Menschen jüdischen Glaubens. Erst abgeleitet in der Verbundenheit mit seinen ersten Adressaten ist dieser Text auch unser „christlicher“ Text, gilt der Ruf an Abraham auch uns Christen, wird der Segen, der ihm verheißen wird, auch uns zugesagt. Dafür, dass ich diese Lektion lernen musste und lernen durfte, bin ich ebenfalls dankbar.

Meine Damen und Herren, bei der Besinnung darauf, wer mir wichtige Impulse für die Auseinandersetzung mit dem Judentum gab, darf ich die offiziellen kirchlichen Dokumente zur Neubestimmung des jüdisch-christlichen Verhältnisses nicht unerwähnt lassen: Angefangen von der frühen Konzilserklärung „Nostra aetate“ aus dem Jahr 1965 über den bahnbrechenden Beschluss der rheinischen Landeskirche „Umkehr und Erneuerung“ von 1980 bis hin zu der späten westfälischen Synodalerklärung „Christen und Juden“ des Jahres 1999. Diese Dokumente haben das jüdisch-christliche Verhältnis grundlegend verbessert. Sie wurden in unseren Akademieveranstaltungen intensiv diskutiert. Sie verstärkten die Motivation für unsere Bochumer Projekte und haben sie zu einem Teil der gesamtkirchlichen Bemühungen gemacht um ein neues, positives Verhältnis von Kirche und Judentum.

Ebenso wichtig wie die kulturgeschichtlichen und theologischen Impulse aber waren für mich die persönlichen Begegnungen in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit. Es waren Begegnungen mit jüdischen Menschen, die sich zunächst ganz praktisch aus der Alltagsarbeit in den Projekten ergaben und gelegentlich sogar zu einer persönlichen Freundschaft führten. Dafür möchte ich Dank sagen, indem ich pars pro toto an einen Bochumer Juden erinnere, dem ich über seinen Tod hinaus besonders verbunden bin: Karl-Heinz Menzel. Er war von 1962 bis 1989 stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. In dieser Funktion widmete sich Menzel vor allem der Verwaltung und den Finanzen. Bei ihm lag auch die Zuständigkeit für den Jüdischen Friedhof an der Wasserstraße. Er war es, der uns half, diesen Friedhof als Geschichtsbuch der Jüdischen Gemeinde Bochum zu erkennen und zu lesen. Er besorgte uns die Fotoerlaubnisse beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden Westfalens in Dortmund. Er sorgte dafür, dass die Grabsteine behutsam von Pflanzen freigeschnitten wurden. Er interessierte sich für alle Ergebnisse, die wir aus den Grabinschriften für die jüdische Familiengeschichte, für die Gemeindegeschichte und für die jüdische Stadtgeschichte Bochums erarbeiteten.

Im Laufe der Zusammenarbeit lernte ich seine Lebensgeschichte kennen, auch sie eine Abrahamsgeschichte. Menzel, Jahrgang 1922, geboren als Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters, wuchs auf mit zwei Schwestern. Die Familie wohnte in der Maxstraße am Moltkeplatz (heute Springerplatz), einem Arbeiterviertel mit hohem Anteil von Sozialdemokraten und Kom-munisten, aber auch von Juden. Karl-Heinz Menzel verdankte dieser Umgebung den nüchternen, sozialkritischen Blick, der für sein Denken und seine Haltung ebenso konstitutiv wurde wie der jüdische Glaube, den die Mutter ihren Kindern vermittelte, unterstützt von den Großeltern Julie und Josef Goldenberg, die  im  selben Haus lebten.

Zweimal musste Karl-Heinz Menzel in seinem Leben aufbrechen. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 kam er mit einem Kindertransport nach Holland, zunächst in ein Kinderheim in Eindhoven, später – im Mai 1940 – ins Werkdorf Wieringen am Ijsselmeer, wo junge jüdische Auswanderer auf ihre Hachschara – die Einwanderung in Israel – vorbereitet wurden. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Holland aber kam das Aus für Wieringen. Im Februar 1941 tauschte die SS im Ausbildungslager auf, um Transporte für die Deportation zusammenzustellen. Jetzt hieß die Gefahr nicht mehr nur Verfolgung, sondern Vernichtung. Doch Karl- Heinz Menzel hatte Glück im Unglück. Sein Transport endete unvermutet in Amsterdam, wo er zu einer jüdischen Familie kam. Drei Jahre lebte er unauffällig bei der Familie Rosenstein. Immer wieder aber gab es Razzien, deren Opfer in die Vernichtungslager deportiert wurden. Angesichts dieser Bedrohung fasste Karl-Heinz  Menzel im Sommer 1944 den Entschluss, aus seiner Amsterdamer Gastfamilie wegzugehen, noch einmal aufzubrechen und sich auf eigene Faust nach Bochum durchzuschlagen. „Zieh hinweg“. „Geh für dich.“

Manche Einzelheiten dieser abenteuerlichen Heimkehr in das Land der Väter erinnern an die Verstellungskünste Abrahams, die der Stammvater – wie der Wochenabschnitt 1. Mose 12 bis 17 erzählt – anwandte, um seine Haut zu retten. Auch Karl-Heinz Menzel musste in Amsterdam falsche Angaben machen, um einen Pass ohne das verhängnisvolle J zu bekommen. Vor allem aber musste er vor der deutschen Grenze alle Papiere vernichten, die seine jüdische Identität bezeugten. Als der Einundzwanzigjährige im August 1944 in Bochum ankam, war der Großvater bereits nach Treblinka deportiert und dort ermordet worden, die ältere Schwester Ruth mit  ihrem Mann nach Auschwitz verschleppt, wo beide ebenfalls ermordet wurden. Der Vater Wilhelm Menzel, der sich geweigert hatte in die Scheidung von seiner jüdischen Frau einzuwilligen, war zur Zwangsarbeit im Lager Bettenhausen bei Kassel verurteilt worden. Nur die Mutter und die jüngere Schwester lebten noch in der alten Wohnung in Stahlhausen bis sie im September 1944  ebenfalls nach Bettenhausen abtransportiert wurden. Aus Sicherheitsgründen konnte Karl-Heinz natürlich nicht in die verlassene Wohnung einziehen. Nachbarn gewährtem ihm Unterschlupf und  räumten ihm bei den schlimmen Luftangriffen der letzten Kriegsmonate sogar einen Platz im Bunker ein.

  Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Karl-Heinz Menzel zu denjenigen, die das jüdische Gemeindeleben in Bochum wieder aufgebaut und getragen haben. In dieser Zeit erfüllte sich an ihm die Zusage des Wochenabschnitts 1. Mose 12, 2: „Ich will dich segnen und du selbst sollst ein Segen sein.“ Zusammen mit dem 1954 verstorbenen Siegbert Vollmann sorgte er für die Einrichtung eines Betsaals im Alten Amtshaus an der Brückstraße. Nach dem Zusammenschluss der Jüdischen Gemeinden Bochum, Herne und Recklinghausen zu einer Verbundgemeinde ist er mehr als vier Jahrzehnte bei jeder Witterung nach Recklinghausen gefahren, wo alle vierzehn Tage die Gottesdienste stattfanden. Ebenso wie   Rolf Abrahamson aus Marl hat Karl-Heinz Menzel ungezählte Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, um Verwandte und Bekannte zum Gottesdienst abzuholen. Der Minjan, die Zehnzahl, war in der Recklinghäuser Synagoge dank des Einsatzes dieser beiden Männer immer garantiert. Nach der starken jüdischen Einwanderung seit 1990 engagierte sich Menzel für die Neuformierung der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, die Anfang 1999 erfolgte. Es schmerzt, dass er, der sich eine neue Synagoge in Bochum so sehr wünschte, aufgrund einer schweren dementiellen Erkrankung den Baubeginn nicht mehr wahrnehmen und die Vollendung dieses schönen Gebäudes nicht mehr miterleben konnte. Karl-Heinz Menzel starb im Juli 2006 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Wasserstraße beigesetzt.

Meine Damen und Herren, Karl-Heinz Menzel ist nicht Abraham. Aber für die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ist er einer der „Väter des Glaubens“. Seine Treue zur jüdischen Religion, sein Engagement für den Gottesdienst als Herz des Gemeindelebens und seine Brückenfunktion zwischen der alten und der neuen Gemeinde sind nicht hoch genug einzuschätzen. Weil es Menschen wie ihn gegeben hat und gibt, freue ich mich über die Verleihung der Dr.-Ruer-Medaille und verspreche gern, mich auch weiterhin für diese Gemeinde und für jüdisch-christliche Begegnungen in Bochum einzusetzen. Das sei mein Dank für die erfahrene Ehrung.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit