Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2016                          Nr. 20

Inhaltsverzeichnis

Dankrede                                                                                Hubert Schneider

Erinnern für die Zukunft

unter dieses Motto möchte ich, meine Damen und Herren, die folgenden kurzen Ausführungen stellen. Erinnern möchte ich dabei zunächst an ein Ereignis, das ziemlich genau 20 Jahre zurückliegt, gleichwohl Spuren hinterlassen hat, die bis in die Gegenwart führen. Zugleich hat es meine Arbeit in all den Jahren bestimmt. Im September 1995 waren 52 Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde mit jeweils einem Angehörigen für eine Woche zu Gast in Bochum. Sie waren aus allen Teilen der Welt angereist: aus Chile, Argentinien, den USA, Südafrika, Israel, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Österreich. Was diese Menschen verband, war die Tatsache, dass alle in Bochum geboren waren, alle in den Jahren nach 1933 Bochum, Deutschland unter schmählichen Umständen verlassen mussten, wollten sie wie wir heute wissen überleben. Das alles geschah vor den Augen der gesamten Öffentlichkeit. Zu den ergreifendsten Ereignissen der Besuchswoche gehörte der Besuch eines Ortes in der früheren Wilhelmstraße, heute Huestraße. Was die Besucher mit diesem Ort verband, waren Jahre des Glücks. Hier standen die Synagoge und die jüdische Schule, Zentrum des Lebens der jüdischen Kultusgemeinde in Bochum über viele Jahre. Mit diesem Ort verbanden die Menschen aber auch ein Ereignis, das ihrem Leben eine entscheidende Wende gab: Die Zerstörung der Synagoge im November 1938. Wenn diese Menschen an Bochum dachten, waren es vor allem die Bilder der Pog-romnacht, die die Erinnerung prägten. Lassen wir eine derjenigen, der es gelang, Deutschland zu verlassen, zu Worte kommen. Ilse Sternberg wurde am 4. Februar 1924 hier geboren. Ihre Eltern besaßen ein Manufakturwarengeschäft auf der Kortumstraße 112. Sie berichtete von deutlich antisemitischem Verhalten und Äußerungen im alltäglichen Leben, die weder sie noch ihre Eltern oder Verwandten zunächst ernst genommen hatten. Mit der Nacht vom 9./10. November 1938 änderte sich diese Einstellung. Die Familie lebte nun in existentieller Angst. 1939 wurde Ilse Sternberg von ihren Eltern nach England geschickt. Sie selbst fanden kein Aufnahmeland mehr, der Vater kam in Riga durch Genickschuss um, die Mutter wurde in den Gaskammern von Auschwitz erstickt.

An den 9. November 1938 erinnerte sich Ilse Sternberg wie folgt:

Trotz der Nürnberger Gesetze und ständig wachsenden Schikanen den Juden gegenüber waren wir doch nicht auf die grausamen Ereignisse in der Nacht vom 9. November 1938 vorbereitet. Sie sind mir für immer ins Gedächtnis gemeißelt. Obwohl mein Schlafzimmer nur ein Fenster zur Hofseite hatte, wurde ich doch von dem entsetzlichen Lärm aufgeweckt. Meine Eltern waren äußerst aufgeregt. Sie wussten natürlich nicht, dass eine organisierte Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen in ganz Deutschland im Gange war, und riefen sogleich die Polizei an, deren Pflicht es ja ist, Bürger vor vandalischen Gewaltmaßnahmen zu beschützen. Zuerst meldete sich niemand. Nach wiederholten Versuchen, die Polizei telephonisch zu erreichen, gab schließlich jemand eine ausweichende Antwort. Während der ganzen Nacht erschien kein einziger Polizist bei uns. Die Angriffe auf unser Geschäft wurden von ungefähr zwanzig Leuten durchgeführt und im Bochumer Anzeiger und in der Westfälischen Volkszeitung später als ‚spontan‘ bezeichnet. Zuerst wurden sämtliche Fensterscheiben zerbrochen, auch die große Schaufensterscheibe. Es hörte sich an, als ob diese durchschossen wurde. Trottoir und Straße waren mit Glasscherben übersät. Die Vandalen trampelten über die im Schaufenster ausgestellten Stoffe; was sie nicht plünderten, zerschnitten sie. Dann hieb dieser Pöbel mit Messern auf die Theken und Regale ein, die alle schwer beschädigt oder ganz zertrümmert wurden. Unsere gute Schreibmaschine wurde total zerstört. Als nichts mehr kaputt zu schlagen war, zogen die Banditen schließlich ab, nicht aber ohne den gesamten Kasseninhalt (Wechselgeld) mitzunehmen.

Der ohrenbetäubende Lärm hatte natürlich alle Nachbarn geweckt, von denen sich aber keiner zu unserer Hilfe rührte. Nach einiger Zeit schellten uniformierte SA Männer bei uns in der Privatwohnung im zweiten Stock und befahlen uns, sogleich sämtliche Glasscherben auf der Straße aufzufegen. Ich begleitete meine Mutter mit Besen und Eimer nach unten, wo wir uns zu der unwürdigen Strafarbeit der Beseitigung der uns zugefügten Schäden erniedrigen mussten. Zwei Tage später kamen nochmals SA Männer zu uns in die Wohnung, um meinen Vater in ‚Schutzhaft‘ zu nehmen. Dieser war aber gerade nach Siegburg gefahren, wo seine, durch den ersten Weltkrieg verwitwete, Schwester Rosa Bock alleine wohnte, um ihr eventuell zur Seite zu stehen. Aber die SA-Männer waren sehr argwöhnisch und durchsuchten unsere Wohnung. Noch heute erinnere ich mich, dass sie auch unter die Betten guckten. Als mein Vater von Siegburg zurückkam, wagte er mehrere Wochen nicht, auf die Straße zu gehen.

Zu der Zeit war es noch etwas weniger gefährlich für jüdische Frauen auf der Straße gesehen zu werden, als für jüdische Männer. So wachten meine Mutter und ich über das nun offene Schaufenster, durch das der Laden ohne weiteres betreten werden konnte. Einen Teil des Inventars trugen wir nach oben in unsere Wohnung. Am nächsten Morgen (10. November) erfuhren wir, dass identische Angriffe gegen jüdische Geschäfte während der vorhergehenden  Nacht im ganzen Reich verübt worden waren und dass also weder ein Versicherungsantrag noch eine Anklage bei den Behörden irgendwelchen Zweck hatte. Von diesem Augenblick an waren wir ganz vogelfrei.

Meine Damen und Herren, für Ilse Sternberg kam die Einladung nach Bochum zu spät. Wenige Wochen, bevor die Anfrage des Vereins ‚Erinnern für die Zukunft‘ kam, verstarb sie. Wie ihr Mann und ihre beiden Söhne versicherten, hatte sie über all die Jahre auf diese Einladung gewartet, am Ende ihres Lebens ihre Söhne aufgefordert, an ihrer Stelle nach Bochum zu fahren, sollte eine solche Einladung kommen. Ihnen sollten so schrieb sie die Geschehnisse, die zum Mord ihrer Großeltern führten, am Ort der Vertreibung ins Gedächtnis gemeißelt werden. Die beiden Söhne von Ilse Sternberg gehörten zu den Besuchern von 1995.

Der Besuch, meine Damen und Herren, war für alle Beteiligten ein großes Erlebnis: Für alle Mitglieder der früheren jüdischen Gemeinde, die es auf sich nahmen, sich der Erinnerung zu  stellen.  Für alle Bochumer von heute, die an dieser Begegnung teilnehmen durften. Dabei ist die Geste der Besucher viel höher einzuschätzen, was wir taten, war eigentlich eine Selbstverständlichkeit, der wir leider viel zu spät gerecht wurden. Wir sind noch heute allen dankbar dafür, dass sie trotzdem zu uns gekommen sind, wir sie kennenlernen durften.

Denn wie ein Besucher in einem nachträglichen Brief schreibt wir haben die Bemühungen um die Durchsetzung und die Durchführung des Besuches nicht nur für die Gäste, sondern auch für uns auf uns genommen. Warum das? Ich möchte Ihnen das am Beispiel einer Gruppe demonstrieren, die zum Gelingen des Besuchs entscheidend beigetragen hat. Es sind die zahlreichen jungen Betreuerinnen und Betreuer, zumeist aber nicht nur Studierende der hiesigen Hochschulen.

Mit großem Einfühlungsvermögen begaben sie sich gleichsam als Nachgeborene in die Begegnung mit den Besuchern. Sie setzten sich in den Gesprächen einer Wirklichkeit aus, die ihre Auffassung von Normalität und Identität herausforderte und reflektierte. Die Stadt, in der sie leben, lernten sie mit dem Blick der Überlebenden von einer anderen Seite sehen, und wie sich die Perspektive auf Bochum änderte, änderte sich auch ihr Blick auf Geschichte und geschichtlich Vermitteltes. Die Reaktionen der Überlebenden zeigten, dass auch für sie diese Gespräche eine große Bedeutung hatten.

Es war nicht die Versöhnung mit der Geschichte, die propagiert wurde, sondern die Begegnung von Menschen, zwischen denen die Ermordung des jüdischen Volkes, zwischen denen Auschwitz steht, und die doch miteinander ins Gespräch gekommen sind. Dieser Versuch kam spät, doch solange es nur möglich ist, sollten diese Kontakte zwischen Überlebenden und Nachgeborenen gesucht und gefördert werden, damit es neben den Büchern und Filmen Menschen gibt, die hier, in Bochum, in der BRD, die Geschichten der Überlebenden auch dann noch erzählen können, wenn die Überlebenden der Shoah selbst sie nicht mehr erzählen können.

So füllen sich die Begriffe von Geschichte, Verantwortung und einer Erziehung nach Auschwitz ganz allmählich und konkret. Dieses prozesshafte und systemische Verständnis von Geschichte, das Geschichten erzählen lässt, ohne ihnen als Histörchen  zu  erliegen, stellt angesichts von Auschwitz besondere Fragen an die, die das Projekt Erziehung als Eltern, - als Lehrer oder wo auch immer allmählich zu übernehmen haben. Immer müssen wir uns unserer Geschichte und ihrer historischen Bedingtheit stellen, müssen eine Verortung vornehmen und Zwänge und Notwendigkeiten freilegen und reflektieren, um frei zu werden, mit ihnen umzugehen. Dabei geht es immer sozusagen ‚ans Eingemachte‘, denn Geschichte vermittelt sich ja zuerst durch unsere Eltern und Großeltern. Seine Historizität lässt den Menschen Mensch sein. Aus dieser Geschichtlichkeit erwächst das Bewusstsein einer Verantwortung des Einzelnen für sein gestriges Tun, für den heutigen und den morgigen Tag.

Verantwortung schließt aber auch das Erbe ein, das wir auszuschlagen nicht frei sind. Dass wir nicht allein stehen, sondern in einer Folge, in der uns die Errungenschaften und Versäumnisse unserer Vorfahren beschäftigen müssen. Darum müssen wir erinnern und durcharbeiten, und um unseren Nachkommen selbst eine Welt zurückzulassen, in der eine Wiederholung von Auschwitz undenkbar bleibt. Dass Geschichte sich bewältigen ließe, ist eine gängige, aber m.E. falsche Behauptung. Auschwitz spitzt die Unmöglichkeit noch zu, und die Ratio, die Auschwitz möglich werden ließ, verlangt doch am stärksten nach dem Dementi. Wenn wir Deutschen Auschwitz einfach vergäßen wenn es denn ginge folgten wir nur der Logik von Auschwitz, die spur- und erinnerungslose Vernichtung zum Ziel hatte. Ihr sich in minutiösen Erinnern und Dokumentieren entgegenzustellen, selbst so wenigstens vermittelt Zeuge zu werden, ist Voraussetzung für jedes ‚Nie wieder Auschwitz‘. Aus dem Wissen um die Vergangenheit die Notwendigkeit erkennen, die Kraft zu schöpfen, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten, darin besteht unsere Aufgabe:

Erinnern für die Zukunft