Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2016                          Nr. 20

Inhaltsverzeichnis

Verleihung der Dr. Ruer-Medaille an

    • Manfred Keller und Hubert Schneider
  • Laudatio Prof. Dr. Günter Brakelmann

Wir ehren heute zwei Bochumer Bürger, die sich in verschiedener Weise mit dem Schicksal von Juden aus unserer Stadt beschäftigt haben. Wollte ich alle ihre Aktivitäten und Veröffentlichungen vorstellen, so müssten Sie für einige Tage hier Ihre Zelte aufschlagen. Damit Sie aber einen Eindruck von ihrem fachlichen Können und ihrem zähen Fleiß bekommen, haben wir Werkverzeichnisse von ihnen zusammengestellt, die ihre wichtigsten Opera aufzeichnen. Sie dürfen ruhig staunen, was ein evangelischer Theologe in bildungsbürgerlicher Tradition und ein Historiker in historischkritischer, universitärer Tradition bisher geleistet haben.

Die Frage ist: Für was und für wen haben sie das getan? Beide gehören zu den weniger werdenden Zeitgenossen, die unter der langen Tradition des kirchlichen Antijudaismus und des deutschen weltanschaulichen und politischen Antisemitismus und vor allem des nationalsozialistischen Unterdrückungs- und Vernichtungsan- tisemitismus in ihrem Gewissen als Christ und Humanist getroffen waren. Sie stellten sich mit unterschiedlichen Fragestellungen und Methoden den Fragen nach den Ursachen, den Praktiken und den Folgen der NS-Judenpolitik und der Shoa.

Manfred Keller tat es als evangelischer Theologe und seit 1979 als Leiter der Ev. Stadtakademie und Hubert Schneider seit 1974 als Dozent an der Ruhr-Universität-Bochum im Fachbereich Geschichte.

Zunächst  ein  Überblick  und  Einblick  in  einige  Arbeitsfelder von

Manfred Keller und seinen Mitarbeitern in der Akademie.:

1985 begann das Projekt der Inventarisierung des jüdischen Friedhofes an der Wasserstraße, das fast 12 Jahre mit Unterbrechungen in Anspruch nahm. Schließlich erschien 1997 der Band „Spuren im Stein“, hg. von Keller und Frau Wilberts vom Stadtarchiv. Letztere war eine engagierte Kooperationspartnerin, die 1988 eine Abhandlung geschrieben hat: „Jüdische Friedhöfe im heutigen Bochumer Stadtgebiet“.

Der Band enthält eine Bild-Text-Dokumentation des jüdischen Friedhofs mit den Namen aller, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Im zweiten Teil schreibt Keller über die beiden Bochumer Rabbiner Dr. Moritz David (1901-1934) und Dr. Josef Kliersfeld (1936-1939) und Schneider schreibt über „Siegbert Vollmann. Die Anfänge der jüdischen Gemeinde Bochum nach 1945“.

Dieser Band ist inhaltlich wie ästhetisch ein Produkt solidester Ge- schichtsschreibung.

Keller und sein Arbeitsteam aus 12 Mitarbeitern (darunter etliche ABM-Kräfte)

hatten aber nicht nur ein Interesse an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der jüdischen Geschichte, sondern auch an der pädagogisch-methodischen Vermittlung der Ergebnisse für „Schulen, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung“. Es entstand zunächst eine Ausstellung „Spuren jüdischen Lebens in Bochum“ mit 22 großfor- matigen Tafeln. In einer „Arbeitshilfe“ sind sie alle abfotografiert und ergänzt durch Entwürfe für die Bildungsarbeit über

  • den jüdischen Friedhof als Spiegel jüdischer Geschichte
  • Jüdisches Leben in Bochum in Geschichte und Gegenwart vom 17.- 18. Jahrhundert und vom 19. Jahrhundert bis 1933
  • Jüdisches Leben von 1933 - 1945, und hier als Unterthemen:
  • Ausgrenzung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben
  • Der Novemberpogrom 1938
  • Vertreibung und Vernichtung
  • Jüdisches Leben seit 1945
  • Es war der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Ignatz Bubis, der ein Geleitwort geschrieben hat. Ich zitiere es, weil es auch das Selbstverständnis der Arbeit der Stadtakademie getroffen hat:

„Der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßt die Veröffentlichung des vorliegenden Werkbuchs „Juden in Bochum“. Diese umfassende Publikation zur historischen Entwicklung jüdischen Lebens in Bochum ist ein wichtiger Beitrag, an jüdische Menschen, ihr Leben und die Verbrechen an ihnen zu erinnern.

Die Geschichte der Juden in Bochum ist in ihren Grundzügen ein Spiegelbild der Geschichte der Juden in Deutschland. Betrachtet man die fast zweitausend Jahre währende wechselvolle Geschichte, erfahren wir von harmonischem Miteinander, von Vorurteilen und Verfolgung. Die Geschichte des jüdischen Volkes verlief trotz vieler territorialer Unterschiedlichkeiten in einem sich wiederholenden Rhythmus: Niederlassung und friedliche Arbeit wechselten mit blutiger Verfolgung und Vertreibung.

Am Beispiel Bochums begegnet der Leser nicht nur wichtigen Zeugnissen jüdischer Geschichte, sondern auch aufschlussreichen Aspekten einer heutigen jüdischen Gemeinde. Die Publikation trägt so zu der doppelten Aufgabe bei, Geschehnisse in Erinnerung zu halten auch das Unbegreifliche an ihnen insbesondere jungen Menschen näher zu bringen und Beziehungen zwischen der Bochumer Bevölkerung und der jüdischen Minderheit aufzubauen.

Allen Beteiligten an dieser Publikation gebührt hierfür ein besonderer Dank.“

Wenn ich ein persönliches Urteil abgeben darf: dieses Buch „Spuren im Stein“ ist ein wissenschaftliches wie pädagogisches Meisterwerk gewesen.

Im Jahr 2000 gaben die Stadtakademie, das Stadtarchiv und der Verein  „Erinnern für die  Zukunft“ (auf ihn  kommen  wir später)  ein

„Gedenkbuch. Opfer der Shoa aus Bochum und Wattenscheid“ heraus. Als Herausgeber zeichneten Manfred Keller, Hubert Schneider und Johannes Volker Wagner. Im Vorwort stehen Sätze von Richard von Weizsäcker, die das Selbstverständnis der Herausgeber und Autoren wiedergeben dürften:

„Unsagbares haben Juden erlitten. Sie können und sie werden es niemals vergessen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wach zu halten.“

In diesem Gedenkbuch sind alle Namen und Daten der rund 700 Shoa-Opfer aus den damals noch getrennten Städten aufgeführt. Man überlege: 700 Ermordete aus dem heutigern Bochum!

Aber nicht nur die Vergangenheit wurde erforscht und auf ihre Bedeutsamkeit für unsere Erinnerungskultur heute reflektiert, sondern auch die Zukunft der jüdischen Gemeinde Bochums wurde intensiv zur Sprache gebracht.

Am 8. November 1998 feierten in Bochum zum 1. Mal Juden und Christen gemeinsam in der überfüllten Christuskirche eine gemeinsame Andacht anlässlich der Erinnerung an den 9.  November  1938. Am Schluss wurde eine Kollekte gesammelt für den Bau einer neuen Synagoge. Es begann die „Aktion: Eine Synagoge für Bochum!“ Ein Spendenkonto wurde eingerichtet und ein „Freundeskreis Bochumer Synagoge“ gegründet. Dessen Vorsitz übernahm der Vorsitzende der Stadtakademie Gerd Liedtke. Dieser gab dann 2011 den Band heraus: „Die neue Bochumer Synode. Bilder und Texte“ heraus. Michael Rosenkranz hat dieses Vorwort geschrieben:

„Was bedeutet uns die Einweihung einer neuen Synagoge in Bochum?

Zunächst wird uns bewusst, dass wir offenbar überlebt haben, dass alle Versuche, uns zu vernichten, uns zwar schwere Verluste beigebracht haben, uns aber doch nicht auslöschen konnten, und dass der kleine, übrig gebliebene Rest Lebenskraft hat und neues Leben in uns sich zu regen beginnt.

Dann wird uns bewusst, dass wir einen neuen Ort gefunden haben, an dem wir leben können, deren allergrößte Teil hier nicht geboren, nicht hier aufgewachsen ist, nun aber hier eine neue Heimat gefunden hat und nun auch ein neues Zuhause. Ein Ort, um zu arbeiten und zu beten, zu lernen und zu feiern, sich zu finden und sich zu äußern, ein Ort des Zusammenkommens und der Begegnung, ein Ort des Lebens.

Aber wir sind nicht auf einer Insel. Und das ist uns heute bewusst geworden. Wir sind nicht allein, wir haben freundliche Nachbarn, die uns unterstützt haben und noch unterstützen und helfen, mit  denen ein Gespräch, ein Austausch, ein gemeinsames Erleben möglich ist. Und wir können unsere Nachbarn nun auch zu uns einladen.

Waren wir bisher mit dem Hüten des Inhalts unserer Koffer beschäftigt, können wir diese nun auspacken und uns in unserem schönen, neuen Zuhause endlich einrichten.

Für all das danken wir!“

Auch in diesem Band sind historische Exkurse von Keller, Schneider und Liedtke zu finden. Ausführlich wird über die Einweihung der Synagoge berichtet mit Ansprachen u. a. von Alfred Salomon, Grigory Rabinovich, Frau Dr. Scholz, Dr. Norbert Lammert, Dr. Jürgen Rüttgers u. a.. Der 16. Dezember 2007 war für Bochum ein besonderer Tag.

Im zweiten Teil des Buches wird über das Leben in der gegenwärtigen Zeit berichtet. Und hier findet sich eine kurze Beschreibung von Alexander Chraga über die Dr. Ruer-Medaille. Dort heißt es:

„Mit dieser Medaillenverleihung öffnet die Gemeinde ihre Tore weit und zeigt damit, dass sie Teil der Gesellschaft sein will und den Dialog sucht“. Die 1. Medaille wurde 2004 an Ernst-Otto Stüber verliehen, die dritte erhielt 2008 Gerd Liedtke.

Zurück zu Keller und der Stadtakademie. Ihnen ging es aber nicht nur um die Vergegenwärtigung der Geschichte, sondern auch um die Forcierung des christlich-jüdischen Dialoges. Ab 1999 gab es einen zweijährigen Studienkurs „Einführung in das Judentum“ mit 25 Kursabenden in Zusammenarbeit mit dem Landesrabbiner Dr. Henry Brandt. Der christlich-jüdische Dialog blieb kontinuierlich auf dem Programm der Akademie. Ihr Leiter hat eine bewundernswerte Konstanz in der Behandlung dieses nicht einfachen Themenkomplexes gezeigt. Ich kann jetzt nicht alle Themen und Referenten aufzählen, aber einen besonderen Anteil an dieser theologischen Grundsatzarbeit hatte Prof. Klaus Wengst von der RUB, der sich an ungewohnte Fragen des Dialoges heranwagte.

Ein besonderes Thema wurde für Keller seit 2003 die „Musik der Synagoge“. Nach vielen musikalischen Aufführungen hat er 2006 zusammen mit Ronna Honigman den umfangeichen Band über Erich Mendel, der von 1928-1939 hier in Bochum jüdischer Kantor war, herausgegeben. Es ist die musikalische Werkgeschichte eines bedeutenden Musikers und Sammlers der synagogalen  Musik. Nach der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde er mit anderen Bochumer Juden ins KZ Sachsenhausen gebracht.

Hier waren – das sei besonders erwähnt – 5 bekannte Bochumer in der sog. Judenbaracke untergebracht: die Rabbiner Dr. David und Dr. Kliersfeld, der Rechtsanwalt Dr. Schoenwald, der Kantor Mendel und der Bochumer Evangelische Pfarrer Dr. Hans Ehrenberg, der „Christ aus Israel“, wie er sich selbst nannte. Alle Fünf konnten noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach England emigrieren. Und Mendel hatte noch eine lange Schaffenszeit in den USA. Auch diese Etappe wird in dem Buch beschrieben, ergänzt durch einen Überblick auf seine musikalischen Kompositionen und seine Forschungsarbeiten.

Blickt man auf die Arbeit von Keller in der Stadtakademie  zurück,  so ist das in meinen Augen eine hervorragende Lebensleistung im Dienst der Vergegenwärtigung der jüdischen Geschichte vor  Ort und im Dienst eines jüdisch-christlichen Dialoges. Keller hatte aber auch das Glück, eine Reihe von engagierten  Mitarbeitern gehabt   zu haben, die alle zu ihrem Teil zum Gelingen des Ganzen beigetragen haben. Stellvertretend für viele möchte ich Frau Blätgen nennen, die durch Jahre hindurch einen selbstlosen Einsatz gezeigt hat.

 

Hubert Schneider

Zwischendurch ist schon öfter der Name Hubert Schneider gefallen. Er hat in der Akademie viele Vorträger gehalten und durch Jahre hindurch mit Keller kooperiert. - Es war ein guter Einfall, ihnen beiden zusammen die Dr. Ruer-Medaille zu überreichen. -

Schneiders großes geschichtswissenschaftliches Erlebnis war es, 1977 nach ständigem voraus laufenden Kontakt mit Moritz Schlesinger, einem sozialdemokratischen Juden, dessen „Erinnerungen eines Außenseiters im diplomatischen Dienst“ herausgegeben zu haben. Hier hat er gelernt, mit Quellen umzugehen und sich in den Dienst ihrer verantwortlichen Interpretation zu stellen.

Im Blick auf Schneiders Bochumer Zeit will ich mit einer Erinnerung an das Jahr 1993 beginnen. Damals kam eine Broschüre mit  dem Titel „Die Verfolgung der Juden in Bochum und Wattenscheid“ heraus, hg. u. a. von Günter Gleising, Klaus Kunold und Irmtrud Wojak. Es ist die damalige „Vereinigung Verfolgter Nationalsozialisten“  (VVN) unter ihrem Vorsitzenden Klaus Kunold, die sich intensiv mit der nationalsozialistischen Verfolgung in  Bochum befasst hat. Sie  hat hier auf ihre Weise wertvolle Vorarbeit für spätere Studien geleistet.

Diese Gruppe der VVN wandte sich an den Dozenten in der ge- schichtswissenschaftlichen Abteilung der RUB Hubert Schneider, um ihn für die Mitarbeit an einem Projekt zu gewinnen, Juden, die die Verfolgung überlebt hatten, in ihre Heimatstadt zu einem längeren Besuch einzuladen. Ich will ihnen ersparen zu schildern, wie die Stadt in den Jahren zuvor versucht hat, das zu erschweren oder zu verhindern. Erst seit 1979 gab es unter dem OB Heinz Eikelbeck, der auch ein Vorwort in der oben genannten Broschüre beigesteuert hat, die ersten einzelnen Einladungen. Eine neue Phase begann mit der Begründung des „Vereins zur Förderung einer Einladung an die zwischen 1933 und 1945 verfolgten und aus Bochum und Wattenscheid vertriebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger Erinnern für die Zukunft“. Über das Stadtarchiv konnte man die ersten Adressen von Überlebenden bekommen und sie anschreiben. Auch konnten die Ratsparteien für Mitarbeit und Unterstützung gewonnen werden. Vor allem war es der OB Ernst-Otto Stüber, der sich des Gedankens eines größeren Besuchs von ehemaligen Bürgern unserer Stadt annahm und sich persönlich engagierte. Es gab in der Folge einen Spendenaufruf des OB, des DGB, des Rektors der RUB, der Industrie- und Handelskammer und der beiden Kirchen. Nun bereitete man sich in etlichen Seminaren, Veranstaltungen und in einer Ausstellung

„Erinnern für die Zukunft“ auf die Tage vom 2.- 10. September 1995 vor. In dieser Vorbereitungsphase wurde Hubert Schneider einer der wichtigsten Akteure dieses städtischen Großereignisses. Dokumen-tiert sind diese Besuchstage in dem Band „Vom Umgang mit der Geschichte. Der Besuch der jüdischen Emigranten und Überlebenden des Holocaust in Bochum“, hg. von Irmtrud Wojak und Hubert Schneider. Hier ist alles gekonnt dokumentiert, ein Stück aufregender und nachdenklicher Bochumer Stadtgeschichte. U. a. gab es auch eine Begegnung in der Stadtakademie am 6. September 1995, bei der Keller eine Einführungsrede hielt, in der er auch auf die Bedeutsamkeit der Bürgerinitiative „Erinnern für die Zukunft“ hinwies und an Frau Wojak und Hubert Schneider einen besonderen Dank  für ihren Einsatz aussprach, Begrüßen konnte er u. a. Herrn und  Frau Menzel und Herrn und Frau Salomon von der jüdischen Kultusgemeinde. Es sprachen noch Henry Brandt und Karl-Heinz Menzel, Alfred Salomon und Gerd Vollmann als Besucher aus den Niederlanden.

Es war ein dichtes Besuchs- und Gesprächsprogramm, das hier in Bochum lang ersehnte und lang vorbereitete Wirklichkeit wurde. Liest man in Ruhe alle Dokumente und Presseberichte durch, so kann  man nun nach 20 Jahren allen Mitarbeitern von damals Respekt zollen und Dank sagen.

War in dieser Zeit Schneider schon ein zentraler öffentlich wirkender Mann, so folgt für ihn nun ein zweiter Abschnitt seines Forscherlebens. Er wendet sich vorrangig der Erhellung und Darstellung von Biographien einzelner Juden und jüdischer Familien aus Bochum zu. Aber zunächst gibt er 2000 zusammen mit Manfred Keller und Johannes Volker Wagner den Band „Gedenkbuch. Opfer der Shoa aus Bochum und Wattenscheid“ heraus. Wir haben ihn schon dargestellt. -

2005 nun gibt Schneider den Briefwechsel von 1938 -1946 der Familie Freimark aus Bochum unter dem Titel „Es lebe das Leben...“ heraus. Nur wer Sinn für die Leistungen anderer hat, kann ermessen, welcher Zeit- und Arbeitsaufwand hinter einer Edition und hinter den aufklärenden Fußnoten zu den 102 Briefen und Postkarten steht. Das ist asketische Kleinarbeit, die man physisch und psychologisch nur leisten kann, wenn man von der Bedeutsamkeit einer Erinne- rungskultur für uns Heutige überzeugt ist.

2010 erfolgte der „nächste Streich“: „Die Entjudung des Wohnraums – Judenhäuser in Bochum“. Mit einer seltenen Genauigkeit und mit einem ausgeprägten Sinn für Einzelschicksale beschreibt Schneider die Schicksale von Familien und Einzelnen. - Es dürfte kein Zufall sein, dass Manfred Keller die umfangreichste Rezension dieses Buches geschrieben hat.

Zu erwähnen ist noch, dass Schneider durch die Jahre hindurch intensiven Briefkontakt mit vielen Juden in aller Welt gehabt und viele Auslandsreisen unternommen hat, um mit Betroffenen zu reden. Wer macht das schon?

2014 kam das nächste Opus magnum: „Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945, hg. vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ in Verbindung mit dem Stadtarchiv. Hier werden nun 60 Lebensgeschichten von Bochumer Bürgern der jüdischen Gemeinde zwischen 1945 und 1954 akribisch rekonstruiert. Archivarbeit an vielen Orten und Gespräche mit den Überlebenden bilden das Fundament einer methodisch sauberen historisch-kritischen Darstellung. Nur ein Beispiel sei herausgegriffen: das Schicksal von Dr. Rawitzki, der als SPD-Ratsmitglied in der Weimarer Zeit eine große kulturpolitische Bedeutung u. a. für das Theater und für die Stadtbücherei gehabt hat. Nach dem Krieg hat er wieder als Rechtsanwalt und Politiker in Bochum eine solche anerkannte Bedeutung gehabt, dass er 1962 die Ehrenbürgerechte zugesprochen bekam.

Wer wirklich wissen will, wie die Probleme der zurückkehrenden jüdischen Bürger nach Kriegsende gewesen sind, findet hier spannendes und manchmal sehr bedrückendes Material.

Meine Damen und Herren! Auf der ausgeteilten Veröffentlichungsliste finden Sie ein Verzeichnis der Arbeiten von Schneider und Keller. Beide sind für eine historisch-kritische Aufarbeitung unserer Stadtgeschichte Motoren und Akteure gewesen. Die Arbeiten und Aktivitäten der beiden Preisträger von heute haben sich in ihren verschiedenen Schwerpunkten und in ihren thematischen Überschneidungen hervor- ragend ergänzt. Ein Glücksfall für unsere Stadt und für unsere jüdische Gemeinde.