Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2016                          Nr. 20

Inhaltsverzeichnis

Nachruf auf Hannes Bienert

In der Nacht vom 28. zum 29. Oktober 2015 ist Hannes Bienert im Alter von 87 gestorben. Wenige Stunden vor seinem Tod führte der Verstorbene noch Telefongespräche zur Vorbereitung der Gedenkfeier am 9. November 2015 vor den drei Stelen auf dem Nivelles- Platz. Auf der Trauerfeier am 6. November 2015 in der Lieselotte- Rauner-Schule hielt Heinz-Werner Kessler die folgende Rede:

Verehrte Trauernde!

Hannes Bienert war ein Mensch mit Ecken und Kanten. Seine Kritiker nannten ihn Alt-Kommunist und hielten ihn sich auf Distanz. Einigen galt er auch als eine persona non grata, mit der man am liebsten nichts zu tun haben wollte. Neonazis haben ihm Mord angedroht.

Was mich für Hannes Bienert vom ersten Moment einnahm, war sein hohes Engagement für seine Projekte, seine enorme Tatkraft und Energie, seine Kämpfernatur, mit der er Dinge anpackte und zu verwirklichen suchte. Und das alles in einem hohen Alter, in dem sich andere schon längst zur Ruhe gesetzt haben. Mich überzeugte seine Leidenschaft, mit der er gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit kämpfte. Mich beeindruckten seine Ideen, mit denen er seine Projekte - trotz aller Widerstände - zu realisieren verstand. Denn er kannte das politische Geschäft und wusste, wie man zu agieren hatte, um politisch Erfolg zu haben. Er war - wie man so schön zu sagen pflegt - ein alter Fuchs.

Das erste Mal, daß ich Hannes Bienert begegnete, war auf einer Gedenkfeier zum 9. November in den 1990er Jahren auf dem Nivelles-Platz. Diese Gedenkfeier gestaltete er zusammen mit Wattenscheider Schulen. Als mir Hannes Bienert das Wort erteilte, erzählte ich, um den beteiligten Schülern die Bedeutung des Gedenkens verständlich zu machen, eine Begebenheit aus meiner Familiengeschichte. Ich erzählte, wie ich oft als kleiner Junge an der Hand meines Vaters am Wattenscheider Ehrenmal an der Bahnhofstraße spazieren ging. Ich erzählte, wie ich bei einem dieser Spaziergänge fragte, was das für ein Bauwerk sei - dieses Ehrenmal. Mein Vater antwortete: "Das hat Napoleon vor langer, langer Zeit gebaut." - Nun muss man wissen: Mein Vater war in Wattenscheid geboren, er hatte die Nazi-Zeit in Wattenscheid erlebt, er war Wehrmachtssoldat und wusste mit Sicherheit, dass das Wattenscheider Ehrenmal erst 1934 eingeweiht wurde und während der NS-Zeit bei allerlei Heldengedenkfeiern und nationalen Feiertagen als ein zentraler Ort der Propaganda fungierte. Über die NS- Zeit wollte oder konnte mein Vater aber mit seinem Sohn nicht sprechen. Er hat einfach gelogen. Und noch eins ist bemerkenswert: Mein Vater war bestimmt kein Nazi. Und trotzdem konnte oder wollte er über die von ihm erlebte Nazi-Zeit nicht sprechen.

Erst viel später ist mir bewusst geworden, dass ich damals bei meiner Erzählung die von Hannes Bienert organisierte Gedenkfeier als ein Stück Vergangenheitsbewältigung gebraucht hatte. Und es ist gerade dieser Punkt, es ist die Vergangenheitsbewältigung, in der ich auch die allgemeine Bedeutung der Gedenkfeiern für Wattenscheid erblicke: nämlich der "Unfähigkeit zu trauern" in Deutschland (wie Alexander und Margarete Mitscherlich es ausdrückten) ein Ende zu setzen, sich der Verbrechen der Nazizeit bewusst zu werden, sich den historischen Fakten zu stellen, um in Gegenwart und Zukunft gefährlichen Tendenzen in Politik und Gesellschaft entgegenzutreten.

Mich als Geschichtslehrer hat früher immer aufgeregt, dass die Geschichte der NS-Zeit und erst recht die Geschichte des Holocausts in den Lehrbüchern der Schule immer auf einer fernen räumlichen Darstellungsebene behandelt wurde. Alles war immer sehr, sehr weit weg. Es wurde und wird z. B. der Verlauf der Machtürbernahme der Nationalsozialisten in Berlin oder die Pogromnacht vom 9. November in einer anderen fernen Großstadt geschildert. Dass Gleiches oder Ähnliches auch vor Ort, am Schulort, passierte, dass auch in Wattenscheid gemordet, gefoltert, deportiert wurde, war bis in die 1990er Jahre den Schülern häufig nicht bewusst. Daran hat sich zum Glück einiges geändert, z. B. durch die Erforschung der Lokalgeschichte zur NS-Zeit, durch Projekte wie die der "Stolpersteine". Hannes Bienert hat in dieser Beziehung schon sehr früh Zeichen gesetzt. In einer Zeit, in der viele es nicht wahrhaben wollten, hat er auf die NS-Verbrechen vor Ort aufmerksam gemacht. Als öffentliche Plattform der Vergangenheitsbewältigung dienten ihm die von ihm gestalteten  Gedenkfeiern zum 9. November.

Hannes Bienert hat die Tradition der Gedenkfeiern zum 9. November in Wattenscheid mitbegründet. Erst mit zeitlicher Verzögerung wurden dann auch von der Wattenscheider Bezirksvertretung Gedenkfeiern zur Pogromnacht am 9. November veranstaltet. Hierin liegt eine seiner großen Leistungen.

Meine Damen und Herren, ich komme nun zu einem anderen Punkt, zum  Holocaust-Mahnmal   auf   dem   Nivelles-Platz.   Auch hierzu möchte ich Ihnen etwas Persönliches erzählen.

An der Schule, an der ich tätig war, gehörte es zu meinen Aufgaben, Austauschschüler aus Estland, Frankreich und den USA durch Wattenscheid zu führen und ihnen Grundzüge der Stadtgeschichte zu vermitteln. Eine feste Station bei diesen Stadtführungen war und ist das Holocaust-Mahnmal auf dem Nivelles-Platz. Wenn ich den ausländischen Schülern von dem langwierigen Prozess erzählte, der durchlaufen wurde, um dieses Mahnmal zu erstellen, fiel den meisten Schülern - bildlich gesprochen - die Kinnlade herunter: so viel Arbeit, Mühen, Probleme und Schwierigkeiten hatten sie nicht erwartet. Sie hatten aber auch nicht erwartet, wie offen Deutsche heutzutage über die Verbrechen der NS-Zeit sprechen können. Dazu hat Hannes Bienert beigetragen.

Ich muss offen gestehen: Wenn ich vor dem Mahnmal stehe, bin ich jedes Mal stolz auf die Erinnerungsarbeit, die hier geleistet wurde und ich bin stolz darauf, Hannes Bienerts Arbeit bei der Erstellung dieses Mahnmals begleitet zu haben.

Es ist ein historischer Glücksfall, dass der Standort des Mahnmals auf dem Nivelles-Platz liegt. Es hat damit einen zusätzlichen Verweisungscharakter erhalten. Es verweist damit nicht nur auf den Holocaust, sondern auch auf die Bombardierung der belgischen Stadt Nivelles durch die Deutsche Luftwaffe am 14. Mai 1940, bei der  nicht nur die romanische Stiftskirche, sondern auch der wertvolle Schrein der hl. Gertrud, der Stadtpatronin von Wattenscheid, zerstört wurden.

Der Heimat- und Bürgerverein Wattenscheid, den ich vertrete, hat Hannes Bienert für die Errichtung dieses Mahnmals ein kleines sinnbildliches Denkmal gesetzt. - Der Gertrudispreis, der 2011 von unserem Verein verliehen wurde, bestand aus einer wertvollen Kalligraphie der Wattenscheider Stadtgeschichte. Diese Stadtchronik wurde seit Beginn der Preisverleihung sukzessive mit den wichtigsten Ereignissen der Stadtgeschichte fortgeschrieben. Als ein epochemachendes Ereignis der Wattenscheider Geschichte haben wir dort die Errichtung der Drei Stelen durch Hannes Bienert aufgenommen.

Ich komme nun zur letzten herausragenden Leistung von Hannes Bienert: der Umbenennung des Platzes vor dem Wattenscheider Rathaus in Betti-Hartmann-Platz.

Zur Vorgeschichte dieses Projektes gehört eine Studienfahrt von Wattenscheider Oberstufenschülern nach Auschwitz. Ein Arbeitsauftrag für diese Schüler bestand darin, zu den Opfern, die auf den Drei Stelen aufgeführt sind, im Archiv von Auschwitz genauere Informationen in Erfahrung zu bringen. Die Arbeitsergebnisse wurden von den Schülern bei ihrer Rückkehr in einer Ausstellung präsentiert. Zu den Exponaten gehörten drei Todesurkunden von den Wattenscheider Opfern der Shoa, u. a. auch die von Betti Hartmann, dem jüngsten Wattenscheider Opfer. - Hannes Bienert hat die Bedeutung dieser Todesurkunde sofort erkannt und die Idee entwickelt, den Vorplatz des Wattenscheider Rathauses nach Betti Hartmann zu benennen. Dazu formulierte er einen Bürgerantrag, der auch von der Bezirksvertretung angenommen wurde. Seitdem heißt der Platz Betti-Hartmann-Platz.

Hannes Bienert formulierte seinen Bürgerantrag zu einer Zeit, in der die Kinder von Auschwitz als eine besondere Opfergruppe von der historischen Forschung noch keine große Berücksichtigung gefunden hatte. Erst zwei oder drei Jahre später bin ich beim Stöbern unter historischen Neuveröffentlichungen auf ein Buch gestoßen, das sich dieses neuen Themas annahm.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss meiner Ausführungen.

Auf den Drei Stelen des Nivelles-Platzes sind 87 Wattenscheider Opfer des Holocaust verzeichnet. Hannes Bienert ist im Alter von  87 Jahren gestorben. Diese Koinzidenz der Zahlen - 87 Opfer, 87 Jahre Lebensalter - bringt für mich zum Ausdruck - wie es augenfälliger nicht sein kann -, wie sehr Hannes Bienert mit seinem Lebenswerk - dem Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit - verbunden war.

Hannes Bienert hat sich um die Wattenscheider Erinnerungskultur verdient gemacht.

Heinz-Werner Kessler war bis zu seiner Pensionierung Geschichtslehrer am Märkischen Gymnasium und ist jetzt Vorsitzender des Heimat- und Bürgervereins Wattenscheid