Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2016                          Nr. 20

Inhaltsverzeichnis

Die Nürnberger Gesetze von 1935 und deren Auswirkungen in Bochum

Vortrag im Stadtarchiv Bochum am 12. November 2015

Meine Damen und Herren,

zunächst möchte ich Ihnen einige Geschichten erzählen, die sich alle hier in Bochum nach 1935 abspielten, von denen wir aus Akten, zumeist aber aus privaten Dokumenten und Gesprächen wissen.

Die erste Geschichte liegt inzwischen gedruckt vor, auch eine Stolpersteingeschichte, die im Internet veröffentlicht wurde, kann nachgelesen werden. Es ist die Geschichte des Erich Lewkonja, der wegen „Rasseschande“ zunächst zu Zuchthaus verurteilt, schließlich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. (Nachzulesen in Hubert Schneider, „Judenhäuser“ in Bochum. Die Geschichte der Gebäude und ihrer Bewohner, 405-409 ; im Internet: Stolpersteine Bochum Erich Lewkonja).

Eine andere  Geschichte: Max Munjo  Preger gehörte  in Bochum  zu den sogenannten „Ostjuden“. Bei Warschau geboren, war er 1917 nach Bochum gekommen, betrieb hier einen selbständigen Schneidereibetrieb. Er heiratete eine christliche Frau, die zum Judentum übertrat, 1923 und 1926 wurden ein Junge und ein Mädchen geboren. 1928 wurde die Ehe geschieden. Die Kinder blieben beim Vater. Max Preger wurde am 18. November 1937 wegen des Verdachts der Rassenschande verhaftet. Zu einem Prozess kam es in Bochum nicht, der „Ostjude“ wurde am 13. Mai 1938 aus der Untersuchungshaft nach Polen abgeschoben. Was das für die Kinder Günter und Margret bedeutete, können Sie nachlesen: Ich habe ihre Geschichte aufgeschrieben in meinem Buch „Leben nach dem Überleben“. Nur so viel: Beide wurden mit dem ersten „Judentransport“ im Januar 1942 nach Riga  deportiert. Das Mädchen kam ums Leben, der Junge  überlebte,  kam nach dem Krieg nach Bochum zurück, gehörte zu den frühen Mitgliedern  der jüdischen Nachkriegsgemeinde.

Andere Geschichten seien hier nur angedeutet:

Von  Hilde  Pander  wissen  wir,  dass die  Familie  ab  Ende 1935

Mutter, Vater, Tochter nur noch geschlossen zu Veranstaltungen, zum Beispiel ins Kino, ging. Mutter und Tochter nahmen den Vater immer in die Mitte. Sie wollten dadurch verhindern, dass der Mann vielleicht versehentlich mit einer nichtjüdischen Frau in Berührung kam.

Von Fred Mischkowski wissen wir, dass seine Eltern ab Ende 1935 alles daran setzen, ihn aus Deutschland herauszubringen. Sie sahen, welchen Gefährdungen der gut aussehende junge Mann ausgesetzt war, wenn er sich mit jungen nichtjüdischen Mädchen traf.

Simon Freimark, Geschäftsführer der neben der Marienkirche gelegenen jüdischen Firma Seidemann - sie fertigte Hosen an -, gehörte zu den jüdischen Männern, die bis zur Einweisung der Familie in das Judenhaus in der Horst-Wessel-Straße 56 arbeiteten konnten. Der neue Inhaber der arisierten Firma  Seidemann, Boecksteger, brauchte ihn, wollte er den Betrieb weiterführen. Es wurde aber alles dafür getan, dass Freimark keinen Kontakt mit den im Betrieb arbeitenden Frauen hatte. Er hatte ein Büro, in dem nur er saß, an Betriebsfeiern und Betriebsausflügen hatte er frei, er durfte nicht teilnehmen.

Und eine letzte Geschichte. Ich anonymisiere sie, denn die Familie lebt noch in Bochum. Der 1923 geborene Junge X wurde im Januar 1942 nach Riga deportiert. Er hatte zu diesem Zeitpunkt eine nichtjüdische Freundin, die Ende Oktober 1942 eine Tochter zur Welt brachte, das Kind des X. Trotz Drängens seitens der Behörden nannte die junge Mutter den Vater des Kindes nicht. Sie wusste, was es bedeutet hätte, hätte sie den jüdischen Vater genannt. Sie selbst wäre wegen Rassenschande belangt, das Kind wäre als Mischling 1. Grade stigmatisiert worden. X überlebte, erkannte nach seiner Rückkehr die Vaterschaft an. Die Kindesmutter war inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet.

Meine Damen und Herren, Sie wissen natürlich, warum ich Ihnen diese Geschichten, die ich fortführen könnte, erzählt habe. Im September 1935, also vor 80 Jahren, wurden die sogenannten „Nürnberger Gesetze“ erlassen. In zahlreichen Büchern, vielen Zeitungsartikeln, in Veranstaltungen in fast allen Städten wurde in diesen Wochen an dieses Ereignis erinnert. Dabei geht es fast immer darum, den Inhalt dieser Gesetze zu rekapitulieren, ihren Stellenwert in der Geschichte der Judenverfolgung während der Nazizeit zu markieren. In der Regel wird dann an ausgewählten Fällen die   Bedeutung der Gesetze für die Betroffenen – die Juden – beleuchtet.

Als Beispiel wähle ich hier den Artikel in der ZEIT vom 17. September d.J. von Klaus Godau-Schüttke, der bis 2007 Richter am Landgericht Itzehoe war. Ich wähle diesen Artikel auch  deshalb, weil in ihm auch die Rolle reflektiert wird, welche  die  deutsche Justiz vor 1945 bei der Auslegung der „Nürnberger Gesetze“ spielte, und vor allem wie sie nach 1945 damit umging. Unter der Überschrift „Blut und Roben“ bewertet Godau-Schüttke die „Nürnberger Gesetze“ so: „[...] Das ‚Reichsbürgergesetz“ und das ‚Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre‘, auch ‚Blutschutzgesetz‘ genannt, verfügte im Kern das, was Hitler und seine Partei von Anfang gefordert hatten. Durch das ‚Reichsbürgergesetz‘ verloren Juden die deutsche Staatsbürgerschaft, durch das ‚Blutschutzgesetz‘ wurden die Heirat und der außereheliche Geschlechtsverkehr ‚zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes‘ verboten. Beide Gesetze zielten    auf    Entmenschlichung    und    totale    Entrechtung. Das

‚Reichsbürgergesetz‘ war mit seinen später erlassenen 13 Verordnungen  eines  der  juristischen  Instrumente,  die  den  Weg zur

‚Endlösung‘ ebneten.[ ...]“

Godau-Schüttke interessiert in seinem Artikel aber vor allem die Rechtsprechung der deutschen Justiz zu den „Nürnberger Gesetzen“ ab Ende 1935 und vor allem deren Verhalten nach 1945. Als Beispiel wählt er Hermann Weinkauff, der 1950 von Bundespräsident Heuss zum ersten Präsidenten des Bundesgerichtshofes ernannt wurde, das Amt hatte er bis 1960 inne. 1968 erschien Weinkaufs Buch „Die deutsche Justiz und der Nationalsozialismus. Ein Überblick.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten Studentengruppen in einer Ausstellung und mit anderen Aktionen längst auf die verleugneten Kontinuitäten der Nachkriegsjustiz zur NS-Zeit hingewiesen - auf die personellen wie die ideologischen. Die Justiz selbst schwieg sich über die Vergangenheit aus.

Weinkauffs Buch machte da keine Ausnahme. Es bot keinen Überblick, sondern es war ein Dokument vorsätzlichen Wegsehens. Godau-Schüttke belegt nun, dass Weinkaufff durchaus auch persönliche Gründe hatte, einen Überblick zu verfassen, der gewisse Dinge im Dunkeln ließ. So behauptete er nicht nur in verharmlosender Weise, die Juristen seien letztlich Opfer des NS- Regimes und seiner Gesetzesvorgaben gewesen. Er machte auch einen Bogen um das juristische Rückgrat der Judenverfolgung: die vor 80 Jahren, im September 1935, erlassenen Nürnberger Rassegesetze und deren Durchsetzung in Prozessen wegen

„Rassenschande“.

Weinkauff war ein vielfach ausgezeichneter und geehrter Mann. Einer seiner Nachfolger am Bundesgerichtshof,  Walter  Odersky, ließ es sich 1994 nicht nehmen, die Vergangenheit des 1981 verstorbenen Hermann Weinkauff als untadelig darzustellen. Dieser sei zwar Reichsgerichtsrat gewesen, aber er habe „wenig mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt. Er habe unbeirrt im Glauben an unwandelbare rechtliche Grundrechte den Anfechtungen des Dritten Reiches standgehalten.“

Klaus Godau-Schüttke wertet nun in seinem  Artikel  ausführlich  eine Akte aus dem Thüringischen Staatsarchiv in Gotha aus, die belegt, wie tief Weinkauff in die Rechtsprechung zu den Nürnberger Gesetzen involviert war. Das Urteil  vom 2.  September  1936 vor dem Reichsgericht in Leipzig, in dem in einem Revisionsverfahren gegen den Kaufmann H., in dem das Urteil des Landgerichts Erfurt – neun Monate Haft wegen „Rassenschande“ – bestätigt wurde, trägt die Unterschrift des Richters Hermann Weinkauff.

Hermann Weinkauff machte – wie wir gesehen haben – nach 1945 eine steile Karriere. An Prozesse und Verleumdungen wegen „Rassenschande“ mochte sich damals und noch Jahre später niemand erinnern. Dieses Beschweigen hatte seine Gründe: Die einstigen Wahrer des Rechts wollten nicht mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert werden.

Meine Damen und Herren, was in der Literatur zu den Nürnberger Gesetzen bis heute fehlt, ist eine geschlossene Untersuchung der Auswirkungen der Gesetze auf die Bewohner einer bestimmten Stadt oder Region, und zwar sowohl auf die Ausgegrenzten – die Juden – als auch auf die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft.

Ich selbst habe für Bochum einige Vorarbeiten geleistet, die ich in meinem im letzten Jahr erschienenen Buch „Leben nach dem Überleben“ veröffentlich habe. Und einige von Ihnen, die meinen Vortrag vor einem Jahr hier im Stadtarchiv gehört haben, können sich vielleicht erinnern, dass ich damals vor allem auf die Auswirkungen des Reichsbürgergesetzes auf die in Bochum in sogenannten Mischehen lebenden Juden, deren christliche Partner, die sogenannten jüdisch Versippten und deren Kinder, die sogenannten   Mischlinge 1. und 2. Grades hingewiesen hatte. Ich möchte das heute hier nicht wiederholen, zumal der Text auch gedruckt vorliegt und inzwischen auch im Internet nachgelesen werden kann (www.erinnern-fuer-diezukunft.de).

Erinnern möchte ich nur noch einmal an die wesentlichen Bestimmungen des Reichsbürgergesetzes, durch die alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens oder mit zwei Großeltern jüdischen Glaubens zu Menschen mit eingeschränkten Rechten wurden. Wer als Jude zu gelten hatte, wurde in der ersten Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November  1935 festgelegt:

  • Volljude war nach nationalsozialistischer Auffassung, wer mindestens drei jüdische Großeltern hatte.
  • Jüdischer Mischling war, wer von einem oder zwei volljüdischen Großeltern abstammte. Das Gesetz unterschied zwischen Mischlingen 1. Grades (Halbjuden mit 2 jüdischen Großeltern) und Mischlingen 2. Grades (Vierteljuden mit 1 jüdischen Großelternteil).
  • Mischlinge 1. Grades (Halbjuden) galten als Juden, wenn sie bei Erlass des Gesetzes der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten oder danach in sie aufgenommen wurden oder wenn sie mit einem Juden verheiratet waren. Für sie kam der Begriff Geltungsjude auf.

Des Weiteren wurde bestimmt, dass kein Jude Reichsbürger sein konnte. Juden durften kein öffentliches Amt bekleiden, jüdische Beamte mussten spätestens am 31. Dezember 1935 in den Ruhestand treten. Das Stimmrecht in politischen Angelegenheiten stand Juden nicht mehr zu.

Bei den sogenannten Mischehen unterschieden die Nationalsozialisten Gruppen, die im nichtamtlichen Sprachgebrauch privilegierte und nichtprivilegierte Mischehen genannt wurden.  Gesetzlich wurde dies nie geregelt. Privilegiert galten diese Ehen, wenn aus ihnen eheliche Kinder hervorgegangen waren und diese Kinder sowie der deutschblütige Partner nicht der mosaischen Religion angehörten. War in einer kinderlosen Ehe der Mann deutschblütig, so war diese auch privilegiert. Jüdische Partner aus den sogenannten privilegierten Mischehen mussten den gelben Stern nicht tragen.

Die sogenannte Mischehe bot keine sichere Überlebensgarantie. Aber dadurch, dass es während des Krieges zu keiner endgültigen rechtlichen Regelung kam, bot sie den Betroffenen einen Zeitaufschub zum Überleben. Man kann davon ausgehen, dass bei einer längeren Kriegsdauer auch diese Juden in das Mordprogramm der Nationalsozialisten einbezogen worden wären.

Andere Diskriminierungen blieben dem jüdischen Teil einer Mischehe sowie ihren Kindern und dem deutschblütigen Partner, den sogenannten jüdisch Versippten, nicht erspart. Alle antijüdischen Maßnahmen trafen auch die jüdischen Partner einer Mischehe: Ihre Geschäfte wurden arisiert, sie mussten per Namensänderungsverordnung die Zusatznamen Sara oder Israel führen und wurden nach dem Novemberpogrom 1938 zur Sühneabgabe herangezogen. Viele Berufe blieben ihnen verschlossen, ihr jüdisch versippter Ehegatte wurde in der Regel nach dem deutschen Beamtengesetz aus dem Staatsdienst entlassen. Nichtprivilegierte Ehepaare und wenig später auch Ehepaare, bei denen der männliche Teil als Jude galt, wurden zur Aufgabe ihrer Wohnung gezwungen und beengt in Judenhäusern untergebracht. Die ´jüdischen Ehepartner wurden ab 1940 zur Zwangsarbeit verpflichtet und ab 1943 in der Regel kaserniert.

Das Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 beschränkte den Zugang von Juden zu höheren Bildungsanstalten, jüdische Mischlinge durften noch mittlere und höhere Schulen besuchen. Sie durften die Reifeprüfung ablegen, doch berechtigte diese nicht unbeschränkt zur Aufnahme eines Studiums. Ab 1937 war ihnen ein Pharmazie- und Medizinstudium verwehrt. Nach Kriegsbeginn 1939 wurden jüdische Mischlinge 1. Grades kaum noch zum Studium zugelassen. Ab 192 wurde auch die Zulassung von Mischlingen 2. Grades restriktiver gehandhabt.

Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung verschärfte für Mischlinge 1. Grades am 25. Oktober 1940 die Zulassungsbeschränkungen zum Hochschulstudium bzw. dessen Fortsetzung. Mit Erlass vom 2. Juli 1942 wurden Mischlinge 1. Grades vom Besuch der Haupt- und weiterführenden Schulen, ab Oktober 1943 auch von Berufsschulen ausgeschlossen.

Ab Sommer 1942 erwog man den Einsatz der jüdischen Mischlinge 1. Grades und der jüdisch Versippten (der arischen Partner in Mischehen) in Arbeitsbataillonen. Diese sollten jedoch nach Vorschlag von Ernst Kaltenbrunner vom RSHA nicht als Wehrunwürdige in Bewährungsbataillonen der Wehrmacht zusammengefasst, sondern in gesonderten Formationen der Organisation Todt in einem besonders verschärften Einsatz verwendet werden. Schließlich fiel nach kontroversen Verhandlungen mit der Kanzlei Hitlers und dem Oberkommando der Wehr macht eine Entscheidung: Im November 1943 befahl Fritz Sauckel als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz den geschlossenen Einsatz der Mischlinge bei der Organisation Todt.

Ab März 1944 stellten die Arbeitsverwaltungen Gruppen von jeweils 100 Zwangsarbeitern aus Wehrunwürdigen, jüdischen Mischlingen 1. Grades sowie in Mischehe lebenden Ariern und Zigeunern zusammen. Die reichsweite Durchführung erreicht jedoch nicht den erwarteten Umfang,  weil  kriegswichtige  Betriebe ihre Arbeitskräfte zurückhielten. Im Oktober 1944 wurde die Gestapo beauftragt, alle männlichen jüdischen Mischlinge 1. Grades und alle jüdisch Versippten aus den Betrieben herauszuzuziehen. Bei der Aktion, die im Dezember 1944 abgeschlossen war, wur den schätzungsweise 20 000 Zwangsarbeiter aus der Gruppe der Mischlinge und jüdische Versippten zum geschlossenen Arbeitseinsatz eingezogen.

Meine Damen und Herren, all diese Gesetze betrafen alle Jüdinnen und Juden und die jüdischen „Mischlinge“, hinterließen tiefe Spuren in deren Biografien. Die Biografien der Überlebenden, die ich in dem im letzten Jahr in dem Buch „Leben nach dem Überleben“ veröffentlicht habe, belegen dies eindrucksvoll. Wie viele Personen waren in Bochum davon betroffen? Laut Volkszählung vom 17. Mai 1939 zählte die Synagogengemeinde zu diesem Zeitpunkt noch 326 Mitglieder. Gemäß den Definitionen der Nürnberger Gesetze lebten in Bochum damals 615 Juden. Nach einer anderen Statistik gab es 1939 in Bochum 38 Mischehen, 131 Mischlinge 1. Grades und 122 Mischlinge 2. Grades.

Was bisher noch nicht gezielt für Bochum untersucht wurde, ist der Zusammenhang zwischen dem Reichsbürgergesetz und dem Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, dem sogenannten Blutschutzgesetz. Darum soll es in den folgenden Ausführungen gehen.

Die im Blutschutzgesetz gebrauchten Begriffe Reinheit des deutschen Bluts und deutschen oder artverwandten Blutes entstammten der nationalsozialistischen Rassekunde, wonach das Blut als Träger der Rasseeigenschaften galt. Eheschließungen zwischen Juden und Ariern wurden verboten. Außerehelicher Geschlechtsverkehr wurde mit Zuchthaus bestraft.

Die verschiedenen Kategorien verbotener Eheschließungen wurden in der Ersten Verordnung zum Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 14. November 1935 ausgeführt: Untersagt waren

  • Heiraten zwischen einem Juden und einem Mischling mit einem jüdischen Großelternteil;
  • zwischen einem Mischling mit einem anderen, von denen jeder einen jüdischen Großelternteil hatte;
  • und zwischen einem Mischling mit zwei jüdischen Großeltern und einem deutschen (das letztgenannte Verbot konnte durch eine Sondergenehmigung vom Innenminister oder vom Stellvertreter des Führers aufgehoben werden).
  • Mischlinge ersten Grades (zwei jüdische Großeltern) konnten Juden heiraten und dadurch zu Juden werden oder untereinander heiraten, in der Annahme, dass sich derartige Paare gewöhnlich entschieden, kinderlos zu bleiben, wie aus dem empirischen Material hervorging, das der Jenaer Professor für Rassenanthropologie, Hans F.K. Günter, gesammelt hatte. Schließlich konnten Bürgerinnen deutschen Blutes, die zur Zeit der Veröffentlichung des Gesetzes in einem jüdischen Haushalt beschäftigt waren, ihre Arbeit nur dann fortsetzen, wenn sie bis zum 31. Dezember 1935 das 45. Lebensjahr vollendet hatten.

In einem Rundschreiben vom 2. Dezember 1935, das an alle zuständigen Parteidienststellen gerichtet war, formulierte Rudolf Heß, Stellvertreter Adolf Hitlers, noch einmal die wichtigsten Vorschriften der Verordnung vom 14. November, um zu erklären, welche Absicht hinter den Ehebestimmungen stand, die für beide Arten von Mischlingen galten.: Die jüdischen Mischlinge, also die Viertel- und Halbjuden, werden in der Ehegesetzgebung unterschiedlich behandelt. Die Regelung geht von der Tatsache aus, dass die Mischrasse der deutsch-jüdischen Mischlinge in jedem Fall – blutmäßig und politisch unerwünscht ist und baldigst verschwinden muss. Nach den Ausführungen von Heß stellte das Gesetz sicher, „dass die deutsch-jüdischen Mischlinge in der jetzigen oder der nächsten Genration entweder der Gruppe der Juden oder der Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes angehören.“ Dadurch, dass die Vierteljuden nur vollblütige deutsche Ehepartner, heiraten durften, würden sie zu Deutschen werden, und dies werde,  so Heß, geschehen, „ohne dass das 65-Millionn-Volks der Deutschen durch die Aufsagung dieser hunderttausend Vierteljuden in seiner Erbmasse merklich verändert bzw. verschlechtert werden kann.“ Die Erklärungen von Heß zu den Halbjuden waren etwas gewundener, da es für sie kein absolutes Verbot gab, Deutsche oder Vierteljuden zu heiraten, sofern sie die Genehmigung des Stellvertreters des Führers, also seine, erhielten. Heß erkannte, dass dieser Aspekt der Gesetzgebung den Wünschen der Partei zuwiderlief, und erklärte lakonisch, die Entscheidung sei aus „politischen Gründen“ getroffen worden. Die allgemeine Politik war jedoch die, Halbjuden dazu zu zwingen, ausschließlich Juden zu heiraten und sie so von der jüdischen Gruppe absorbieren zu lassen.

Der wichtigste Kommentar zur deutschen Rassengesetzgebung, der 1936 erschien, war von Staatssekretär Wilhelm Stuckart und von Hans Globke, beide aus dem Innenministerium, gemeinsam verfasst worden (Wilhelm Stuckart/Hans Globke: Kommentare zur deutschen Rassengesetzgebung, Bd. I, München 1936). Dieser Text lässt krass einige der selbst aus der Sicht der Nationalsozialisten verwirrendsten Aspekte der Nürnberger Gesetze hervortreten. Um die absolute Gültigkeit religiöser Zugehörigkeit als Kriterium für die Identifizierung der Rasse der Abkömmlinge zu veranschaulichen, führten Stuckart und Globke das hypothetische Beispiel einer vollkommen deutschblütigen Frau an, die einen Juden geheiratet hatte und zum Judentum übergetreten war und sich dann, nachdem sie Witwe geworden war, wieder dem Christentum zugewandt und einen vollkommen deutschblütigen Mann geheiratet hatte. Ein Enkel, der von Kindern aus dieser zweiten Ehe ab stammte, würde nach dem Gesetz wegen der einstigen religiösen Zugehörigkeit der Großmutter zum Judentum als teiljüdisch gelten. Stuckart und Globke kamen nicht umhin, die folgende Konsequenz zu formulieren: „Zu beachten ist: Ein zum Judentum übergetretener Deutschblütiger ist für seine eigene Einordnungen nach wie vor als deutschblütig anzusehen, lediglich für die arische Einordnung des Enkel gilt er als Volljude.“ (Ebenda, S. 65f.).

Die durch einen solchen zeitweiligen Kontakt mit der jüdischen Religion verursachte rassische Mutation ist mysteriös genug.  Doch das Mysterium wird noch verstärkt, wenn man sich daran erinnert, dass in der Eugenik oder Rassenanthropologie der Nationalsozialisten die Wirkung von Umweltfaktoren im Vergleich zu den Folgen der ererbten Eigenschaften als unerheblich betrachtet wurde. Hier jedoch verursacht eine vorübergehende Veränderung in der Umwelt auf mysteriöse Weise die dauerhafteste biologische Verwandlung. Doch wo immer auch ihre Ursprünge liegen mochten, Rassenunterschiede konnten in Fällen von länger anhaltender Vermischung zu schlimmen Konsequenzen führen (Stuckart/Globke, Kommentare, S. 5):

„Die Zuführung artfremden Blutes zu dem eigenen führt daher zu dem Volkskörper schädlichen Veränderungen, denn die Homogenität, das instinktsichere Wollen eines Körpers wird dadurch geschwächt; an seine Stelle tritt eine unsichere, schwankende Haltung in allen entscheidenden Lebenslagen, eine Überschätzung des Intellekts und eine seelische Aufspaltung. Eine Blutmischung erreicht nicht eine einheitliche Verschmelzung beider sich fremder Rassen, sondern hat in der Regel eine Störung des seelischen Gleichgewichts in dem aufnehmenden Teil zur Folge.“

Auf die Septembergesetze 1935 folgten zwei Gesetze, welche sich gegen Individuen und Gruppen richteten, die keine Juden waren. Das erste war das Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes, das darauf zielte, „fremdrassige“ oder rassisch „minderwertige“ Gruppen zu registrieren, und die Verpflichtung eines Ehezeugnisses erließ, welches bekräftigte, dass die beiden Partner rassisch „ehetauglich“ waren. Dieses Gesetz wurde durch die am 14. November erlassene Erste Verordnung zum Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verstärkt, die es Deutschen auch verbot,    Personen

„fremden Blutes“, welche keine Juden waren, zu heiraten oder sexuelle Beziehungen zu ihnen zu unterhalten. Zwölf Tage später wurde ein Rundschreiben aus dem Innenministerium genauer. Die Gruppen, um die es ging, waren ich zitiere - „Zigeuner, Neger und ihre Bastarde“.

Für eine normale Existenz im Dritten Reich wurde der Beweis, dass man nicht jüdischer Abstammung war oder sonst einer „minderwertigen“ Gruppe angehörte, entscheidend. Und besonders streng waren die Anforderungen für jeden, der den Wunsch hatte, eine Stellung in einer staatlichen Behörde oder bei einer Dienststelle der Partei anzutreten oder zu behalten. Selbst die höheren Schichten der Beamtenschaft, der Partei und der Wehrmacht konnten Nachforschungen nach ihrer rassischen Zugehörigkeit nicht  entgehen. Die Personalakte von Generaloberst Alfred Jodl, der bald darauf stellvertretender Stabschef des Oberkommandos der Wehrmacht werden sollte, enthält einen detaillierten Stammbaum in Jodls Handschrift, der im Jahre 1936 seine untadelige arische Abstammung bis zur Mitte des 18, Jahrhunderts nachwies.

Und, meine Damen und Herren, glauben Sie nicht, dass das alles nichts mit uns zu tun hat, mit unserer Familie, mit unseren Vorfahren. Falls Sie aus einer Familie stammen, bei der es üblich ist, Dokumente über Generationen hinweg aufzubewahren, schauen Sie mal nach: Vielleicht werden Sie fündig. So wie in der Familie meiner Frau. Als mein Schwiegervater 1998 mit fast 89 Jahren starb, fanden  wir  in seinem  Nachlass eine Akte  aus dem Jahre    1936:

„Ariernachweis“ stand darauf. Mein Schwiegervater war Ingenieur, bei der Reichsbahn beschäftigt, wollte dort Beamter werden. Und dafür brauchte er den Ariernachweis. Er begann einen immer umfassender werdenden Briefwechsel, schließlich landeten seine Briefe nicht nur im europäischen Ausland, sondern auch in den USA. Es ging darum, die erforderlichen Belege aufzutreiben. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie aufregend ist immer wieder war, wenn ein Brief ankam. Die Furcht, dass da vielleicht doch ein dunkler Fleck in der Generation der Großeltern, Urgroßeltern war, war allgegenwärtig. Meine Damen und Herren, ich bin weit davon entfernt, den Mann zu kritisieren, weil er nicht gesagt hat: Was soll der Mist, da mache ich nicht mit. Wir sind doch alle keine Helden. Und mein Schwiegervater wollte Beamter werden, er war verlobt, wollte heiraten. Nicht sein Verhalten steht im Focus der Kritik, sondern die Gesetzeslage, die Menschen wie ihn nötigte, sich so zu verhalten wie er es denn auch tat. Und alle verhielten sich so, verhalfen den abscheulichen Gesetzen zur Gültigkeit in der Wirklichkeit.

Kehren wir zurück zu den Blutschutzgesetzen vom  September 1935. Tatsächlich folgten diese einer Denkschrift, die Hans Kerrl, Nazi-Jurist der ersten Stunde, und Roland Freisler im September 1933 erstellt hatten, wonach Ehen und außereheliche sexuelle Beziehungen zwischen „Deutschblütigen“ und „Angehörigen fremder Blutsgemeinschaften“ als „Verbrechen gegen die Rassenehre“ angesehen werden sollten. In den ersten drei Jahren  des Regimes führten die sehr heftigen Reaktionen einer Reihe asiatischer und südamerikanischer Länder (die den Boykott deutscher Waren einschlossen) neben anderen Gründen dazu, dass die Initiative auf Eis gelegt wurde. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass die frühen Vorschläge, das dritte Nürnberger Gesetz und die nachfolgenden Ehegesetze als der Ausdruck eines allgemeinen rassebiologischen Standpunktes betrachtet werden konnten, ebenso wie die speziell gegen die jüdische Gefahr gerichteten Maßnahmen.

Die Umsetzung des „Blutschutzgesetzes“ warf in der Praxis immer wieder Fragen auf, die unterschiedlich beantwortet wurden. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen.

  • Wie sind uneheliche Kinder jüdischer Väter und arischer Mütter zu behandeln? Eine entsprechende Anfrage der Wohlfahrtsverwaltung der Stadt Stettin wurde von den Wohlfahrtsämtern verschiedener deutscher Großstädte ganz unterschiedlich behandelt. In Dortmund zum Beispiel wurden solche Kinder als Arier betrachtet und erhielten alle übliche Unterstützung, während die Wohlfahrtsämter in Königsberg, Breslau und Nürnberg sie als „semitisiert“ ansahen. Der Direktor des Breslauer  Amtes gab folgenden Kommentar   ab:
  • „Meiner Ansicht nach ist es sinnlos, gemischtrassige Kinder der deutschen Nation einzuverleiben, da sie selbst bekanntlich keine rassereinen Kinder haben können und Regelungen zur Sterilisierung von Gemischt-rassigen noch nicht existieren. Darum sollte man Mischlinge nicht daran hindern, sich der fremden Nation anzuschließen, der sie bereits zur Hälfte angehören. Man sollte sie sogar dazu ermutigen, indem man sie beispielsweise jüdische Kindergärten besuchen lässt.“ Die Reaktion aus Nürnberg, dem Hauptquartier Julius Streichers, sollte nicht überraschend kommen. Der dortige Wohlfahrtsdirektor schrieb: „Eine Mutter, die sich so benimmt,  ist  so  stark  von jüdischen Ideen  beinflusst, dass
  • vermutlich alle Bemühungen zu ihrer Aufklärung vergeblich sein werden und der Versuch, ihr jüdisches Kind ‚nach den Prinzipien der nationalsozialistischen Führung‘ zu erziehen, scheitern muss. Denn die nationalsozialistische Weltanschauung, die vom Blut bestimmt ist, kann nur diejenigen gelehrt werden, die deutsches Blut in den Adern haben. In diesem Falle sollte man Nietzsches Wort verwirklichen: ‚Was fallen will, das soll man stürzen.“ Nach Verabschiedung der Gesetze müssen diese Kinder alle zu Mischlingen ersten Grades geworden sein.
  • Im Mitteilungsblatt des Reichsverbandes der Nichtarischen Christen wurden in Form von Fragen und Antworten Situationen beschrieben, die sich aus der Umsetzung des Blutschutzgesetzes ergaben. Einige Beispiele: Frage: Was ist zu der Ehe eines Halbariers mit einer Frau zu sagen, die einen arischen Elternteil hat, deren arische Mutter aber zum Judentum übertrat, so dass das Kind jüdische erzogen wurde? Was ist weiter über die Kinder aus dieser Ehe zu sagen? Antwort: Die Frau, eigentlich Halbarierin, ist kein  Mischling, sondern gilt ohne allen Zweifel als Jüdin im Sinne des Gesetzes, da  sie am Stichtag, d.h. am 15. September 1935, der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte; eine nachfolgende Konversion ändert diesen Status in keiner Weise. Der Ehemann ein Mischling I. Grades gilt ebenfalls als Jude, weil er eine Frau geheiratet hat, die dem Gesetz nach Jüdin ist. Die Kinder aus dieser Ehe gelten ohnehin als Juden, da sie drei jüdische Großelternteile haben (zwei der Rasse nach, einen der Religion nach). Dies wäre nicht anders gewesen, wenn die Mutter die jüdische Gemeinde vor dem Stichtag verlassen hätte. Sie selbst wäre dann ein Mischling gewesen, aber die Kinder hätten immer noch drei jüdische Großeltern gehabt.  Mit anderen Worten, es ist durchaus möglich, dass Kinder,  die als Juden gelten, einer Ehe entstammen, in der beide Partner Halbarier sind. Frage: Ein Mann hat zwei jüdische Großeltern, eine arische Großmutter und einen halbarischen Großvater; letzterer wurde als Jude geboren und trat erst später zum Christentum über. Ist diese zu 62 Prozent jüdische Person Mischling oder Jude? Antwort: Der Mann ist Jude nach den Nürnberger Gesetzen wegen des einen Großelternteils, der der jüdischen Religion angehörte; von diesem Großelternteil wird vermutet, dass er Volljude war, und diese Vermutung ist nicht widerlegbar. Somit hat dieser 62prozentige Jude drei volljüdische Großeltern. Wenn dagegen der halbarische Großvater von Geburt an Christ gewesen wäre, wäre er dann kein Volljude gewesen und hätte für diese Berechnung überhaupt nicht gezählt, sein Enkel wäre ein Mischling I. Grades gewesen. (Friedländer, S. 176)

Eine der größten Hürden, auf die die juristischen Experten bei der Interpretation der Nürnberger Gesetze stießen, war die Definition  von „Verkehr“. Die grundlegenden Formen des Geschlechtsverkehrs waren nur ein Ausgangspunkt, und beispielsweise Stuckart und Globke, die beiden Interpreten der Nürnberger Gesetze, ahnten die vielfältigen Perspektiven, die sich aus „beischlafähnlichen  Handlungen, z.B., wechselseitiger Onanie“ ergaben. Bald wurde in den Augen einiger Gerichte selbst diese erweiterte Interpretation des Verkehrs unzureichend. Das Landgericht Augsburg definierte die Anwendung der Gesetze in einer Weise, die praktisch sämtliche Einschränkungen der Definition beseitigte. „Da der Gesetzgeber die Reinheit des deutschen Blutes so weit wie irgend möglich sichern will“, führte das Gericht aus, „muss somit nach dem Willen des Gesetzgebers auch der regelwidrige außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes als verboten und unter Strafe gestellt angesehen werden. Dazu kommt, dass das fragliche Gesetz auch die deutsche Ehre, insbesondere die Geschlechtsehre der Staatsangehörigen deutschen Blutes, schützen will.“

Der Rechtsstreit über diesen Punkt erreichte den Großen Strafsenat des Reichsgerichts, der am 9. Dezember 1935 seine Entscheidung verkündete: „Der Begriff Geschlechtsverkehr im Sinne des Blutschutzgesetzes umfasst nicht  jede  unzüchtige  Handlung, ist aber auch nicht auf den Beischlaf beschränkt. Er umfasst den gesamten natürlichen und naturwidrigen Geschlechtsverkehr, also außer dem Beischlaf auch alle anderen geschlechtlichen Betätigungen mit einem Angehörigen des anderen Geschlechts,  die nach der Art ihrer Vornahme bestimmt sind, anstelle des Beischlafs der Befriedigung des Geschlechtstriebes zumindest des einen Teils zu  dienen.“

Das Reichsgericht ermunterte die örtlichen Gerichte, hinter dem bloßen Buchstaben des Gesetzes die Absicht des Gesetzgebers zu verstehen, und damit öffnete es die Schleusen. Paare wurden selbst dann für schuldig befunden, wenn keine gegenseitige sexuelle Aktivität stattgefunden hatte. Masturbation in Gegenwart des Partners beispielsweise wurde zu einem strafbaren Verhalten: „Es würde dem gesunden Volksempfinden und der zielbewussten deutschen Rassenpolitik widersprechen, solche Ersatzhandlungen schlechthin straflos zu lassen und damit ein neues Mittel und einen neuen Anreiz zu schaffen, die Rassenehre des deutschen Volkes durch widernatürliches Treiben zwischen beiden Geschlechtern zu verletzen.“ (Friedländer, S- 177).

Die Suche nach immer präziseren Einzelheiten aller möglichen Aspekte der Rassenschande lässt sich verstehen nicht  nur als eine weitere Illustration für das bürokratische und polizeiliche Denken der Nazis, sondern auch als riesige Leinwand zur Projektion verschiedener „Männerphantasien“, um einen Begriff von Klaus Theweleit zu gebrauchen. In der Phantasie der Nationalsozialisten wurden überdies Juden als Verkörperung sexueller Potenz und Lust wahrgenommen, etwa wie Schwarze bei weißen Rassisten oder Hexen (und Frauen überhaupt) in den Augen der Inquisition oder einiger puritanischer Kirchenältester. Einzelheiten der Verfehlungen wurden so zu einer Quelle von (gefährlichem) Wissen und von verborgenem Kitzel. Und meist waren die Details allerdings plastisch. So verurteile am 28. Januar das Bezirksgericht Frankfurt den 34jährigen „Volljuden“ Alfred Rapp zu zwei Jahren Gefängnis und die „vollblütige Deutsche“ Margarete Lehmann zu neun Monaten, und zwar mit folgender  Begründung:

Rapp war in einem Herrenbekleidungsgeschäft angestellt, und Lehmann war dort Näherin. Man wusste, dass sie miteinander befreundet waren und sich häufig besuchten. Ihren Aussagen zufolge hatten sie vorher keine sexuelle Beziehungen zueinander unterhalten. Am 1. November 1936 gegen halb neun abends kam Rapp in Lehmanns Wohnung, wo er auch eine Jüdin namens Rosenstock vorfand. Die drei gingen hinaus, um etwas zu trinken, und begaben sich dann in Rosenstocks Wohnung. Rosenstock wurde weggeschickt, um Wein zu kaufen. Wie die Angeklagten angaben, trieben sie dann Oralverkehr. Der Gerichtsbericht führte einige plastische Einzelheiten auf und fügte hinzu: „Diese Darstellung erscheint an sich unglaubhaft und zum mindesten unvollständig, da es nach den allgemeinen Lebenserfahrungen ausgeschlossen erscheint, dass ohne weitere zeitlich dazwischenliegende Intimitäten ein Mädchen sich in dieser Weise einem Manne geschlechtlich nähert, selbst wenn es wie die Lehmann angibt vorher im Verlaufe von etwa zwei Stunden zwei Glas Wein getrunken hat. Dazu  kommt, dass die beiden Angeklagten auch in dem Zimmer der Rosenstock von den Zeugen W. und U. beobachtet worden sind.“ Es folgt in dem Bericht diese Szene, wie sie von den Zeugen beobachtet wurde, wiederum in allen Einzelheiten, wie sie nacheinander von beiden bekräftigt wurde. „Die gleiche Wahrnehmung machte auch die Zeugin U., die der Zeuge W. dann ebenfalls durch das Schlüssellock blicken ließ. Jetzt öffnete W. die nicht verschlossene Türe und trat in das Zimmer. Die beiden Angeklagten versuchten rasch ihre Kleider und Haare in Ordnung zu bringen.“

Für ein Hamburger Gericht traten die Küsse eines impotenten Mannes an die Stelle des normalen Geschlechtsverkehrs und führten zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe. Therapeutische Massage geriet selbstverständlich bald in Verdacht wie  im  Falle des jüdischen Kaufmanns Leo Abel. Obwohl die „deutschblütige“ Masseuse standhaft leugnete, dass Abel bei der einen, einzigen Massagesitzung irgendwelche Zeichen von sexueller Erregung gezeigt hätte, und obwohl Abel selbst im Prozess das Geständnis zurückzog, das er der Gestapo gegenüber gemacht hatte, verurteilte ihn das Gericht zu zwei Jahren Zuchthaus, weil er „sich die geschlechtliche Befriedigung bei der Massage verschafft“ und  damit   „das   Verbrechen   der   Rassenschande   vollendet“  habe, „gleichgültig, ob die Zeugin davon Kenntnis gehabt habe oder nicht.“

Meine Damen und Herren, in der Folge wurden alle Aspekte des Alltagslebens und alle beruflichen Aktivitäten, in denen der Kontakt zwischen Ariern und Juden so verstanden werden konnte, als habe er irgendeine sexuelle Konnotation, systematisch identifiziert und verboten. Hierzu gehörten die Ausschließung der Juden aus Badeanstalten ebenso wie die Tatsache, dass die meisten medizinischen Fakultäten an deutschen Universitäten es im Frühjahr 1936 jüdischen Studenten untersagten, genitale Untersuchungen an Arierinnen vorzunehmen.

Meine Damen und Herren, was bedeutete die immer differenzierter werdende Definition der Begriffe „Rassenschande“ und „Verkehr“ für die Betroffenen? Sie führten zu einer allgemeinen tiefgreifenden Verunsicherung, beeinflussten das Verhalten der Menschen zueinander nachhaltig. Betrachten wir die anfangs genannten Bochumer Fälle: Jede jüdische Familie, die heranwachsende Kinder hatte, war sich bewusst, welchen Gefahren diese Kinder ausgesetzt waren, wenn sie Umgang mit nichtjüdischen Jugendlichen hatten, mochten die noch so harmlos sein. Und jeder jüdische  Mann, wo immer er sich aufhielt, sah sich als potentieller „Rasseschänder“ stigmatisiert. Der Begriff „Rasseschande“ blockierte jede normale Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden, führte zu der von den Machthabern gewollten Separierung von Juden und Nichtjuden. Und sicher konnte man sich bei aller Vorsicht nicht sein.    Die

„Nürnberger Gesetze“ boten natürlich eine juristische Basis, die von Denunzianten auf alle mögliche Weise genutzt werden konnte. Und  in den folgenden Jahren nahm die Zahl der Denunziationen beträchtlich zu. Wertet man die entsprechende Literatur aus, dann kamen ca. 57 Prozent der Denunziationen von Leuten, die keine Parteimitglieder waren, und zwischen 30 und 40 Prozent der Anschuldigungen waren falsch. Manchmal denunzierten Hotelangestellte ein Paar, von denen keiner ein Jude war; anderen wurden wegen Informationen über Beziehungen verhaftet, die lange vor 1933 zu Ende gegangen waren. Es gab Fälle von Paaren, deren intime Beziehungen viele Jahre zurücklagen und die jetzt den Geschlechtsverkehr mieden, und viele Fälle von Frauen, die ihre Bereitschaft erklärten, sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen, um zu beweisen, dass sie Jungfrauen  waren.

Bis zum Kriegsausbruch 1939 wurden in Deutschland mehr als 2.000 Urteile wegen Rassenschande gefällt

Ein Letztes, meine Damen und Herren. Wie reagierte die deutsche Bevölkerung auf die Rassengesetze? Gab es  Widerstand?  Und: Wie reagierte die deutschen Juden, die sich bald Juden in Deutschland nennen mussten?

Nach einer Untersuchung des israelischen Historikers David Bankier nahmen die Deutschen die Gesetze mehrheitlich hin, weil sie den Gedanken einer Absonderung der Juden akzeptierten: „Diese Gefühle hat die Potsdamer Gestapo in vollem Umfang registriert. Sie schrieb, dass alle der Meinung sind, es sei jetzt, nachdem sich das Regime stabilisiert hat, für die Partei die Zeit, diese Punkte auf die Tagesordnung zu bringen.“ In derselben Analyse heißt es, waren anscheinend Menschen in verschiedenen Städten und Regionen insbesondere deshalb mit dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre zufrieden, weil sie meinten, die Durchsetzung des Gesetzes werde dem antijüdischen Terror der vorangegangenen Monate eine Ende setzen. Ruhe würde wiederhergestellt werden und mit ihr der gute Name Deutschlands in den Augen der Welt. Die Menschen glaubten, unter den neuen Gesetzen sei das Verhältnis zu den Juden in Deutschland nunmehr klar definiert: „Das Judentum wird zur nationalen Minderheit gestempelt und erhält bei staatlichem Schutz die Möglichkeit, ein eigenes Kulturleben und sein eigenes völkisches Leben zu entfalten.“, das war die allgemeine Ansicht, wie sie aus Berlin berichtet wurde.

Gab es Widerstand? In oppositionellen Kreisen, hauptsächlich  unter den (nunmehr im Untergrund arbeitenden) Kommunisten, wurden die Gesetze scharf kritisiert. Einige kommunistische Flugblätter brandmarkten die demagogische Benutzung des Antisemitismus durch die Nazis und verlangten eine geeinte Oppositionsfront; andere forderten die  Befreiung  politischer  Gefangener und die Beendigung antijüdischer Maßnahmen. Daniel Bankier zufolge fuhr jedoch die kommunistische Propaganda der damaligen Zeit trotz seiner Proteste gegen die Nürnberger Gesetze fort, solche altbekannten Standardbehauptungen zu wiederholen, wie die „nur arme Arbeiter würden wegen Rassenschändung verurteilt, während die Nazis reiche Juden nicht belangen würden“, und die, “hinter dem Verbot der Beschäftigung deutscher Frauen unter 45 Jahren würden nicht rassische Prinzipien stehen, sondern es handelte sich dabei schlicht um einen Entschuldigungsgrund für die Entlassung Tausender von Frauen aus ihrer Arbeit.

Die Kirchen hielten Distanz, mit Ausnahme der streng katholischen Kreises Aachen und einiger Proteste evangelischer Pastoren beispielsweise in Speyer. Die evangelische Kirche wurde auf die Probe gestellt, als Ende September 1935 in Berlin die Preußische Bekenntnissynode zusammentrat: Eine Erklärung, welche Sorge um getaufte wie ungetaufte Juden zum Ausdruck brachte, wurde diskutiert und verworfen, aber ebenso erging es auch einer allzu deutlichen Bekundung der Unterstützung für den Staat. Die Erklärung, auf die man sich schließlich einigte, bekräftigte lediglich erneut die Heiligkeit der Taufe, was Pastor Niemöller dazu veranlasste, seine bösen Ahnungen darüber zum Ausdruck zu bringen, dass in diesem Text da Schicksal getaufter Juden nach der Taufe überhaupt nicht berücksichtigt wurde.

Bankier fasst zusammen. „Zusammengefasst lässt sich sagen,  dass die Mehrheit der Bevölkerung den Nürnberger Gesetzen zustimmte, denn sie identifizierte sich mit der Rassenpolitik, und die Diskriminierung hatte durch sie einen permanenten Rahmen erhalten, wodurch der herrschende Terror beendet wurde und den antisemitischen Aktivitäten präzise Grenzen gesetzt wurden.“

Und wie reagierten die Juden auf die Nürnberger Rassengesetze?

„Wir nehmen in diesen Tagen zugleich vom alten Jahr und von einem Jahrhundert Abschied“, erklärte die C.V.-Zeitung etwa zwei Wochen nach der Verkündung der Nürnberger Gesetze. „Ein Geschichtsabschnitt geht zu Ende.“ Doch dieses scheinbare Verständnis dafür, dass sich die Situation drastisch änderte, führte zu keinen durchschlagenden Empfehlungen. Viele deutsche Juden hofften immer noch, die Krise ließe sich in Deutschland überstehen, und die neuen Gesetze würden einen anerkannten Rahmen für ein abgesondertes, aber gleichwohl erträgliches jüdisches Leben schaffen. Die offizielle Reaktion der Reichsvertretung (die jetzt den Namen von „Reichsvertretung der deutschen Juden“ in „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ ändern musste) nahm Hitlers Erklärung von der neuen Basis, die durch die Gesetze für die Beziehungen zwischen dem deutschen Volk und den in Deutschland lebenden Juden geschaffen sei, wörtlich und verlangte dementsprechend das Recht zur freien Ausübung ihrer Aktivitäten im Bildungs- und Kulturbereich. (Hinweis auf jüdisches Casino in Bochum). Selbst auf individueller Ebene glaubten viele Juden, die neue Situation biete eine akzeptable Basis für die Zukunft. (Hinweis auf Äußerung Bochumer Juden). Nach einer Untersuchung von Berichten der Gestapo und des SD über jüdische Reaktionen auf die Gesetze waren in einer bedeutenden Zahl von Gemeinden „die Juden gerade deshalb erleichtert, weil die Gesetze, selbst wenn sie einen permanenten Rahmen der Diskriminierung schufen, die Herrschaft des willkürlichen Terrors beendeten. Es gab eine gewisse Ähnlichkeit in der Art und Weise, wie durchschnittliche Deutsche und durchschnittliche Juden reagierten. Die Deutschen äußerten Zufriedenheit, während die Juden Grund zur Hoffnung sahen. Es war so, wie es der israelische Historiker Bankier formulierte: „Die Gesetze definierten abschließend das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen. Die Juden werden zu einer nationalen Minderheit de facto welche die Möglichkeit genießt, unter staatlichem Schutz ihr eigenes kulturellen und nationales Leben zu bewahren.“

Der ultrareligiöse Teil der jüdischen Gemeinschaft begrüßte sogar die neue Lage. Am 19. September 1935 bewillkommnete „Der Israelit“, das Organ des orthodoxen Judentums, nachdem er seine Unterstützung für den Gedanken von kultureller Autonomie und getrennter Erziehung zum Ausdruck gebracht hatte, ausdrücklich das Verbot von Mischehen. Und was die deutschen Zionisten anging, so wollten sie mit der deutschen Regierung über Mittel und Wege zu einer schrittweisen Auswanderung der deutschen Juden nach Palästina im Laufe eines Zeitraums von 15 bis 20 Jahren verhandeln. Wie andere Gruppen der deutschen Juden  äußerten sie die Hoffnung, dass in der Zwischenzeit ein autonomes jüdisches Leben in Deutschland möglich sein werde.

Sie alle sollten sich täuschen. Der Glaube an die Gültigkeit von verabschiedeten Gesetzen war offensichtlich ungebrochen, obwohl die Erfahrungen der letzten Jahre  andere  gewesen  waren. Die in Nazideutschland verabschiedeten Gesetze waren das Papier nicht wert, auf dem sie standen. Sie waren den von den Nazis für den Augenblick erkannten Notwendigkeiten geschuldet. Änderten sich diese Notwendigkeiten, verloren auch die Gesetze ihre Bedeutung, konnten sie neu formuliert oder außer Kraft gesetzt werden

Hubert Schneider