Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2016                          Nr. 20

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des  Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

  • Veranstaltung zum 9. November 2015: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2015 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jü- dischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Erinnert wurde in diesem Jahr an die Neugründung der Bochumer jüdischen Gemeinde Ende 1945 Diese Neugründung war ja nicht selbstverständlich: Am Ende des Krieges lebten in Bochum noch 4 Juden. Zurück kamen in den folgenden Monaten nur wenige: Die, die Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt hatten, mieden entweder Bochum oder kamen i.d.R, nur für kurze Zeit zurück, blieben nur solange, bis sie ein anderes Einwanderungsland fanden. Zurück kamen vor allem die erst im September/Oktober 1944 in Arbeitslager verschleppten in sogenannten „Mischehen“ lebenden Juden, deren nichtjüdische Ehepartner, die sogenannten „jüdisch Versippten“, und deren Kinder, die  sogenannten  „Mischlinge 1.  Grades“ und „Mischlinge“ 2. Grades. Diese Gruppe bildete den Kern der neuen jüdischen Gemeinde. Sie blieben hier, weil es ja vor Ort den christlichen Teil der Familie gab.
     
  • Die Veranstaltung wurde in diesem Jahr von ca. 20 Auszubildenden bei Opel in Kooperation mit der Opel-Jugendvertretung, der IG Metall und dem DGB durchgeführt. Das war insofern ein Novum, als bisher sich immer Schülerinnen und Schüler Bochumer Schulen im Rahmen ihres Schulunterrichts den jeweiligen Themen gewidmet hatten. Für diese Jugendlichen war das Thema sehr weit weg von ihrem Alltag, zumal sie nur über rudimentäre historische Kenntnisse verfügten. Für die Betreuer Uli Borchers von der IG Metall und Hubert Schneider war es
    eine besondere Herausforderung, den jungen Leuten den Zusammenhang zwischen den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935, die ja versucht hatten, zu definieren, wer Jude ist, und dem Schicksal der Überlebenden in sogenannter Mischehe lebenden, deren christliche Partner und deren Kinder zu vermitteln. Das war harte Arbeit für alle: Aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Der Auftritt der jungen Leute fand große Anerkennung, die Jugendlichen selbst waren stolz. Sie hatten sich einer Aufgabe  gestellt  und diese bewältigt. Einer meinte denn auch, dass er diese Erfahrung niemals vergessen werde. Den hohen Stellenwert, den die Gedenkveranstaltung in der Stadt hat, unterstrichen auch die Ansprachen des neuen Oberbürgermeisters, Herr Thomas Eiskirch, und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne- Hattingen, Herr Grigory Rabinovich. Das Totengebet (Kaddisch) sprach Herr Rabbiner Boruch Babaev. Artur Libischewski vom Kinder- und Jugendring Bochum e.V. moderierte die Veranstaltung letztmals. Er, der in den letzten Jahren zu einer tragenden Säule der Veranstaltung wurde, gibt dieses Amt aus Altersgründen ab. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung eindrucks- voll durch musikalische Beiträge der Cellistin Frau Conrad. Im umfassenden Rahmenprogramm zu dem Gedenktag war unser Verein mit einigen Veranstaltungen beteiligt:
     
  • Bereits um 15.30 Uhr des 9. November hatte Hubert Schneider einen Rundgang zu den in Bochum verlegten Stolpersteinen durchgeführt. Ein zweiter Rundgang wurde von der VVN-BdA Bochum angeboten. Diese Rundgänge sind inzwischen zum festen Bestandteil der Gedenkveranstaltungen zum 9. November geworden.
     
  • Am 12. November hielt Hubert Schneider im Stadtarchiv einen Vortrag zum Thema „Die Nürnberger Gesetze von 1935 und ihre Auswirkungen in Bochum.“
     
  • Das Projekt Stolpersteine wurde 2015 fortgeführt: Am 25. November 2015 war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 22 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem Heft ge- nannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden:

www.Bochum.de/Stolpersteine
 

  • Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.
     
  • Auch Anfragen aus dem In- und Ausland zu jüdischem Leben in Bochum erreichten uns. Vor allem nach dem Erscheinen des Buches „Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945“ meldeten sich zahlreiche Betroffene und deren Nachfahren im In- und Ausland, um nähere Informationen zu bekom- men. Das zeigt einmal mehr, wie sinnvoll und notwendig es ist, die Geschichte der jüdischen Gemeinde unserer Stadt zu erforschen und die Ergebnisse zu publizieren.
     
  • Hubert Schneider hat im Rahmen des Projekts „Bochumer Ehrenbürger“ einen Vortrag gehalten. Er sprach zu Carl Rawitzki und Saladin Schmitt. Die Vortragsreihe der Kortum-Gesellschaft wird fortgesetzt. Die Ergebnisse sollen publiziert werden.
     
  • Hubert Schneider stellte auf einer von der Literarischen Gesellschaft und Axel Schäfer MdB organisierten Veranstaltung „Bochumer BücherBord 5“ am 20. August 2015 sein Buch „Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945“ vor.
     
  • Kontakt gab es mit der Schülerin Melissa Lining in Berlin, die eine Arbeit über die Bochumer Schauspielerin Meta Wolff geschrieben hat.
     
  • Hubert Schneider führte am 2. Juni 2015 auf dem „Forum am Vormittag“, veranstaltet vom katholischen Forum Bochum, eine dreistündige Veranstaltung durch. Thema: Erinnern für die Zukunft. Stolpersteine in Bochum.
     
  • Gleich 2 Stellen traten mit unserem Verein wegen Albert Ullmann heran. Ullmann lebte in Wattenscheid, war nach dem Tod von Herrn Vollmann kurze Zeit Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Bochum. Informationen wollte ein Urenkel von Ullmann, außerdem interessierte sich der Heimatforscher Dieter Ohlmann aus Jüchen für den Mann.
     
  • Dem Heimatforscher Seippel in Dortmund konnte geholfen werden. Er forscht über die jüdische Familie Strauß aus Dortmund. Paula Strauß war mit Erwin Bonn verheiratet, wohnte Anfang der 40er Jahre noch in Bochum. Da es verschiedene in sich widersprüchliche Überlieferungen gibt, dauerte es etwas, bis wir herausfanden, dass es sich bei Erwin Bonn um den Stiefbruder von Alfred Salomon handelte. Über dessen Biografie haben wir natürlich gute Informationen, die wir Herrn Seippel zur Verfügung stellen konnten.
     
  • Die Provenienzstelle in Berlin trat an uns heran. In einer Bibliothek in Berlin tauchten Bücher aus der Bibliothek des Bochumer Rechtsanwalts Rawitzki auf. Man sucht potentielle Erben. Wir konnten umfassende Informationen geben und auf potentielle Erben in Israel hinweisen.
     
  • Über die jüdische Gemeinde kam eine Anfrage einer weitläufigen Verwandten der Familie David Jacob in Israel zu uns. Die Bochumer Familie Jacob (Mutter, Vater und Tochter) wurde im April 1942 nach Zamosc deportiert und ermordet. Der Kontakt mit Frau Keren besteht noch.
     
  • An der Universität Münster wird an einem Gedenkkonzept gearbeitet. Dabei geht es offensichtlich um vormals jüdische Studierende, die Opfer der Shoah wurden. Wir konnten einige Informationen weitergeben.
     
  • Die Journalistin Andrea Behnke in Bochum fragte nach Informationen über Else Hirsch, Lehrerin an der jüdischen Schule Bochum. Ein entsprechender Zeitungsartikel ist inzwischen erschienen.
     
  • Seit längerer Zeit gibt es Kontakt mit Tanja Cohen in Südafrika, Nachfahrin der Bochumer Metzgerfamilie Cohen. Tanja und ihre Geschwister wollen mehr über die Wurzeln ihrer Familie erfahren.
     
  • Von dem Bochumer Gefängnis „Krümmede“ kam eine Anfrage, Dort sucht man offensichtlich Informationen über Häftlinge, die  als Opfer des Nationalsozialismus dort einsaßen.
     
  • Das Holocaust Memorial Center in Farmington Hills (USA) bedankte sich für die beiden Bücher von Hubert Schneider („Judenhäuser in Bochum“ und „Leben nach dem Überleben).
     
  • Im letzten Heft berichteten wir über eine Initiative, die in dem alten Gebäude des Nordbahnhofs eine Gedenkstätte einrichten möchte. Von dort wurden wie wir heute wissen die letzten Deportationen Bochumer Juden im September/Oktober 1944 durchgeführt. Das Gebäude befindet sich heute im Privatbesitz. Daraus ergeben sich einige Komplikationen. Demnächst wird sich ein Bürgerverein „Nordbahnhof“ bilden, der seine Bemühungen fortsetzen wird. Wir werden weiter darüber berichten.
     
  • Nach längerer Zeit hatten wir wieder Besuch in Bochum:  Anfang Mai kamen für 3 Tage Caroline und Richard Field aus London zu uns. Caroline ist eine Großnichte von Siegmund und Ottilie Schoenewald. Die Schoenewalds gehörten ja zu den prominenten jüdischen Paaren in Bochum. Ottilie wurde hier mit der Benennung einer Straße und einer Schule mit ihrem Namen geehrt.  Das  war  für  die  Fields  insofern  eine  Überraschung, als „Tante Tilly“ so wurde sie in der Familie genannt -, immer nur als Frau des Onkels Siegmund eine Rolle spielte. Über ihre bedeutende gesellschaftliche Rolle war den Fields nichts bekannt. Umso größer war die Überraschung. Hubert Schneider begleitete die Fields. Das Paar wurde von Frau Bürgermeisterin Stahl empfangen, ebenso in der jüdischen Gemeinde. Es kam zu Treffen in der Goetheschule. Die WAZ berichtete über den Besuch in Wort und Bild.
     
  • Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie  vor der Kontakt  mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist offensichtlich unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt. Aus den Rückmeldungen wird deutlich, dass das Heft immer noch als eine Verbindung zur Geburtsstadt Bochum gesehen wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Menschen i.d.R. 90 Jahre und älter sind. Solange wir solche Rückmeldungen bekommen, werden wir das Heft weiter produzieren.
     
  • Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten. Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im “Bochumer Bündnis gegen Rechts.“
     
  • Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde.: Ende Januar starb Paul Wassermann in London im Alter  von 95 Jahren. Herr Wassermann hat unsere Arbeit über all die Jahre intensiv begleitet. Ein umfassender Briefwechsel zeugt davon. Wir trauern mit seiner langjährigen Gefährtin Margot Kinstead, werden die Erinnerung an den Verstorbenen in unserem Gedächtnis bewahren.
     
  • Hingewiesen sei auf eine wichtige Neuerscheinung. Vor wenigen Tagen erschien im Klartext-Verlag das Buch von Ingrid Wölk, der Bochumer Stadtarchivarin: Leo Baer. 100 Jahre deutsch-jüdische Geschichte. Mit den „Erinnerungssplittern eines deutschen Juden an zwei Weltkriege“ von Leo Baer und einem Vorwort von Gerd Krumeich Es ist ein eindrucksvolles Dokument. Wir werden im nächsten Heft darauf zurückkommen.

Nach wie vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse:

www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

Hubert Schneider