Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2017                          Nr. 21

Inhaltsverzeichnis

Ansprachen anlässlich der Enthüllung der Stele in der Huestraße am Platz vor dem ehemaligen Schul- und Verwaltungsgebäude der alten jüdischen Gemeinde Bochum

Dr. Manfred Keller (ehem. Leiter der Ev. Stadtakademie)

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

wir stehen hier an einem Ort, an dem acht Jahrzehnte lang das Herz der Jüdischen Gemeinde Bochum schlug. Am 29. Mai 1861, heute vor 156 Jahren, wurde an dieser Stelle der Grundstein für die neue Synagoge und die neue jüdische Schule gelegt. Ich betone das Wort „neu“, denn der Gebäudekomplex – bestehend aus Gotteshaus und Schulhaus – hatte bereits Vorgänger in unserer Stadt. Die erste Synagoge von 1744 lag unten an der Schützenbahn und an derselben Straße gegenüber war 1828 in einem angemieteten Haus der erste Schulraum für jüdische Kinder eingerichtet worden.

Im Zuge der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnete das Ruhrgebiet eine enorme Zuwanderung. Die Menschen kamen aus den ländlichen Gebieten Westfalens und des Rheinlands, aber auch aus dem Osten Deutschlands und aus Polen. Sie alle suchten hier – „tief im Westen“ – Arbeit und eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Dadurch wuchs auch die jüdische Gemeinde in Bochum so stark an, dass die alten Gebäude weder für den Gottesdienst noch für den Unterricht ausreichten.

1861 war die Grundsteinlegung des neuen Gemeindezentrums, achtzig Jahre später – am 10. September 1941 – erfolgte die Auflösung der jüdischen Schule, nachdem bereits in der Pogromnacht 1938 die Synagoge von Bochumer Nationalsozialisten in Schutt und Asche gelegt worden war. Die achtzig Jahre zwischen 1861 und 1941 sind das Thema der Stele, die vor uns steht und die wir heute der Öffentlichkeit übergeben. Trotz des bitteren Endes waren die acht Jahrzehnte von 1861 bis 1941 die große Zeit der jüdischen Gemeinde Bochum. Diese Zeit umfasste drei Abschnitte:

- die Phase des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs im Kaiserreich bis zur Jahrhundertwende
- die Phase der religiösen und kulturellen Blüte von 1900 bis 1933
- und schließlich den erzwungenen Abschnitt des äußeren Niedergangs, der aber die innere Kraft der Jüdischen Gemeinde Bochum und die menschliche Größe vieler Gemeindeglieder eindrucksvoll zutage treten ließ.

Eine Synagoge hat für Juden eine andere Stellung als die Kirche bei den Christen. Sie dient mehr der Vermittlung von Wissen, ist soziale Institution, Ort der Begegnung im Alltag. Dies umso mehr, wenn wie hier – zeitgleich und in unmittelbarer Nachbarschaft – das Schulhaus errichtet wurde, das sich nach mehrmaligem Um- und Ausbau zum Jüdischen Gemeindezentrum für Bochum entwickelte. Dem Schulbetrieb dienten drei Unterrichtsräume und eine Lehrerwohnung. Als Gemeindezentrum beherbergte es die Gemeindeverwaltung, eine Fürsorgestelle, die Gemeindebibliothek und einen Kinderhort, zeitweilig auch einen Gebetsraum für die orthodoxen Ostjuden. Bereits in der Aufstiegsphase gründeten sich hier sozial orientierte Vereine, die arme Gemeindemitglieder unterstützte. Dazu kamen Stiftungen, die jüdische Bürger einrichteten, u.z. nicht nur solche für innerjüdische soziale Zwecke, sondern auch solche, die der gesamten Einwohnerschaft von Bochum zugutekamen. Wer sich für die Einzelheiten interessiert, lese die Abschnitte „Soziales Engagement“ und „Wohltätige Stiftungen“ auf Seite 1 dieser Stele.

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, von alters her hat das Lernen im Judentum einen hohen Stellenwert. Im Judentum beschränkt sich das Lernen nicht auf Kindheit und Jugend. In der jüdischen Kultur erschöpft sich das Lernen auch nicht in einer Ansammlung von kaltem Wissen, sondern das Herz muss immer beteiligt sein. Das jüdische Konzept der Wissensweitergabe heißt „Le Dor va Dor“ – „von Generation zu Generation“. Dieses Motto stammt aus der „Amida“, dem zentralen Gebet jedes Gottesdienstes in der Synagoge. Darin heißt es: „Von Generation zu Generation wollen wir deine Größe verkünden.“ Im 5. Buch Mose steht ein Wort, in dem das Lernen eine zentrale Rolle spielt: „Höre Israel“, sagt Mose dort, „die Gebote und Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede: Lernt sie und bewahrt sie, dass ihr danach tut.“ Dieser Bibelvers beschreibt perfekt, was Lernen im Judentum bedeutet. Lernen wurzelt in der Glaubenstradition und es muss immer zu etwas führen, es muss auf ein Tun zielen. In der jüdischen Tradition ist das Ziel des Lernens die aktive Liebe zu Gott und zum Mitmenschen – Gottesliebe, Solidarität und Menschlichkeit.

Diesem Ziel galt die Arbeit der Frauen und Männer, die in dem Zeitraum, den diese Stele in Erinnerung ruft, im jüdischen Gemeindezentrum wirkten. Von den vielen, die hier zu nennen wären, greife ich nur die Namen von zwei Männern und zwei Frauen heraus: Moritz David und Erich Mendel, Ottilie Schönewald und Else Hirsch.

Rabbiner Dr. Moritz David gehörte der reformorientierten Richtung des zeitgenössischen Judentums an und hat in diesem Sinne auch das religiöse Leben der Synagogengemeinde Bochum geprägt. Die Gottesdienstbesucher schätzten den gedanklichen Reichtum, die menschliche Wärme und die ermutigende Kraft seiner Predigten, nicht zuletzt in der Phase des Niedergangs der Gemeinde nach 1933. Dass diese Wirkung auch Jugendliche verspürten, bezeugt Jerry Freimark, der als Siebzehnjähriger im Oktober 1938 Bochum verließ und heute – 95 Jahre alt – in den USA lebt. In einem Brief erinnert er sich: „Die Synagoge und die Predigten des Rabbiners waren damals für uns eine Oase in der braunen Wüste. Nachdem wir die ganze Woche hören mussten, wie schlecht und minderwertig wir Juden wären, gab uns der Gottesdienst mit Dr. Davids Predigten wieder einen festen Halt und Stolz auf unser Judentum.“

Neben Moritz David muss gleichrangig Erich Mendel genannt werden. Er war Kantor und Lehrer, Komponist und Sammler synagogaler Musik. An ihn erinnert die erste Stele dieses Stationenwegs auf dem Erich-Mendel-Platz vor der neuen, dritten Bochumer Synagoge. Sie illustriert die beiden Leben Mendels in Bochum und – nach der erzwungenen Emigration – in den USA. Für beide Leben galt das Motto „Le Dor va Dor“ – „von Generation zu Generation“. Denn als Bochumer Lehrer und Gemeindekantor hatte er sich derselben Aufgabe verschrieben wie später als Dozent in Philadelphia: Die kostbaren Schätze jüdischer Kultur zu pflegen und an die nächste Generation zu vermitteln.

Zu den prägenden Persönlichkeiten der Jüdischen Gemeinde Bochum in den Jahrzehnten ihrer Blüte und in der Zeit der Bedrängnis gehört auch Ottilie Schönewald. In ihrer Heimatstadt und in Gremien des westfälischen Judentums bekleidete sie zahlreiche Ehrenämter. Zuletzt war sie Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland mit Büro in Berlin, wo sie – u.a. gemeinsam mit Leo Baeck, dem Repräsentanten des liberalen Judentums – bis zur Zwangsauflösung ihres Verbandes 1938 schwierige Entscheidungen zu treffen hatte.

In einem weit bescheideneren Rahmen lebte und wirkte die Lehrerin Else Hirsch. Sie kam 1928 an die Jüdische Volksschule Bochum. Verdienste erwarb sie sich nicht nur im alltäglichen Unterricht, sondern auch durch die gezielte Vorbereitung ihrer Schülerinnen und Schüler auf die Auswanderung. Eine humanitäre Großtat waren die zehn Kindertransporte, die sie gemeinsam mit der Gemeindesekretärin Erna Philipp organisierte. Daran erinnert die zweite Seite dieser Stele, die von Dr. Hubert Schneider vorgestellt wird. Aus der Sicht des Historikers – das werden Sie gleich hören – ergeben sich gewichtige Fragezeichen gegenüber den Kindertransporten, die in unserer Arbeitsgruppe kontrovers diskutiert wurden. Persönlich komme ich zu einer positiven Wertung. Denn unabhängig von den Umständen der Transporte und der Anzahl der geretteten Kinder gilt für mich: Jedes dieser Kinder und seine Nachkommen verdanken ihr Leben Else Hirsch und Erna Philipp.

Im Unterschied zu Erna Philipp gelang es Else Hirsch nicht, ins rettende Ausland zu flüchten. Sie wurde 1942 nach Riga deportiert und dort umgebracht. Zu ihrem Gedenken ist im Jahr 2006 hier an ihrer ehemaligen Wirkungsstätte ein Stolperstein verlegt worden. Vor kurzem kamen vier Stolpersteine für die Familie des Hausmeisters und Synagogendieners Jakob Wolff dazu, die in der ehemaligen Lehrerwohnung des Schulhauses lebte. Das Schulgebäude wurde nach der Einstellung des Schulbetriebs im September 1941 zum „Judenhaus“ umfunktioniert, in dem 1942 nicht weniger als 13 jüdische Familien zusammenleben mussten. Wertet man die überlieferten Akten aus, wie Hubert Schneider dies in seinem Buch über die Bochumer Judenhäuser getan hat, dann findet man die Namen von 71 Bochumer Juden – Frauen, Männer und Kinder – , die von diesem Hause aus über einen der Bochumer Bahnhöfe nach Lettland und in den Tod deportiert wurden. Die Stolpersteine für diese Verschleppten und Ermordeten würden die gesamte Fläche einnehmen von den ersten fünf Steinen dort bis hin zu dieser Stele.

Liebe Schülerinnen und Schüler, meine Damen und Herren, auch wenn wir die NS-Verbrechen und das schlimme Ende der Jüdischen Schule und der Synagoge in Wort und Bild deutlich zum Ausdruck bringen, so ist die neue Stele doch nicht in erster Linie eine Erinnerung an Verfolgung und Vernichtung der Juden. Sie ist viel mehr ein Zeichen der Wertschätzung und des Respekts für das, was frühere Generationen von Bochumer Juden geleistet haben: für die jüdische Gemeinde und für unsere Stadt, in guten wie in schlechten Zeiten.

Durch den Zuzug jüdischer Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist in den letzten fünfundzwanzig Jahren die neue Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen entstanden mit einer neuen, dritten Bochumer Synagoge. Als Landesrabbiner Henry Brandt die Synagoge an der Castroper Straße vor zehn Jahre einweihte, lautete der erste Satz seiner Predigt: „Das Herz unserer Gemeinde schlägt wieder.“ Ich wünsche den Verantwortlichen der Jüdischen Gemeinde heute, dass die positiven Erinnerungen, die auf dieser Stele festgehalten sind, Impulse geben für die Gestaltung der eigenen Gemeinde, aber auch für die Mitgestaltung des kulturellen und sozialen Lebens in der Stadt.