Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2017                          Nr. 21

Inhaltsverzeichnis

Bei einer Veranstaltung im Stadtarchiv Bochum hielt Hubert Schneider im Zusammenhang mit der Errichtung einer zentralen Gedenkstelle für die Opfer des Nationalsozialismus in Bochum im Nordbahnhof einen Vortrag, dessen Text wir hier abdrucken.

Der Nordbahnhof als Ausgangspunkt der Deportationen in die Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager (1942- 1944)

Welche Bedeutung der Nordbahnhof in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem im Zusammenhang mit der Deportation der Bochumer Juden hatte, war lange ungewiss. Ab Januar 1942 wurden die noch in Bochum und in den umliegenden Orten (Witten, Herne, Wanne-Eickel) lebenden Juden deportiert. Mit Lastwagen, Bussen oder Zügen wurden sie zunächst nach Dortmund gebracht, wo Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg konzentriert und dann in Sammelzügen der Reichsbahn in die zumeist in Osteuropa liegenden Konzentrations- und Vernichtungslager transportiert wurden. Sammeltransporte gingen von Dortmund aus nach Riga (am 27. Januar 1942), nach Zamosc (am 27. April 1942), nach Theresienstadt (am 29. Juli 1942 und am 5. März 1943) sowie nach Auschwitz (am 1. März 1943). Die letzten Bochumer Juden, die in sogenannten „Mischehen“ lebten, wurden zusammen mit ihren nichtjüdischen Partnern, den sogenannten „jüdisch Versippten“, und ihren Kindern, den sogenannten „Mischlingen“, ab September/Oktober 1944 in verschiedene Arbeitslager deportiert.

Im kollektiven Gedächtnis der Bochumer Bevölkerung – soweit sie historisch interessiert ist – ist der Nordbahnhof aufs engste verbunden mit der Deportation der Bochumer Juden in den Jahren 1942 bis 1944. Gestützt auf dieses kollektive Gedächtnis stellten die Autoren der 1988 von der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Bochum“ herausgegebenen Broschüre „Widerstand und Verfolgung in Bochum und Wattenscheid“ fest:

„Die alte Judenschule in Wattenscheid und der Nordbahnhof dienten den Nazis als Sammelstationen für den Abtransport der Juden in die Konzentrationslager.“ (VVN, 1988, S. 32))

In der 1993 erschienen Broschüre „Die Verfolgung der Juden in Bochum und Wattenscheid“, wiederum herausgegeben von VVN/ BdA Bochum, wurde diese Aussage bekräftigt:

„Die Bochumer Juden wurden entweder verhaftet oder mussten sich nach Aufforderung am Sammelort einfinden und wurden dann mit dem Zug vom Bochumer Nordbahnhof nach Dortmund transportiert.“ (VVN, 1993, S. 46).

In den in den folgenden Jahren zum Thema Nordbahnhof vor allem im Internet erschienenen Texten (z.B. in dem vom Stadtarchiv im Internet veröffentlichten „Bochumer Stationenweg“ unter der „Station 33: Nordbahnhof“ oder bei Wikipedia) wurde diese Aussage übernommen. Belege dafür, wie es zu dieser kollektiven Erinnerung gekommen sein mag oder andere Dokumente, die den Nordbahnhof als Ausgangspunkt der Deportation ausweisen, wurden nirgends genannt.

Inzwischen sind Dokumente gefunden worden, die belegen, dass der Nordbahnhof zumindest bei einigen Deportationen der Ausgangspunkt in Bochum war.

Juli 1942 Deportation nach Theresienstadt

Karola Freimark, die zusammen mit ihrem Mann Simon am 27. Juli 1942 von Bochum aus über Dortmund nach Theresienstadt deportiert wurde, überlebte. 1946 schrieb sie einen ausführlichen Bericht über ihre Erfahrungen in Theresienstadt:

„Am 27.7.1942 wurde der Rest der Bochumer Juden, ca. 45, mit einem Bus nach Dortmund zum Viehhof gefahren.“ (Schneider. 2005, S. 330-336).

Karolas Kinder bestätigten, dass ihre Mutter immer gesagt habe, sie seien von der Schule in der Wilhelmstraße zunächst zum Nordbahnhof und von dort mit dem Bus nach Dortmund gebracht worden.

Eindeutig sind die Aussagen im „Wiedergutmachungsfahren“ der Erna Hoffmann für ihre Eltern Leopold und Rosalie Samuel aus dem Jahre 1956. Carl Schaaf, der mit dem Ehepaar Samuel im Haus Kortumstraße 35 gewohnt hatte, machte am 11.9.1956 vor dem „Amt für Wiedergutmachung“ in Bochum folgende Angaben:

„Im Herbst 1942 (kann nicht genau angegeben werden) wurde ein Herr und Frau Baruch, Bochum zu den Eheleuten Samuel einquartiert und einige Tage später aufgefordert, sich zum Abtransport am Bochumer Nord- Bahnhof zu melden. 2. Die Wohnung wurde von Parteibeamten abgeschlossen, die auch den Schlüssel an sich nahmen. 3. Im Spätherbst 1942 wurden Herr und Frau Goebbels aus Bocholt durch das Wohnungsamt in die Wohnung eingewiesen. 4. Einige Tage nach dem Abtransport der beiden Familien wurde der gesamte Wohnungsinhalt durch die Partei auf einen Lastwagen geladen und abtransportiert, wohin, kann ich nicht sagen.“ (LA NW, Abt. Westfalen, Wiedergutmachung 460151)

Präzisere Angaben zum Zeitpunkt des Abtransports der Eheleute Samuel machte am 27.9.1956 Frau Frieda Horch vor dem „Amt für Wiedergutmachung“ in Bochum:

„ Ich kenne die Eheleute Leopold und Rosalie Samuel seit dem Jahr 1933, denn ich habe mit Ihnen zusammen im Hause Kortumstraße 35 gewohnt. Mir ist bekannt, dass die Eheleute Samuel im Juli 1942 deportiert wurden. Aus diesem Anlass mussten sie morgens gegen 8 Uhr ihre Wohnung verlassen und die Wohnungsschlüssel an der Wilhelmstraße, dort war die Sammelstelle, abgeben. Einige Stunden später sah ich, wie 2 SS-Leute mit einem Volkswagen vor dem Haus hielten und in die Wohnung der Eheleute Samuel gingen. Sie kamen aus der Wohnung mit mehreren Kartons, die sie im Volkswagen unterbrachten. Was in den Kartons war, konnte ich nicht feststellen. Die Wohnung wurde von den SS-Leuten wieder verschlossen. Die Wohnung wurde einige Tage später von Beamten des Finanzamtes versiegelt. Was mit den in der Wohnung verbliebenen Sachen geschehen ist, kann ich nicht sagen, da ich vormittags als Putzfrau bei Dr. Koch tätig war. Ich weiss nur noch, dass in die leere Wohnung eine Familie Göbbels aus Bocholt eingewiesen worden ist.“ (LA NW, Abt. Westfalen, Wiedergutmachung 460151)

Beide Zeugenaussagen lassen die Annahme zu, dass der Nordbahnhof Treffpunkt für die Juden war, die am 27, Juli 1942 über Dortmund nach Theresienstadt deportiert wurden.

Entsprechende Belege für die anderen Deportationen der Jahre 1942/43 gibt es nicht. Im Gegenteil: Frau Emma Modrze geb. Sommer, die zusammen mit ihrem Mann Robert Ende Januar 1942 nah Riga deportiert wurde, machte am 6. Februar 1955 in einer eidesstattlichen Erklärung vor dem Wiedergutmachungsamt Bochum folgende Aussage:

[…] Am 23.1.1942 mussten mein Ehemann Robert M. und ich uns auf schriftlichen Befehl der Gestapo am Bochumer Hauptbahnhof melden, von wo wir nach Dortmund in ein Sammellager kamen (Viehhof). […] (LA NW, Abt. Westfalen, Wiedergutmachung 617713).

Transporte in verschiedene Arbeitslager ab September/Oktober 1944

Eindeutig sind die Belege, die den Nordbahnhof als Ausgangspunkt für die letzten Deportationen aus Bochum ab September/Oktober 1944 kennzeichnen.

Es mag zunächst verwundern, dass zu diesem späten Zeitpunkt überhaupt noch Juden in Deutschland, in Bochum lebten. Das bedarf der Erläuterung.

Das nationalsozialistische Regime betrachtete im Herbst 1944 die „Judenfrageals in seinem Sinn weitgehend gelöst. Fast alle bis zum Kriegsende noch folgenden antijüdischen Erlasse und Verordnungen bezogen sich daher auf „Mischehen“, „Mischlinge 1. Grades“ (zwei jüdische Großelternteile) und „jüdisch Versippte“ Gemeint waren damit in der Regel die nicht jüdischen Partner einer „Mischehe.“

Im Herbst 1944 – die Truppen der Westalliierten rückten in Belgien und den Niederlanden bereits auf den Rhein vor, die Rote Armee hatte die Weichsel erreicht – holte das Regime noch zu einem Schlag gegen die „Mischehepartner“ und „Mischlinge“ aus, indem es ihre Verbringung in Arbeitslager der Organisation Todt anordnete.

Reichsweite Direktiven in Form von Erlassen oder Verordnungen, die dieser Maßnahme zugrunde lagen, sind nur rudimentär oder aus Quellen mit lediglich lokalem Bezug überliefert.

In der „Wiedergutmachungsakte“ des Bochumer „jüdisch Versippten“ christlichen Friedrich Wegerhoff – er war verheiratet mit der jüdischen Sara Rosenstein, die Familie hatte 9 Kinder – findet sich die Abschrift eines Schreibens der „Geheimen Staatspolizei Staatspolizeistelle Dortmund – Außenstelle Bochum“, in dem steht:

„Sie werden hiermit aufgefordert, sich am Sonntag, dem 15.10.44 in Bochum, Jahnstraße 4 (Freiherr v. Stein-Schule) Hofbaracke, Nähe Schwanenmarkt – zwecks Arbeitseinsatz für die OT einzufinden. Mitzubringen sind:

1.Verpflegung für 4-5 Tage 2. 2-3 Wolldecken 3. Arbeitszeug und Arbeitsschuhe 4. Arbeitsgeräte, Sägen, Beile, Spaten, Hacken usw. (soweit vorhanden). Sollten Sie dieser Aufforderung keine Folge leisten, so haben Sie mit Ihrer sofortigen Inschutzhaftnahme zu rechnen Gez. i.A Siebert“. (LA NW, Abt. Westfalen, Wiedergutmachung 23242)

Was dann mit ihm passierte, beschrieb Friedrich Wegerhoff am 5. 12. 1959 so:

„Darauf wurde ich am 15.10.44 von der Gestapo abgeholt und in die Arndtschule eingeliefert. Nach schweren Misshandlungen an mir wurde ich am selben Tage nach Kassel-Elben gebracht. Daselbst wurde ich als arbeitsunfähig durch die erlittenen Misshandlungen eingeliefert.“ (Ebenda).

Was Friedrich Wegerhoff in seinem Bericht nicht schreibt, was wir aber aus anderen Quellen wissen, nahm der Transport nach Elben seinen Ausgangspunkt am Bochumer Nordbahnhof.

Was geschah mit der jüdischen Ehefrau Sara Wegerhoff geb. Rosenstein und den Kindern aus dieser Beziehung, den sogenannten „Mischlingen“?

Das Drama dieser Familie fasste Siegbert Vollmann, der Vorsitzende der jüdischen Nachkriegsgemeinde, in einer Notiz vom 28.7.1949 zusammen:

„Seine (Friedrich Wegerhoffs) Ehefrau wurde am 13. März 1945 zusammen mit 2 Kindern von der Gestapo verhaftet, nach Hattingen- Henrichshütte gebracht und am gleichen Tage erschossen. Von weiteren 6 Kindern wurden von der Gestapo

2 Kinder bei einer jüdischen versippten Familie in Herne

2 Kinder bei einer jüdischen versippten Familie in Witten

2 Kinder bei einer christlichen Familie in Langendreer untergebracht und zwar am 13. März.“ (Ebenda).

Bleibt noch zu ergänzen: Die älteste Tochter, die 1927 geborene Tochter Frieda, kam Ende Dezember 1944 in ein Arbeitslager in Hagen-Haspe. Nach dem Krieg lebte sie zunächst wieder in Bochum. Ein erster Versuch, nach Palästina zu kommen, scheiterte: Frieda gehörte 1947 als einzige Bochumerin zu den Passagieren der „Exodus“, das Schiff wurde von der britischen Mandatsmacht vor Haifa aufgebracht und nach Hamburg zurückgeschickt. Frieda kam später doch noch nach Israel, dort ist sie 2004 gestorben. (Schneider, 2014, S. 301-303)

Kommen wir zurück zum Nordbahnhof.

Die jüdische Emma Müller geb. Sommer war mit dem evangelischen Otto Müller verheiratet. Mit ihm hatte sie den Sohn Manfred, der evangelisch getauft wurde. Am 18.1.1946 schrieb Frau Müller:

„Aus rassepolitischen Gründen wurde ich am 29. September 1944, mein Mann und mein Sohn aus rassepolitischen Gründen und politischer Unzuverlässigkeit am 14. Oktober von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager (Judenlager) Elben b. Cassel gebracht. […]“ (Archiv Erinnern für die Zukunft, Anmeldeformular).

Otto Müller erinnerte sich am 6. 2.1950 so:

„Meine Verhaftung erfolgte am 14. 10. 1944, zurückgekommen bin ich aber erst am 8.5.45. Meine Entlassung aus dem Lager Elben erfolgte durch die Amerikaner am 21.4.1945 (siehe Entlassungsschein). Praktisch waren wir durch den Einmarsch der Amerikaner am 31.3.45 in Elben befreit. Mein Versuch, schon vor dem 21.4.45 ohne einen Ausweis der amerikanischen Besatzungsmacht zu Fuss nach Hause zu kommen, scheiterte: In Bad Wildungen wurden meine Frau, mein Sohn und ich von den Amerikanern gefasst und von denselben in das Judenlager Elben zurückgebracht. Erst nach Erhalt des Entlassungsscheines am 21.4.45 machten wir uns erneut zu Fuß auf den Weg, um nach Hause zu kommen. Unter unsäglichen Strapazen gelangten wir dann endlich am 8.5.45 nach Hause. […]“ (LA NW, Abt- Westfalen, Wiedergutmachung 23099)

Was den Ausgangspunkt der Deportation der Familie Müller aus Bochum betrifft, sind die Angaben des Sohnes Manfred Müller am genauesten. In einer eidesstattlichen Erklärung vom 25.8.1945 machte er folgende Aussage:

„Am 15. Oktober 1944 wurden mein Vater, Otto Müller, geb. am 14. März 1893, und ich von der Gestapo verhaftet. Wir mussten uns am Bahnhof Nord stellen und wurden von dort aus mit einem Transport in das Judenlager Kassel und später nach Elben überführt. Am 21. April 1945 wurden wir durch den Einmarsch der Amerikaner befreit. Seit Ende Mai 1945 halten wir uns in Bochum auf. Meine Mutter ist Volljüdin. Aus diesem Grunde erfolgte die Verhaftung.“ (LA NW, Abt. Westfalen, Wiedergutmachung 23097).

Die Aussage von Manfred Müller wurde durch eine eidesstattliche Erklärung von Albert Diel vom 17.12.1949 bestätigt:

Ich erkläre hiermit, dass ich mich am 14.10.1944 am Bahnhof Nord stellen musste, da wurden wir verladen und kamen von da aus nach Soest in ein Sammellager, Von da aus ging es weiter nach dem Lager Elben, dort habe ich Müller mit Frau und Sohn gleich am 1. Tage getroffen, wir sind auch zusammenn entlassen worden.“ (Ebenda).

Als letztes Beispiel möchte ich über das Schicksal des Juden Max Moses Herz, seiner christlichen Ehefrau Bertha geb. Ostwald und deren Kinder Heinz-Günter und Hannelore berichten.

Der Sohn Heinz Günter Herz schrieb in einer eidesstattlichen Erklärung vom 22.3.1956:

„Am 14. Oktober 1944 wurde ich in Bochum, Moltkemarkt Nr. 27 von der Gestapo aufgefordert, mich in Bochum am Nordbahnhof zu melden. Soweit ich mich entsinnen kann, bekamen alle Juden eine derartige Aufforderung.

Am nächsten Tag wurden wir unter Bewachung nach Soest gebracht. In Soest, wo sich ein Auffanglager befand, blieb ich etwa 3 Tage. Dann wurde ein Transport zusammengestellt für das Durchgangslager Kassel. In Kassel wurden wir etwa nach einer Woche aufgeteilt und dem jüdischen Mischlingslager Fulda zugeführt.

In Fulda war ich von Ende Oktober 1944 bis zum 2. April 1945. Das Lager befand sich direkt in der Stadt. In Fulda gab es m.W. keine anderen Läger mehr.

Das Lager war nur am Anfang von der OT bewacht. Zur Arbeit wurden wir geleitet. Das Lager selbst, das sich in einer Wirtschaft befand, war nicht eingezäunt. Außer Halbjuden befanden sich dort noch jüdisch Versippte.

Auf Anleitung der Lagerleitung durften wir mit der Bevölkerung nicht in Berührung kommen. Es bestand Ausgangsverbot, Verbot, Angehörige zu empfangen, Verbot, Telefongespräche zu führen und Briefzensur. Bei der Arbeit wurden wir ständig durch die OT bewacht. Ausrüstung wurde uns nicht zur Verfügung gestellt. Wir hatten nur die Sachen, die wir mitgebracht hatten.

Ich fühlte mich als Gefangener. Wir haben damit gerechnet, eines Tages einem KZL zugeführt zu werden, da verschiedene Anzeichen und auch Drohungen der Gestapo darauf hindeuteten, wenn diese bei uns Kontrollen durchführte. Im Anfang der Lagerzeit sind wir sehr oft auf unsere Rassezugehörigkeit hingewiesen worden. Man hat uns auch gesagt, dass wir als Halbjuden von der Volksgemeinschaft ausgeschlossen seien.“ (LA NW, Abt. Westfalen, Wiedergutmachung 22988).

Das Schicksal des Vaters Max Moses Herz wird in dem Beschluss des KSHA vom 15. August geschildert. An diesem Tag wurde Herz als „Verfolgter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ anerkannt. In der Begründung heißt es:

„[…] Bei der Judenaktion im November 1938 wurde Herz am 12.11.38 in Haft genommen und für einige Tage bis zum 18.11.1938 im Polizeigefängnis Bochum festgehalten. Am 3.11.42 wurde Herz erneut wegen seiner jüdischen Abstammung inhaftiert und bis zum 11.8.43 in Haft gehalten im Polizeigefängnis Bochum. 4 Tage nach seiner Haftentlassung traf Herz auf der Straße den Polizeibeamten Schauern, der ihm mitteilte, dass eine neue Aktion gegen Volljuden und jüdische Mischlinge durchgeführt werden sollte und Herz unverzüglich verschwinden müsse. Daraufhin ist Herz ohne nach Hause zurückzukehren, nach Zwickau gefahren, wo er sich bei einem Hermann Siebert, Zwickau, Moritzstraße 9, ohne Anmeldung und ohne Bezug von Lebensmittelkarten verborgen hielt. Als Herz von Zwickau am 10.10.44 nach Bochum zurückkehrte, wurde er noch am gleichen Tage in Haft genommen und über Dortmund, Weissenfels, Zeitz nach Theresienstadt abtransportiert, wo er bis zur Befreiung durch die alliierten Truppen am 10.5.45 in Haft blieb. Dieser Tatbestand ist nachgewiesen durch Geburtsurkunde des Standesamtes Bochum und durch eidesstattliche Erklärung von fünf Leuten.“ (StadtA BO Bo 50/68, Bl.535).

Die gleichfalls gefährdeten Ehefrau Sophie Herz und die Tochter Hannelore Herz entgingen der Verhaftung dadurch, dass sie im Oktober 1944 Bochum verließen. Sie flohen nach Zwickau und tauchten dort unter. 1946 kamen sie nach Bochum zurück.(Schneider 2014, S. 199fff.)

Bleibt die Frage: Wie viele Menschen waren in Bochum von diesen Aktionen ab September 1944 betroffen? Da Deportationslisten nicht überliefert sind, müssen wir uns mit einer – begründeten – Schätzung begnügen:

Wertet man die Akten des KSHA Bochum (StadtA BO, Bo 50/68) aus den Jahren nach 1945 und die Akten der jüdischen Nachkriegsgemeinde (StadtA BO, NAP 23) aus, so ergibt sich folgendes Bild:

Von den ca. 50 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde 1948 stammten 29 aus sogenannten „Mischehen“. Wertet man die Akten des KSHA Bochum aus, kommen weitere 29 in sogenannter „Mischehe“ lebende Jüdinnen und Juden hinzu, die nicht Mitglieder der neuen jüdischen Gemeinde wurden. Es handelt es sich also um insgesamt ca. 60 jüdische Menschen, die von den Maßnahmen ab September 1944 betroffen waren. Nimmt man deren nichtjüdische Ehepartner, die sogenannten „jüdisch Versippten“ hinzu, kommen weitere 60 Personen hinzu. Eine gewisse Unsicherheit besteht bei der Zahl der Kinder aus diesen Ehen, den sogenannten „Mischlingen“. Im Schnitt hatten diese Familien 1 bis 2 Kinder, die oben zitierte Familie Wegerhoff mit 9 Kindern ist eine Ausnahme. Nehmen wir die Zahl 2 als Grundlage für unsere Berechnung, so kommen wir bei den ca. 60 betroffenen Familien auf 120 Kindern. Von den Aktionen ab September 1944 sind demnach ca. 240 Personen betroffen. Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Betroffene im September/Oktober 1944 in Arbeitslager geschickt wurden. Auch in den folgenden Wochen kam es noch zu Einweisungen in diese Lager: Nachgewiesen sind noch Einzeltransporte oder Transporte in kleinen Gruppen nach dem Oktober, der letzte Beleg stammt aus dem Februar 1945. Und wir wissen auch, dass einige Betroffene die Wirren im Zusammenhang mit dem schweren Bombenangriff auf Bochum am 4. November 1944 nutzten, um Bochum zu verlassen und an anderen Orten bis zum Kriegsende unterzutauchen.

Wie kam es dazu, dass im kollektiven Gedächtnis der interessierten Bochumer Bevölkerung der Nordbahnhof als Ausgangspunkt für die Juden- Deportationen feststand?

Die ab September/Oktober 1944 von Bochum aus in Arbeitslager verschleppten Menschen haben fast alle überlebt. Sie sind nach Kriegsende zurückgekehrt. Alle haben in sogenannten „Wiedergutmachungsverfahren“ Entschädigung beantragt. Einige haben in ihren Erklärungen auch die Umstände der Deportation beschrieben. Da das nicht offiziell gefordert wurde, sind diese Angaben eher zufällig, für uns aber vom hohem Erkenntniswert. Die Rückkehrer bestimmten entscheidend das Wissen in Bochum um die Umstände der Deportation und des Lebens in den Arbeitslagern. Sie erzählten davon und prägten somit die kollektive Erinnerung an den Nordbahnhof als Ausgangspunkt der Deportationen. Das bestätigte auch in einem Gespräch vor geraumer Zeit die Bochumerin Doris Neidenberger geb. Backhaus. Sie war als 10-jährige von Ostdeutschland – dorthin war sie von Bochum aus im Rahmen der Kinderlandverschickung gekommen - aus mit ihrer Mutter nach Kassel- Bettenhausen gekommen. Dort traf sie zwei Tanten und eine Kusine, die von Bochum aus deportiert worden waren. Für Frau Neidenberger, die 2015 verstorben ist, gab es überhaupt keinen Zweifel: Natürlich waren die Tanten und die anderen vom Nordbahnhof aus deportiert worden.

Mit Gewissheit können wir heute sagen, dass die Transporte ab September/Oktober 1944 ihren Ausgangspunkt am Bochumer Nordbahnhof hatten. Hinweise für den Transport nach Theresienstadt im Juli 1942 legen die Vermutung nahe, dass auch diese Deportation ihren Ausgangspunkt am Nordbahnhof hatte.

 

Quellen- und Literaturangaben

Hubert Schneider, (Hg.), „Es lebe das Leben …“. Die Freimarks aus Bochum – eine deutsch-jüdische Familie. Briefe 1938-1946, Esen 2005.

Hubert Schneider, Die „Entjudung“ des Wohnraums – „Judenhäuser“ in Bochum. Die Geschichte der Gebäude und ihrer Bewohner, Münster 2010

Hubert Schneider, Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945, Münster 2014.

VVN-Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Bochum (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Bochum und Wattenscheid, Altenberge 1999

VVN-Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Bochum (Hg.), Die Verfolgung der Juden in Bochum und Wattenscheid, Altenberge 1993

Archiv Verein Erinnern für die Zukunft e.V.:

- Erhebungsbögen der jüdischen Religionsgemeinde Bochum aus den Jahren 1946-1949 (Nachlass Vollmann)

- Niederschrift eines Gesprächs mit Frau Gerda Menzel und Frau Doris Neidenberger vom 18. September 2013.

 

LA NRW, Abt. Westfalen:

- Regierung Arnsberg Wiedergutmachung 460151, 617713, 23242, 23097, 223099

 

StadtA BO

- BO 50/68: Kreissonderhilfsausschuss, Bde. 1 und 2

- NAP 23:Jüdische Gemeinde Bochum: Rückerstattung, Wiedergutmachung, Erbangelegenheiten 1949-1954, zwei Aktenordner