Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2017                          Nr. 21

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

- Veranstaltung zum 9. November 2016: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2016 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Erinnert wurde in diesem Jahr an die Deportationen der Bochumer Juden, die ihren Ausgangspunkt am Bochumer Nordbahnhof hatten. Sicher ist, dass die Deportationen ab Herbst 1944 von dort aus zunächst nach Dortmund und dann weiter in verschiedene Arbeitslager gingen. Dabei handelte es sich um die in sogenannter Mischehe lebenden Juden, deren nichtjüdische Partner, den „jüdisch Versippten“ und deren Kinder, den „Mischlingen 1. und 2. Grades“. Einigermaßen gesichert ist auch, dass Ende Juli 1942 45 Bochumer Jüdinnen und Juden vom Nordbahnhof aus zunächst nach Dortmund und dann weiter nach Theresienstadt deportiert wurden. Schülerinnen und Schüler der Hildegardisschule unter Leitung der Lehrerin Frau Kreiter hatten es in diesem Jahr übernommen, das Thema zu gestalten und am 9. November einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei wählten sie eindrucksvoll verschiedene Darstellungsformen: Kurzvortrag, Darstellung des Problems in einer Szene, am Ende kam eine Stellungnahme in Form eines Poetry Slams. Alle Anwesenden stimmten der Einschätzung zu, dass es eine gute Veranstaltung war, die getragen wurde von der starken Präsenz der Schülerinnen und Schüler auf der Bühne. Beeindruckend waren auch die musikalischen Beiträge, die alle von einer Schülerin eigens für diese Veranstaltung komponiert worden waren und von dem Schulorchester der Hildegardisschule präsentiert wurden. Hubert Schneider hat Frau Kreiter und ihren SchülerInnen in einem Brief im Namen des Arbeitskreises 9. November seine Anerkennung ausgesprochen und sich bedankt. Den hohen Stellenwert, den die Gedenkveranstaltung in der Stadt spielt, unterstrichen auch die Ansprachen von Oberbürgermeister Thomas Eiskirch, und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, Herrn Grigory Rabinovich. Das Totengebet (Kaddisch) sprach Herr Rabbiner Boruch Babaev. Ein umfassendes Rahmenprogramm (Führungen, Vorträge) ergänzte auch in diesem Jahr die zentrale Veranstaltung am 9. November. Unser Verein beteiligte sich an diesem Rahmenprogramm mit einem Vortrag, den Hubert Schneider am 8. November 2016 zum Thema „Nordbahnhof“ im Stadtarchiv Bochum hielt.

- Das Projekt „Stolpersteine“ wurde 2016 fortgeführt: Am 30. Januar 2017 war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 14 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem Heft genannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden:

www.Bochum.de/Stolpersteine

- Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

- Auch Anfragen aus dem In- und Ausland zu jüdischem Leben in Bochum erreichten uns. Vor allem nach dem Erscheinen des Buches „Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945“ meldeten sich zahlreiche Betroffene und deren Nachfahren im In- und Ausland, um nähere Informationen zu bekommen. Das zeigt einmal mehr, wie sinnvoll und notwendig es ist, die Geschichte der jüdischen Gemeinde unserer Stadt zu erforschen und die Ergebnisse zu publizieren.

- Provenienzforschung: Von der Kunsthalle Kiel kam eine Anfrage. Dort befindet sich ein Gemälde „Lesende Frau“ von Christian Rohlfs, das von der Kunsthalle gekauft wurde und dessen Herkunft geklärt werden muss. Es gab nur einen Hinweis: Das Bild gehörte einer Familie Rubens und war in den 60er Jahren in der Schweiz bei einer Auktion verkauft worden. Über das Internet kam die Kunsthalle auf unseren Verein. Wir hatten vor einigen Jahren in unserem Mitteilungsheft über einen Besuch bei Frau Rosi Rubens in Santiago de Chile berichtet. Wir konnten der Kunsthalle Kiel schnell helfen. Im Kontakt mit Daniela Rubens in Santiago, der Tochter von Rosi Rubens, und in ihrem in Israel lebenden Bruder David ergab, dass das Bild der Familie Rubens gehört hatte: Sie waren früh nach Chile ausgewandert, hatten nicht nur ihre Bibliothek, sondern auch ihre Kunstwerke mitnehmen können. Die Kinder erinnerten sich, dass das Bild lange in der Wohnung in Santiago hing. Die Eltern hatten es in den 60er Jahren bei einer Auktion in der Schweiz verkauft. Damit war die Herkunft des Bildes geklärt. Wenn das immer so einfach wäre.

- Auf Einladung der Pressestelle der Stadt fand im Stadtarchiv ein Pressegespräch über den Bochumer Bismarckturm und seinen starken Förderer Otto Hünnebeck statt. Teilgenommen an dem Gespräch haben ein Vertreter der „Rosa Strippe“, Frau Schmidt vom Stadtarchiv und Hubert Schneider. Anwesend waren Vertreter der lokalen Presse. Die Stadt hat einen sehr schönen Artikel über das Gespräch ins Netz gestellt, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtete in einem Artikel darüber.

- Dr. Jutta Hoschek vom Arbeitskreis „Erfurter Gedenken 1933- 1945“ fragte an, ob wir Informationen über die offensichtlich in Bochum geborene Else Cohen haben, die den in Erfurt geborenen Bernard Holländer geheiratet hatte. Wir sind in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv dieser Sache nachgegangen, konnten Frau Hoschek aber leider nicht helfen.

- Ein Herr Bartuschka aus Jena möchte einen Artikel für die von „The United States Holocaust Museum encyklopedia of camps and ghettos, 1933-1945“ geplante Publikation einige Artikel über kleinere Lager schreiben, darunter das Lager Rositz. Über die Lektüre des Buches „Leben nach dem Überleben“ hatte er erfahren, dass Albert Braunstein aus Bochum zeitweise in Rositz war. Braunstein, der schon vor Jahren verstorben ist, hat keinerlei Informationen über seinen Aufenthalt in Rositz hinterlassen, auch seine Frau, die noch lebt, hat keinerlei Informationen. Wir konnten Herrn Bartuschka leider nicht helfen.

- Ein Herr Kloepper aus der Dibergstraße, vor dessen Haus drei Stolperseine der Familie Wolfstein liegen, hat angefragt, ob die Steine nicht woanders verlegt werden könnten. Sie lägen an der falschen Stelle. Er habe beim Stadtarchiv nachgefragt, die Antwort sei für ihn aber unbefriedigend. Das Problem bei der Sache ist, dass die alten Häuser in der Dibergstraße durch neue ersetzt wurden, der Straßenverlauf hat sich leicht verändert. Dadurch ergeben sich Probleme für den genauen Verlegungsort der Stolpersteine. Es ist aber nachvollziehbar, wie man den Ort für die Stolpersteine Wolfstein gefunden hat. Wir haben Herrn Kloepper geschrieben, der sich wohl jetzt damit zufrieden gibt,.

- Eine Schülerin der Goethe-Schule hat eine Hausarbeit zum Haus Bergstraße 105 (Haus Weinberg) geschrieben. Hubert Schneider hat sie dabei unterstützt.

- Herr Masny aus Danzig, der über Ghettos und Zwangsarbeiterlager arbeitet, wollte Informationen zum Lager Dombrowa, in dem die Bochumer Familie Braunstein im Ghetto leben musste. Hubert Schneider hat ihm seine Informationen übermittelt.

- Im letzten Heft berichteten wir über eine Initiative, die in dem alten Gebäude des Nordbahnhofs eine Gedenkstätte einrichten möchte. Von dort wurden – wie wir heute wissen – die letzten Deportationen Bochumer Juden im September/ Oktober 1944 durchgeführt. Das Gebäude befindet sich heute im Privatbesitz. Daraus ergeben sich einige Komplikationen. Inzwischen wurde die „ Initiative Nordbahnhof“ als eingetragener Verein gegründet, der das Projekt voranbringen soll. Unser Verein ist durch Sabine Krämer im Beirat des Vereins vertreten. Die Initiative möchte einen Teil des Gebäudes anmieten. Die Verhandlungen um die Finanzierung sind noch nicht abgeschlossen, einen Mietvertrag mit dem Eigentümer des Gebäudes gibt es noch nicht. Auch die Diskussion über die inhaltliche Gestaltung der Gedenkstätte ist noch nicht abgeschlossen.

- Einen hohen Stellenwert hatte und hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Es gibt allerdings kaum noch Rückmeldungen. Das liegt vor allem daran, dass der Kreis der Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde immer kleiner wird, die noch erreichbaren Menschen in der Regel 90 Jahre und älter sind.

- Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten. Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im Bochumer „Bündnis gegen Rechts.“

- Hingewiesen sei auf einige Publikationen des Vereins: Hubert Schneider hat drei Artikel für das Ausstellungsprojekt des Stadtarchiv „107 Sachen“ geschrieben: Über den Besuch der Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde in Bochum 1955, über den Bochumer Nordbahnhof als Ausgangspunkt der Deportationen, über den Ehrenbürger der Stadt Bochum Carl Rawitzki. Die Ausstellung wurde inzwischen im Stadtarchiv eröffnet. Der Textband soll im Herbst erscheinen. In diesem Jahr wird noch ein von der Kortumgesellschaft herausgegebener Sammelband „Bochumer Ehrenbürger“ erscheinen. Hubert Schneider hat einen Aufsatz zu den Ehrenbürgern Carl Rawitzki und Saladin Schmitt geschrieben.

Nach wie vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse:

www.erinnern-fuer-die-zukunft.

Hubert Schneider