Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2017                          Nr. 21

Inhaltsverzeichnis

Dr. Hubert Schneider

Thema der zweiten Seite der Stele ist das Schicksal der jüdischen Kinder der Gemeinde. Zunächst eine Feststellung: Wertet man das Gedenkbuch Opfer der Shoah aus Bochum und Wattenscheid aus, stellt man fest, dass relativ wenige Kinder und Jugendliche dort genannt werden.

Geboren 1922-1929: 19 Jungen, 17 Mädchen

Geboren nach 1930: 6 Jungen, 4 Mädchen.

Warum das so war, kann man begründen:

- Angesichts der sich für Juden in Deutschland stetig verschlimmernden Lage waren jüdische Familien mit Kindern eher bereit, sich um eine Ausreise aus Deutschland zu bemühen. Sie sahen für sich und vor allem für ihre Kinder schon bald keine Zukunft mehr in Deutschland.

- Wenn die Eltern selbst zunächst in Deutschland blieben, so bemühten sie sich häufig doch um eine Ausreisemöglichkeit für ihre Kinder.

Wenn es um das Schicksal jüdischer Kinder geht, prägt vor allem eine Maßnahme das öffentliche Gedächtnis: Die Kindertransporte nach Holland bzw. England im Jahre 1939. Die Darstellung dieser Maßnahme steht im Mittelpunkt der Präsentation auf der Stele.

Die Ereignisse vom 9./10. November 1938 lösten in Europa und in den USA Empörung. aus. Die Jischuw, die Organisation der Juden in Palästina, verstärkte den Druck auf Großbritannien, damals Mandatsmacht des Völkerbunds in Palästina, die Quote für die Einwanderung von Juden nach Palästina deutlich zu erhöhen. Großbritannien, das in einem solchen Falle Schwierigkeiten mit den in Palästina lebenden Arabern befürchtete, suchte nach einer alternativen Lösung. Man fand sie, unterstützt von einer Wohlfahrtsorganisation, dem Movement fort he Care of Children from Germany. Am 21. November 1938 entschied das britische Parlament, unbegleitete jüdische Kinder aus Deutschland mit Kollektivvisa einreisen zu lassen. Eine Quote von 10 000 Kinder sollte nicht überschritten werden

Die Vorbereitung der Ausreise übernahmen in Deutschland die Abteilung Kinderauswanderung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und die Jüdischen Gemeinden vor Ort.

In Bochum lag die Organisation der Transporte in den Händen von 2 Frauen, denen die Stele gewidmet ist: Der Lehrerin Else Hirsch und der Gemeindehelferin Erna Philipp. Else Hirsch wurde im Januar 1942 nach Riga deportiert, dort verlieren sich ihre Spuren. Erna Philipp nutzte den letzten Kindertransport Ende August 1939, um selbst nach England zu fliehen.

Wie viele Kinder so aus Bochum entkommen konnten, kann man nicht genau sagen. Erna Philipp sprach nach 1945 von 11 Transporten, in denen Kinder der hiesigen Gemeinde waren. Eine Zahl haben wir nur für den ersten Transport am 4. Januar: 16 Kinder. Diese Zahl wurde in den anderen 10 Transporten sicher nicht mehr erreicht. Es ist auch von Einzeltransporten die Rede.

Zieht man Bilanz: Bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939 konnten ca. 6700 Kinder Deutschland verlassen, die angekündigte Zahl von 10 000 wurde also nie erreicht. Und noch etwas ist zu bedenken: Die Transporte gingen zunächst nach Holland. Bei Ausbruch des Krieges hatte nur ein Teil der 6700 Kinder England erreicht, war gerettet. Viele warteten noch auf die Weiterreise, die dann nie mehr stattfand. Diese Kinder saßen in Holland fest, wurden nach der deutschen Besetzung der Niederlande 1940 von dort aus in die Vernichtungslager deportiert.

Der letzte Kindertransport von Holland nach England wird hier dokumentiert: Im Mai 1940, schon nach der deutschen Besatzung, verließ ein letztes Schiff mit 65 Jungen die Niederlande. Darunter waren auch einige Bochumer Jungen: Bodo Salomons, Horst Adler, Werner Davids. Sie kamen alle in einem Waisenhaus in Manchester unter. Nur Horst Adler hat seine Mutter nach dem Krieg wieder getroffen.

Ein letztes Wort: Die Kindertransporte werden heute vor allem positiv bewertet. Das kann man auch, sind es doch vor allem die damaligen Kinder, die den Holocaust überlebt haben. Damals, 1939, sah man das kritischer, und das mit Recht: Es gab heftige Diskussionen – auch in Bochum – darüber, ob es akzeptabel ist, Kinder, nicht Familien zu retten. Denn das muss man sagen, die Durchführung der Aktion war für alle Beteiligten eine extreme Belastung sie wurde als Katastrophe empfunden. Wir haben Berichte, die beschreiben, welche Szenen sich an den Bahnhöfen abspielten, wenn die Eltern dort ihre i.d.R. noch kleinen Kinder abgeben mussten, nicht wissend, wo diese landen und ob sie diese jemals wiedersehen würden. Und wir haben Berichte der älteren Kinder – zum Beispiel von Hannah Kronheim, die einige Meter von hier entfernt gewohnt hatte - darüber, wie schwierig es war, auf der Reise gerade die kleineren Kinder zu beruhigen.

Das Thema Kindertransporte ist m.E. heute sehr aktuell, vor allem dann, wenn man die Berichte über die große Zahl unbegleiteter Flüchtlingskindern und Jugendlicher liest, die nach Deutschland kommen. Vor allem aber dann, wenn man Einzelschicksale verfolgt. Jeder Fall ist eine menschliche Tragödie. Das war 1939 so, und das ist auch heute so.