Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2017                          Nr. 21

Inhaltsverzeichnis

Der Stelenweg

Zur Erinnerung an jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid hatte die ev. Stadtakademie schon im Jahre 2000 einen Stelenweg überlegt.

An verschiedenen Orten im Stadtgebiet „die in besonderer Weise mit jüdischem Leben verbunden waren“ sollt „das untrennbar mit der Stadtgeschichte verbundene reiche jüdische Leben in Bochum und Wattenscheid … die ganze Geschichte des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden in unserer Stadt, die barbarische, aber ganz bewusst auch an die bereichernde Seite eines einvernehmlichen Miteinanders“ aufgezeigt werden.

Ab 2010 wird das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, Schülerinnen und Schülern, andern Engagierten und vor allem unserem Verein realisiert. Aus unserem sehr umfangreichen Archiv stellt Hubert Schneider immer wieder viele Informationen und Quellen zur Verfügung.

Inzwischen wurden 6 Stelen im Stadtgebiet errichtet, über die wir in unseren vergangenen Mitteilungsblättern berichtet haben.

Stele 1: Erich Mendel

Stele 2: Anfänge jüdischen Lebens in Bochum

Stele 3: Jüdische Bewohner der Goethestraße

Stele 4: Jüdisches Leben und jüdische Kaufleute in Langendreer

Stele 5: Juden am Moltkemarkt und „Ostjuden - Westjuden“

Stele 6: „Jüdisches Gemeindezentrum“ und "Jüdische Kindertransporte aus Bochum"

Zitate: Stadtakademie. Auf der Homepage: www.stadtakademie.de können Sie zu allen Stelen ausführliche Informationen finden.

Über die Stelen 5 + 6, die seit unserem letzten Mitteilungsblatt aufgestellt wurden, berichten wir diesmal ausführlicher, besonders über die 6. die am 9. Mai 2017 vor dem Gelände der alten Synagoge bzw. des Gemeindezentrums/Schule der alten jüdischen Gemeinde in der Huestraße 16 – früher Wilhelmstraße 16 – die 6. Stele eingeweiht wurde. Sie erinnert einerseits an die alte jüdische Gemeinde, andererseits an die Kindertransporte im Jahre 1939. Das Bildmaterial stammt zum großen Teil aus dem Archiv des Vereins

„Erinnern für die Zukunft e.V.“. Bei der Einweihung hielten Manfred Keller und Hubert Schneider kurze Ansprachen, deren Texte wir hier abdrucken.

Superintendent Dr. Gerald Hagmann 500px.

Superintendent Dr. Gerald Hagmann der ev. Kirche Bochum und TeilnehmerInnen bei der Einweihung der 6. Stele

TeilnehmerInnen6Stele_500px

Moltkemarkt_200px Ostjuden_200px

Stele 5 – Juden am Moltkemarkt (Seite 1)

Jede Stadt hat ihr Gesicht, das durch die Quartiere und die darin lebende Bevölkerung geprägt wird. Der ehemalige Moltkemarkt und die umliegenden Straßen waren das klassische Bochumer Arbeiterviertel. Juden lebten hier als Arbeiter, aber auch als Handwerker und kleine Gewerbetreibende. Mit dem christlichen Umfeld lebten sie einvernehmlich: Anders als in anderen Stadtvierteln ist hier solidarisches Verhalten der Nichtjuden noch lange nach 1933 nachgewiesen.

Ein Rundgang um den Moltkemarkt (heute Springerplatz) zeigt die Vielfalt jüdischen Lebens in diesem Quartier im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Königstraße (heute Annastraße)

19 Moritz Insler gehörte zu den sog. „Ostjuden“. Er betrieb bis zu seiner Abschiebung nach Polen im Oktober 1938 einen Manufakturwarenhandel.

20 Das kleine Schreibwarengeschäft war insbesondere für die Kinder und Jugendlichen ein wichtiger An laufpunkt, denn hier konnten sie nicht nur Hefte, Kreide und Schiefertafeln erstehen, sondern auch Feuerwerkskörper und Glanzbilder zum Tauschen. Der Geschäftsinhaber Moses Rambam wurde nach seiner Flucht nach Belgien am 19. April 1943 von Mechelen nach Auschwitz deportiert.

Joseph Schnitzer betrieb in der Königstraße bis 1933 ein Schuhgeschäft, danach emigrierte er nach Palästina.

21 Günstig essen konnte man in der Rossschlachterei und Restauration, die seit 1878 von August Watermann und seiner Frau Minna geb. Benjamin geführt wurde. Das Gasthaus war vor 1933 das Stammlokal vieler Vereine. Nach dem Tod von August übernahm dessen Tochter Elfriede, in zweiter Ehe verheiratet mit Georg Salomon, das Geschäft. Sie zogen 1925 in die Brückstraße. Das Lokal in der Königstraße betrieb fortan Elfriedes Bruder Fritz Watermann. Fritz wurde in Auschwitz ermordet.

26 Die im Quartier lebenden Zechenarbeiter kauften ihre schweren Schuhe und die Arbeitskleidung bei Moritz und Cilly Schmerler, die 1912 nach Bochum gekommen waren. Ihr Geschäft mussten sie bald nach 1933 aufgeben. Als staatenlose „Ostjuden“ wurden sie mit ihrem Sohn im Oktober 1938 ausgewiesen. Nach Kriegsausbruch flohen sie nach Krakau. Dort verlieren sich ihre Spuren. Zwei Töchter überlebten in den USA und in Israel.

Sedanstraße (heute Dorotheenstraße)

19 Viele Jahre hatte Lina Lessing, einen Gemüsestand auf dem Moltkemarkt. Sie war eine Tochter des Metzgers Josef Kahn (Moltkemarkt 29). 1890 heiratete sie den protestantischen Arbeiter Johann Lessing, konvertierte. 1944 wurde sie in einem Einzeltransport nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie nach wenigen Wochen.

Moltkemarkt (heute Springerplatz)

27 Max Moses Herz, Metzger, lebte in einer sog. „Mischehe“. Die beiden Kinder waren „Mischlinge 1. Grades“. Moses wurde Ende 1942 nach Theresienstadt deportiert, der Sohn kam in ein Arbeitslager. Sie überlebten. Die Tochter tauchte mit der christlichen Mutter unter, entging so der Verhaftung. Die Familie kam 1945 nach Bochum zurück. Max Herz‘ Bemühungen um einen beruflichen Neuanfang scheiterten. Er starb am 24. Juni 1964 in Bochum.

28 Hier lebten bis 1942 der Metzger Robert Cohen und seine Frau Minna. Im Juli 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Robert starb dort am 22. September 1942, Minna wurde in Auschwitz ermordet.

29 Die Metzgerfamilie Cahn ist hier seit Mitte des 19. Jahrh. nachgewiesen. Zuletzt führte Helene Cahn, die nach dem Tod ihres 1918 gefallenen Mannes Max Block die Meisterprüfung gemacht hatte, den Betrieb mit ihren Söhnen weiter. Ernst und Siegfried emigrierten 1934 nach Argentinien, die Tochter Hilde folgte ihnen. Albert und Sofie flohen nach Holland, wurden von dort aus deportiert und ermordet. Tochter Emmy kam von Berlin aus über Theresienstadt nach Auschwitz. Sie überlebte. Helene hatte bis zum Umzug nach Berlin 1939 einen Stand auf dem Moltkemarkt. Ihr gelang die Flucht nach Argentinien.

36 Bernhard Wiener betrieb ab 1916 einen Althandel in der Rottstraße 32. Nach seinem Tod 1933 führte seine Frau Hentsche das Geschäft weiter, zog zum Moltkemarkt 36. Als staatenlose „Ostjuden“ wurde sie mit Tochter Lotte im Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen. Sie wurden nachZeugenaussagen in Stanislawow erschossen. Drei weitere Kinder verließen Deutschland rechtzeitig und überlebten.

Maxstraße

16 Hier wohnte der Anstreichermeister Josef Goldenberg. Er war um 1908 mit seiner Frau Julie und zehn Kindern von Dümpten nach Bochum gekommen. Nach ihrer Heirat mit dem evangelischen Arbeiter Wilhelm Menzel 1921 zog auch die Tochter Johanna hierher. Hier wurden die Kinder Ruth, Karl-Heinz und Margot geboren. Die Wohnung wurde 1942 durch Kriegseinwirkung zerstört. Josef wohnte bis zu seiner Deportation nach Zamosc im April 1942 am Moltkemarkt 29.

Ostjuden – Westjuden Jüdische Identitäten in Bochum (S. 2)

Auch im Bochumer Westend, insbesondere im Griesenbruch und in der Arbeitersiedlung Stahlhausen (Baubeginn 1868), wohnten Juden. Einige von ihnen waren seit Ende des 19. Jahrhunderts vor antisemitischer Verfolgung und religiöser Unterdrückung aus Osteuropa nach Deutschland geflohen, andere im Ersten Weltkrieg angeworben oder zwangsverpflichtet worden, um fehlende deutsche Arbeitskräfte zu ersetzen.

Die meisten Juden stammten aus Polen. Ihre Sprache war im allgemeinen Jiddisch. Sie fanden beim „Bochumer Verein“ Arbeit und – soweit erforderlich – auch Kost und Unterkunft in dem 1873/1874 an der Baarestraße errichteten „Kost- und Schlafhaus“ für ledige Arbeiter („Bullenkloster“). Viele von denen, die als Arbeiter gekommen waren, konnten sich etablieren und betrieben später kleine Geschäfte.

Zwischen 1914 und 1921 wanderten etwa 100.000 osteuropäische Juden nach Deutschland ein, von denen rund 55.000 hier sesshaft wurden, teilweise als Ausländer, teil weise als Staatenlose. Viele dieser Migranten mussten als „Wanderarbeiter“ ihr Leben fristen. Zu ihrer Unterstützung gründeten jüdische Wohlfahrtsverbände im Jahr 1918 das „Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands“, seit 1925 „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise“.

Im Juli 1920 wurde auch in Bochum eine „Arbeiterfürsorgestelle“ eingerichtet, deren Büro mit der „Zentralkasse“ der Wanderfürsorge für das Ruhrgebiet in der Luisenstraße 12 an die Jüdische Gemeinde Bochum angebunden war. Zu den Auf gaben zählte die Ausstellung von Identitätsbescheinigungen für zugewanderte ostjüdische Arbeiter, die finanzielle Unterstützung der Durch reisen den und die soziale Fürsorge für die in Bochum sesshaft Gewordenen.

Innerhalb der Jüdischen Gemeinde Bochum, die mehrheitlich dem liberalen westlichen Judentum zugewandt war, bildeten die Ostjuden eine Minderheit. Sie zählten zur Arbeiterschaft und zum Kleinbürgertum. In religiöser Hinsicht fühlten sich nicht wenige der orthodoxen Richtung des jüdischen Glaubens verpflichtet und fanden keinen Zugang zur liberalen Bochumer Gemeinde. Diese hatte ihre Synagoge mit einer Orgel ausgestattet und feierte ihre Gottesdienste mit Gebeten und Predigt in deutscher Sprache unter Mitwirkung eines gemischten Chores. Die Teilnahme an solchen Gottesdiensten lehnten die Ostjuden ab.

Um die Gemeinde zusammenzuhalten, beschloss der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Bochum die Einrichtung eines eigenen Gebetsraums für die ostjüdische Minderheit. Auf dem Synagogengelände an der ehemaligen Wilhelmstraße (heute Huestraße/Ecke Dr. -Ruer-Platz) entstand die von den ostjüdischen Betern so genannte „Kleine Synagoge“. Während die „deutsche“ Mehrheit der Gemeinde in die „Große Synagoge“ ging, allerdings nur am Shabbat und an den Festtagen, kamen männliche Mitglieder aus der Minderheit der Ostjuden täglich in ihrem Gebetsraum zusammen, um die Thora zu lesen und zu diskutieren.

Der jüdische Gottesdienst braucht keinen Amtsträger – weder Rabbiner noch Kantor. Erforderlich ist nach orthodoxem Verständnis lediglich die Anwesenheit von mindestens zehn im religiösen Sinne volljährigen männlichen Personen. Jeder aus diesem Kreis kann als Vorbeter fungieren, sofern er die hebräischen Texte der Bibel lesen kann und über die notwendigen Kenntnisse der verschiedenen Gebete verfügt.

Im Anbau an der Rückseite der jüdischen Schule befand sich die „Kleine Synagoge“, der Gebetsraum für die ostjüdische Minderheit.

In der orthodoxen Gebetsgemeinschaft in Bochum gab es mehrere Männer, die dazu qualifiziert waren, z. B. Bernhard Wiener. Auf seinem Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof an der Wasserstraße ist eine Thorarolle angedeutet, über der zwei hebräische Buchstaben stehen, die sich auch auf dem Vorhang eines jeden Thoraschreins finden. Diese Zeichen deuten darauf hin, dass der 1885 geborene Wiener als Vorbeter im Gottesdienst fungierte.

Zur Gruppe der ostjüdischen Frommen zählte auch der Kaufmann Jacob Sporn, geb. 1883 in Galizien. Er starb 1927. Die hebräische Inschrift seines Grabsteins auf dem Friedhof Wasserstraße nennt ihn ehrenvoll „Raw“ (= Rabbi, d.h. Lehrer und Meister der Heiligen Schrift): „Ein Mann, lauter und aufrecht und gottesfürchtig, unser Lehrer und Meister Jaakow Sporn“. Vermutlich hat Jacob Sporn in den 1920er Jahren eine besondere Rolle in der ostjüdischen Gemeinschaft in Bochum gespielt.

Das Jahr 1938 bedeutete das Ende für Ostjuden in Deutschland. Im Rahmen der sog. „Polenaktion“ am 28. und 29. Oktober 1938 wurden rund 18.000 staatenlose Juden und Juden polnischer Staatsangehörigkeit über Nacht aus dem Deutschen Reich aus gewiesen. Über die unmenschliche Behandlung der etwa 25 Bochumer Familien, die zur polnischen Grenze abgeschoben wurden, gibt es Berichte, die noch heute betroffen machen.

Ein Projekt der Evangelischen Stadtakademie Bochum mit Unterstützung der Stadt Bochum und des Vereins „Erinnern für die Zukunft e.V.“

 

Gemeindezentrum_200px Kindertransporte_200px

6. Stele Jüdisches Gemeindezentrum

Die Synagoge und die Jüdische Schule, die zwischen 1863 und 1938 hier an der früheren Wilhelmstraße standen, erfüllten gemeinsam die klassischen drei Funktionen, die nach der Überlieferung einem jüdischen Gemeindezentrum aufgegeben sind. Sie waren „Haus des Gebets“, „Haus des Lernens“ und „Haus der Versammlung“.

Geschichte

1861-63: Im Zuge der Industrialisierung wächst auch in Bochum die jüdische Gemeinde stark an. In den Jahren 1861–63 werden hier an der Huestraße/Dr. Ruer-Platz (damals Wilhelmstraße/Luisenstr.) eine neue Synagoge und eine neue jüdische Schule gebaut.

Mittelpunkt des Gemeindelebens

Nach mehrmaligem Um- und Ausbau entwickelt sich das Schulgebäude zugleich zum Jüdischen Gemeindezentrum (mit drei Schulräumen, Lehrerwohnung, Gemeindeverwaltung, Fürsorgestelle, Gemeindebibliothek und Kinderhort). Der Anbau bietet einen Gebetsraum für die orthodoxen Ostjuden.

1901; Rabbiner der mit 1.244 Mitgliedern drittgrößten Synagogengemeinde in Westfalen sind Dr. Moritz David (1901– 1935) und Dr. Josef Klersfeld (1936 –1938).

1922 Als Kantor an der Synagoge (seit 1922) und später zugleich als Lehrer und Leiter der Jüdischen Volksschule wirkt Erich Mendel (bis 1938). Die Lehrerin Else Hirsch unterrichtet hier von 1927 bis zur Aufhebung der Schule im Jahr 1941.

Blütezeit

1880-1930 Die Jahrzehnte zwischen 1880 und 1930 sind die Blütezeit des deutschen Judentums, auch in Bochum. Die Weimarer Verfassung von 1919 garantiert den Juden die bürgerliche Emanzipation. Die soziale und kulturelle Integration in die bürgerliche Gesellschaft erreicht ihren Höhepunkt. Die liberale Jüdische Gemein  de Bochum entwickelt hierbei vielfältige Aktivitäten.

Soziales Engagement

1873 gründete sich der „Israelitische-Männer-Wohltätigkeitsverein“, 1875 der „Israeltische Frauenverein“. Beide unterstützten arme Gemeindemitglieder.

1880 schließen sich auf Einladung der Synagogengemeinde Bochum acht jüdische Gemeinden im Ruhrgebiet zu einem „Zentralarmenverband“ zusammen.

1920 Einrichtung einer „Jüdischen Arbeiterfürsorgestelle“ für zugewanderte ostjüdische Arbeiter. Durchreisende jüdische Wanderarbeiter unterstützt die „Jüdische Wanderfürsorge Rheinland-Westfalen“. Geschäftsführerin beider Einrichtungen: Erna Philipp, die langjährige Gemeindesekretärin, die im Jahr 1939 zusammen mit der Lehrerin Else Hirsch elf Kindertransporte nach Holland und England organisiert.

1926 gründet Ottilie Schoenewald eine Ortsgruppe des emanzipatorisch ausgerichteten „Jüdischen Frauenbundes“. Sein Ziel ist die Anerkennung und Stärkung der Frauenrechte – nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft.

… und wohltätige Stiftungen

1864 stiften Aaron und Bertha Herz anlässlich ihrer Goldenen Hochzeit 500 Taler. Aus den Erträgen erhalten der älteste hilfsbedürftige Bürger und die älteste hilfsbedürftige Bürgerin je 7 Taler.

1907 schenken Bankier Hermann Schüler und seine Ehefrau Emma der Stadt Bochum 50.000 Mark für eine „Säuglingsbewahranstalt“, die erste Bochumer Kinderkrippe.

1909 gründet Ferdinand Koppel zur Erinnerung an seine 1909 verstorbene Ehefrau Therese eine Stiftung über 2.000 Mark, deren Zinsen abwechselnd dem dienstältesten Geistlichen der katholischen, evangelischen und jüdischen Gemeinde für arme erholungsbedürftige Kinder zufließen.

Kulturelles Engagement: Literatur …

1886 gründet der Kaufmann Moritz Hähnlein in Bochum den ersten „Verein für jüdische Literatur“, dem in anderen Städten Deutschlands viele weitere Literatur- und Geschichtsvereine folgen. Bis 1933 veranstaltet der Verein öffentliche Vorträge zu Themen der jüdischen Geschichte und Theologie, aber auch der Literatur und anderer Bereiche des kulturellen Lebens. Ziel: Die jüdische Identität stärken und das Bewusstsein für die Problematik von Integration und Assimilation lebendig erhalten.

… und Musik

1863 Mit Einweihung der neuen Synagoge an der Wilhelmstraße im Jahr 1863 werden die Gottesdienste durch Orgel und Chorgesang musikalisch gestaltet. Seit 1868 finden in der Synagoge auch weltliche Konzerte statt.

1922 Zu besonderer Blüte gelangt die Pflege der Musik zwischen 1922 und 1938 durch den Kantor und Lehrer Erich Mendel. Er gründet einen Kinder- und Jugendchor und entfaltet ein reges Konzertleben in der Synagoge.

Das Ende

1938 In der Pogromnacht 19838 wurde die Bochumer Synagoge bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

1942 Das Schulgebäude blieb erhalten und wurde zum „Judenhaus“ umfunktioniert, in dem 1942 nicht weniger als 13 jüdische Familien zusammenleben mussten. Bei einem Bombenangriff wurde es im Jahr 1943 zerstört.

Jüdische Kindertransporte aus Bochum – Im Gedenken an Else Hirsch und Erna Philipp

Flucht in letzter Minute: Durch eine beispiellose Aktion, die sogenannten „Kindertransporte“, sollten zehntausend jüdische Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 17 Jahren ab Dezember 1938 aus Deutschland nach England gebracht werden.

Die Abschiedsszenen an den Bahnhöfen waren unbeschreiblich. Denn die Eltern durften in England nicht einreisen. Trotzdem hatten sich viele zu dem schweren Schritt entschlossen. Für die Kinder sollte die Aktion Sicherheit vor den Nationalsozialisten bedeuten. Eltern und Kinder aber sahen sich zumeist nie wieder.

Die Pogromnacht vom 9./10. November 1938 hatte der Welt deutlich gemacht, welches Schicksal der jüdischen Bevölkerung unter den Nationalsozialisten bevorstand. In Großbritannien gründete sich das „Movement for the Care of Children from Germany”, später „Refugee Children’s Movement“. Am 21. November 1938 entschied das britische Parlament, unbegleitete jüdische Kinder aus Deutschland mit Kollektivvisa einreisen zu lassen. Die Vorbereitung der Ausreise übernahmen in Deutschland die Abteilung Kinderauswanderung der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ und die Jüdischen Gemeinden vor Ort.

Die Organisation der Kindertransporte in der Bochumer jüdischen Gemeinde lag in den Händen von zwei Frauen: der Lehrerin Else Hirsch und der Gemeindesekretärin Erna Philipp. Die Kinder mussten registriert werden. Fragebögen waren auszufüllen mit Angaben zur wirtschaftlichen Situation der Familie und ihrer religiösen Ausrichtung, aber auch zur gesundheitlichen Verfassung des Kindes. Die Kinder bekamen ein Sammelvisum; die Genehmigungsnummer trugen sie bei der Einreise an einem Kärtchen um den Hals.

In einem Bericht aus dem Jahre 1955 schildert Erna Philipp, dass sie zwischen Januar und August 1939 insgesamt elf Transporte mit Kindern und Jugendlichen in die Niederlande und nach England gebracht habe. Die Begleitung der letzten Gruppe nutzte sie selbst zur Flucht.

Else Hirsch unterrichtete weiter, auch nach Aufhebung der jüdischen Schule als öffentlicher Schule. Am 27. Januar 1942 wurde sie mit einigen ihrer Schülerinnen und Schüler nach Riga deportiert. Dort verliert sich die Spur.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 beendete die Aktion. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten ca. 6.700 Kinder Deutschland verlassen. Viele kamen nicht mehr nach England. Sie wurden nach dem deutschen Einmarsch 1940 in Holland im Mai 1940 von dort aus früher oder später in die Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Zu den Kindern aus Bochum, die so ihr Leben verloren, gehörten die Schwestern Ruth und Gerda Marx, die Schwestern Anne Rosa und Lilli Marie Dreifuß und Heinz Lewkonja. Die Zahl der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus Bochum, die durch Kindertransporte gerettet wurden, lässt sich nicht genau angeben. Der erste Transport vom 4. Januar 1939 war mit 16 Kindern belegt, für die weiteren zehn Transporte fehlen genaue Zahlen.

Die Gefühlslage der Kinder, die ohne Eltern die Fahrt ins Ungewisse antreten mussten, beschreibt die damals 16-jährige Hannelore Kronheim in einem Rückblick aus dem Jahr 1999 so: „Meine Gefühle auf dem Bochumer Bahnhof waren furchtbar. Ich durfte nur einen Koffer mitnehmen und 10 Reichsmark. Und ich wusste nicht, was mir bevorstand.“

Im allerletzten Transport aus den Niederlanden im Mai 1940, schon mitten im Krieg, befanden sich auch einige Jungen aus Bochum, die mit dem Schiff SS Bodegraven in einer Gruppe von 66 jüdischen Kindern noch das rettende England erreichten: Horst Adler (1), Werner Davids (2), Hans Levy (3) und Bodo Salomons (4). Die Jungen auf dem Foto konnten nicht an Familien in England vermittelt werden, sie kamen in einem Hostel in Manchester unter. Dort wurde die Aufnahme kurz nach ihrer Ankunft gemacht.

Nach dem Kriege suchten die geretteten Kinder nach ihren überlebenden Angehörigen – zumeist vergeblich. Viele blieben als Erwachsene in England, ein Teil wanderte nach Palästina und in die USA aus.

Deutsche Jungengruppe im Hostel in Manchester, Mai 1940

Horst Adler (1), geboren 1926, erhielt in England eine kaufmännische Ausbildung. Er heiratete, bekam eine Tochter. Er ist vor einigen Jahren in Eng land gestorben.

Werner Davids (2), geboren 1928, besuchte von 1940 – 1942 eine Volksschule in Manchester, danach eine Junior Commercial School. 1947 wanderte er in die USA aus, wo er mit Hilfe seiner Verwandten zum Fernsehund Radiomechaniker aus - gebildet wurde.

Bodo Salomons (4), geboren 1927 in Bochum, blieb bis 1948 im Hos tel. Bald darauf heiratete er, arbeitete als Fahrer in einer Ambulance in Manchester. Später emigrierte die Familie nach Australien. Dort ist Bodo vor einigen Jahren gestorben.