Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2004                             Nr. 8

Inhaltsverzeichnis

Bericht in der Süddeutschen Zeitung über die Bochumer Familie Samson.

Im Kontext der in Kapstadt im dortigen Holocaust-Zentrum im Mai 2003 eröffneten Ausstellung „Seeking Refuge: German-Jewish Immigration to the Cape in the 1930s“ erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ am 19./20. Juli 2003 ein Artikel von Susanne Bittorf „Exil am Tafelberg. Südafrika entdeckt die schwierige Geschichte seiner jüdischen Immigranten“, in dem vor allem über die Bochumer Familie Samson berichtet wird. Wir danken dem Süddeutschen Verlag und Susanne Bittorf dafür, dass wir diesen Artikel übernehmen dürfen.

„Ganz still war es in Moritz Samsons Kabine, der Sturm hatte sich endlich gelegt, auch das Dauerprasseln des Regens war nicht mehr zu hören. Nur das entfernte Wummern der Schiffsmotoren erfüllte den kleinen Raum. Obwohl es draußen noch stockdunkel war, saß Moritz Samson angezogen auf seinem Bett, vor sich den gepackten Koffer. Heute würden sie Kaptstadt erreichen. Dunkle graue Wolken hingen am Morgen des 27. Oktober 1936 über dem Tafelberg.

Ein Foto des eleganten Passagierschiffs zierte am nächsten Tag die Titelseite der Cape Times. „Deutsche Juden kommen in Kapstadt an“, lautete die Schlagzeile. Daneben ein Bericht über den Protestmarsch der „Grauhemden“: An die tausend Demonstranten waren am Abend zuvor an den Hafen gekommen; mit Hakenkreuzfahnen und antisemitischen Parolen machten sie ihrem Unmut über die Ankunft der jüdischen Flüchtlinge Luft. Doch als die „Stuttgart“ am nächsten Morgen einlief, hatten sich die meisten „Greyshirts“ verzogen. Donner, Blitz und Regenstürme spülten die antisemitische Demonstration buchstäblich fort“, berichtet die Cape Times am nächsten Tag, auch die Polizei habe alles getan, damit die 537 Passagiere der „Stuttgart“ unbelästigt von Bord gehen konnten. Moritz Samson jedenfalls war froh, nach der dreiwöchigen Reise überhaupt irgendwo angekommen zu sein, weg von Deutschland und den Nationalsozialisten.

Die Kaffeemaschine zischt und spuckt, während Miriam Herzfeld das Fotoalbum und die alten Briefe hervorkramt. „Ich hatte eine glückliche Kindheit in Deut-schland“, erinnert sich die 80-jährige in der Küche ihres kleinen Hauses im Kapstädter Norden. Ihr Vater, Moritz Samson, hatte eine gut gehende Schuhmacherei in Bochum betrieben.

Doch dann kam das Jahr 1933, Hitlers Machtergreifung. Männer marschierten an der Wohnung der Samsons vorbei, die damals zehnjährige Miriam durfte nicht mehr zur Schule gehen. Bald musste der Vater seine Werkstatt aufgeben; die Mutter wurde festgenommen. Ihr Vater erfuhr von dem Schiff namens „Stuttgart“, das deutsche Juden nach Südafrika bringen würde. Moritz Samson schaffte es. Dabei wäre die „Stuttgart“ kurz nach dem Auslaufen in Bremerhaven beinahe wieder umgekehrt. Sie passierten gerade die spanische Küste, als der Kapitän über Lautsprecher mitteilte: Kapstadt verweigert die Hafeneinfahrt, Rechtsradikale protestieren gegen die Einreise der Flüchtlinge, wir können nicht weiterfahren. Erst als einige Passagiere in ihrer Verzweiflung drohten von Bord zu springen, behielt die „Stuttgart“ den Kurs bei. Die Stimmung an Bord wurde von Tag zu Tag besser. Die Zeit zwischen den üppigen Mahlzeiten vertrieb man sich auf dem Sonnendeck, mit Gesellschaftsspielen oder Gesprächen am Swimmingpool. Abends wurde getanzt. So gut war es Moritz Samson lange nicht gegangen. Kapstadts jüdische Gemeinde war am Hafen versammelt, um den Fremden aus Europa bei den Einreiseformalitäten zu helfen. Kaum einer der Passagiere sprach Englisch. Auch wenn sie während der Reise mühsam versucht hatten, im Liegestuhl mit dem Lexikon auf den Knien ein paar Worte zu lernen.

Wenige Tage nach seiner Ankunft  telegrafierte der Vater nach Deutschland: Kommt so schnell wie möglich nach! Drei Monate später saß Miriam Herzfeld mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im Zug nach Genua. „Ich werde euch nie  wiedersehen“, hatte die Großmutter beim Abschied gesagt. Es stimmte. In den letzten Wochen war das politische Klima in Bochum unerträglich geworden. Klaus arbeitete als Laufbursche für jüdische Geschäfte, die sich noch halten konnten. Miriam erledigte Behördengänge, um die Ausreise zu arrangieren, die Mutter lernte, Schnittmuster anzulegen und Kleider zu nähen.

In Genua hatten sie Glück. Zwar wusste die Schifffahrtslinie nichts von ihrer Buchung aus Deutschland, aber eine Bekannte, der die Flüchtlinge im Zug wiederbegegnet waren, borgte ihnen Geld für die Tickets. Es waren Rückfahrkarten für Kreuzfahrt-Touristen, aber wie die meisten Passagiere an Bord der „Duilio“ wussten sie, dass ihre Reise in Kapstadt enden würde, so wie die Reise der Brüder Stern aus Büdingen oder der Familie Kleinberger aus Fritzlar: Mindestens zwei Drittel der Kreuzfahrt-Tou-risten, so schätzt Miriam Herzfeld, waren deutsche Juden auf der Flucht in eine unbekannte Zukunft.

Alle paar Monate fuhr ein Schiff nach Kapstadt, und von Fahrt zu Fahrt wurde die Einreise nach Südafrika schwieriger. Auch in Südafrika schlug die Stimmung um: Unter dem Druck der burischen Nationalisten trat am 1. November 1936 ein Gesetz in Kraft, das die Einreisebestimmungen für Juden deutlich verschärfte.

Miriam Herzfeld erinnert sich an den frühen Morgen ihrer Ankunft in Kapstadt: „Von der Reling aus konnte ich meinen Vater sehen, aber sie haben uns nicht vom Schiff gelassen.“ Den ganzen Tag über harrten die Passagiere in der Hitze aus; erst als die jüdische Gemeinde 100 Pfund für jeden Immigranten gezahlt hatte, durften sie von Bord.

Was das damals 13-jährige Mädchen aus Bochum nicht ahnte: Nicht überall in der jüdischen Gemeinde am Kap wurde die Einreise der deutschen Juden begrüßt. Die Britisch-Stämmigen argwöhnten, die vielen Flüchtlinge könnten die ohnehin antisemitische Stimmung besonders unter den arbeitslosen Buren verstärken, und sprachen sich daher für eine Verschärfung der Einreisebestimmungen aus. Die Mehrheit der Juden in Kapstadt kam aus Osteuropa, vorwiegend aus Litauen. Diese eher konservative, orthodoxe Grup-pe war zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in den Süden Afrikas geflüchtet, wo sie von den dort wohnenen Deutschen nicht gerade mit offenen Armen empfangen wurde.

Miriams Familie hauste zunächst in einem Zimmer mit Balkon, und die Eltern verbreiteten gute Laune: „Stellt euch vor, wir gehen zelten, da ist es ja auch nicht anders“, hat die Mutter immer gesagt. Miriam ging bald in die Schule, musste Englisch und Afrikaans, die Sprache der Buren, gleichzeitig lernen.



                 Foto: Die Familie Samson wieder vereint in Kapstadt
                                            
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„Was wussten wir damals schon von Südafrika“, sagt Miriam Herzfeld –„außer dass es da Schwarze  gab, die für jeden die Arbeit machten.“ Die Flüchtlinge wohnten alle im gleichen Viertel, halfen und unterstützten sich gegenseitig. Am Wochenende herrschte auf dem Balkon der Familie Marktplatzatmosphäre. Nachbarn kamen und verkauften Kaffee, andere Tabak und Stoffe. Bald hatten alle Samsons einen Job. Der Vater führte eine Schrotthandlung, die Mutter profitierte von ihren Schneiderkursen und bekam eine Anstellung in einem Modesalon. Miriam verließ nach 18 Monaten die Schule und begann eine Lehre als Putzmacherin. Ihr Bruder Klaus war Lehrling im Maschinenbau.

Dann kam der Krieg. Zunächst war nicht klar, auf welcher Seite Südafrika stehen würde. Drei Tage nach dem Überfall auf Polen erklärte der südafrikanische Premierminister General Barry Herzog im Kapstädter Parlament: „Wir haben kein Interesse an diesem Krieg. England hat Verpflichtungen gegenüber Polen. Wir haben sie nicht.“ Vielen seiner Parteifreunde war Hitlers Politik sympathisch, die große Mehrheit der Buren wollte seine Visionen auch in Südafrika verwirklicht sehen. Doch schließlich, mit nur einer Stimme Mehrheit, stimmte die Regierung am Kap für eine Kriegserklärung an der Seite der Alliierten: der Premier musste zurücktreten.

Miriams Bruder meldete sich sofort zur Armee, wie ihr späterer Mann, den sie in einem jüdischen Jugendclub in Kapstadt kennen gelernt hatte. Alle wollten sie gegen Hitler kämpfen.

Sechzig Jahre später sitzt Miriam Herzfeld im Garten ihres Häuschens mit Blick auf den Tafelberg. Sie ist stolz auf ihre zwei Söhne, die beide erfolgreich im Management südafrikanischer Unternehmen arbeiten. Ihre Heimat heißt heute Südafrika – ein Land, das einst mit Hitlers Rassenideologie sympathisierte und 1948 selbst einen Unrechtsstaat aufbaute, der die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung entrechtete und unterdrückte. Wie konnten die jüdischen Einwanderer die Apartheid akzeptieren?

Die Antwort kommt zögernd: „Am Anfang lebten wir wie unter einer Käseglocke; wir waren damit beschäftigt, uns ein neues Leben aufzubauen.“ Niemand wollte anecken. Das änderte sich in den sechziger und siebziger Jahren. Viele schlossen sich den Protestbewegungen oder der demokratischen Opposition an. Regelmäßig marschierte der Rabbi der Kapstädter Gemeinde bei den Kundgebungen der Schwarzen mit; an den Universitäten waren die jüdischen Studenten Teil der Anti-Apartheidbewegung.

                                    Foto: Die Pier von Kapstadt
                                            
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Die Geschichte der Emigranten in Südafrika wurde jetzt erstmals in einer Ausstellung des jüdischen Museums in Kapstadt erzählt. "Wir selbst“, sagt Miriam Herzfeld, „hatten die Vergangenheit verdrängt; doch die Enkelkinder stellten Fragen.“ Zum Abschied zeigt sie das Klassenfoto aus der Volksschule in Bochum, 23 Kinder des Jahrgangs 1930 / 31 strahlen einem entgegen. Mehr als die Hälfte hat den Holocaust nicht überlebt.

(Susanne Bittorf)