Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2004                             Nr. 8

Inhaltsverzeichnis

 

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die alle in Kooperation mit anderen Veranstaltern durchgeführt wurden bzw. der Verein beteiligte sich an von anderen Gruppierungen initiierten Veranstaltungen:

- Veranstaltung zum 9. November 2003: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch in diesem Jahr wieder gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen zu koordinieren. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde der Tag geplant und dann auch realisiert. Thematischer Schwerpunkt war in diesem Jahr der 70. Jahrestag des Beginns der Ausgrenzung der deutschen Juden im Jahre 1933. Angeboten wurde zunächst am frühen Nachmittag ein Besuch der Ausstellung „Das Recht des Bildes – jüdische Perspektiven in der modernen Kunst“ im Museum Bochum. Anschließend begann um 14.30 Uhr am Museum Bochum ein Stadtrundgang „Stationen jüdischen Lebens in Bochum“, der über die Goethestraße, Park- und Bergstraße zum ehemaligen Kaufhaus Alsberg führte. Dieser Rundgang wurde von Schülern verschiedener Bochumer Schulen begleitet, die in den Wochen zuvor im Unterricht von Frau Christine Eiselen mit Unterstützung des Vereins vorbereitet worden waren. An diesem Rundgang – in kleinen Gruppen – nahmen mehr als 100 Bochumer teil. Die Hauptansprache bei der zentralen Veranstaltung hielt Frau Dr. Wölk vom Stadtarchiv. Im Mittelpunkt ihrer Rede stand das Schicksal der Bochumer jüdischen Lehrerin Else Hirsch. Der Tag endete mit einem Benefizkonzert für die neue Synagoge in der Christuskirche Bochum.

- Am 18.10.2003 fand in der Christuskirche eine Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Deportation der Bochumer Sinti und Roma nach Auschwitz statt. Verantalter waren die Christuskirche Bochum, das Kulturbüro der Stadt Bochum, der Verband Deutscher Sinti und Roma e.V. Landesverband NRW; die VVN-BdA Bochum. Hubert Schneider hielt bei dieser Veranstaltung einen Vortrag.

- Die Diskussion um die Gestaltung eines Denkmals für die ermordeten jüdischen Bürger Bochums wurde unter verschiedenen Aspekten fortgesetzt. Im Mittelpunkt standen wiederum zwei unterschiedliche Modelle: zentrales Mahnmal oder Stationenweg. Eine grundlegende Weichenstellung scheint gelegt zu sein: Das Modell „zentrales Mahnmal“ erfuhr insofern eine Modifizierung, als der Kulturausschuss der Stadt sich offensichtlich für die Übernahme des Projektes „Stolpersteine“ entschieden hat, wie es ja bereits in verschiedenen Städten realisiert wird. Der „Stationenweg“ wird offiziell befürwortet, wobei die Stadt sich aber bei dessen Realisierung finanziell nicht beteiligen will, also private Sponsoren gefunden werden müssen. Eine gesonderte Diskussion ergab sich im Zusammenhang mit der Formulierung eines Textes für eine neue Gedenktafel, die an die Vorgänge des 9. November 1938 erinnern soll. Kulturdezernent Dr. Küppers hatte am 17.7.2003 zu einem Workshop im Museum Bochum eingeladen, um eine entsprechende Textvorlage für den Kulturausschuss zu erarbeiten. Beteiligt an diesem Workshop waren die Projektgruppe „Versöhnung durch Erinnerung“ der Grund- und Hauptschule Fahrendeller Straße, das Stadtarchiv, das Museum Bochum, das Kulturbüro, Dr. Hubert Schneider für den Verein „Erinnern für die Zukunft“ und Frau Ursula Saul-Ludwig. Der vorgelegte Text führte zu lebhaften Diskussionen nicht nur im Kulturausschuss. Dabei ging es vor allem darum, wie man die Reaktionen der Bevölkerung auf den Synagogenbrand bewertet. Der Vorschlag sah die Formulierung vor: „Öffentliche Proteste aus der Bevölkerung sind nicht bekannt geworden.“ Die Mehrheitsfraktionen im Rathaus verständigten sich schließlich auf eine leicht veränderte Form dieses Vorschlags: „Öffentliche Proteste aus der Bevölkerung gegen die Zerstörung sind nicht bekannt geworden“, eine Fassung, die von der Opposition bis heute nicht akzeptiert wird. Sie schlägt vor: „Die Bochumer Bevölkerung hat sich an der Gewaltaktion nicht beteiligt, aber größere Proteste hat es unter den Bedingungen der NS-Diktatur nicht gegeben.“ Beide Gruppierungen bemühten sich dabei um Gutachten von Fachleuten außerhalb Bochums, denen allerdings allen gemeinsam ist, dass sie keine genauen Kenntnisse der Vorgänge in Bochum haben. Die CDU-Fraktion plant zur Zeit eine Gesprächsrunde zu diesem Thema, zu der auch Hubert Schneider eingeladen wurde.

- Am 22.10.2003 wurde in Jerusalem die Ausstellung „Anwalt ohne Recht“ eröffnet. Der vom Präsidenten Shlomo Cohen ausgesprochene Einladung konnte aus Bochum niemand folgen, gleichwohl fand die in Bochum erarbeitete Dokumentation „Zeit ohne Recht“ ihren Platz in der Ausstellung und wurde aufmerksam registriert.

- Der Förderverein „Freundeskreis Bochumer Synagoge“ wurde am 18.9.2003 gegründet. Er will nicht nur den Bau der neuen Bochumer Synagoge durch seine Mitglieder und durch Spendenaufrufe unterstützen, sondern darüber hinaus das jüdische Leben im Gemeindegebiet unterstützen und die Erinnerung an die alte jüdische Gemeinde pflegen. Zahlreiche Mitglieder unseres Vereins sind Mitglieder der Initiative geworden.

- Der Verein beobachtet mit großer Sorge die Demonstrationen von rechts gegen den Bau der neuen Synagoge. Da die rechte Szene mit ausgesprochen populistischen Parolen agiert, deren Wirkung auf die Bevölkerung nicht unterschätzt werden soll, beteiligen wir uns an der Durchführung von möglichst eindrucksvollen Gegendemonstrationen. Allerdings sind wir der Meinung, dass diese Gegendemonstrationen durch eine Vielzahl von Informationsveranstaltungen in allen Stadtteilen zu Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in Bochum ergänzt werden müssen. Entsprechende Initiativen im Förderverein sind bereits ergriffen worden.

- Erfreulicherweise konnten wir in Bochum wieder Besuch begrüßen: Auf Einladung der Stadt Bochum kamen die Gebrüder Schnitzer, vormals Wattenscheid, mit ihren Ehefrauen und Frau Lotte Goldmann geb. Wohl (früher Geschäftshaus Reichenberg in der Bongardstr.) mit einer Freundin vom 11. bis 18. September nach Bochum. Es waren wiederum intensive Tage. Als ein Ergebnis ist festzuhalten, dass die von Moritz Schnitzer in englischer Sprache geschriebenen Erinnerungen – auch an seine Kindheit und Jugend in Wattenscheid – übersetzt und hier publiziert werden sollen. Am 15. September fand ein Empfang bei Fam. Schneider statt, bei dem zahlreiche Mitglieder des Vereins und andere Personen Gelegenheit zum Gespräch mit den Gästen hatten. Der Kontakt mit den Gästen wird fortgesetzt. Vom 19. Mai bis 3. Juni 2004 war Frau Rosemarie Molser geb. Marienthal aus Rochester (USA) zu einem privaten Besuch in Bochum. Ihren Aufenthalt in Deutschland benutzte sie zu Besuchen in Karlruhe, Aachen und Berlin, um dort den Spuren ihrer Familie zu folgen bzw. die Grabstellen ihrer Familie zu besuchen.

- Wir pflegen nach wie vor regelmäßigen Kontakt mit der jüdischen Gemeinde. Es ist geplant, dass auch künftig ein Beitrag der Gemeinde in unserem Mitteilungsblatt erscheinen wird.

- Immer wieder gibt es Anfragen aus der Stadt zu Aspekten jüdischen Lebens in Bochum. Diesen Nachfragen versuchen wir gerecht zu werden. Im übrigen führte Hubert Schneider wieder einzelne Veranstaltungen auf Einladung des evang. Männervereins in einigen Stadtvierteln durch. Zum fast schon regelmäßigen Programm gehören Stadtführungen zu Stationen jüdischen Lebens in Bochum.

- Eine gezielte Anfrage kam von der „Rosa Strippe e.V.“ Bochum, die sich um die Erinnerung an homosexuelle Männer und Frauen als Opfer des Nationalsozialismus kümmern möchte. Da wir bei unseren  Recherchen über jüdisches Leben auch auf entsprechende Dokumente gestoßen sind, konnten wir  beim Aufspüren von Archivmaterialen behilflich sein. Ein entsprechendes Projekt ist in Arbeit.

Auch im letzten Jahr ist der Kontakt zu unseren Besuchern der vergangenen Jahre nicht abgerissen. Dabei zeigte sich, dass unser Mitteilungsblatt, dessen siebte Ausgabe wir zum jüdischen Neujahrsfest Anfang September 2003 verschickten,
sehr gern gelesen wird. Das zeigen die vielen schriftlichen Reaktionen. Nicht selten kam der Vorschlag, ob das Heft nicht öfters erscheinen könne.
Die Kontakte führen auch dazu, dass uns zunehmend Materialien zur Geschichte der einzelnen Familien über ihr Leben in Bochum und in der Emigration zur Verfügung gestellt werden, die in unser Vereinsarchiv aufgenommen werden.

-   Leider erhielten wir auch wieder Nachricht vom Tod einiger Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde: In Buenos Aires starb Moritz Szlamazarnik, in Jerusalem sein Bruder Fernando Szlamazarnik. -  Aus New  York kam die Nachricht vom Tode Margret Fromms, die zwar nicht zu den Besuchern von 1995 gehörte, zu der der Verein aber kontinuierlich Kontakt pflegte.

       (Hubert Schneider)