Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2004                             Nr. 8

Inhaltsverzeichnis

Eine Ausstellung in Frankfurt a.M. erinnert an den Auschwitz-Prozess 1963.

Vom 27. März bis zum 23. Mai 2004 war im Haus Gallus in Frankfurt am Main  die Ausstellung „Auschwitz-Prozess – 4Ks2/63“ zu sehen, die das Fritz Bauer Institut erarbeitet hat. Entscheidenden Anteil an der Realisierung dieses Projekts hatte Dr. Irmtrud Wojak, allen Leserinnen und Lesern bekannt als Vorsitzende unseres Vereins in den ersten Jahren unseres Bestehens. Irmtrud Wojak ist seit einigen Jahren stellvertretende Direktorin des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt a.M.

Die Strafsache 4Ks2/63 wurde schon vor langer Zeit zu den Akten gelegt; rund 40 Jahre verstaubten die Unterlagen zum vielleicht wichtigsten Strafprozess der deutschen Geschichte in Archiven. Bis zu jenem Zeitpunkt 1963, als der Auschwitz-Prozess in Frankfurt begann, hatte die deutsche Gesellschaft nichts hören wollen über die Frage, wer denn mit gemordet hatte bei der Beseitigung von sechs Millionen Juden, wie ja überhaupt mehr als die Hälfte aller Westdeutschen schon 1963 fand, man müsse endlich einen Schlussstrich ziehen unter das, was war. Fritz Bauer, der hessische Generalstaatsanwalt, sah das anders: Er hoffte, dass sich mit einem großen Prozess auch die Erinnerung wieder einstellen werde – und damit auch die Bereitschaft, sich auseinanderzusetzen mit deutscher Schuld. Er setzte den Auschwitz-Prozess durch, fand – überwiegend hinter dem Eisernen Vorhang – aussagebereite Zeugen und initiierte damit jenen fast einmaligen Prozess. Viel mehr sollte es später nicht geben: Von den 8000 Angehörigen der SS-Wachmannschaft in Auschwitz wurden nur 788 in Nachkriegsprozessen zur Verantwortung gezogen, davon etwa 40 vor deutschen Gerichten. 21 Zeugen sagten vom 20. Dezember 1963 bis zur Urteilsverkündung am 20. August 1965 aus, 20 Angeklagte rechtfertigten sich für ihre Taten – aber keiner zeigte tiefe Reue oder Verzweiflung. „Ich wusste nicht, dass Vergasungen stattfanden“, äußerte etwa der Adjuant des Lagerkommandanten von Auschwitz, Robert Mulka, bei der ersten Vernehmung lakonisch.  „Das Zyklon B ist mir damals nicht bekannt gewesen.“ Viktor Capesius, Leiter der SS-Apotheke von Auschwitz-Birkenau, beteuerte treuherzig, er habe den „Juden nie feindlich gegenüber gestanden“. Wilhelm Boger, Ermittlungsbeamter bei der Lager-Gestapo und Erfinder der berüchtigten Boger-Schau-kel, gab an, ihm sei nicht bekannt, „dass Häftlinge aus dem Lager lediglich ihrer Arbeitsunfähigkeit wegen in die Gaskammer geschickt wurden.“  Mulka, Capesius, Boger und andere wurden wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an tausenden von Menschen verurteilt. Das Urteil und seine Begründung sind 600 Seiten lang.

Wie stellt man einen Prozess aus, mitsamt der juristischen Vor- und Nachgeschichte? Die Ausstellung bietet im Hauptteil die Geschichte des Prozesses, in dem man lesen und hören kann, was vor Gericht gesagt wurde. Auf einer zweiten Ebene lässt sich die Rezeptionsgeschichte in Literatur, Philosophie, Publizistik und Theater an ausgewählten Beispielen studieren. Schließlich haben eine Reihe zeitgenössischer Künstler gewissermaßen einen Echoraum des Prozesses geschaffen. Gerade dieser letzte Aspekt sorgte bereits im Vorfeld der Ausstellung für eine Debatte. Sie habe zeitgenössische Kunst als Scharnier zwischen Kunst und Realität einsetzen wollen, erläuterte Irmtrud Wojak, und deshalb auch Kunst aus den sechziger Jahren zur retrospektiven Betrachtung der Wirkungsgeschichte aufgenommen.  Romane und Gedichte über das KZ Auschwitz, Ausschnitte aus dem Drama „Die Ermittlung“ von Peter Weiß, Briefwechsel und Dokumente von Journalisten und Schriftstellern belegen, welch immensen Einfluss der Prozess auf die innere Befindlichkeit der Gesellschaft hatte.

Die Ausstellung fand in den Medien eine große und überaus positive Resonanz – im Fernsehen, Rundfunk und  in den Printmedien. Michael Jeismann (Frankfurter Allgemeine Zeitung) zählt die Ausstellung über den Auschwitz – Prozess zum Besten, was in den vergangenen Jahren zur NS-Vergangenheit und zur frühen Bundesrepublik gezeigt wurde.  Er bescheinigt Irmtrud Wojak und ihrem Team, dass sie hervorragende Arbeit geleistet haben. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und wird demnächst im Gropius-Bau in Berlin gezeigt werden.

Zur Ausstellung ist ein exzellenter, 870 Seiten starker Katalog erschienen, herausgegeben von Irmtrud Wojak. Dieser Katalog ist selbst ein Monument für die Überlebenden von Auschwitz und die ermittelnden Staatsanwälte.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Irmtrud, wir sind stolz auf Dich.

(Hubert Schneider)