Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2004                             Nr. 8

Inhaltsverzeichnis

Buchprojekt: Veröffentlichung des Nachlasses Freimark

„Nur dem Vergangenen nicht nachtrauern, wir können daran leider nichts mehr ändern. Es lebe das Leben, mit Gott Dein Papa“ schreibt Simon Freimark am 5. Oktober 945 aus dem Displaced Person Camp in Deggendorf an seinen in Philadelphia lebenden Sohn Gerhard zu dessen 24. Geburtstag. Dieser Brief markiert gewissermaßen die Schnittstelle des umfassenden Briefwechsels, den die Eltern Karola und Simon Freimark aus Bochum mit ihren Kindern im Zeitraum 1938 bis 1946 geführt haben, unterbrochen durch die Zeit der Deportation der Eltern ins Lager Theresienstadt. Voraus gehen diesem Datum die erhaltenen 89 Briefe und Postkarten der Eltern, die diese zwischen dem 20. Oktober 1938 und 26. August 1940 an die Kinder nach deren Emigration im Oktober 1938 geschrieben haben. Dem Datum folgt der vollständige erhaltene Briefwechsel zwischen Eltern und Kindern nach deren Befreiung aus Theresienstadt. Es handelt sich dabei um 41 Briefe der Eltern und 22 Briefe der Kinder, geschrieben zwischen dem 6. Juni 1945 und 16. April 1946. Ergänzt wird dieser Briefwechsel durch eine dritte Briefserie 1945 bis 1954, den die Freimarks, ab 1946 in Philadelphia lebend, mit den alten Bochumer Freunden Siegbert und Emmy Vollmann in Bochum führten (14 Briefe der Vollmanns, 15 Briefe der Freimarks). Die Briefe 1938 bis 1940 dokumentieren in exemplarischer Weise

  • wie die nationalsozialistische Segregations- und Verdrängungspolitik vor Ort funktionierte;
     
  • wie die vormals voll in die Gesellschaft integrierten deutschen Juden zunehmend isoliert wurden und wie sich diese Isolierung in der Praxis des Familien- und Gemeindelebens auswirkte;
     
  • an zahlreichen Punkten wird deutlich, dass dieser Verdrängungsmechanismus nur funktionierte, weil er von der Mehrheitsgesellschaft getragen wurde.
     

Einmaligen Charakter erhält der Nachlass Freimark durch  den Erhalt der zweiten Briefserie 1945 bis 1946. Diese Briefe geben in exemplarischer Form Hinweise darauf

  • ob und wie es den Überlebenden der Lager gelingt, mit diesen Erfahrungen zu leben. Die Rückkehr nach Bochum ist ausgeschlossen. Man beobachtet und kommentiert zwar die Entwicklung in Deutschland, der Bruch ist aber vollzogen;
  • wie sich das Leben derer gestaltet, die – wie die Kinder – rechtzeitig emigrieren konnten, wie sie damit umgehen, dass es ihnen nicht gelang, die Deportation der Eltern zu verhindern. Auch für sie gibt es keine Rückkehr nach Deutschland mehr.

Über die ersten Jahre in der Emigration informiert die dritte Briefsererie 1945 bis 1954. Karola und Simon Freimark kommen zwar nie nach Deutschland zurück, sie pflegen aber einen intensiven Briefwechsel mit den Bochumer Freunden Siegbert und Emmy Vollmann. Beide Paare hatten zuvor in dem Bochumer „Judenhaus“ in der damaligen Horst-Wessel-Straße (vorher und nachher Kanalstraße) gewohnt. Siegbert Vollmann, zunächst „geschützt“ durch seine evangelische Ehefrau, dann an verschiedenen Orten zur Zwangsarbeit verpflichtet, hatte in einem Lager in Berlin überlebt, war 1945 nach Bochum gegangen und bis zu seinem Tod 1954 Vorsitzender der kleinen jüdischen Gemeinde geworden.

In dieser Briefserie schließt sich der Kreis:

  • die alte jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr, ihre Mitglieder sind ermordet oder zerstreut über die ganze Welt. Berührungspunkte mit Bochum gibt es nur noch in der Frage der sogenannten „Entschädigung“. Über das Schicksal der Überlebenden in der ganzen Welt und über die Entwicklung in Bochum berichtet Siegbert Vollmann.
     
  • Exemplarisch für das Leben der Lagerüberlebenden und der Emigrierten stehen die Briefe der Freimarks. Karola und Simon Freimark kehren nie – auch nicht besuchsweise – nach Deutschland zurück, die Kinder Stefanie und Gerhard erst nach 50 Jahren.

Für das Jahr 2005 ist die vollständige Publizierung der 3 Briefserien geplant. Die Dokumente werden in den jeweiligen lokalgeschichtlichen Kontext eingebettet, dabei werden die erhaltenen Dokumente anderer Überlebender der alten jüdischen Gemeinde ausgewertet Durch die Auswertung der vorhandenen Literatur wird überprüft,  inwieweit über den Bereich Bochum hinaus allgemein gültige Aussagen zu den skizzierten Themenbereichen möglich sind.

(Hubert Schneider)