Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2004                             Nr. 8

Inhaltsverzeichnis

Die Diskussion um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ und die deutsch-polnischen Beziehungen.

Im ersten Halbjahr 2004 wurde in den deutschen Medien heftig um die  vom Bund der Heimatvertriebenen propagierte Einrichtung einer Gedenkstätte „Zentrum gegen Vertreibungen“ diskutiert. Als Ort für dieses Zentrum dachten die Initiatoren an Berlin. Das Projekt sorgte nicht nur in Deutschland für Diskussionsstoff, sondern auch im Ausland, vor allem die deutsch-polnischen Beziehungen wurden dadurch belastet. - Während seines Aufenthalts in Krakau (Polen) hielt Hubert Schneider dort an der Pädagogischen Akademie am 10. Mai 2004 einen Vortrag zu diesem Thema:

Die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen seit 1989 ist sicher eine Erfolgsgeschichte. Man sagt zu Recht: Die Beziehungen waren über Jahrhunderte nicht so gut wie zur Zeit der Wende zum neuen Jahrtausend: Die Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses nach 1989 ist eine der wahrhaft beglückenden Erfahrungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Und auch, wenn man sich die günstigen internationalen Rahmenbedingungen und die weit über dreißig Jahre reichende Vorarbeit unzähliger Individuen und Gruppen vor Augen hält, so muss man diesen Gang der Dinge keineswegs für selbstverständlich halten. Man darf schon sagen, dass hier ein kleines Wunder geschehen ist – gemessen am üblichen Tempo geschichtlicher Veränderung.

Und trotzdem muss man die Gegenfrage stellen: Wie krisenfest ist diese neue Partnerschaft? Die letzten Jahre haben - neben allen Fortschritten – auch gezeigt, dass es aus heiterem Himmel zu Rückfällen, zu Verstimmungen kommen kann, die man eigentlich für überwunden gehalten hatte.

Nehmen wir nur die aktuelle Beispiele: Für gute Nachbarn haben sich Deutschland und Polen in den vergangenen Monaten erschreckend schlecht verstanden. Zum Konflikt um den Krieg im Irak und zur Debatte um die europäische Verfassung kam der Streit über die Geschichte. Der Plan, ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin zu errichten, hat in Polen bei vielen Verwunderung, bei nicht wenigen auch Verbitterung ausgelöst. Mehr als ein Jahrzehnt der Aussöhnung würde entwertet, so die Befürchtung, wenn sich die Deutschen in Berlin, der einstigen Zentrale des nationalsozialistischen Terrorkrieges, als Opfer in Szene setzen. Wie Säure begannen die Emotionen zu zersetzen, was im deutsch-polnischen Verhältnis erreicht worden war.

Janusz Reiter, der frühere polnische Botschafter in Deutschland, kam in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung am 14.11.2003 zu folgender Einschätzung: „Für mich war das deutsch-polnische Verhältnis schon lange nicht so gut, wie offiziell immer behauptet wurde. Wir hatten zwar eine so genannte Interessengemeinschaft, die eine ungestörte Harmonie suggerierte. Doch das Verhältnis war stark ritualisiert und hatte zu wenig Substanz. Die Beziehungen waren auf ein Ziel fixiert, die Aufnahme Polens in die EU. Für die Zeit danach gab es kaum Konzepte. Heute könnte man den Zustand so beschreiben: Die Deutschen verstehen die Polen stets weniger, die Polen vertrauen den Deutschen immer weniger. Wenn diese Haltungen aufeinander treffen, entsteht ein eher spannungsgeladenes Verhältnis – nicht nur in der Vertriebenendebatte, sondern auch im Irakkonflikt oder den Diskussionen um die EU-Verfassung.“

Zu Irritationen im deutsch - polnischen Verhältnissen ist es in den vergangenen Jahren immer wieder gekommen: Sie betrafen einerseits eindeutig die Hinterlassenschaft der Vergangenheit: Resolutionen zur Vertreibung, Missverständnisse und Interessenkonflikte bei der Entschädigung der NS-
Zwangsarbeiter, Rückgabe der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter; die Diskussion in Polen um Jedwabne und deren Resonanz in Deutschland. Andererseits aber gegenwartsbezogene und zukunftsweisende Punkte: etwa den Bodenkauf durch Ausländer in Polen, die Arbeitsmigration nach Westen oder die grenzüberschreitende Kriminalität.

In solchen Situationen stiegen rasch die Emotionen, tiefsitzende Klischees ließen sich erschreckend leicht reaktivieren -  und schon war die schönste Krise da.

Im Gegensatz zu den neunziger Jahren haben wir es heute aber mit Problemen von wesentlich größerem Kaliber zu tun. Schauen wir uns als Beispiel die Diskussion um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ an: Ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ benennt allerdings schon im Titel das falsche Objekt der Anklage. Genauso gut könnte man ein „Zentrum gegen Gebietsannexionen“ befürworten, eins gegen gefallene Soldaten, gegen Massaker an Zivilisten und Bombenopfer, eins gegen Zwangsarbeit und Gefangenenlager und eins gegen Hunger und Typhus. All dies hat mehr Todesopfer gekostet als Flucht und Vertreibung. All dies sind die fatalen Folgen von Kriegen gewesen. Verurteilt man aber die Folge und nicht die Ursache, so greift man zu kurz, ja weckt Illusionen. Man suggeriert, nach Angriffskriegen könnten deren unvermeidliche Folgen vermieden werden. In diesem Fall die Vertreibung der damals mehrheitlich kriegswilligen deutschen Bevölkerung.

In einem Memorandum der tschechischen Exilregierung vom November 1944 hieß es: „Nach den Erfahrungen der beispiellosen Akte der Barbarei, die von den Deutschen während des gegenwärtigen Krieges am tschechoslowakischen Volk begangen wurden, ist es unvorstellbar geworden, dass in Bezug auf die deutsche Minderheit der jetzige Zustand beibehalten wird“, statt dessen ist von einer „radikalen Reduzierung“ durch „Transfers“ die Rede.

Einen Monat später hat Churchill in seiner Rede „Über Polen“ den Vorschlag erweitert: „Völlige Vertreibung der Deutschen – aus den Gebieten, die Polen im Westen und Norden gewinnt. Denn die Vertreibung ist, soweit wir in der Lage sind es zu überschauen, das befriedigendste und dauerhafteste Mittel.“ So sollten „endlose Unannehmlichkeiten“ vermieden werden. Und Präsident Truman fügte in der New York Herald Tribune am 10. August 1945 hinzu: „Das neue Gebiet im Westen wird Polen in die Lage versetzen, seine Bevölkerung besser zu versorgen.“

Umgekehrt kam die Verkleinerung Deutschlands der kurz zuvor im Potsdamer Abkommen festgelegten Reduzierung der „bestehenden übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft“ entgegen: „Das deutsche Volk fängt an, die furchtbaren Verbrechen zu büßen, die unter der Leitung derer, welche es zur Zeit ihrer Erfolge offen gebilligt und denen es blind gehorcht hat, begangen wurden.“

 Obwohl es heftig bestritten wird, kritisiert man heute mit dem Slogan „gegen Vertreibungen“ rückwirkend eben doch, was die Alliierten und mit ihnen andere Staaten für richtig hielten. Wer damals bedingungslos kapitulierte, sollte nach einem halben Jahrhundert nicht anfangen, Bedingungen zu stellen.

Selbst wenn die Alliierten in einem wichtigen Punkt irrten: Eine „Überführung der deutschen Bevölkerung in ordnungsgemäßer und humaner Weise“, wie es im Potsdamer Abkommen vorgesehen ist, war von den traumatisierten von Deutschland im 2. Weltkrieg besetzten Ländern im Osten nicht zu erwarten. Die Vorstellung, nach dem mitleidlosen Verhalten der Nationalsozialisten, nach der Ungeheuerlichkeit der Polengesetze, hätte mit dem Tag der Kapitulation nachsichtige Milde und Rechtsstaatlichkeit walten können, ist lebensfremd. Sie setzt nicht nur übermenschliche Versöhnungsbereitschaft voraus, sondern verkennt, dass die schmachvollste Kriegsverletzung, die man dem Gegner antut, dessen anhaltende Demoralisierung ist. Es gibt kein Volk von Heiligen.

„Wer lange verfolgt wird“, schrieb Camus, „wird schuldig“. Die Wehrmacht und SS, all die Nazibediensteten, haben die Polen, die Russen, die Tschechen und andere Europäer solange verfolgt, bis deren Rachebedürfnis einen Teil von ihnen schuldig gemacht hat. Deutsche Forderungen nach Entschuldigung halte ich deshalb für unangemessen. Präsident Havel hat sich für unangemessene Exzesse entschuldigt, nicht für die Aussiedlungen an sich. Und der Germanist Frantisek Cerny, nach der Wende beliebter tschechischer Botschafter in der Bundesrepublik, sagt heute: „Ich glaube, dass es eigentlich keine andere Lösung gab. Oder man hätte warten müssen, bis dieser Hass, das emotionale Feindbild abgebaut ist. Aber: Wie hätten die Deutschen dann hier leben sollen? Sie waren damals Parias, für lange Zeit und nicht nur bei uns.“

Als quasi Nachgeborener, der ich mich für die damaligen Ereignisse nicht verantwortlich, aber zuständig fühle, halte ich es für notwendig, dies Urteil in Demut zu akzeptieren. So wie ich akzeptiere, dass man über das große Leid vieler Vertriebener öffentlich reden dürfen muss. Dies geschieht seit Jahren und wird weiter geschehen in Verbänden, in der Literatur, in Filmen, an Universitäten wie der Viadrina in Frankfurt /Oder, dem Willy-Brandt-Zentrum an der Universität in Wroclaw, im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gliwice (Gleiwitz) oder der Gedenkstätte für den Kreisauer Kreis im heutigen Krzyzowa . Wenn all das als ungenügend empfunden wird, ist sicher auch ein weiterer Ort des Gedenkens und der Mahnung legitim.

Ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ aber nimmt dem Vorgang von Anfang an seine Rechtmäßigkeit – zumal die Verquickung von Recht und Politik bis heute keine absolute Ächtung von Aussiedlungen für nötig befunden hat. Im 1998 in Rom verabschiedeten Statut des Internationalen Strafgerichtshofes werden nur solche gewaltsamen Vertreibungen als Kriegsverbrechen gebrandmarkt, die ungesetzlich sind. Für die Zukunft folgt daraus für mich nicht das Unrealistische: Vertreibungen nach Kriegen sind zu verbieten. Sondern: Völker, die nicht vertrieben werden wollen, müssen ihren Regierungen in den Arm fallen, wenn diese kriegslüstern sind. Wir brauchen kein „Zentrum gegen Vertreibungen.“ Wir brauchen ein „Zentrum gegen Krieg“. Jede Art von oben erwähnten Kriegsleiden könnte hier einen Raum bekommen. In diesem Kontext hätte auch das Thema Flucht und Vertreibung seinen Platz.

Aber konkret: Wer hat wen wann vertrieben? Die Neuordnung der „ethnographischen Karte Europas“, die Hitler im Oktober 1939 verkündete, sah die Schaffung „reinrassiger Siedlungsgebiete“ vor, was zweifellos nur über die Vertreibung und Liquidierung vieler Menschen zu erreichen war. Wehrmacht und SS ermordeten nicht allein drei Millionen polnische Juden, sondern auch drei Millionen Polen – jeden Zehnten. In den ersten Kriegsjahren waren an die 16 Millionen Europäer von der „Umvolkung“ betroffen. Erst als das deutsche Kriegsglück sich wendete, kehrte  sich der Plan der „ethnischen Entmischung“ gegen die, die ihn vorangetrieben hatten. Hunderttausende Deutsche flohen im eisigen Januar 1945 vor den vorrückenden russischen Truppen – auf Geheiß von Gauleitern. Hätte die Wehrmacht ihre aussichtslose Lage wenigstens im sonnigen Herbst 1944 durch Kapitulation eingestanden – wie viele Menschen hätten gerettet werden können?

Historiker, die Ergebnisse der deutschen Volkszählung von 1939 verrechnet haben mit den verfügbaren Aussiedlerdaten, schätzen: Mehr als zwei Drittel der 15 Millionen Deutschen, die ihre Heimat verlassen haben, sind von ihrer eigenen Regierung in die Flucht getrieben worden. Für die Betroffenen mag der Unterschied gering sein, für die Geschichtsschreibung ist er enorm. Es bleibt zu hoffen, dass dies ein künftiges Dokumentationszentrum sehr deutlich machen wird.

Worum geht es bei der Diskussion um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“? Geht es hier wirklich nur um das Recht auf eine Klagemauer, um Verständnis und Versöhnung, oder geht es um die Zuweisung von Schuld und Unrecht Richtung Osteuropa, mit dem Ziel einer Bewusstseinsverschiebung? Wie ist der neue gewonnene Stellenwert von „Flucht und Vertreibung“ in Deutschland zu verstehen?

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung muss nicht zwangsläufig zu einer Selbstidentifikation im Sinne der Vetriebenenverbände in Deutschland führen. Das geht zum Beispiel aus den Stellungnahmen des deutschen Außenministers Joschka Fischer hervor. In einem Interview wies er den Begriff der „Vertreibung“ zurück und sprach von einem „Prozess der deutschen Selbstzerstörung“. Auf die Frage, ob er sich als Opfer fühle, antwortete er: „Nein. Der Untergang des Nationalsozialismus war eine Befreiung – auch und gerade für Deutschland.“

Was in den letzten beiden Jahren in der Gedächtniskultur der Bundesrepublik Deutschland beobachtet werden konnte,  ist die Verwandlung der Erinnerungskultur einer gesellschaftlichen Teilgruppe – eben der Vetriebenenverbände – zu einem Bezugspunkt von identitätsstiftender Relevanz für das Gedächtnis der ganzen Nation – war dieser doch der erste gemeinsam verhandelte Gedächtnisort des wiedervereinigten Deutschland. Die Selbst-verständlichkeit, mit der „Flucht und Vertreibung“ am Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem „Auschwitz“ zwar noch nicht gleichberechtigten, aber doch kollektiv identitätsstiftenden deutschen Erinnerungsort geworden ist, vermag zumindest zu irritieren.

Seine Institutionalisierung soll dieser neue historische Bezugspunkt im geplanten „Zentrum gegen Vertreibungen“ finden. Bereits jetzt hat er sich durch die derzeitige Debatte als einer der zentralen Gedächtnisorte der Berliner Republik herauskristallisiert. Würde das Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in Berlin tatsächlich realisiert, so erhielte hier eine Alternativ- oder Gegenerzählung zum Holocaust - Gedächtnis einen konkreten Ort, der eine Relativierung der Schuldfrage impliziert und so auch die Position des Berliner Holocaust - Denkmals in der symbolischen Landschaft des deutschen Gedächtnisses verschiebt. Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ würde zum Ausdruck dafür, dass der Bund der Vertriebenen nun als ebenso legitimer und repräsentativer Akteur der Gedächtnispolitik auftreten kann wie der Zentralrat der Juden.

Es waren nicht die Vertriebenenverbände selbst, die gelehrt haben, die Vertreibungsverbrechen als Konsequenz des „von Hitler entfachten  Weltenbrandes“ zu sehen (und nicht als Verbrechen der „Siegermächte“ am deutschen Volk“), so dass die Vertriebenen schließlich als „Hitlers letzte Opfer“ zu betrachten seien. Dies ist das Werk medialer Instanzen, die „Flucht und Vertreibung“ – eine revisionistische Kampfvokabel des Kalten Krieges – in einen neuen, mit dem europäischen Integrationsprozess ebenso wie mit dem Stand der Gedächtniskultur in der Bundesrepublik  kompatiblen Rahmen gestellt haben. Erst diese Neuverordnung hat es möglich gemacht, diesen historischen Bezugspunkt in den Kanon der identitätsstiftenden nationalen Gedächtnisorte aufzunehmen.

Literarische Ereignisse wie Günther Grass‘ „Im Krebsgang“, Fernsehsendungen  wie Guido Knopps „Die große Flucht. Das Schicksal der Vertriebenen“, das Themenheft zur Spiegel-Serie „Vertreibung aus dem Osten“ und populärwissenschaftliche Magazine verdichteten im Jahr 2002 die Diskurse über „Flucht und Vertreibung“ zu einem Komplex von großer, nicht zuletzt visueller Präsenz. Auch wenn das „Zentrum gegen Vertreibungen“ nicht in der geplanten Form realisiert werden sollte, die Bilder der Vertreibung stehen nun im Bildgedächtnis Deutschlands neben jenen des Holocaust.

Die deutsche Debatte lässt eine bemerkenswerte Tendenz im Bereich der Gedächtnispolitik sichtbar werden: „Vergangenheitsbewältigung“ scheint sich mittlerweile als Format verselbständigt zu haben und entsprechend den Logiken des Medienmarkts immer neue Themen zu suchen - zunehmend entkoppelt von ihren bisherigen Verwendungsweisen (als kritische Selbstbefragung). Es geht darum, brisante, medienwirksame historische Themen auf die mediale Agenda setzen zu können. Verweise auf die „Wiederkehr des Verdrängten“ des „bislang Tabuisierten“ und „Verschwiegenen“ bilden dafür gewissermaßen den legitimierenden Prolog, auch wenn wie bei „Flucht und Vertreibung“ von Schweigen nie die Rede sein konnte.

In denjenigen europäischen Ländern, die sich nach 1945 als Opfer des Nationalsozialismus sahen – und das waren praktisch alle mit Ausnahme der Bundesrepublik Deutschland -, und seit den neunziger Jahren auch in den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts bestimmen die Debatten um die (Mit-)Schuld an den Verbrechen des NS-Regimes und die Kritik an der Politik der Vertreibung und der ethnischen Säuberung nach Kriegsende die öffentlichen Diskussionen um die „unbewältigte Vergangenheit“. Die Bundesrepublik Deutschland hingegen scheint jede Phase der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die seit den achtziger Jahren unter dem Vorzeichen der Schuldfrage stand, gerade hinter sich zu lassen.

Die deutsche Diskussion um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ hat in Polen heftige Reaktionen bewirkt, die zu einer echten Belastung der Beziehungen zwischen beiden Ländern führte. In Deutschland war man vor allem über die Heftigkeit der polnischen Reaktionen überrascht.

Janusz Reiter versucht in dem schon anfangs zitierten Interview mit der Stuttgarter Zeitung vom 14.11.03 eine Erklärung: „Wer Polen kennt, kann gar nicht so überrascht sein. Bisher war das offene Gespräch über Vertreibung und das Leid der Betroffenen möglich, weil es in Polen die Gewissheit gab, dass es zwischen Polen und Deutschen eine gemeinsame Grundlage über das Verständnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt. Man musste nicht erklären, welche historischen Ereignisse zu den Vertreibungen führten. Die jetzige Nervosität ist vor allem damit zu erklären, dass in Polen nun der Eindruck herrscht, dass diese gemeinsame Grundlage abbröckelt, in Frage gestellt wird – oder gar nicht existiert. In dem Augenblick, in dem die polnische Seite die Gewissheit verliert, dass die deutsche Seite weiß, wie und warum es zu den Vertreibungen kam, wird ein Gespräch darüber sehr schwierig. Für Polen ist es eine unheimliche Vorstellung, dass es in 20, 30 Jahren in Berlin zwei starke historische Symbole geben könnte, die das Geschichtsbewusstsein der jüngeren deutschen Generationen prägen werden: das Holocaust-Mahnmal und das Zentrum gegen Vertreibungen. Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand zum Krieg kann man sich immer weniger darauf verlassen, dass die Leute den Kontext der damaligen Ereignisse noch kennen: Ich habe Angst vor Geschichtslosigkeit und sei es auch eine unbefangene. Geschichtslosigkeit ermöglicht Geschichtsmanipulation. Heute ist die Gefahr dafür noch relativ gering, aber mit dem wachsenden zeitlichen Abstand wird diese immer größer werden.“

Die heutigen Probleme haben – im Vergleich mit denen der neunziger Jahre – für Reiter eine ganz andere Qualität. Und, fährt er fort, „irgendwo lauert auch noch das Problem der Eigentumsansprüche, die - wenn sie gestellt werden – die Explosivität einer Atombombe haben. Das alles gibt Anlass zur Sorge. Doch sollte man sich dadurch nicht die Perspektive nehmen lassen, die das deutsch-polnische Verhältnis sicherlich hat. Wenn wir ein Europa ohne Bruchlinien wollen, brauchen wir gute Beziehungen zwischen beiden Staaten. Und wenn Polen sich in der EU nicht an den Rand drängen lassen will, braucht es ein gutes Verhältnis zu Deutschland und Frankreich.“

Davon sind wir derzeit weit entfernt. Für mich stellt sich angesichts der aktuellen Diskussionen die Frage: War der auf vielen Ebenen begonnene Aussöhnungsprozess seit Willy Brandts Warschauer Kniefall denn völlig umsonst? Und diese Frage ist für mich eine ganz persönliche, sie betrifft auch meine eigenen Bemühungen, in diesem Prozess einen kleinen Beitrag zu leisten. Dabei ging es ja im wesentlichen immer darum: junge Menschen aus beiden Ländern wurden zusammen geführt. In wissenschaftlichen Seminaren wurden Aspekte der deutsch-polnischen Beziehungen beleuchtet. Ziel war immer: Junge Menschen aus Polen und Deutschland sollten angeregt werden, im Wissen um die schwierige Vergangenheit produktiv gestaltend in der Gegenwart für eine gemeinsame Zukunft zu wirken. Und Janusz Reiter hat auch hier eine Antwort: „Nein. Wenn diese Arbeit nicht geleistet worden wäre, würde Europa anders, und zwar nicht besser, ausschauen.“

Offensichtlich haben sich die Rahmenbedingungen der deutsch-polnischen Beziehungen gewandelt: Die Situation ist nicht mehr die, dass sich ein Land um den EU-Beitritt bewirbt, und das andere Land für das erste den Anwalt spielt. Nun haben wir eine Situation von zwei EU-Staaten., die ihre Interessen neu abstimmen müssen. Vielleicht ist es gar nicht so überraschend, dass es gerade jetzt zur Beziehungskrise kommt. Deutschland und Polen müssen nun die Spielregeln so umdefinieren, dass sie der neuen Situation entsprechen. Deutschland und Polen müssen lernen, auch mit unterschiedlichen Interessen zu leben. Und die Fragen und Probleme werden nicht einfacher, eher schwieriger werden.

Dabei wird es nach wie vor notwendig sein, dafür zu sorgen, das Misstrauen, negative Vorurteile zwischen beiden Völkern abzubauen. Und auch studentische Austauschprojekte, wie das schon zur Tradition gewordene zwischen Geschichtsstudierenden aus Kraków und Bochum, werden auch in Zukunft ihren Platz haben. Ob sie so fortgesetzt werden wie bisher, ob man neue Wege finden muss, das ist eine andere Diskussion, die nicht hier und heute geführt werden soll.

(Hubert Schneider)