Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Ansprache 9. November 2004

Während der Veranstaltung zu Erinnerung an die Pogromnacht 1938 hielt Hubert Schneider die Hauptrede. Wir drucken sie nachfolgend ab.


Meine Damen und Herren, ein wichtiger Schritt wurde heute Abend hier getan: Die Enthüllung der neuen Stele zur Erinnerung an die Zerstörung der großen Bochumer Synagoge am 9. November 1938 ist dabei nicht nur ein Stück notwendige Erinnerungsarbeit, sondern setzt auch ein politisches Zeichen in der aktuellen Situation. Sie macht deutlich, dass Bochum nicht bereit ist, den Agitationen von rechts gegen den Bau einer neuen Synagoge tatenlos zu begegnen, dass Stadt und Bevölkerung klar zu ihrer Geschichte stehen und die notwendigen Schlussfolgerungen für die Gegenwart ziehen.

Vor einigen Tagen wurden die ersten „Stolpersteine“ in unserer Stadt gesetzt, ein ganz anderer Zugang zu unserer Geschichte. Die Stele erinnert an die Zerstörung der Synagoge, bei den „Stolpersteinen“ stehen die Menschen, Opfer der Gewaltmaßnahmen, im Mittelpunkt. Diesen Aspekt möchte ich heute aufgreifen, der Frage nachgehen, wie haben die Bochumer Juden die Zerstörung ihrer Synagoge und die ihr folgenden Maßnahmen wahrgenommen. Es liegen uns zahlreiche Erinnerungen von jüdischen Zeitzeugen vor, die über die Zerstörung der jüdischen Geschäfte, die Verhaftung vieler jüdischer Männer und deren Verbringung in das Konzentrationslager Sachsenhausen berichten. Daraus wird ersichtlich, dass die Haupttäter in diesen Tagen die Mitglieder der SA waren, wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass zahlreiche zivile Personen aktiv an dem Geschehen beteiligt waren. Darüber geben Zeugenberichte und Erinnerungen Auskunft, die in den Akten der späteren „Entschädigungsverfahren“ zu finden sind, mit deren Auswertung wir ja erst begonnen haben. Ein Quellenbestand gibt uns aber in fast einmaliger Weise Auskunft über den Alltag der Bochumer Juden, wie er sich nach dem 9. November gestaltete. Es sind die Briefe von Karola und Simon Freimark, bis Mitte 1939 wohnhaft in der Bochumer Meinolphusstraße, danach in dem späteren „Judenhaus“ in der Horst-Wessel-Str. 56, Briefe, die sie an ihre Kinder Stefanie und Gerhard schrieben, die Ende Oktober 1938 in die USA zu Verwandten ausgereist waren. 89 dieser Elternbriefe, der letzte vom 26. August 1940, sind erhalten. Sie beinhalten quasi eine Chronik nicht nur der eigenen Familiengeschichte, sondern der gesamten jüdischen Gemeinde Bochum.

Am 9. November 1938 wird die Synagoge, das religiöse, kulturelle und soziale Zentrum der Gemeinde, zerstört. Während die Mitglieder des Gemeindevorstandes, unter ihnen die beiden Rabbiner, in den Konzentrationslagern inhaftiert waren, beschränkte sich die Gemeindearbeit zunächst ausschließlich auf die Auflösung. Im Vordergrund stand die Rettung der Kinder. Zusammen mit der Gemeindesekretärin Erna Philipp organisierte die Lehrerin Else Hirsch von Dezember 1938 bis zum August 1939 die sogenannten Kindertransporte. Jüdisches Leben war, mit seinen religiösen, bildungspolitischen oder kulturellen Aspekten, genauso wie in allen deutschen Städten, wochenlang kaum existent.

Anhand der Freimark-Briefe lassen sich die Auswirkungen der radikal veränderten institutionellen Existenzbedingungen der jüdischen Gemeinde verfolgen. Simon und Karola Freimark berichten ihren Kindern von der Entwicklung, aus Angst vor zensierenden Behörden, häufig nur verklausuliert, wie am 17. November 1938: „Neues gibt es nicht viel, Ihr habt ja Zeitungen und Radio. Freitag abend und Samstag kann ich immer zu Hause bleiben, trotzdem freut sich Oma nicht darüber.“ Anfang Dezember werden die Andeutungen Karola Freimarks, die zuvor regelmäßig die Schabbatgottesdienste besucht hatte, auch Mitglied des Synagogenchors war, deutlicher: „Die Synagogenreste sind jetzt abgebrochen.“ Die gemeinsame Religionsausübung, die den Gemeindemitgliedern in den Jahren zuvor immer wieder Halt gegeben hatte, konnte in Bochum erst am 27. Januar 1939 mit behördlicher Genehmigung wieder aufgenommen werden. Der Synagogenvorstand hatte in einem Gemeindezimmer einen Betraum eingerichtet. Einer früheren Wiederaufnahme der Religionsausübung standen nicht nur die fehlende Genehmigung sowie mangelnde Räumlichkeiten entgegen, sondern die Gesamtsituation behinderte das jüdische Gemeinschaftsleben, wie folgende Nachricht Simon Freimarks vom 20. November 1938 verdeutlicht: „..Leo Meyer, Rottstraße, ist plötzlich vergangene Woche gestorben, ganze 6 Personen, ich inbegriffen, waren mit zur Beerdigung.“

Das traditionelle Totengedenken und der Beerdigungsritus hatten auch in der liberalen Gemeinde einen hohen Stellenwert. Nach dem Pogrom war der Ritus nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die nötige Teilnehmerzahl war aufgrund der Inhaftierung jüdischer Männer nicht mehr aufzubringen. Zusätzlich wirkten die Erfahrungen der Pogromnacht und die Angst vor weiteren Ausschreitungen nach, so dass diese Beerdigung nur von einem kleinen Kreis begleitet wurde.

Das ungewisse Schicksal der verhafteten Männer und die vielfach vergeblichen Emigrationsbemühungen hielten „die Stimmung sehr gedrückt“ (27.11.1938). Hinzu kam die tagtägliche Konfrontation mit immer neuen antijüdischen Maßnahmen, einem erneut einsetzenden Propagandafeldzug und den noch wochenlang sichtbaren Folgen der Zerstörungen. „Bei sehr vielen unserer Bekannten gab es Aufräumungsarbeiten, bei Erna, Ottilie, überhaupt fast in dem ganzen Bezirk“ (25.11.1938). Karola Freimark war bemüht, die Wilhelmstraße, in der die Synagoge gestanden hatte, zu meiden. Der Anblick des „Trümmerhaufens“, der das Ende jüdischer Existenz im NS-Staat verdeutlichte, war für sie „zu schrecklich“ (1.1.1939).

Die Vermeidungsstrategie war letztendlich nicht nur im Hinblick auf die zerstörte Synagoge zum Scheitern verurteilt. Die antijüdischen Hasstiraden in den Zeitungen und im Radio verfehlten ihre demütigende Intention nicht mehr. Regelmäßig hielten die empörten Freimarks es für nötig, ihre Kinder mit Hilfe von Zeitungen und kurzen Kommentaren zu informieren. Simon Freimark am 19.12.1938: „Bin so froh, daß Ihr drüben und zufrieden seid, die Zeiten haben sich seit Eurem Weggang sehr geändert. Ich sagte der Mutter, sie soll Euch mehr Zeitungen schicken, damit Ihr eine kleine Vorstellung bekommt, was für u. in welchem Ton für uns hier Propaganda gemacht wird.“

Rückzugsmöglichkeiten in ein gemeinschaftliches jüdisches Leben waren auch für den Freizeitbereich nicht mehr vorhanden. Mit dem Verbot des „Jüdischen Frauenbundes“ verlor Karola Freimark ein Betätigungsfeld, mit dem sie nicht nur eine Möglichkeit für regelmäßige soziale Kontakte einbüßte, sondern auch einen wesentlichen Teil ihres karitativ geprägten Selbstverständnisses. Der jüdische Kulturbund nahm zwar in einigen Städten wieder seine Tätigkeit auf, aber nicht in Bochum. „Das Theater ist wunderbar, von ‚außen‘, auch die Filme. Der Kulturbund ist ja wieder eröffnet, wo? Im Hof der Schule?“ Während Karola Freimark hier Ende November 1938 den Theater- und Kinoverboten sowie der Berichterstattung über das wieder aufzunehmende kulturelle jüdische Leben noch mit Sarkasmus begegnete, wird im Februar 1939 die notdürftig verschleierte Verlusterfahrung deutlich: „Kino etc. haben wir gar nicht mehr, in Berlin, im Kulturbund gibt’s Gründgens und Rühmannfilme, aber hier gar keinen Raum für irgendeine Möglichkeit, so bleibt eben nur ein schönes Buch, wenn man gerade etwas erwischt, denn schließlich kann man ja auch nicht nur arbeiten.“

Die antijüdischen Verordnungen nach dem Pogrom, die auf einen vollständigen Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft ausgerichtet waren, wurden von Karola Freimark, vermutlich je nach Stimmung, unterschiedlich kommentiert. Während sie über die für den 3. Dezember 1939 verhängte Ausgangsbeschränkung für Juden fassungslos und empört berichtet, scheint sie den Ausschluss aus den öffentlichen Leihbüchereien erwartet zu haben: „Wie Ihr Euch denken könnt, bekomme ich auch von der town no more books, that is like all the other things. (25.11.1938). Eher beiläufig deutet sie dagegen das Fahrverbot für Juden an, indem sie schreibt, Leo Seidemann werde „seinen car verkaufen.“ (9.12.1938). Die bereits im Oktober 1938 angekündigte Einführung „jüdischer“ Zwangsvornamen wird den Kindern sehr subtil anhand einer Verlobungsanzeige von Freunden nachträglich mitgeteilt: „ Eben las ich im Nachrichtenblatt, daß Lotte Sara Ostermann sich mit einem Herrn Rudolf Israel Salomon verlobt hat.“ (16.6.1939).

Ein Nachrichtenblatt ersetzte auch im Hause Freimark die unterschiedlichen jüdischen Zeitungen, die ihr Erscheinen nach dem Pogrom einstellen mussten. Das für Juden erlassene Kaufverbot der überregionalen Frankfurter Zeitung und der Berliner Zeitung, ausgesprochen sofort nach der Pogromnacht, traf den eifrigen Zeitungsleser Simon Freimark sehr. Den kurze Zeit später für Juden verbotenen „Bochumer Anzeiger“ bezog die Familie ab dem 14.12.1938 auf Umwegen.

Begleitet wurden die staatlichen Segregationsverordnungen durch offene oder versteckte antisemitische Äußerungen und Handlungen aus dem vertrauten Umfeld der Freimarks. Während die wochenlange Verzögerung bei der Entwicklung von Photographien auf eine versteckte Form antisemitischer Schikanen schließen lässt, wurde Karola Freimark am 9. Dezember 1938 offen mit antisemitischen Äußerungen konfrontiert. Bochumer Postbeamte verweigerten die Annahme eines Päckchens, das sie an ihre Kinder schicken wollte. „ Sie sagten, USA wollte nichts mehr von uns.“ (9.12.1938). An einer Poststelle in Essen wird das Päckchen dann angenommen.

Erfahrungen dieser Art führten schnell dazu, dass erwartete, aber ausbleibende antijüdische Reaktionen mitteilenswert wurden: „Ich gehe nur in die Stadt, wenn es notwendig ist.“ Und: „Bis jetzt können wir in jedem Geschäft einkaufen.“ (1.1.1939). Anderthalb Monate später, am 17. Februar 1939, meldete Karola Freimark, dass mittlerweile mehrere Geschäfte und Kaufhäuser, wie Baltz, Juden ausgeschlossen hatten. Bereits am 14. Dezember hatte Simon Freimark dem Sohn mitgeteilt, er könne nicht mehr zu dem auch von Gerhard früher besuchten Friseur gehen, dieser habe jetzt ein Schild im Schaufenster. Wie Simon das Problem löst, wird nicht deutlich, Karola Freimark tätigt in der Folgezeit ihre Kleidungseinkäufe in Essen, wo sie weder vom Personal, noch von der Kundschaft als Jüdin identifiziert werden konnte.

Simon und Karola Freimark vermieteten Anfang Dezember das Kinderzimmer an eine alleinstehende, ihnen unbekannte Frau, die ihre Emigration in die USA vorbereitete. Im Januar zogen zwei weitere Untermieter ein. Die Freimarks hatten im Vorfeld dieses Einzugs begonnen, ihren Hausrat und ihr Mobiliar zu verringern. Zum einen, um Platz für die neuen Untermieter zu schaffen, zum anderen bereiteten sie damit die Haushaltauflösung für die Emigration vor. Die freiwillige Einschränkung des privaten Wohnraums wurde aus pragmatischen Gründen vorgenommen. Die räumliche Enge war angesichts der Emigrationspläne aller Beteiligten zeitlich begrenzt. Außerdem nutzen die Freimarks die Vermietung als zusätzliche Verdienstmöglichkeit, um Rücklagen zu schaffen. Die Erfahrungen anderer hatten gezeigt, dass zwischen Erwerbslosigkeit und Emigration Jahre liegen konnten, die es zu überbrücken galt. Im März 1939 war diese Verdienstmöglichkeit für einige Wochen gefährdet, und Karola Freimark befürchtete, ihre Wohnung zu verlieren. Einige Mieter im Haus hatten sich über die Untervermietungen beschwert. Anfang April gab es Entwarnung, die Vermieterin hatte offenbar Verständnis gezeigt, die „Untermieter konnten einstweilen bleiben, wenn die Nachbarschaft nichts dagegen habe.“ (3./5.4.39). Dass die Sorgen der Freimarks um ihre Wohnung nicht unbegründet waren, verdeutlichen Erfahrungen aus ihrem Bekanntenkreis. Unmittelbar nach dem Pogrom und Monate bevor der gesetzliche Kündigungsschutz für Juden aufgehoben wurde, begannen Hausbesitzer willkürlich mit der Entjudung des eigenen Wohnraums, d.h. sie kündigten ih- ren jüdischen Mietern. Karola Freimark am 2.12.1938: „ Verschiedene Bekannte haben eine Mitteilung wegen ihrer Wohnung bekommen. Vollmanns, Frl. Sachs, das ist ganz unakzeptabel für so alte und kranke Leute.“ Gleichzeitig berichtet sie von anderen Bekannten, die kurzfristig Unterschlupf bei jüdischen Hausbesitzern gefunden hatten: „Grete Seidemann u. Mutter wohnen einstweilen bei Erna. Auch Frau Sabel und Schwester bekamen dort Wohnung.“ Sie selbst hat kurzfristig eine Bekannte und deren Tochter bei sich aufgenommen, die nach der Verhaftung des Mannes nicht mehr alleine in der Wohnung bleiben wollten (Brief vom 20.11.1938). Jeder Gang zum Vermieter am Monatsersten, wenn die Miete bezahlt werden musste, wird auch für die Freimarks ein Gang ins Ungewisse. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie schön es hier geworden ist, seit ihr weggegangen seid. Und es wird jeden Tag besser“, bewertet Karola die Situation. Letztlich zogen die Freimarks – wie viele andere – die Konsequenzen. Sie bemühten sich um eine Wohnung in einem Haus, das einer jüdischen Familie gehörte, sie zogen freiwillig in die Fromm‘sche Villa, das spätere „Judenhaus“ in der damaligen Horst Wessel Str. 56. Und sie waren nicht die einzigen, die freiwillig ihre Mietwohnungen räumten und damit die später verordnete Zusammenlegung der Juden in den sogenannten „ Judenhäusern“ vorwegnahmen: Sie mussten ihren Umzug vom 1. auf den 5. Juli verlegen, da in der Stadt keine freien Möbelwagen zu bekommen waren. Zu diesem Zeitpunkt wohnten in dem Haus neben der Besitzerfamilie Fromm und den Freimarks bereits drei weitere Familien.

Angesichts der zunehmenden Beschränkungen wurde das jüdische Gesellschaftsleben durch den Rückzug in das Private charakteristisch. Die zunehmende Segregation aus allen gesellschaftlichen Bereichen und die fehlenden Veranstaltungen jüdischer Organisationen wurden notdürftig durch private Bridgeabende aufgefangen. Angesichts der weiter fortschreitenden emigrationsbedingten Auflösung der Gemeinde verringerten sich die Bekannten- und Freundeskreise stetig. Meldungen über die Emigration von Freunden, Verwandten und Bekannten ziehen sich wie ein Leitmotiv durch die Briefe. Berichte über private Aktivitäten außerhalb der Wohnungen sind dagegen selten. Von einzelnen Spaziergängen, die die Eheleute Freimark allein oder gemeinsam mit Freunden unternahmen, schrieb Karola Freimark ausschließlich im Frühjahr 1939. Insgesamt blieben diese auf 4 Male beschränkt, vermutlich, weil sie mit der Gefahr verbunden waren, als Jude erkannt und angepöbelt zu werden. Spaziergänge in Dortmund oder am Bochumer Stadtrand verweisen in diesem Kontext auf mögliche Ausweichmanöver.

Meine Damen und Herren, die Trennung von den Kindern stellte die wohl schmerzlichste Verlusterfahrung für die Eltern Freimark dar. Und damit standen sie ja nicht alleine, wenn man berücksichtigt, dass fast jede jüdische Familie ihre Kinder in den Kindertransporten in eine ungewisse Zukunft entlassen hatte. Zwar dominierte bei den Freimarks nach dem Pogrom die Gewissheit, dass ihre Kinder in Sicherheit waren, entsprechende schriftliche Äußerungen der Kinder wurden begierig aufgegriffen, aber schon Ende November/Anfang Dezember erhalten diesbezügliche Feststellungen den Charakter von Selbstversicherungen, um erste Zweifel zu verdrängen. „ Ihr habt es doch schön, nicht wahr?“ (7.12.1938). Die Sehnsucht nach den Kindern wird selten offen artikuliert. Wenn aber zurückliegende gemeinsame Erlebnisse heraufbeschworen werden, wie etwa Kinobesuche oder Urlaubsreisen, dann wird auch die Verlusterfahrung der Trennung deutlich. Vor allem diese Passagen erwecken vor dem Hintergrund der Selbstbeschränkungen und der Verfolgungen den Eindruck, dass das Verfassen und Lesen der Briefe für Karola Freimark mehr war als reine Kommunikation mit ihren Kindern. Die Briefe boten eine Rückzugsmöglichkeit aus dem zunehmend feindlicheren und schwierigeren Alltag. Die Berichte der Kinder über ihr Leben in den USA, die sie regelmäßig aufgriff und kommentierte, erhielten die Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Meine Damen und Herren, fassen wir zusammen: Die gesellschaftlichen Maßnahmen verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie schränkten die Lebensbedingungen der verbliebenen Juden erheblich ein. Die in den Verordnungen immanent vorhandenen ideologischen Erniedrigungsmotive konfrontierten die Betoffenen regelmäßig mit der „Paria-Position“, die ihnen zugewiesen wurde. Spätestens nach dem Pogrom wurden die permanenten und drohender werdenden Propaganda- und Hasstiraden als bedrohlich ernst genommen. Zusammen mit den objektiv erschwerten Bedingungen, das alltägliche Leben zu organisieren, erhöhten diese Maßnahmen allein den psychischen Verfolgungsdruck erheblich. Entziehen konnte sich dem keiner mehr, das zeigen die Briefe deutlich. Der Verlust der innerjüdischen religiösen, kulturellen und karitativen Gemeinschaftsaktivitäten wog allein schon schwer, zusammen mit dem eingeschränkten Bewegungsspielraum außerhalb des ehemaligen Gemeindelebens, potenzierte sich diese Verlusterfahrung, da sich die Ausweichmöglichkeiten allein durch die fortschreitende Emigration immer weiter reduzierten.

Wenn auch die Briefkontakte mit den Kindern hierfür eine gewisse Kompensationsmöglichkeit boten, und das Wissen, dass sie sich in Sicherheit befanden, die Eltern von mindestens einer Sorge befreite, so kann man dennoch sehen, dass dieses Wissen die von außen aufgezwungene Trennung von den Kindern mit all ihren Konsequenzen letztendlich nicht völlig aufwog. Die nationalsozialistische Vertreibungspolitik zerstreute nicht nur die jüdischen Gemeinden über die ganze Welt, sondern sie riss vor allem die Familien auseinander. Die Briefe ermöglichen einen tiefen Einblick in die Folgen für Eltern und Kinder und zeigen das Ausmaß der menschlichen Katastrophe vor der physischen Vernichtung.

Meine Damen und Herren, ich habe es anfangs bereits gesagt: 2004 ist nicht vergleichbar mit den Jahren nach 1933. Schon gar nicht in Bochum. Den Protesten gegen den Bau der neuen Synagoge von der Rechten begegnete die Stadt, an der Spitze der Oberbürgermeister, und große Teile der Bevölkerung entschieden. Aber ist es nicht eine Ungeheuerlichkeit, dass es im Jahre 2004 in Deutschland wieder möglich ist, offen gegen den Bau einer Synagoge mit Polemik auf die Straße zu gehen? Abgesehen davon, dass es immer wieder zu Schändungen des jüdischen Friedhofs kommt, zu antisemitischen Pöbeleien in der Öffentlichkeit. Ich frage mich - auch vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen, die Juden in Deutschland, in Bochum gemacht haben – dabei immer wieder: Wie wirken solche Auftritte auf die heute unter uns hier in Bochum lebenden Menschen jüdischen Glaubens? Wie wirken sie auf die Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde Bochums? Natürlich erfahren sie alle über die Vorgänge hier vor Ort aus ihren Medien, viele entsetzte Telefongespräche und Briefe zeugen davon. Und ich muss gestehen: Ich bin jedes Mal ratlos, wütend, ich schäme mich für das, was hier vor Ort geschieht.

Was ist zu tun? Kann man solche unwürdigen Demonstrationen verhindern? Ohne mich auf die juristischen Implikationen einzulassen, ich wünsche es mir sehr. Was wir aber auf jeden Fall tun können und müssen: Zunächst einmal: Fortfahren in der entschiedenen Abwehr aller antijüdischen und antisemitischen Aktionen hier in Bochum. Immer mehr Menschen in dieser Stadt müssen in diese Abwehr durch Aufklärung integriert werden. Zum anderen, und das scheint mir fast noch wichtiger: Wir müssen offen auf die Mitglieder der Bochumer jüdischen Gemeinde zugehen, ihnen tätig unsere Solidarität zeigen, ihnen deutlich machen, dass hier der Ort ist, an dem sie ruhig leben können, dass sie gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft sind. Wir müssen sie tätig unterstützen bei der Bewältigung ihrer vielen, sicher nicht einfachen Probleme. Und das wird eine Aufgabe sein, die nicht beendet sein wird mit der Eröffnung der neuen Synagoge, die ich mir bald wünsche. Die jüdische Gemeinde Bochum wird auch danach unsere Solidarität und tätige Unterstützung brauchen.

(Hubert Schneider)