Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die alle in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden:

Veranstaltung zum 9. November 2004: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2004 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen zu koordinieren. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Zwei Besonderheiten gab es 2004: Einen wichtigen Akzent erhielt die diesjährige Veranstaltung durch die Enthüllung einer neuen Stele zur Erinnerung an die Vorgänge des 9. November 1938 durch Oberbürgermeisterin Dr. Ottilie Scholz. Um den Text der Inschrift hatte es ja eine längere Auseinandersetzung gegeben, wie wir im letzten Mitteilungsblatt berichtet haben.

Am 4. November 2004 wurden die ersten „Stolpersteine“ für Georg und Elfriede Salomon, Ruth Salomon und die Bochumer Schauspielerin Thekla Csillag verlegt. Hierüber berichtet Günter Nierstenhöfer in diesem Heft.

Erinnert die Stele an die Zerstörung der Syngoge, dem Zentrum jüdischen Lebens in Bochum, so erinnerte Hubert Schneider als Hauptredner daran, wie die jüdischen Bewohner Bochums die Pogromnacht und die folgenden Wochen erlebten. Er wertete dabei Erinnerungen und Briefe von Bochumer Juden aus, vor allem die Briefe von Karola und Simon Freimark. Den Text der Ansprache drucken wir ab.

Nach der Verlegung der ersten Stolpersteine ist das Projekt in der Bevölkerung gut angekommen. Zur Zeit arbeiten ca. 20 Schulklassen und Einzelpersonen an ca. 30 Steinen. Sie sollen in diesem November und im kommenden Jahr verlegt werden. Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider beraten in regelmäßig abgehaltenen Sprechstunden die „Paten“, die die Recherchen übernommen haben. Im nächsten Jahr soll an zentraler Stelle in dieser Stadt eine Stele zu dem Projekt „Stolpersteine“ aufgestellt werden. Ein Workshop im Dezember wird sich mit dem Text dieser Stele beschäftigen.

Einen Schwerpunkt der Arbeit bildete in diesem Jahr der 60. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Die „Initiative 8. Mai“, ein Bündnis vieler Veranstalter, plante und führte ca. 30 Veranstaltungen durch. Höhepunkt war eine öffentliche Veranstaltung am 7. Mai auf dem Husemannplatz. Klaus Kunold berichtet über die Arbeit der „ Initiative“. Die Texte der Ansprachen von Annemarie Grajetzky und Hubert Schneider drucken wir in diesem Heft ab.

Wie aus dem Beitrag der jüdischen Gemeinde in diesem Mitteilungsblatt zu ersehen ist, schreiten die Planungen für die neue Synagoge voran. Der Architektenwettbewerb ist erfolgreich abgeschlossen, die Sieger wurden ausgezeichnet. Im November 2005 soll der Grundstein gelegt, im Frühjahr 2006 mit dem Bau begonnen werden. Der „Freundeskreis Bochumer Synagoge“ -. unser Verein ist mit Hubert Schneider im Beirat des "Freundeskreises“ vertreten - sammelt in zahlreichen Veranstaltungen nicht nur Geld, sondern will in verschiedenartigen Veranstaltungen auch über jüdisches Leben im Allgemeinen und in Bochum im Speziellen aufklären. Unser Verein wird sich an dieser Arbeit beteiligen.

Auch einen Besucher konnten wir im vergangenen Jahr wieder begrüßen. Steve Vadas (Kanada) kam mit seinen beiden Kindern und zwei Enkeln für einen Tag nach Bochum, um das Grab seines Vaters Heinrik Weisz auf dem Jüdischen Friedhof zu besuchen. Heinrik Weisz war als ungarischer Jude 1944 von Auschwitz als Zwangsarbeiter zum Bochumer Verein deportiert worden, er kam hier ums Leben. Hubert Schneider betreute die Familie.

Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Ein intensiver Briefwechsel zeugt davon. Auf diesem Wege haben wir viele Informationen bzw. Dokumente zur Geschichte dieser Familien erhalten Paul Wassermann berichtete in ausführlichen Briefen über sein eigenes und das Schicksal seines Vaters Viktor Wassermann, schrieb anrührend über seinen inzwischen verstorbenen Freund Gert Freudenberg. Wir drucken diese Briefe ab; die Brüder Schoenholz, Söhne von Ilse Sternberg und Besucher von 1995, überließen uns einen umfassenden Nachlass ihrer Mutter; Hubert Schneider erhielt bei seinem Besuch in Israel umfassende Dokumente zur Geschichte der Familie von Shulamith Nadir - früher Susi Schmerler -, darunter ein umfangreiches Tagebuch von Susi, das sie nach der Vertreibung aus Bochum im Oktober 1938 bis 1941 schrieb. Ihr Ehemann Yohanan Nadir überließ uns auch die Briefe, die die Eltern nach der Trennung von Susi an die Tochter schrieben; Barabara Vollmann, Witwe des verstorbenen Gert Vollmann, überließ uns eine Kassette mit Dokumenten ihres Schwiegervaters Siegbert Vollmann. Darin befinden sich u.a. Briefe des Bochumer Rabbiners Dr. Moritz David aus der Nachkriegszeit. Wir drucken einen Brief in diesem Heft ab. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, erweitern diese Briefe und Dokumente doch unser Wissen über das Leben der alten Bochumer jüdischen Gemeinde.

Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum werden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Hubert Schneider hielt bei diversen Veranstaltungen Vorträge: Bei einem Workshop zum Thema Zwangsarbeiter im Institut für soziale Bewegungen in Bochum referierte er zum Thema „Jüdische Displaced Persons und die deutsche Bevölkerung nach 1945“. Bei einem Workshop in Essen berichtete er über die Rolle der deutschen Industrie beim Völkermord an den Juden (Beispiel IG Farben und Auschwitz-Monowitz). Im Zusammenhang mit der Publikation des Freimark-Nachlasses veranstalteten wir einen internen Workshop, Hubert Schneider stellte das Projekt im Forschungskolloquium des „Instituts für soziale Bewegungen“ vor.

In Bochum wird es ab dem neuen Schuljahr eine Ottilie-Schoenewald-Schule geben. Hubert Schneider stellte in einem Vortrag vor Schülern und Lehrern diese bemerkenswerte Frau vor. Leider erhielten wir auch im letzten Jahr wieder betrübliche Nachrichten. Einige Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde und Besucher von 1995 sind verstorben: In Israel verstarb Israel Bibla, Ehemann von Fanny Bibla geb. Brecher. Aus den USA erreichte uns die Nachricht vom Tode Gladys Zuckermanns geb. Fruchter. In Argentinien verstarb Ida Goldberger geb. Goldberg. Und in Zaandam verstarb Gert Vollmann, der uns in den letzten Jahren ein guter Freund geworden war. Wir trauern mit den Angehörigen, werden die Erinnerung an die Verstorbenen in unserem Gedächtnis aufbewahren.

Demnächst können Sie unseren Verein im Internet finden:
www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

(Hubert Schneider)