Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Briefe des langjährigen Bochumer Rabbiners Dr. Moritz David gefunden

Nach dem Tode Gert Vollmanns fand seine Frau Barbara eine Metallkiste mit Dokumenten ihres Schwiegervaters Siegbert Vollmann, des ersten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum nach 1945. In ihm befanden sich vier Briefe, die Dr. David zwischen 1947 und 1954 an Herrn Vollmann geschickt hat. Barbara Vollmann hat die Dokumente dem Verein „Erinnern für die Zukunft e.V.“ übergeben, sie befinden sich in dessen Archiv und ergänzen den Nachlass Vollmann, den Gert Vollmann uns schon vor Jahren übergeben hatte. - Wir drucken den Brief Dr. Moritz Davids an Herrn Vollmann vom 21. März 1947 ab. In ihm berichtet Herr Dr. David u.a. über sein Leben nach der Emigration 1939 nach Großbritannien.

Manchester 8,             
den 21. März 1947     
202 Cheetham Hill Rd.

Sehr geehrter Herr Vollmann!
Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von dem Vorsitzenden der jüd. Gemeinde Dortmund mit Angabe Ihrer Adresse und der Mitteilung, daß die Bochumer Gemeinde noch 50 Seelen zählt, und heute schickt mir Herr Baer1 aus Paris den von Ihnen erhaltenen Brief, von dem ich mit besonders teilnehmendem Interesse Kenntnis nahm. Da selbst in der tragischen Geschichte unseres Stammes so Entsetzliches nicht geschehen ist wie in unseren Tagen, können keine Worte zum Ausdruck bringen, was man fühlt beim Gedenken der Menschen, mit denen man Jahrzehnte hindurch verbunden war, und die gleichfalls Opfer eines durch Hitler zu Bestien gewordenen Volkes geworden sind. Um so mehr freut man sich, wenn man hie und da hört, daß manche doch noch, wenn auch mit Wunden aller Art, überlebt haben, und so spreche ich Ihnen, l. Herr Vollmann sowie allen anderen Mitgliedern der Gemeinde Bochum meinen Glückwunsch in dem Sinne aus, daß mit Gottes Hilfe eine bessere Gegenwart und Zukunft Sie soweit möglich entschädigen möge für Alles, was das Schicksal Ihnen auferlegt hatte. Ganz besonders spreche ich Ihnen, l. Herr Vollmann und Ihrer w. Gattin meiner Frau und meinen Glückwunsch aus zur Vermählung Ihres l. Sohnes und zu der Freude, die Sie nun an dem Gedeihen Ihres Enkelkindes haben. Ich bitte, auch Gert und seiner Frau unseren Glückwunsch zu übermitteln. Obwohl ich vor nunmehr genau 13 Jahren aus dem Amt in Bochum ausgeschieden bin, habe ich Gert noch in angenehmer Erinnerung; er muss übrigens so ungefähr im Alter von Herbert Herz2 sein, der gleichfalls in Holland untergetaucht war und mir vor einigen Monaten mitteilte, daß er sich gleichfalls verheiratet hat und beabsichtigt, nach U.S.A., wo seine Schwester wohnt, auszuwandern. – Ich hatte übrigens gestern Gelegenheit Ihren Brief einem hier wohnenden Bochumer vorzulesen, dem über 81 Jahre alten noch recht rüstigen Herrn Poss3 (früher Kinderwagengeschäft in der Wilhelmstr.). Er hat leider vor einigen Monaten seine vortreffliche Frau verloren, aber er ist hier umgeben von Kindern, Schwiegerkindern und Enkelkindern. Vielleicht interessiert es Sie und andere, die uns kannten, auch etwas über uns zu erfahren. Nachdem ich aus dem K.Z. Oranienburg zurückgekehrt war und nach vielen Bemühungen ein Permit für England erhielt, fanden wir hier eine recht bescheidene Unterkunft in einem Refugee-Altersheim, wo wir noch immer wohnen. Eine Unterbrechung fand allerdings statt, als ich (wie alle Leute mit einem deutschen Paß) am 26. Juni 1940 in einem Camp interniert wurde, in dem ich unter anderen Bekannten auch Herrn Lehrer Mendel traf, mit dem zusammen ich gleich am ersten Freitagabend einen Gottesdienst in einem großen Zelt abhielt. Als dann am 10. Juli ein Schiff mit Internierten nach Übersee ging, meldete ich mich freiwillig zur Mitfahrt, die schließlich nach Australien in ein Internierungslager führte. Auf der Fahrt wie in dem Lager veranstaltete ich Gottesdienste und suchte zum Teil durch Predigten und Vorträge meinen Kameraden etwas zu sein, was diese auch in oft rührender Weise anerkannten. Die Frauen der nach Australien verschifften Leute sollten nachfolgen, daher hielt sich meine Frau wochenlang in London auf und zwar in der Zeit der schlimmsten Bombenangriffe, bis schließlich die Mitteilung kam, daß die Frauen nicht nachfolgen können. Nach 2 ¼ jähriger Trennung kehrte ich am 6. Oktober 1942 in 3 monatlicher gefährlicher Fahrt zurück. Seitdem ist meine Tätigkeit als Rabbiner wohl abgeschlossen, zumal ich bereits das 71. Lebensjahr überschritten habe. Zum Schluß möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß Ihnen jetzt Räume zur Pflege des Gemeindelebens zur Verfügung gestellt wurden, und daß Sie zu Pesach dort den Gottesdienst haben werden. Gott erhöre die Gebete, die Sie alle zu ihm empor senden und segne Sie alle, wenn Sie im Hallelpsalm den Dank Ihres Herzens zu „Ihm“ emporsenden und sprechen: „Gezüchtigt hat mich Gott, doch dem Tod hat ‚Er’ mich nicht preisgegeben. Ich wandle vor Gott in den Gefilden des Lebens.“ Ich sende Ihnen und allen denen, die mit Ihnen verbunden sind meiner Frau und meine herzlichen Grüße Ihr Dr. David. 
 

1 Leo Baer, geb. 1889 in Bochum, führte gemeinsam mit seinem Schwager Hugo Hirschberg einen bekannten Bochumer Gewerbebetrieb in der Gerberstraße. Im November 1938 wude er nach Sachsenhause deportiert, im Februar 1939 konnte er mit seiner Familie nach Frankreich ausreisen, wo die Familie überlebte. Ehefrau Else, die Kinder Karla und Werner Baer überlebten in Lagern und im Untergrund, Leo Baer ging in die Fremdenlegion. Nach seiner Entlassung traf er wieder mit seiner Familie zusammen. Nach einigen Jahren in Frankreich emigrierte die Familie nach Kanada, wo Karla, die in Paris David Goldberg geheiratet hatte. 

2 Herbert Herz, geb. 1.4.1920, war der Sohn des 1935 in Bochum verstorbenen Metzgermeisters Hugo Herz und der am 2.3.1939 in Bochum vestorbenen Lina Herz geb. Loewenthal. Herbert Herz lebte nach seiner Emigration in die USA zunächst in New York, später in Akron Ohio. Seine Schwester, die am 22.10.1913 geborene Ilse Herz, war bereits im April in die Niederlande ausgereist, von dort aus in die USA emigriert.

3 Die Familie Poss lebte im Frühjahr 1939 nicht mehr in Bochum, sie muss also vorher emigriert sein.