Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Erinnerungen Barbara Vollmanns

Am 13. Oktober 2004 starb Gert Vollmann in Zaandam bei Amsterdam, wenige Wochen, nachdem der alte Freund Jerry Freimark mit seiner Frau Marge aus Philadelphia und die „jungen“ Freunde Ingrid und Hubert Schneider aus Bochum ihn dort zum letzten Mal besucht hatten. Gert Vollmann war Anfang 1939 mit dem ersten Kindertransport von Bochum aus in die Niederlande ausgereist, lebte nach der deutschen Besetzung der Niederlande zumeist im Untergrund. 1942 lernte er seine spätere Frau Barbara Petersen kennen, die bereits 1933 zusammen mit ihren Eltern – der Vater war als überzeugter Nazigegner sofort verfolgt worden – in die Niederlande gekommen war. In den Wochen nach Gerts Tod hat Barbara alte Papiere sortiert, sich an vieles erinnert, manches aufgeschrieben. So auch die Geschichte, wie sie ihren Gert kennen gelernt hat. Diese Geschichte aus dem Jahre 1942 „Bei Tante Alice“ drucken wir ab.

Bei Tante Alice (Herbst 1942)
Wir saßen so gemütlich auf dem Sofa. Omi nähte einen schönen Saum und ich ein Futter in ein kleines Jungenhöschen. Fein säuberlich mit der Hand. Man konnte kaum die Stiche sehen, das machte Spaß. Später blieb das hübsche Höschen wochenlang hängen. Der kleine Junge, für den das Höschen so liebevoll genäht worden war, wurde von den Deutschen abgeholt und kein Mensch hat mehr was von ihm oder seinen Eltern gehört.

Omi erzählte von früher, brachte niedliche kleine Bücher mit, in denen Gedichte standen. Eins war nur 3 mal 5 cm groß, das andere hieß „die Puppe Wunderhold“. Draußen war es kalt und drinnen behaglich warm. Dann ging die Tür auf und ein junger Mann kam herein, setzte sich auf den einzigen Sessel und erzählte, dass er einen Stempel für Vera Goldenberg (Sie war eine Bekannte von Barbara Petersen. "Einen Stempel bekommen" bedeutete, dass Vera zunächst einmal von der Deportation verschont blieb. Kurze Zeit danach wurde Veras Mann deportiert, sie ging freiwillig mit ihm. Man hat nie mehr etwas von ihnen gehört.) bekommen habe. Dann brauchte sie noch nicht sofort abtransportiert zu werden. Er gab ein wenig an, was ja zu verstehen war.

Am nächsten Tag erzählte uns eine Tante, dass der junge Mann Gert hieß und niemanden mehr habe. Sein Chef und verschiedene Freunde waren alle schon von den Deutschen abgeholt worden. Der Gert hatte Karten für’s Concertgebäude. (Das war eines der schönsten Konzertgebäude in Amsterdam.) Weil er da nicht alleine hingehen wollte, sollte ich ihn begleiten. Meine Eltern waren einverstanden.

Den nächsten Samstag zog ich meinen schönen Pepita Mantel mit rotgefütterter Kapuze an und hatte ein kleines buntes Taschentuch in der Hand. Mein Vater brachte mich mit der Straßenbahn in die Stadt.Gert begrüßte uns und nahm mich mit in das schöne Concertgebäude. Der Corridor war ausgerüstet mit einem schönen roten Läufer. Gert machte zu meiner Empörung seine Zigarette aus und warf sie auf den Boden (wohl neben den Teppich!). Nach dem Concert brachte er mich brav nach Hause. Am nächsten Samstag oder Sonntag hatten wir Tanzstunde, zu der ich schon längere Zeit mit meiner Freundin Tin aus Zaandam hinging. Dort waren immer zu wenig Jungen. An diesem Tag kam auch Gert mit seinen Freunden. Meine Freundin und ich hatten aber schon 2 blonde Studenten, na ja, ich habe dann doch mit Gert getanzt.

Übrigens, gab es da eine nette Geschichte, damals, 1942, als alles noch sehr formell war: Der eine Student wollte mit mir am Samstagabend ins Kino. Er klingelte unten an der Tür, es war eine lange steile Treppe ins zweite Stockwerk. Wir wohnten damals Oude Schans 20, im Judenviertel. Ich machte auf und rief nach unten „ Komm doch herauf, meine Mutter hat Apfeltorte gebacken, und mein Vater sitzt auf seinem Stuhl und erzählt Geschichten. Außerdem regnet es so schrecklich.“ Also kam er herauf, es wurde ein gemütlicher Abend. Aber danach habe ich von dem blonden Studenten nie wieder etwas gesehen, ich erinnere mich noch nicht einmal an seinen Namen. Er war wohl so erschrocken, dass er gleich reinkommen sollte! Wahrscheinlich war er bange, festgehalten zu werden!

Nachdem Gert und ich uns in den nächsten Wochen öfters gesehen hatten, schrieb er mir einen Brief: er ginge doch lieber mit seinen Freunden aus. Mir war es recht. An einem anderen Tag saßen wir wieder einmal bei Tante Alice, die im Esszimmer Schneidermodelle ausräderte und Tante Mausi nähte auf der Tretmaschine. Da ging die Klingel! Onkel Walter machte die Tür auf. Draußen standen die „grünen“ Deutschen und wollten uns alle mitnehmen. Onkel Walter war vorbereitet. Er hatte alles gepackt, auch die Deckenrollen, alles mit eingenähten Namen. Tante Mausi musste ich festhalten, sie wollte aus dem Fenster springen, 3 Stockwerke hoch! Ich wurde angeschnauzt: „Was machen Sie hier?“ Niemand durfte bei Juden im Hause sein! Onkel Walter nahm mich zur Seite: „Mach, dass du wegkommst! Geh bei Mosheims vorbei und sag dort bescheid, auch Gert.“ Tante Hanna Mosheim wohnte mit ihrem Mann Walter und dem kleinen Heini in den Uidebwaardenstraat um die Ecke. Die Oma wohnte auch bei Ihnen. Ich klingelte an und musste meine Hiobsbotschaft überbringen. Dort war sogar Telefon, und so konnte ich Gert in seinem Büro in der Nieuwe zyds voor Burgwal anrufen. Er wollte mich dann gerne treffen auf der Munt (alte Münze, in der später einige Jahre das jüdische Museum untergebracht war) in der Stadt. Ich fuhr mit der Straßenbahn von Süd- Amsterdam zum Zentrum. Als ich ausgestiegen war, rannte ich sofort auf die andere Straßenseite, denn überall standen Grüne und Offiziere. Ich war so wütend, dass ich mich am liebsten auf sie gestürzt hätte, um sie empört zu verprügeln. Gert kam mir entgegen und wir liefen dann die Hochstraat entlang, mein Nachhauseweg. Während ich alles bei der Haustür erzählte, verabschiedeten wir uns. Er lief dann sehr traurig und mit hängenden Schultern weg. Zuhause erzählte ich alles meiner Mutter. Danach fragte ich: „ Mams, was soll ich mit Gert, er tat mir so furchtbar leid?“ - „Ja, Kindchen, das musst du ganz alleine entscheiden“, war die Antwort.

Am nächsten Sonntag bin ich wieder mit der Straßenbahn nach Süd-Amsterdam gefahren zur Achillesstraat. Gert hatte ein kleines Dachzimmer mit Klappbett, wo er jetzt die Zeitung las. Ein kleines Gasöfchen stand in der Ecke. Wir unterhielten uns, dann brachte er mich wieder nach Hause. Später übernachtete er dann auch manchmal bei uns. Und er erklärte mir, dass man von einem richtigen Kuss kein Kind bekommen könne. Manchmal lief er auch spät abends zurück in sein Zimmer, als man nicht mehr auf der Straße sein durfte und alles dunkel war. Wenn ihn dann einer anhalten wollte – das waren öfters „verkehrte Holländer“, schwarz gekleidet, deshalb hießen sie auch die Schwarzen -, brüllte er sie ganz frech in Deutsch an und lief einfach weiter, wahrscheinlich mit klopfendem Herzen.

So begann die Geschichte von Gert und mir. Im März 1943 haben wir uns verlobt, 1945 geheiratet. Wir waren 61 Jahre lang zusammen. Gert war die große Liebe meines Lebens.

(Barbara Vollmann - Petersen)