Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Erinnerungen von Paul Wassermann

Bei der Bearbeitung des Freimark-Nachlasses stieß ich immer wieder auf die Namen von Heinz und Viktor Wassermann, die vor ihrer Emigration nach Großbritannien in engem Kontakt zu den Freimarks gestanden hatten; Viktor Wassermann wohnte die letzte Zeit sogar bei ihnen als Untermieter. Nun kannte ich natürlich Paul Heinz Wassermann in Großbritannien, der ja zu den Besuchern von 1995 gehörte, war aber nicht sicher, ob es sich dabei um den Heinz Wassermann in den Briefen handelte. Also schrieb ich nach Großbritannien, und Herr Wassermann – er war der Heinz von damals – erinnerte sich in zwei ausführlichen Briefen vom 20.8. und 7.9.2004 an die Geschichte seiner Familie und die seines Freundes Gert Freudenberg. Da diese Erinnerungen sicher von allgemeinem Interesse sind, drucken wir sie - mit der Erlaubnis von Herrn Wassermann - in Auszügen ab. (Hubert Schneider)

 „Lieber Dr. Schneider, (...) Nun zu Ihren Fragen. Ja ich bin der H.W. und sein Vater, von denen die Rede in den Freimarkschen Briefen ist. Ich selbst wohnte nicht bei Freimarks, da ich teilweise noch in Nürnberg wohnte und dann auswanderte. Mein Vater hingegen, nachdem er seine Wohnung vor der Emigration auflöste, zog für einige Monate zu Freimarks, da – wie Sie richtig bemerken – Platz vorhanden war. Meine Mutter starb schon im Jahre 1937 und mein Vater wohnte alleine in der Hattinger Straße, nicht sehr weit von der Meinolphusstraße. Meine Eltern und Freimarks waren sehr enge Freunde, und so auch wir Kinder. Steffi (Freimark) war meine Altersgenossin, wir gingen zusammen für die ersten vier Jahre in die jüdische Volksschule, bis wir dann in die höheren Schulen transferierten. Ich ging in die Goethe- Oberrealschule in der Goethestraße bis zum Einjährigen (Untersekunda) und erinnere mich noch sehr genau an alle Einzelheiten, besonders auch daran, dass ich bis 1936, meinem Abgangsjahr, im besten Einverständnis mit meinen Klassenkameraden lebte, und G.s.D. nie von persönlichem Antisemitismus litt. Dasselbe traf auch bei allen meinen Lehrern zu. Da natürlich unter den zeitlichen Umständen keine Rede von Universitätsstudium sein konnte, ging ich in die kaufmännische Lehre in einer Nürnberger Glückwunschkartenfabrik, die mir durch die Vermittlung meiner Verwandten dort beschafft wurde. Meine Familie stammt aus Nürnberg/Fürth und wohnte noch dort. Ich ging später  t in die technische Abteilung (Prägerei), um mich auf die Emigration vorzubereiten, da handwerkliches Können ein Vorteil war. Während der Kristallnacht entschlüpfte ich der Verhaftung, da ich zufällig in Berlin war, um mich von meinem Onkel zu verabschieden. Nicht so mein Vater, der einige Wochen in Buchenwald (Viktor Wassermann kam, zusammen mit ca. 60 anderen jüdischen Männern nach Sachsenhausen) verbrachte. Es war keine besonders schöne Zeit für ihn. Und so zu meinem Vater. Er hatte seine ausgezeichneten englischen (Sprach)Kenntnisse von seiner Jugendzeit, die er nach Absolvierung seiner Lehrzeit in London verbrachte. Wir hatten englische Familien-Beziehungen, da sein Onkel nach England ging und dort ein englisches Mädel heiratete. Er hatte eine Fabrik und mein Vater wohnte bei ihm und arbeitete mit seinem Onkel. Dies war dann auch die Verbindung, die uns dann mit der Emigration half. Mein Vater, dann nach seiner Heirat, lebte mit meiner Mutter in Paris (meine Mutter sprach perfektes Französisch, in dem sie in Lehrerinnen- Examen bestand). Bei Ausbruch des Krieges 1914 mussten sie fliehen und verloren alle ihre Eigentümer. Mein Vater diente als Soldat. Nach dem Kriege dann zogen meine Eltern nach Bochum. Der Grund hierfür war, dass der Bruder meiner Mutter in führender Stellung bei der Gesellschaft von Wach- und Schließgesellschaften war und eine Gelegenheit in Bochum existierte. Er konnte seine internationalen Verbindungen nicht so schnell vergessen und betrieb nebenbei Export-Aktivitäten. Kurz nachdem die Nazi-Zeit begann, wurde es fast unmöglich, als Eigentümer der W&S (Wachund Schließgesellschaft) zu funktionieren, da Organisation in jenen Tagen quasi militärisch war, mit den Wächtern meist Ex-Polizei und Ex-Militär und bewaffnet. Zunächst deshalb wurde das Geschäft teil-„arisiert“, mit neuen Inhabern und meinem Vater mit nur Minderheitsanteilen. Dies dauerte nicht sehr lange, bis dann volle Übernahme erfolgte. In „Zahlung“ wurde eine monatliche Rente vereinbart. Unnotwendig zu berichten, wurde diese Vereinbarung nicht lange erhalten und ein lächerlicher Betrag gezahlt als endgültige Abfindung. Das Resultat war eine wirtschaftlich schwere Zeit für meine Eltern. Mein Vater betrieb dann verschiedene Vertretungen, mit minimalem Erfolg. Sie fragen, was für ein Mensch mein Vater war. Ein liberaler und internationaler Geist, der – obwohl ohne Universitätserziehung – ein phänomenales Wissen hatte und in Unterhaltung und Debatte den Besten gleich war. Ich bewunderte ihn unsäglich, wenn ich ihm zuhörte. FotoWassermann
                       
Foto: Paul-Heinz und Viktor Wassermann

In diesem Falle ist der Apfel recht weit vom Stamm! Sein Vetter war der Schriftsteller Jakob Wassermann, (Autor u.a. des Romans "Die Juden von Zirndorf") von dem Sie vielleicht gehört haben. Um zu meiner Jugendzeit zurückzukehren, so wurden die Sonntagnachmittage oft mit Freimarks zusammen verbracht, wo mein Vater mit Karola Freimark vierhändig Klavier spielte und ich mit meiner Violine auch ein wenig beitrug, ebenso Steffi, die Klavier spielen lernte. In der Audienz waren Simon Freimark und Frau Stern, Karolas Mutter, die dort lebte. Als 9 Uhr abends herankam, so wurde Radio Strassburg leise eingestellt, um die Nachrichten zu hören. Mit dem sehnsüchtigen Wunsch, dass doch endlich „das Ausland“ etwas tun möge, um der Nazizeit ein Ende zu bereiten. Some hope! Und so kam es zur Emigration anfangs 1939. Ich hatte ein permit als Lehrling in einer Kleiderfabrik als Zuschneider, was mir gar nicht behagte, da ich doch schon ein Gewerbe als Präger hatte. Mein ehemaliger Nürnberger Chef hatte eine Fabrik in Cardiff eröffnet und nach vielen Schwierigkeiten gelang es ihm, eine Erlaubnis für mich zu erhalten, in seinem Betrieb zu arbeiten, sodass ich lokale Arbeitskräfte in diesem Fach unterrichten sollte, zunächst für ein Jahr. Aber dann kam der Krieg und nach einigen Monaten mussten alle „feindseligen Ausländer“ von den Küsten- Bezirken ins Hinterland ziehen. Wir verbrachten einige wenige Monate in den Welsh Mountains, wurden aber dann interniert als „Enemy Aliens,“. Ich war zusammen mit meinem Vater und wurde nach knapp zwei Jahren befreit, um unter Direktion in einem Druckereibetrieb mit Regierungs-Kontrakten zu arbeiten. Ich war während der Nächte Mitglied der Hilfsfeuerwehr und wohnte in Croydon, wo ich – zusammen mit meinem Vater – bei einer englischen Familie wohnte, mit welcher wir in großem Einklang lebten. Nach dem Kriege durch die Vermittlung eines meines Vaters (Viktor Wassermann starb 1949 in Großbritannien) Geschäftsfreunden von den Nachkriegstagen in den 20er Jahren, wo mein Vater, wie schon berichtet, im Export tätig war, begann ich eine Prägereifirma, die ich später auch als Glückwunschkartenfabrik ausbaute, also eine direkte Konsequenz meiner Lehrjahre. Ich war nicht ohne Erfolg und betrieb diese Firma bis ca. 1990, als ich sie krankheitsbedingt auflöste. Ich erholte mich und lebe jetzt mit Frau Kinstead glücklich zusammen. Mir sind meine Jugenderinnerungen in Bochum sehr lebendig, zusammen mit den alten Freunden, von den Schultagen von der Volksschule bis zu denen in der Goetheschule, wo wir alljährlich am Versetzungstag stolz mit der neu errungenen Schülermütze auf- und abmarschierten, den ganzen Tag, mit Unterbrechungen im Café Fuchs auf der Kortumstraße! Es scheint alles wie gestern, gemischt mit Gefühlen von „what might have been“, wäre Hitler als Maler in Wien geblieben. Und so (...) will ich schließen und obwohl ich (.. .) kein besonders heroisches Bild malen konnte, so sind vielleicht meine Bemerkungen willkommen. (...) Ich erinnere mich stets mit grosser Freude an das Zusammentreffen, das Sie mit Hilfe anderer Freunde im Jahre 1995 bewerkstelligten. Ich verbleibe, mit den allerbesten Grüßen von mir und Fr. Kinstead, Ihr Paul Heinz Wassermann.“ Einer der engsten Freunde Paul Heinz Wassermanns in Bochum und später in Großbritannien war Gert Freudenberg, Sohn des Rechtsanwalts Dr. Hugo Freudenberg und dessen Frau Martha geb. Oppenheim. Gert Freudenberg wurde als Jugendlicher zusammen mit seinem Vater in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Nach seiner Entlassung kam er mit einem Kindertransport nach Großbritannien, seine Eltern wurden im Januar 1941 nach Riga deportiert, sie kamen dort ums Leben. Paul Heinz Wassermann erinnert sich in seinem Brief vom 7.9.2004 an Gert Freudenberg, setzt dem lebenslangen Freund ein kleines Denkmal: „Lieber Dr. Schneider, für Ihren Brief vom 25.8. herzlichen Dank. Besonders auch für das sehr interessante Buch, das Sie mir spendiert haben (Dabei handelt es sich um das vom Bochumer Anwalt- und Notarverein 2002 herausgegebene Buch "Zeit ohne Recht. Justiz in Bochum nach 1933").Ich hatte von dessen Existenz natürlich im Erinnerungsblatt gelesen, um so mehr die Befriedigung, es nun aktuell zu besitzen. Ich lese es mit dem größten Interesse, da mir natürlich viele von den Persönlichkeiten in Erinnerung stehen. Ich bin außerordentlich erstaunt, wie so viele Einzelheiten ihres Lebens heute noch bekannt sind und wie die Dokumente so lange überlebten, z.B. das Dokument über Dr. Freudenbergs Ehrenkreuz. Ich kannte ihn natürlich gut als der Vater meines besten Freundes. Aber natürlich als junger Mensch waren mir die Einzelheiten seiner Karriere und seines Lebens nicht bekannt. Freudenbergs waren Freunde meiner Eltern und Herr Freudenberg auch natürlich als Anwalt für meinen Vater tätig, bis spät in die Nazizeit, als er bei den schwierigen Verhandlungen des Verkaufs der W&D (Wach-und Schließgesellschaft) tätig war. Wie sie richtig bemerken, waren er und Gert zusammen im Konzentrationslager. So dass wir jetzt zu Gert kommen. Wir waren Kinderwagen-Kumpane und beste Freunde. Diese Freundschaft wurde dadurch befestigt, dass wir oft die wüstesten Streite hatten, die alsdann mit der glücklichen Versöhnung endeten. Bis zum nächsten Mal! Er ging ins Gymnasium (am Ostring) und danach auf ein Jahr in ein Pensionat in Belgien (Morlandvel), um seine französischen Sprachkenntnisse zu erweitern. Ich beneidete ihn sehr. Danach ging er nach Frankfurt in die Lehre, während ich die meine in Nürnberg absolvierte und wir hatten einen sehr intensiven Briefwechsel. Aus welchen welterschütternden Neuigkeiten er bestand, entzieht sich meinen Erinnerungen. Er ging dann mit Kindertransport nach England und unsere Verbindung wurde unterbrochen. Eines Morgens im Internierungslager kam mein Vater zu mir und brachte mir mit freudiger Überraschung seine Entdeckung: Gert! Eines der wenigen freudigen Ereignisse jener Zeit. Wir waren fast immer zusammen . Nach seiner Entlassung ging er zunächst nach Oxford und nach einiger Zeit ging er in die Armee, wo er seinen Namen zu Michael Sheldon änderte. Nach dem Krieg zog er nach London und heiratete seine Frau Margret, die noch heute lebt und mit welcher wir in Berührung stehen. Er arbeitete für viele Jahre als Vertreter in der Handschuhbranche. Als Kind schon war er ein eifriger Markensammler. Er zeigte mir oft seine Schätze, die er teilweise im Markengeschäft Bangemann in der Nähe des (damaligen) Hauptbahnhofs erwarb. Teilweise durch „Geschäfte“, d.h. Tausch mit dem sicher sehr amüsierten Herrn Bangemann, teilweise finanziert durch sein Taschengeld. Er behielt dieses Hobby bei und vergrößerte seine Sammlung beträchtlich. So kam es, dass einer seiner Freunde ihn dazu bewegte, den Sprung in die Unabhängigkeit zu tun und sich mit seiner finanziellen Hilfe als Markenhändler zu etablieren. Als er reüssierte, zog sich dieser Teilhaber zurück, da es ihm von vornherein nur darum ging, Michael zu etablieren und nicht mit der Absicht, Geld zu verdienen. Gert (Michael) eröffnete einen Laden ganz in der Nähe von St. Paul’s in einem neuen Ladenkomplex. An seinem ersten Sonnabend besuchte ich ihn und fragte höchst gespannt: "Hast Du schon einen Kunden gehabt?" Er grinste höchst zufrieden. Seine Frau Margret half ihm und er war sehr erfolgreich. Er ging oft zu einer Markenmesse in der Nähe von Essen, wo er ausstellte und viele deutsche Kontakte, auch internationale, herstellte. Er besuchte bei dieser Gelegenheit oft eine Kusine seiner Eltern, die in Kettwig wohnte und einige Dinge besaß, die ihr von Freudenbergs zum Aufheben gegeben worden waren. So kamen sie zurück in Gerts Besitz, obwohl er manchmal Zweifel äußerte, ob alles zu ihm zurück kam. Später verkaufte er das Geschäft und betrieb es in viel kleinerem Rahmen von zuhause. Einen Teil seiner Originalsammlung hatte er im Lager seines Geschäfts, den wertvollsten Teil seiner Sammlung behielt er aber natürlich für sich selbst. Er entwickelte ein Herzleiden und starb am 2ten Weihnachtstag 1982. Er war mein bester Freund, wir tauschten oft Erinnerungen aus über die alten Bochumer Tage und die vielen Streiche, die wir zusammen begangen hatten. Das schallende Gelächter, in das wir oft ausbrachen in der Erinnerung, war ein Rätsel für seine Frau. Er gehört nun zu meinen wehmütigen Erinnerungen. (...) Ich will noch hinzufügen, was ich oben hätte erwähnen sollen, dass Gert Freudenberg ein sehr kluger Kopf war. Hätte er tatsächlich studieren können, so wäre er vielleicht – wie Sie annahmen (In Bochum hatten wir die Information erhalten, Gert Freudenberg lebe als Rechtsanwalt in Großbritannien) – ein außerordentlicher Advokat oder sogar Richter geworden. Ich will nun schließen, mit nochmaligem Dank für das Buch und unseren allerbesten Wünschen. Ihr Paul Heinz Wassermann."

Einer der engsten Freunde Paul Heinz Wassermanns in Bochum und später in Großbritannien war Gert Freudenberg, Sohn des Rechtsanwalts Dr. Hugo Freudenberg und dessen Frau Martha geb. Oppenheim. Gert Freudenberg wurde als Jugendlicher zusammen mit seinem Vater in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Nach seiner Entlassung kam er mit einem Kindertransport nach Großbritannien, seine Eltern wurden im Januar 1941 nach Riga deportiert, sie kamen dort ums Leben. Paul Heinz Wassermann erinnert sich in seinem Brief vom 7.9.2004 an Gert Freudenberg, setzt dem lebenslangen Freund ein kleines Denkmal:

„Lieber Dr. Schneider, für Ihren Brief vom 25.8. herzlichen Dank. Besonders auch für das sehr interessante Buch, das Sie mir spendiert haben (Dabei handelt es sichum das vom Bochumer Anwalt- und Notarverein 2002 herausgegebene Buch "Zeit ohne Recht. Justiz in Bochum nach 1933").Ich hatte von dessen Existenz natürlich im Erinnerungsblatt gelesen, umso mehr die Befriedigung, es nun aktuell zu besitzen. Ich lese es mit dem größten Interesse, da mir natürlich viele von den Persönlichkeiten in Erinnerung stehen. Ich bin außerordentlich erstaunt, wie so viele Einzelheiten ihres Lebens heute noch bekannt sind und wie die Dokumente so lange überlebten, z.B. das Dokument über Dr. Freudenbergs Ehrenkreuz. Ich kannte ihn natürlich gut als der Vater meines besten Freundes. Aber natürlich als junger Mensch waren mir die Einzelheiten seiner Karriere und seines Lebens nicht bekannt. Freudenbergs waren Freunde meiner Eltern und Herr Freudenberg auch natürlich als Anwalt für meinen Vater tätig, bis spät in die Nazizeit, als er bei den schwierigen Verhandlungen des Verkaufs der W&D (Wach-und Schließgesellschaft) tätig war. Wie sie richtig bemerken, waren er und Gert zusammen im Konzentrationslager. So dass wir jetzt zu Gert kommen. Wir waren Kinderwagen-Kumpane und beste Freunde. Diese Freundschaft wurde dadurch befestigt, dass wir oft die wüstesten Streite hatten, die alsdann mit der glücklichen Versöhnung endeten. Bis zum nächsten Mal! Er ging ins Gymnasium (am Ostring) und danach auf ein Jahr in ein Pensionat in Belgien (Morlandvel), um seine französischen Sprachkenntnisse zu erweitern. Ich beneidete ihn sehr. Danach ging er nach Frankfurt in die Lehre, während ich die meine in Nürnberg absolvierte und wir hatten einen sehr intensiven Briefwechsel. Aus welchen welterschütternden Neuigkeiten er bestand, entzieht sich meinen Erinnerungen. Er ging dann mit Kindertransport nach England und unsere Verbindung wurde unterbrochen. Eines Morgens im Internierungslager kam mein Vater zu mir und brachte mir mit freudiger Überraschung seine Entdeckung: Gert! Eines der wenigen freudigen Ereignisse jener Zeit. Wir waren fast immer zusammen. Nach seiner Entlassung ging er zunächst nach Oxford und nach einiger Zeit ging er in die Armee, wo er seinen Namen zu Michael Sheldon änderte. Nach dem Krieg zog er nach London und heiratete seine Frau Margret, die noch heute lebt und mit welcher wir in Berührung stehen. Er arbeitete für viele Jahre als Vertreter in der Handschuhbranche. Als Kind schon war er ein eifriger Markensammler. Er zeigte mir oft seine Schätze, die er teilweise im Markengeschäft Bangemann in der Nähe des (damaligen) Hauptbahnhofs erwarb. Teilweise durch „Geschäfte“, d.h. Tausch mit dem sicher sehr amüsierten Herrn Bangemann, teilweise finanziert durch sein Taschengeld. Er behielt dieses Hobby bei und vergrößerte seine Sammlung beträchtlich. So kam es, dass einer seiner Freunde ihn dazu bewegte, den Sprung in die Unabhängigkeit zu tun und sich mit seiner finanziellen Hilfe als Markenhändler zu etablieren. Als er reüssierte, zog sich dieser Teilhaber zurück, da es ihm von vornherein nur darum ging, Michael zu etablieren und nicht mit der Absicht, Geld zu verdienen. Gert (Michael) eröffnete einen Laden ganz in der Nähe von St. Paul’s in einem neuen Ladenkomplex. An seinem ersten Sonnabend besuchte ich ihn und fragte höchst gespannt: "Hast Du schon einen Kunden gehabt?" Er grinste höchst zufrieden. Seine Frau Margret half ihm und er war sehr erfolgreich. Er ging oft zu einer Markenmesse in der Nähe von Essen, wo er ausstellte und viele deutsche Kontakte, auch internationale, herstellte. Er besuchte bei dieser Gelegenheit oft eine Kusine seiner Eltern, die in Kettwig wohnte und einige Dinge besaß, die ihr von Freudenbergs zum Aufheben gegeben worden waren. So kamen sie zurück in Gerts Besitz, obwohl er manchmal Zweifel äußerte, ob alles zu ihm zurück kam. Später verkaufte er das Geschäft und betrieb es in viel kleinerem Rahmen von zuhause. Einen Teil seiner Originalsammlung hatte er im Lager seines Geschäfts, den wertvollsten Teil seiner Sammlung behielt er aber natürlich für sich selbst. Er entwickelte ein Herzleiden und starb am 2ten Weihnachtstag 1982. Er war mein bester Freund, wir tauschten oft Erinnerungen aus über die alten Bochumer Tage und die vielen Streiche, die wir zusammen begangen hatten. Das schallende Gelächter, in das wir oft ausbrachen in der Erinnerung, war ein Rätsel für seine Frau. Er gehört nun zu meinen wehmütigen Erinnerungen. (...) Ich will noch hinzufügen, was ich oben hätte erwähnen sollen, dass Gert Freudenberg ein sehr kluger Kopf war. Hätte er tatsächlich studieren können, so wäre er vielleicht – wie Sie annahmen (In Bochum hatten wir die Information erhalten, Gert Freudenberg lebe als Rechtsanwalt in Großbritannien) – ein außerordentlicher Advokat oder sogar Richter geworden. Ich will nun schließen , mit nochmaligem Dank für das Buch und unseren allerbesten Wünschen. Ihr Paul Heinz Wassermann."