Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Erinnerungen im Gedenkjahr 2005

Auf der Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus auf dem Husemannplatz hielt auch Hubert Schneider für den Verein „Erinnern für die Zukunft“ eine Ansprache.

Meine Damen und Herren,
die ARD zeigte im April d.J. eine Dokumentation in drei 45- minütigen Teilen, produziert von den Filmemachern Christian Klemke und Jürgen Ast. Dem Auftrag gemäß beschäftigte sich diese Dokumentation ausschließlich mit dem Kriegsgeschehen des Jahres 1945, mit dem also, was sich auf dem „Schlachtfeld Deutschland“, so der Titel der Reihe, zugetragen hat. Da lässt sich alles, was zuvor passiert ist, unauffällig ausblenden.

Man weiß es längst: Zeitzeugen sind die Feinde der Geschichtsforschung – und dieses in Historikerkreisen geflügelte Wort offenbart in den Filmen von Klemke und Ast seinen ganzen erschreckenden Gehalt. Da darf eine Frau, die als Neunjährige aus Ostpreußen vertrieben wurde, ihr Entsetzen darüber vor der Kamera ausdrücken. Da darf ein ehemaliger Wehrmachtssoldat, sich schaudernd von den Todesmärschen berichten, beteuern, als junger Soldat bis dahin selbstverständlich nichts von Auschwitz gehört zu haben. Und ein anderer darf daran erinnern, wie unfair dieser Kampf war, wo die Rotarmisten doch so viele waren.

Nun sind diese Zeitzeugen gewiss keine Revanchisten. Vielmehr muss es für ein Kind natürlich traumatisch sein, derart seiner Heimat entrissen zu werden. Es muss grauenhaft sein, einen lebendigen Menschen zu sehen, dessen herausgeschossenes Auge neben der Nase baumelt. Und dass sich viele Soldaten in den letzten Kriegswochen allein gelassen fühlten – ganz sicher war dem so. Aber das alles ist nicht einmal die halbe Wahrheit dessen, was in jenen Monaten in Deutschland geschehen ist.

Von der anderen Hälfte aber schweigt der Film. Eine ehemalige KZ-Gefangene, die in der ersten Folge ein paar dürre Sätze sagen darf, hat erkennbar Alibifunktion, die zu verhüllen sich die Autoren gar nicht die Mühe machen. Sie forschen nicht nach Zusammenhängen, sondern stöbern nach Einzelschicksalen, und im Leid sind ihnen alle gleich. Ob einer nun in einem Flüchtlingstreck gelitten hat oder bei einem Todesmarsch: Hunger ist Hunger und Kälte bleibt Kälte. Vor lauter Individuen sieht man dann bald den Krieg nicht mehr. Aber das war ja ohnehin der Krieg von Hitler und seinen Leuten. Aber all die anderen, diese vielen Millionen, waren doch Opfer. Ist es nicht so?

Meine Damen und Herren, so funktioniert Erinnerung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Jahre 2005, und daran zeigt sich die ganze Problematik dieses Gedenkjahres. Ich möchte Ihnen ein zweites Beispiel geben, um dann darüber nachzudenken, wie wirkliche Erinnerung aussehen könnte. Am Nachmittag des 13.2.1945, „ bei vollkommenem Frühlingswetter“, wie er notiert, musste der Dresdner Victor Klemperer, der heute berühmte Tagebuchschreiber, selber von der Deportation bedroht, eine grausige Arbeit tun: Briefe an die letzten Juden Dresdens verteilen, Befehle zur „ Evakuation“, wie es damals hieß. Gemeint war die Deportation in die Vernichtungslager. Auch an eine junge Frau, an der Hand ein vierjähriges Mädchen. „Was soll aus dem Kind werden?“, fragte sie ratlos. Ihnen brachten die Brandbomben der Nacht die Rettung, so, wie sie für Klemperer das Leben bedeuteten, weil sich im Chaos der sterbenden Stadt niemand mehr für Deportationslisten interessierte. War es also gerecht, dass in jener Nacht die Piloten die Bombenschächte öffneten und eine der schönsten Städte Europas verbrannten und mit ihr die Menschen, die in ihr lebten? In der Bibel gibt es die Geschichte von Jona, den Gott nach Ninive zwingt, um der sündigen Stadt den Untergang zu predigen. Die Bürger aber legen Bußgewänder an, und der Prophet, der auf einem Hügel über der Stadt auf den Schwefelregen wartet, muss zähneknirschend Gottes Erbarmen zur Kenntnis nehmen.

In Dresden aber gab es keine kollektive Umkehr. Wie überall im versinkenden Reich arbeitete die Mordmaschine der Nazis, drehten sich die Räder für den Krieg. Das gilt auch für das Ruhrgebiet, gilt auch für Bochum. Die Räder drehten sich für einen Krieg, zu dem auch der Luftkrieg gehörte, den die Deutschen begonnen, die Alliierten perfektioniert hatten. Wie sollte man also auf Erbarmen hoffen? Und dennoch waren die Bomben auf Dresden un- gerecht. Ungerecht wie der Feuersturm in Hamburg, wie die Bombenteppiche über Köln, dem Ruhrgebiet, Bochum, Berlin – nicht erdacht, um die Kriegsmaschine der Nazis zu treffen, sondern um möglichst viele Menschen zu töten. Die Kinder, die auch in Bochums Kellern erstickten oder auf den Straßen zu Häuflein verbrannten, hatten das gleiche Lebensrecht wie das jüdische Kind, das ins Gas sollte. Das ist eine schlichte Wahrheit.

Aber gerade sie macht es kompliziert, wenn man der deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs gedenkt. Darf man das, wenn gleichzeitig die Mordmaschine weiterging? Führte nicht der einzige Weg zum Ende des Mordens über russische Panzer, amerikanische und britische Flugzeuge? Auch darum ging der Historikerstreit vor 20 Jahren. Die hitzige Debatte übersah damals einen wesentlichen Punkt: Ein Krieg, wie gerechtfertigt er immer sein mag, kann seinem Wesen nach nie gerecht in seinen Handlungen sein. Ja, es gibt notwendige Kriege. Und der Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland war notwendig. Doch selbst der am sichersten gerechtfertigte Krieg der Geschichte – die Verteidigung der Welt gegen die Weltmachtpläne Hitler-Deutschlands – war ungerecht in jenen Nächten, als die Brandbomben unterschiedslos SS-Schergen und Unschuldige töteten.

Mit dieser Wahrheit haben sich 60 Jahre lang alle schwer getan. Die Alliierten, die in Dresden eine bedauernswerte Episode im heldenhaften Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland sahen, das diesen Krieg geplant und begonnen hatte. Die Westdeutschen, die die Leiderfahrungen privatisierten, um nicht in den Ruch des Revanchismus zu geraten. Die DDR, die zwar fleißig erklärte, dass Amerikaner und Briten die Bomben geworfen hätten und nicht die Brüder aus der Sowjetunion, ansonsten aber auch Probleme mit der Erkenntnis hatten, dass der berechtigte Krieg Unrecht bewirken kann. Es war kein Zufall, dass die unabhängige Friedensbewegung der DDR die Nacht vom 13. auf den 14. Februar für sich entdeckte: Als Gedenknacht für den Schrecken, den die Deutschen selbst heraufbeschworen hatten. Und als Nacht der Erkenntnis, dass jeder Krieg ein grausamer Zivilisationsbruch ist.

Erst zum 60. Jahrestag ist das Leid der deutschen Opfer in den Blickpunkt gerückt. Es erzählt die Generation der Flakhelfer, nun jenseits der 75, vom Sterben und von der Todesangst; es erinnern sich die Kinder von einst an die Bombennächte, die sie in Alpträumen bis heute begleiten. Ein notwendiger und richtiger Prozess – aber auch einer, mit dem Schindluder getrieben werden kann. So ist zum Beispiel die These bis in die politische Mitte hinein beliebt geworden, dass eine alliierte Siegergeschichtsschreibung zusammen mit dem angeblichen deutschen Schuldkomplex bislang diese Erinnerung verhindert habe und dass es nun an der Zeit sei, beides zu durchbrechen. Das Gegenteil ist richtig, meine Damen und Herren: Die Verdrängungsgeschichte der Nachkriegszeit hat die Erinnerung verhindert. Die Unfähigkeit, über die ermordeten Juden, Kommunisten, Christen, Sinti und Roma, Homosexuellen zu trauern, verhinderte auch die angemessene Trauer über die Bombenopfer.

Sich wirklich zu erinnern heißt: Empfindsam für die Opfer zu werden, ohne zu vergessen, was die Ursache des Leides war. Das eigentlich Obszöne des NPD-Auftritts im sächsischen Landtag vor einigen Wochen war ja, dass die Rechtsextremisten das Gegenteil forderten: Die Unempfindlichkeit den Menschen gegenüber, die in Auschwitz ermordet wurden, die Neutralisierung des Leids. An diesem Tag ließ die NPD die Toten von Dresden ein zweites Mal brennen. Die Antwort darauf hat die Stadt Dresden gegeben, mit fast allen ihren Einwohnern. Sie haben Kerzen angezündet, und den Rechten eine Abfuhr erteilt. Sie haben gezeigt, dass, wer um die Toten von Dresden, von Hamburg, vom Ruhrgebiet, von Bochum trauert, auch um die Toten von Auschwitz weint.

(Hubert Schneider)