Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

Olttilie Schoenewald, Kämpferin für Frauenrechte, soziale Rechte, Menschenrechte

In Bochum gibt es ab dem Schuljahr 2005/06 eine Ottilie Schoenewald-Schule: Lehrerkollegium und Schüler des Weiterbildungskollegs Bochum (Abendgymnasium) haben beschlossen, ihrer Schule den Namen einer der bedeutendsten jüdischen Frauen Bochums zu geben. Hubert Schneider hielt am 1. Juni 2005 in der Schule einen Vortrag, den wir auszugsweise abdrucken.

Meine Damen und Herren,
ich möchte meine Ausführungen zu Ottilie Schoenewald mit einem Schlaglicht auf das Jahr 1933 beginnen. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Ottilie Schoenewald zusammen mit ihrem Ehemann Dr. Siegmund Schoenewald zu den prominenten Paaren in Bochum, nicht nur in der jüdischen Gemeinde: Siegmund Schoenewald war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, zugleich hatte er eine der größten Anwaltspraxen in der Stadt. Ottilie Schoenewald war jahrelang in der Bochumer Lokalpolitik als Stadtverordnete der Deutschen Demokratischen Partei im Stadtrat gesessen, war Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes in Bochum, ihren Arbeitsschwerpunkt hatte sie 1929, nachdem sie in den Vorstand des Jüdischen Frauenbundes gewählt worden war, nach Berlin verlegt. 1934 sollte sie einstimmig zur Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes auf Reichsebene gewählt werden. Das Paar wohnte in einer Villa in der Goethestraße 9.

Es verwundert nicht, dass dieses Paar sofort nach dem 30.1.1933 den Angriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt war. Den Bochumer Nationalsozialisten war sicher auch bekannt, dass Ottilie Schoenewald – wie einige andere Bochumer Juden auch – wenige Wochen zuvor sehr spektakulär auf einen Artikel des Bochumer Generalmusikdirektors Prof. Reichwein im „Völkischen Beobachter“ vom 30.9.1932 reagiert hatte: Reichwein hatte im Anschluss an Richard Wag ners antisemitische Schrift „Das Judentum in der deutschen Musik“ den negativen Einfluss der Juden auf das deutsche Musikleben heftig kritisiert. Spontan hatte Ottilie Schönewald Ihre Vormietekarte für die Städtischen Orchester – Konzerte zurückgeschickt und war von dem geschlossenen Vertrag zurückgetreten. Zur Begründung schreibt sie in ihrem Brief: „Ich sehe mich zu diesem Schritte veranlasst durch den Artikel ‚ Die Juden in der deutschen Musik‘, den Herr Generalmusikdirektor Professor Reichwein am 30.9. im Völkischen Beobachter veröffentlicht hat. Aus diesem Aufsatz spricht ein so fanatischer, jedes gerechte Urteil trübender Judenhass, dass es mir meine Selbstachtung verbietet, Konzerte, die unter der Leitung eines solchen Mannes stehen, zu besuchen.“

Im Mittelpunkt der Angriffe durch die Nationalsozialisten nach dem 30.1.1933 stand aber zunächst Siegmund Schoenewald, dem, wie allen jüdischen Anwälten, zunächst die Zulassung bei Gericht aberkannt wurde. Aufgrund der Intervention Hindenburgs wurde ihm – als Altanwalt, der vor 1914 sein Amt angetreten hatte – die Zulassung als Anwalt wieder gewährt, das Notariat aber wurde ihm aberkannt. Und in der Behandlung seines Widerspruchs geriet auch seine Frau Ottilie ins Visier nicht nur der Nazis, sondern auch des Bochumer Polizeipräsidenten: Der Präsident des Bochumer Landgerichts Broicher bat zunächst den Polizeipräsidenten um eine Stellungnahme zum Widerspruchs Schoenewalds gegen die Aberkennung des Notariats. Der antwortete umgehend:

„Der frühere Notar Dr. Siegmund Schönewald aus Bochum gehörte, ebenso wie seine Ehefrau, bis zum Frühjahr d. J. der Deutschen Staatspartei, Ortsgruppe Bochum, an und ist heute noch Mitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Entsprechend seiner politischen Einstellung setzt sich die Klientel des Schönewald vorzugsweise aus links gerichteten Kreisen zusammen, wo er auch nach Angaben zuverlässiger Vertrauensleute einen gewissen Ruf als Vertrauensanwalt genießt. ... Zusammenfassend muss aber gesagt werden, dass Schönewald nicht die Gewähr eines jederzeit rückhaltlosen Eintretens für den nationalsozialistischen Staat bietet. Eine Wiederzulassung würde große Beunruhigung unter der nationalen Bevölkerung hervorrufen...“

Landgerichtspräsident Broicher schickte diesen Bericht des Polizeipräsidenten an den Kreisleiter der NSDAP Westfalen- Süd Bochum, Riemenschneider, und bat um dessen Stellungnahme. Der antwortete am 18.12.1933:

„In Erledigung Ihres Schreibens vom 1.Dezember 33 muss ich Ihnen mitteilen, dass nach meinen sehr eingehend und gewissenhaft angestellten Ermittlungen sich ergeben hat, dass Herr Rechtsanwalt Dr. Schönewald, Bochum für eine Zulassung als Anwalt in Bochum nicht in Frage kommt...

In Bochum gelten Herr Dr. Schönewald mit seiner Gattin als Exponenten der demokratischen Partei. Die außerordentlich gehässige Kampfesweise dieser Person in den vergangenen Jahren, verbunden mit seiner führenden Stelle im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der in der ersten Zeit der nationalsozialistischen Revolution sich lebhaft an der Greuelpropaganda betätigt hat, bieten nicht die Gewähr eines jederzeit rückhaltlosen Eintretens für den nationalsozialistischen Staat.

Der Fall des Rechtsanwalts Dr. Schönewald ist ganz besonders gelagert und niemand in Bochum würde es verstehen können, dass er als Anwalt wieder zugelassen würde...“

Dr. Schoenewald erhielt sein Notariat nicht mehr, das war der Beginn des wirtschaftlichen Niedergangs seiner Praxis. Wie gesehen, stand im Mittelpunkt der Kritik auch seine Frau Ottilie geb. Mendel, um die es jetzt in der Folge gehen soll.

Die ältesten erhaltenen Spuren zur Familie Mendel führen uns auf den jüdischen Friedhof in Wiemelhausen: Dort finden wir eine gut erhaltene Grabplatte, die ursprünglich auf dem alten jüdischen Friedhof lag, an der Stelle, wo sich der heutige Hauptbahnhof befindet. Anfang der 50er Jahre wurden die Gräber verlegt auf den jüdischen Friedhof in Wiemelhausen an der Wasserstraße:
Auf der Grabplatte steht:

        Hier ruht Herr
        Isidor Mendel
        geb. am 28. August 1848,
        gest. am 16. April 1903.
        Vereint mit seiner treuen Gattin
        Sofie Mendel geb. Levi
        geb. 13. Mai 1850
        gest.14. Febr. 1926.

Bei Isidor und Sofie Mendel handelt es sich um die Eltern von Ottilie Schoenewald. Und die Todesanzeige für Sofie Mendel, veröffentlicht im Bochumer Anzeiger vom 16.2.1926, gibt auch Auskunft darüber, dass sechs der sieben Mendel- Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Bochum lebten, nur Ottilie wohnte noch hier.

Isidor Mendel hatte nach seiner Heirat mit Sofie Mendel offensichtlich deren elterliches Geschäft „Geschwister Levi“ in der Hochstraße 3 übernommen. Sie werden diese Straße heute in Bochum nicht mehr finden: das kurze Straßenstück von der Bongardstraße bis zum damaligen Wilhelmsplatz – heute Husemannplatz – trug bis 1928 diesen Namen, dann wurde der Straßenabschnitt Teil der Kortumstraße. Die Bochumer Adressbücher verzeichnen bis zum Tode Isidor Mendels unter Hochstraße 3 die „Fa. Geschwister Levi, Isidor Mendel, Woll- + Weißwaren). Danach wird bis zu ihrem Tod Sofie Mendel als Eigentümerin genannt, sie wohnte aber ab 1907 nicht mehr in Bochum, war zunächst nach Düsseldorf verzogen, zog kurz vor ihrem Tod nach Bielefeld, wahrscheinlich zu ihrer Tochter. Als neuer Bewohner des Hauses Hochstraße wird in den folgenden Jahren Sofies Sohn Kaufmann Adolf Mendel genannt, der in einer Anzeige im Adressbuch 1910 mit folgendem Text wirbt: Seide, Besatz- + Weißwarengeschäft 1. Ranges – Ältestes Geschäft dieser Branche am Platz Geschw. Levi (Inh. Alfred Mendel Tel. 1261). Aber schon 1912 wohnt auch Alfred Mendel nicht mehr in Bochum, wie die Todesanzeige für die Mutter zeigt, lebt er in späteren Jahren in Berlin. Im Haus Hochstraße 3 wohnen in den folgenden Jahren wechselnde Mietparteien. Nach dem Tod von Sofie Mendel wird im Bochumer Adressbuch als Eigentümer des Hauses Hochstraße 3 der in Köln wohnende Sohn von Isidor und Sofie, Rechtsanwalt Dr. Karl Mendel, genannt. Durch die Integration der Hochstraße in die Kortumstraße ist nicht mehr auszumachen, welches die neue Adresse des Hauses war. Da sogen. Arisierungs- bzw. Wiedergutmachungsakten der Familie Mendel nicht bekannt sind, kann man nach dem jetzigen Stand der Forschung nichts darüber sagen, wann das Haus der Familie Mendel arisiert bzw. verkauft wurde. 1933 lebte also als einziges Familienmitglied nur noch Ottilie Schoenewald geb. Mendel in Bochum.

Ottilie war das siebte Kind von Isidor und Sofie Mendel. Als sie am 21.12.1883 in Bochum geboren wurde, war sie offensichtlich nicht bei allen Mitgliedern der Familie willkommen, wie sie in ihren unveröffentlichten Erinnerungen schreibt. Vor allem ihre Geschwister, sowohl die Jungen als auch die Mädchen, waren offensichtlich nicht begeistert, dass sie noch eine Schwester bekamen. Von einer Schwester heißt es: „Beim Hören der Neuigkeit soll sie mit verächtlicher Miene ‚mezie‘ gesagt haben, denn es entgingen ihr ja dadurch die Geschenke und Süßigkeiten, die stets bei einer ‚Brismiloh‘ zu erwarten waren.“ Das muss man übersetzen, um es verstehen zu können. „Mezie“ ist ein jüdischer Ausdruck für etwas „Wertloses“. Und wertlos war die kleine Ottilie für die Schwester wohl deshalb, weil es bei der Beschneidung „Brismiloh“ eines Jungen wohl Geschenke und Süßigkeiten gegeben hätte.

Ottilie Mendel führte das Leben eines jüdischen Mädchens aus dem oberen Mittelstand. Dazu gehörte, dass sie eine höhere Mädchenschule besuchte. Im Stadtarchiv befindet sich eine Schulgelderhebeliste der Städtischen Höheren Mädchenschule für 1896/97. Dort wird unter den Schülerinnen der Klasse IV bzw. III auch Ottilie, Tochter des Kaufmanns Isidor Mendel, aufgeführt.

Die Eltern Mendel waren betont liberal, der Vater war viele Jahre Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde. Und es ist sicher kein Zufall, dass das in weiß gekleidete junge Mädchen, das bei der Einweihung der umgebauten Synagoge 1896 „das Kissen mit dem goldbroncierten Schlüssel trug“, Ottilie Mendel war. Ihrem Stande gemäß nahm sie schon als junges Mädchen an der Seite der Mutter an der örtlichen Wohltätigkeitsarbeit teil. Nach dem Tode des Vaters 1903, „der unser Leben so jäh in neue Bahnen warf“, wie sie sich erinnert, half sie bis zur Übernahme des Geschäfts durch den Bruder der Mutter im Geschäft und erledigte die Buchführung. Im Jahre 1905, im Alter von 22 Jahren, heiratete sie den Rechtsanwalt und Notar Siegmund Schoenewald, der seine Praxis am Wilhelmsplatz 8 hatte. Eine Heiratsanzeige im Märkischen Sprecher Nr. 152 vom 1.7.1905 informiert darüber.

In dieser Zeit begann sie, sich in der sozialen Arbeit zu engagieren. Sie wurde Mitglied im Bund deutscher Frauenvereine, denn, so hielt sie später fest, „das Leben einer wohlhabenden kinderlosen Hausfrau, deren Pflichten durch zwei Hausangestellte eingeengt wurden, konnte die Ehe allein, so glücklich sie auch war, nicht befriedigen.“ Kostenlose Rechtsberatung erhielten ihre Kolleginnen und sie von ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Schoenewald. Diese Arbeit und die Tätigkeit in der Praxis ihres Mannes brachten ihr zu Bewusstsein, in welchem Maße das Gesetz verheiratete Frauen benachteiligte und welches politische und soziale Unrecht Frauen überhaupt zugefügt wurde. Sie blieb immer der Meinung, die deutsche Frauenbewegung habe sie in ihrem Leben mit am stärksten geprägt.

Zur gleichen Zeit trat sie dem örtlichen jüdischen Frauenverein bei, der allerdings ohne großen Einfluss war. Die Mitgliedschaft berechtigte sie dazu, „bei der jährlichen Generalversammlung den Bericht und die Vorschläge des Herrn Vorsitzenden (Rabbiners) durch Kopfnicken zu bestätigen.“
Ebenfalls in diese Zeit fiel ihre Mitarbeit bei der Bochumer Frauenrechtsschutzstelle, die vom Bund Deutscher Frauenvereine und vom Katholischen Frauenbund errichtet worden war. Des weiteren war sie in zahlreichen anderen Ausschüssen und Einrichtungen aktiv und hatte zahlreiche Posten inne. Sie war unter anderem Delegierte, Mitarbeiterin und Schriftführerin im sogenannten Schiedsgericht, das bei Streitigkeiten zwischen Hausangestellten und ihren Arbeigeberinnen und Arbeitgebern vermittelte.

Während des ersten Weltkrieges war Ottilie Schoenewald Schriftführerin des Hausfrauenausschusses, der die Aufgabe hatte, die Arbeit aller Frauengruppen – also sowohl der christlichen als auch der nichtchristlichen – in Bochum zu koordinieren, damit sie den allgemeinen Kriegsanstrengungen zugute kam. Das ist im übrigen ein Beleg dafür, wie national die deutschen Juden sich fühlten. Dieser Ausschuss setzte auch nach Kriegsende zunächst seine Arbeit fort, und wie ein Zufallsfund im Stadtarchiv zeigt, war Ottilie Schoenewald jetzt die Vorsitzende des „Nationalen Frauendienstes“. In einer Akte zum Thema Versorgung der Bevölkerung mit Milch, was übrigens 1919 ein großes Problem war, findet sich ein Aufruf vom 25. November 1919 „An die Hausfrauen Bochums!“, unterschrieben von der Vorsitzenden des Nationalen Frauendienstes, Frau Dr. Schoenewald, und vom Direktor des chem. Untersuchungsamtes, Dr. Sendhoff. Im Aufruf wird darauf hingewiesen, dass in den nächsten Monaten wieder zunehmend mit saurer Voll- und Magermilch zu rechnen sei, da die Landwirte unzureichend mit Stroh zum Streuen versorgt seien und ihnen auch Seihetücher fehlten, um den Milchschmutz genü gend zu entfernen. Außerdem werde nicht einwandfrei gemolken. Danach wird in dem Aufruf ausführlich darüber berichtet, wer diese saure Milch genießen dürfe, außerdem werden ausführliche Kochrezepte für saure Milch vermittelt.

Die Arbeit, die Ottilie Schönewald während des Krieges leistete, blieb nicht unbemerkt. In ihren Erinnerungen stellt sie mit Scharfblick und nicht ohne Belustigung fest, dass 1919 jede politische Partei nach einem weiblichen Aushängeschild Ausschau zu halten begann. Sie fügt hinzu: „Da ich mit der durch die Kriegsarbeit erworbenen Popularität als Frau auch noch den Vorzug verband, eine Vertreterin der jüdischen Interessen zu sein, aber nur einen Platz auf der Wahlliste einnahm, war es verständlich, dass von mehreren Parteien das Anerbieten kam, mich bei der Stadtverordnetenwahl als Vertreterin aufzustellen.“ Sie nahm das Angebot der Deutschen Demokratischen Partei an und wurde für diese Partei 1919 in das Bochumer Stadtparlament als 1 von 8 Frauen (von 66 gewählten Delegierten) gewählt. Über die konstituierende Sitzung des neuen Stadtparlaments liegen Berichte des Märkischen Sprechers und des Volksblattes vom 15.3.1919 vor. Während der Märkische Sprecher hervorhebt, dass nunmehr auch Vertreterinnen des „zarten Geschlechts“ im Stadtparlament säßen, ist der Bericht im Volksblatt sachlicher. In ihm steht, dass Frau Schoenewald, mit ihr zusammen Frau Lossen vom Zentrum, in den „sozialen Ausschuss“ gewählt wurde, wie könnte es auch anders sein. Der wichtigste Ausschuss, der Finanzausschuss, blieb allein den Männern vorbehalten. Nur in den unwichtigeren Verwaltungsausschuss schickte man eine Frau Hoffmann von der Deutschen Volkspartei. Das Volksblatt vermerkt auch, dass als erste weibliche Rednerin im Rathaussaale Frau Dr. Schoenewald in die Diskussion eingegriffen habe. Im Märkischen Sprecher erfahren wir, worum es dabei ging. In der Diskussion um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und der Festellung, dass in vielen Familien erhebliche Vorräte durch Hamsterei angelegt worden seien, was zu unterbinden sei, meint Frau Dr. Schoenewald u.a.: „Wenn man hier und da noch einige Vorräte in den Haushalten antreffe, so deute das nicht immer auf ein besonderes Hamstertalent. Die eine Hausfrau verstehe sich mehr auf Sparen und Haushalten, während die andere mehr von der Hand zum Mund wirtschafte.“ Es ist nicht Häme meinerseits, wenn ich sage, dass Ottilie Schoenewald mit dieser Stellungnahme in die Annalen der Stadt Bochum eingegangen ist, nämlich als erste weibliche Sprecherin im Stadtparlament. Es handelte sich bei diesem Thema 1919 bestimmt um eine sehr wichtige Frage, und Frau Schoenewald wusste aus ihrer Tätigkeit im Nationalen Frauendienst, wovon sie sprach.

1926 gewann die NSDAP im Bochumer Stadtparlament an Einfluss. Dies führte dazu, dass Ottilie Schoenewald ihr politisches Engagement auf kommunaler Ebene beendete. Die Parteivertretung der Demokraten hatten sie darin bestärkt aufzuhören, um nicht den „persönlichen Anpöbelungen“ der Nazis ausgesetzt zu sein. Sie wurde jetzt in den örtlichen Parteivorstand kooptiert und arbeitete eine Zeitlang im Reichsparteiausschuss der Deutschen Demokratischen Partei in Berlin. Dort hielt sie häufig Vorträge über Themen , die Frauen und Politik betrafen.

Auch jüdische Kreise folgten 1919 dem Trend, wie Ottilie Schoenewald sich erinnert: „Nun erinnerte man sich, dem Zug der Zeit folgend, auch in jüdischen Kreisen, dass die Mitarbeit der Frauen wesentlich sei.“ Sie wurde als Vertreterin der westfälischen jüdischen Frauen in den Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden gewählt. Außerdem kam sie in die Vorstände des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Jüdischen Liberalen Vereinigung. Sechs Jahre später wurde sie in den Vorstand des Westfälischen Landesverbandes des Jüdischen Frauenbundes gewählt. Auf lokalerEbene engagierte sie sich in der Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes. Ihre Aufgabe bestand zunächst darin, die Mitarbeit jüdischer Frauen in den Gemein devertretungen und Vorständen zu fördern, die bis dahin noch fast ausschließlich von Männern dominiert wurden.

1919 adoptierten die Schoenwalds eine Tochter, die am 9.8.1918 geborene Doris (später verheiratete Klaber). Das war für Ottilie Schoenewald, wie sie schrieb, die „Krönung“ ihres Lebens. Auf die Frage, wie sie ihren Anforderungen als Mutter und gleichzeitig als Frau in der Öffentlichkeit gerecht werden konne, antwortete sie, dass ihr „Körper auf sechs Stunden Nachtschlaf trainiert war.“ Den Rest der Nacht bringe sie damit zu, Reden zu entwerfen und ihre Verwaltungsaufgaben zu organisieren. Sie bemühe sich darum, „dass die von vielen Müttern im Kaffeklatsch, am Bridgetisch oder beim Friseur verbrachten Stunden meinen häuslichen, mütterlichen Pflichten gewidmet waren.“ In ihren Erinnerungen bringt sie tief empfundene Dankb arkeit für die Unterstützung ihres Mannes zum Ausdruck. Sie meint, eine Frau ihrer Generation wäre zu ihrer häuslichen Rolle zuückgekehrt, wenn ihr Mann etwas gegen ihre Aktivitäten gehabt hätte.

1929 wurde Ottilie Schoenewald in den Vorstand des Jüdischen Frauenbundes in Berlin gewählt. Sie leitete den Ausschuss für Frauenrechte; auch in ihren Schriften und Vorträgen nahm die Bedeutung der vollen rechtlichen Beteiligung von Frauen am jüdischen Leben einen großen Raum ein. 1934 wurde sie einstimmig zur Vorsitzenden der Organisation gewählt. Wenn ihre feministischen Interessen auch zu keiner Zeit nachließen, musste sie sich in den Jahren des Naziterrors doch fast ausschließlich der Sozialarbeit widmen, Ihre letzte Amtshandlung als Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes bestand darin, die Organisation auf Befehl der Nationalsozialisten 1938 aufzulösen.

1938 markiert auch einen Wendepunkt im privaten Leben der Ottilie Schoenewald. Bis zu diesem Jahr hatte sie, trotz aller Veränderungen nach 1933, nie ernsthaft daran gedacht, Deutschland zu verlassen. Das sollte sich, wie bei vielen anderen deutschen Juden, jetzt aber ändern.

Ein einschneidendes Erlebnis war der 28.10.1938. An diesem Tag wurden die sogenannten Ostjuden ohne Vorbereitung aus den deutschen Städten vertrieben, Sonderzüge sollten sie nach Polen bringen. Polen nahm diese Menschen aber nicht auf, und so lebten diese Menschen in improvisierten Lagern an der deutsch-polnischen Grenze, bis zum Überfall Deutschlands auf Polen am 1.9.1939.

Auch die „Ostpolen“ in Bochum – die Zahlenangaben schwanken zwischen 150 und 200 – wurden an diesem Tag aus Bochum ausgewiesen. Ein Vorgang, der vor aller Augen stattfand. Ottilie Schoenewald war bei allen Phasen dieser Vertreibung in Bochum beteiligt. Sie hat darüber einen sehr langen und eindringlichen Bericht verfasst, den ausführlichsten über diese Vertreibung in einer Stadt. Der Bericht zeigt auch, warum die Juden zu den Schoenewalds kamen, zeigt ihr großes soziales Engagement.

War diese Ausweisung der „Ostpolen“ ein Signal für die Schoenewalds? Noch nicht, sie bezog sich ja auf die „ Ostjuden“, nicht auf die Juden, die seit Generationen in Deutschland lebten. Die Wende kam wenige Tage später: Die Pogromnacht vom 9. auf den 10.11.1938 machte den letzten deutschen Juden klar: Dies war nicht mehr ihr Land. Man konnte nur versuchen, es möglichst schnell zu verlassen. Nicht einfach für Menschen jenseits der 50 oder – wie bei Siegmund Schoenewald – jenseits der 60. Die Schoenewalds traf es mit voller Wucht in dieser Nacht: Der 67jährige Anwalt gehörte zu den ersten der ca. 60 jüdischen Männer, die in dieser Nacht verhaftet, zunächst ins Bochumer Polizeipräsidium und danach ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurden. Und zugleich stürmten SA-Männer das Wohnhaus der Schoenewalds in der Goethestraße 9. Ein zweites Mal wurden Verwüstungen im Haus am Vormittag des 10.11.1938 vorgenommen: Diesmal war es ein Lehrer mit seiner Klasse aus einer Bochumer Jungenschule. Berichte von Ottilie Schoenewald und ihrer letzten Sekretärin, Frau Schmitt, aus der unmittelbaren Nachkriegszeit versuchen das angerichtete Chaos zu beschreiben. Frau Schoenewald schreibt:

„Bei den Vorgängen in der Nacht vom 9. zum 10. November sind sämtliche Fensterscheiben in dem von uns bewohnten Teil des Hauses Goethestr.9...zerschlagen worden, sowie auch die Glas-Rückwand des Wintergartens und die grosse Scheibe, die das Esszimmer vom Wintergarten trennte... Die Haustüren (Eiche) waren durch Axthiebe völlig zerschlagen, innere Türen teilsweise ebenfalls...Die eingelegten Parkettfussböden in den unteren Räumen waren durch eingetretene Glassplitter stark beschädigt, ebenfalls die Holztäfelung im Speisezimmer, die bei dem Zerstörungswerk als Zielscheibe für Glas- und Porzellan-Wurfgeschosse benutzt worden war...2 eingebaute Marmorkamine waren aus den Wänden gerissen und zerschlagen worden, das Mauerwerk beschädigt, die Gasleitungen abgeschnitten etc...Tapeten abgerissen, angestrichene Holzverkleidung verkratzt und beschädigt, elektrische Wandarme herausgerissen ... eingebaute Waschbecken und dto grosse Wandspiegel zerschlagen; Abwasserabzugsrohre verstopft und danndie Wasserleitungen aufgedreht, wodurch Wasserschaden entstand“ und erschöpft endet sie: „Ich kann micht nicht an alle Einzelheiten erinnern.“

In einem zweiten Bericht zählt sie die Zerstörung des Hausrats auf, die Vernichtung der Möbel, des Geschirrs, die Zerstörung von 10 Ölgemälden und alten Kupferstichen. Außerdem wurden die Daunendecken zerschnitten, alle Beleuchtungskörper und Spiegel abgerissen und zerstört.

Die Sekretärin Maria Schmidt gibt in einer Zeugenaussage zu Protokoll: Sie bestätigt dabei im wesentlichen die Aussagen von Frau Schoenewald und fügt hinzu: „Ich war in der Kristallnacht in der Wohnung Schoenewalds. Die Einrichtung war schon ziemlich stark beschädigt. Aber noch stärkere Verwüstungen sind dann im Laufe des Tages veranstaltet worden, als ein Lehrer seine Gymnasial-Jungenklasse durch die Wohnung führte. Als ich nach diesem Besuch der Klasse in die Wohnung kam, war so ziemlich alles zerstört oder beschädigt...“

Es war klar, nun gab es zur Flucht aus Deutschland keine Alternative mehr. Auch war den Frauen der verhafteten Männer bald klar, dass diese nur freikamen, wenn es den Frauen gelang, Bemühungen um die Emigration nachzuweisen. Siegmund Schoenewald kam im Dezember als völlig gebrochener Mann aus Sachsenhausen zurück. Im Januar 1939 verließ er Bochum und ging nach Holland. Seine Frau folgte ihm im März 1939. Im August 1939 emigrierte das Ehepaar Schoenewald nach England. Dort starb Siegmund Schoenewald am 29.8.1943. Ottilie Schoenewald emigrierte 1946 zur Tochter in den USA.

Aber auch in Holland setzte Ottilie Schoenewald ihre Arbeit für den inzwischen aufgelösten Jüdischen Frauenbund fort. Sie hatte schon vorher mit dem Joodse Vrouwenraad zusammengearbeitet: 1934/35 war es ihr gelungen, 250 deutsche jüdische Kinder in den Schulferien in private Familien in Holland zu vermitteln. Jetzt ging es um Folgendes: Der Joodsche Vrouwenraad hatte von der holländischen Regierung die Erlaubnis erhalten, 50 jüdische Frauen und Mädchen ins Land zu holen, und zwar mit der Arbeitserlaubnis in Haushalten. Ottilie Schoenewald wurde zur Mitarbeit aufgefordert. Der umfassende Briefwechsel, von dem Frau Schoenewald in ihren Erinnerungen berichtet, zeigt, wie umfassend diese Aufgabe und letztlich doch erfolgreich sie war.

In London war Ottilie Schoenewald im Vorstand der Association of Jewish Refugees tätig. Sie gründete eine Ortsgruppe in Cambridge und war zeitweilig die Vorsitzende dieser Gruppe. Dort absolvierte sie auch ihr Examen in Englisch und Literatur an der der Universität in Cambridge, belegte einen Buchhalterkurs und arbeitete dann als Sozialarbeiterin im Cambridge Club of Refugees.

Auch in den USA war Ottilie Schoenewald sehr aktiv in jüdischen Organisationen. Daneben absolvierte sie einige Semester an der Henry George School of Social Science.

Von den USA aus betrieb Ottilie Schoenewald ihr Wiedergutmachungsverfahren. Sie tat es mit Vehemenz. Anders als viele andere Überlebende, die sich zumeist mit den ersten Bescheiden aus Deutschland zufrieden gaben, weil die Beschäftigung mit diesem Kapitel ihrer Biografie zu schmerzhaft war, setzte sich Ottilie Schoenewald immer wieder mit deutschen Gerichten auseinander. Sie focht fast jeden Bescheid an, immer wieder, wenn sie der Meinung war, ihr sei nicht Recht geschehen. Einmal kam sie sogar nach Bochum zurück, um persönlich einzugreifen. Die Verfahren waren bei ihrem Tod noch nicht abgeschlossen. Dicke Akten im Staatsarchiv NRW in Münster bezeugen die Tatkraft dieser Frau auch in dieser Frage.

1958 wurde Ottilie Schoenewald vom Leo Baeck Institut New York beauftragt, die Geschichte des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland zu schreiben. Als sie den Auftrag bekam, war sie skeptisch, ob sie noch die nötige Zeit und Ruhe finden würde, dieses Projekt zu beenden. In einem Brief v. 19.2.1958 schreibt sie: „Das L. Baeck Inst. hat mich jetzt beauftragt, die Geschichte des JFB zu schreiben. Ob ich das noch fertig bringe?“

Im Vorfeld hatte dieses Projekt schon zu Ärger geführt, da die Mitarbeiter im Leo Baeck Institut nach Auffassung Ottilie Schoenewalds die Arbeit des JFB nicht gebührend gewürdigt hatten. In einem Brief vom 7.2.1958 stellt sie fest: „ Nachdem auch das 2. Jahrbuch des Leo Baeck Instituts erschienen ist, ohne dass irgend jemand auf den Gedanken gekommen wäre, dass im Leben und Wirken der Jüd. Gemeinschaft in Deutschland auch Frauen mitbestimmend tätig waren, und dass ihre Organisation unbedingt in das Gesamtbild gehört, wenn es wahr und vollständig sein soll, fühle ich micht nicht berufen, auf diesen Mangel hinzuweisen. Es spricht bei dieser Bescheidung sicher mein zunehmendes Alter mit, das in jedem Jahr um ein Jahrzehnt zuzunehmen scheint.“

Und auf die Anfrage einer Freundin, wie umfangreich denn das Manuskript über den Frauenbund werden dürfe, antwortete sie fast zynisch oder auch deprimiert: „Also: Man hat mir keine 60-70 Druckseiten zugestanden, (wo denken sie hin, Sie Optimist? Es handelt sich doch um eine Frauenangelegenheit.)" Ottilie Schoenewald konnte dieses Projekt nicht mehr verwirklichen, sie starb 1961 im Alter von 77 Jahren in Chicago.

In ihren Briefen, Erinnerungen und Aufzeichnungen, die sie unter anderem für das Buch für die Geschichte des Jüdischen Frauenbundes verfasst und zusammengetragen hatte, wird auch ihr Humor, auch ihr Galgenhumor, immer wieder deutlich. Sie beschrieb beispielsweise die folgende Begebenheit, die sich in den Jahren 1934 bis 1937 ereignet haben muss:

„Eine der größten Schwierigkeiten für alle unsere Organisationen bestand darin, dass wir jede Veranstaltung unter der Vorlage der Tagesordnung anmelden mussten, und dass von den in der Anmeldung gegebenen Einzelheiten bezügl Ort, Zeit, Vortragende, Thema nicht im geringsten Masse abgewichen werden durfte. Die Anmeldung musste genau zu dem bestimmten Zeitpunkt mit der Post bei der zuständigen Behörde, nicht später, aber auch nicht früher, s0dass jede Unregelmässigkeit der Zustellung sich für die betr. Organsation verhängnisvoll auswirken konnte nicht nur durch Verbot der Veranstaltung, sondern auch durch Auflösung der Organisation. Es waren meist 2 Vertreter der Gestapo zur Überwachung der Veranstaltungen gegenwärtig.

An dem betr. Tage in Gelsenkirchen passierte es, dass der Hauptredner, ein Rabbiner, infolge der plötzlichen Erkrankung seiner Frau telegraphisch abberufen wurde. Man bat mich, in die Bresche zu springen und einen Bericht über den Jüdischen Frauenbund zu geben. Die hohen Herren der Gestapo, zwei Jünglinge, gaben mir ihre Genehmigung, warnten mich aber vor der unvorbereiteten Rede, die sie streng überwachen würden. Ich weiss noch, dass ich ihnen meine Befriedigung darüber ausdrückte, und ihnen versprach, dass sie vieles hören würden, das sie bestimmt bis jetzt nicht gewusst hätten. Auf diese Weise war ich sicher, dass ich wenigstens zwei aufmerksame Zuhörer haben würde, für einen Redner immerhin ein Gewinn! Weiterungen erfolgten nicht, sodass ich über die Wirkung nichts sagen kann!“

Ottilie Schoenewald war seit ihrer Verheiratung im Jahre 1905 sozial und politisch engagiert. Das zentrale politische Thema war die Gleichberechtigung der Frau in allen jüdischen und nichtjüdischen Organisationen. Die Politik des Jüdischen Frauenbundes in den Jahren 1934 bis 1938 hat sie entscheidend geprägt. Ihr oblag die schwere Aufgabe, eine Organisation aufzulösen, die 34 Jahre lang bemüht war, Judentum und Frauenbewegung zu verbinden und Sozialarbeit zu leisten. Leo Baeck würdigte das Wirken Ottilie Schoenewalds in einem an sie gerichteten Brief so: „Es ist das Besondere und Bedeutungsvolle der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland, dass in ihr sich das Geistige, das Soziale und das Politische miteinander verwoben. Das Soziale führte in eine lebendige, sich immer wieder darbietende Wirklichkeit hinein; das Politische öffnete den Zugang zum Gegenwärtigen und Möglichen; und der Geist, aus dem Religiösen herauswachsend, verlieh dem allem seine Würde. Hieran haben Sie, liebe Frau Schönewald, an vorderer Stelle, helfend und weisend, unermüdlich mitgearbeitet.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.
(Hubert Schneider)