Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2005                             Nr. 9

Inhaltsverzeichnis

20 Jahre Zeichen der Versöhnung und der Erinnerung

Während der Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus auf dem Husemannplatz hielten die Vertreter zahlreicher Organisationen Ansprachen. Darunter auch Annemarie Grajetzky für die „Frauen für den Frieden in der evangelischen Kirche von Westfalen“, Ortsgruppe Bochum. Die „ Frauen für den Frieden“ schlossen sich 1982 zusammen. Ihr Anliegen ist, innerhalb der Kirche für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu arbeiten, immer mit aktuellem Bezug. Wir drucken hier den Redebeitrag von Annemarie Grajetzky ab.

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, an den Gräbern der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem Friedhof Freigrafendamm wächst der Widerstand gegen neue Formen des Faschismus.

Heute Vormittag waren wir auf dem Friedhof Freigrafendamm .Wir standen an den Gräbern von 1.700 umgekommenen Kriegsgefangenen und Verschleppten. Um ihr Leben gebracht wurden sie hier in unserer Stadt, damals von 1941 bis 1945. Es waren Kriegsgefangene und Verschleppte, die damals zu Zwangsarbeit gezwungen wurden in Bochumer Betrieben der Schwerindustrie und in anderen Betrieben unserer Stadt; es sind Menschen, die in den Jahren von 1941-1945 hier umgekommen sind, umgebracht, ermordet wurden.

Am 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, waren die "Frauen für den Frieden in der Evangelischen Kirche von Westfalen" zusammen mit anderen Friedens- und Initiativgruppen zum ersten Mal an den drei Gräberfeldern. Das war vor 20 Jahren eine erste Gedenk- und Erinnerungsaktion. Manche erinnern sich noch daran. Viele Bochumer und Bochumerinnen haben sich an dieser ersten Aktion am 8. Mai 1985 beteiligt. Wir haben damals nach 40 Jahren an den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg, erinnert. So tun wir es auch heute.

Der Widerspruch, die Tragik, die Schuld dieser Jahre gehören zu unserer Geschichte. Mit ihr müssen und wollen wir als Deutsche leben - heute und auch in Zukunft. Wir dürfen und wollen Schuld und Scham nicht verdrängen. Aus unserer Geschichte wollen wir zur Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft lernen.

Als wir 1985, vor 20 Jahren, an den drei Gräberfeldern auf dem Friedhof Freigrafendamm standen, waren die Gräber der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in einem desolaten, verwilderten Zustand. Die Grabreihen konnte man gar nicht mehr erkennen. Wir haben am 8. Mai 1985 auf die einzelnen Grabplatten Blumensträuße gelegt, Frühjahrsblumen und Rosen. So haben wir das heute Vormittag wieder gemacht. Im Lauf des Sommers 1985 haben die "Frauen für den Frieden" die drei großen Gräberfelder von Unkraut gereinigt und immer wieder Blumen aufgestellt. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, gingen wir zu den Gräberfeldern und gedachten der Toten. Nach und nach haben wir unsere Versöhnungsarbeit verwurzelt, unsere Erinnerung in die Erde gepflanzt, uns auch dabei manchmal schmutzig gemacht. Wir haben erfahren, dass Erinnern keine leichte Arbeit ist. Wir mussten dabei in die Tiefe gehen, nicht nur an den Gräbern, sondern auch in die Geschichte des Terrors und Schreckens, die ja schon 1933 anfing. Auch Kreuze haben wir zu den Gräberfeldern gebracht. Auf den Kreuzen gaben wir den Namenlosen ihre Namen zurück - besonders den 34 osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen, die hier in Bochum elend umgebracht worden sind von denen, die doch eigentlich ihre Menschenschwestern und –brüder hätten sein sollen. Es waren Mädchen und Frauen, die hier gestorben und begraben sind. Sie haben keine Liebe mehr erfahren, sie haben keine Gemeinschaft erfahren. Sie waren verschleppt aus ihrer Heimat, gezwungen, hier im Elend zu leben, im fremden Land ausgeliefert der Missachtung und Brutalität.

Das war das Gesicht des Faschismus. Daran erinnern wir uns schaudernd und mit Schrecken, wenn wir Neonazis durch unsere Stadt ziehen sehen. Darum rufen wir auf zum Widerstand. Das ist das Vermächtnis der Toten auf jenen drei Gräberfeldern.

Fast 60 Jahre lang sind die Menschen, die auf den drei Gräberfeldern begraben sind, Nummern geblieben. Es gab keine Inschriften der Namen an den Gräbern. Es war vor vier Jahren, im Jahr 2001. Da besuchten wir Bochumer und Bochumerinnen mit 15 ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen aus Donezk die Gräberfelder. Bei diesem Besuch haben die "Frauen für den Frieden" öffentlich angemahnt: dass endlich Namenstafeln aufgestellt und den in unserer Stadt ruhenden Toten ihre Namen zurück- gegeben werden sollten und damit ihre menschliche Würde.

An den Oberbürgermeister und den Rat der Stadt Bochum haben wir die dringende Bitte gerichtet, möglichst schnell Namenstafeln zu erstellen. Die mahnende Anregung wurde gehört und von den Verantwortlichen positiv aufgenommen: Seit dem 10. Juli 2004 erinnern nun Namensbücher an jede Frau und jeden Mann, die als Kriegsgefangene und Verschleppte zwischen 1941 und 1945 in Bochum zu Tode kamen, umgebracht, ermordet wurden. Es heißt nicht nur "1.700 Kriegsgefangene und Verschleppte liegen hier," sondern jede Frau und jeder Mann ist nun mit ihrem und seinem Namen gewürdigt worden. Diese Namensbücher sind ein wichtiges, sichtbares und lesbares Zeichen für die Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit in unserer Stadt. Auf Seiten aus Metall sind die Namen eingraviert, damit sie nicht verwittern, nicht zerstört und nicht aus dem Gedächtnis gelöscht werden. So treten die Namen der lang Vergessenen ins Bewusstsein. Sie leben mit uns und mahnen uns zu wacher Verantwortung.

In den 20 Jahren der Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit haben wir einiges erreicht. Wir haben die politisch Verantwortlichen unserer Stadt für diese Arbeit sensibilisiert. Die Pflanzaktionen werden nun nach 20 Jahren in der bisherigen Form nicht mehr stattfinden. Das legen wir nun in die Verantwortung der Stadt. Seit 1990 stellt die Stadt, Bochum die benötigten Pflanzen für die drei Gräberfelder auf dem Hauptfriedhof zur Verfügung, die Gräber sind gut gepflegt. Bodendecker auf den Grabreihen und jahreszeitlich entsprechend blühende Pflanzen auf den Beeten schaffen ein würdiges Bild. Und endlich die schönen auch handwerklich gelungenen Namensbücher an den 3 Gräberfeldern . Wir sind ein wenig stolz auf das, was wir bisher erreicht haben. Und so ist das Innenstadtfest heute auch ein besonderes Fest für die Versöhnungsarbeit von Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt. Bochum. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter werden nun regelmäßig von der Stadt Bochum eingeladen. Wir werden sie, wie bisher, auch in Zukunft, wenn sie unsere Stadt besuchen, zu den Gräberfeldern begleiten und uns mit ihnen unserer Geschichte stellen.

Mit den Pflanzaktionen in den zurückliegenden 20 Jahren sind wir der Macht des Vergessens entgegengetreten. Denn: Vergessen ist wie ein zweiter Tod der Opfer. Die Macht des Erinnerns gegen die Macht des Vergessens. "Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung."  Diese jüdische Weisheit hatte Richard von Weizsäcker 1985 aufgenommen. Er hat damals in seiner Rede zum 40. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg nachdrücklich Erinnerungsarbeit mit politischer Verantwortung verbunden. Ich zitiere aus der Rede des damaligen Bundespräsidenten: "Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebensnotwendig ist, die Erinnerung wach zu halten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit, nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit. Wir lernen aus unserer Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von neuem zu überwinden." Das sagte Richard von Weizsäcker vor 20 Jahren. Aus der Geschichte lernen, wozu der Mensch fähig ist. Das muss die Antwort sein auf die Naziparolen, die am zurückliegenden Wochenende unsere Stadt unter Polizeischutz verunstalteten. Die Macht des Erinnerns gegen die Macht des Vergessens. Erinnerungsarbeit ist notwendig und wichtig, ist ein politisches Zeichen: Dass wir nicht den Agitatoren von Rechts tatenlos zu sehen. Ungeheuerlich und unfassbar, dass Neonazis mit ihren faschistischen Reden in unserer Stadt auftreten können.

Besucht die Gräberfelder auf dem Freigrafendamm, dann wird euch bewusst, welches Unheil der Nationalsozialismus über die Menschen gebracht hat. Wenn Faschismus in unserer Stadt unter das Recht der freien Meinungsäußerung gestellt wird, dann setzen wir uns mit unserem Protest zur Wehr, mit der Macht der Erinnerung leisten wir Widerstand. Das sind wir den Opfern schuldig und das ist Versöhnungsarbeit für eine Zukunft ohne Faschismus und ohne Krieg.

(Annemarie Grajetzky)