Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

Buchbesprechung.

Heinz-Jürgen Priamus: Meyer. Zwischen Kaisertreue und NSTäterschaft. Biographische Konturen eines deutschen Bürgers, Essen 2011 (Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte, Beiträge Bd.14).(1)

    Wer war Dr. Alfred Meyer (1891-1945)? Ein Unbekannter in der breiten Öffentlichkeit, aber auch in der Fachwelt. Spezialisten is er bekannt als Teilnehmer der Wannseekonferenz vom Januar 1942, deren Thema die Organisation des Völkermords an den Juden war. Dabei zählte Meyer zu den Multifunktionären der NSDAP aus der zweiten bzw. dritten Reihe der Parteigrößen, die das Funktionieren des nationalsozialistischen Systems garantierten:
   1891 in ein wohlhabendes Elternhaus in Göttingen geboren und in Soest aufgewachsen, schlug er die Offizierslaufbahn ein. 1920 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen, wurde Meyer mit 30 Jahren Werksstudent, studierte Rechtsund Staatswissenschaften sowie Nationalökonomie in Würzburg. 1922 promovierte er zum Doktor der Staatswissenschaften. Von 1923 bis 1930 war er Zechenbeamter auf Graf Bismarck in Gelsenkirchen. Am 1. April 1928 trat er der NSDAP bei und wurde Ortsgruppenleiter in Gelsenkirchen. Im November 1929 wurde er als einziges NSDAPMitglied in den Stadtrat gewählt. Die weiteren Karrierestationen: Gauleiter in Westfalen-Nord, Reichsstatthalter in Lippe und Schaumburg-Lippe, Oberpräsident der Provinz Westfalen und während des Krieges auch noch stellvertretender Minister für die besetzten Ostgebiete. Im Dezember 1942 wurde er Reichsverteidigungskommissar für den Bereich des Gaus Westfalen Nord. Am 11. April 1945 kam Meyer unter nie ganz aufgeklärten Umständen am Fuße des Hohensteins bei dem zu Hessisch Oldendorf gehörenden Ortsteil Zersen im Süntel ums Leben – wahrscheinlich durch Selbsttötung.
   Diesem Mann widmet Jürgen Priamus, Gründungsdirektor und langjähriger Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, Gelsenkirchen, sein umfassendes Werk, über 500 Seiten stark, klein gedruckt. Ein eindrucksvolles Buch, Ergebnis jahrelanger Forschung, wie er selbst in der Einleitung schreibt.
   Zentrales Anliegen des Autors ist es, am Beispiel des „Durchschnittsmenschen“ Alfred Meyer, der, einem gut situierten Elternhaus entstammend, kontinuierlich in die nationalsozialistische Führungsebene aufstieg, ohne die Spitze wirklich zu erreichen und dabei zudem weitgehend „unbekannt“ zu bleiben, der Frage nachzugehen: Wie entwickelte sich ein solcher Mensch zu einem die allgemeinen ethischen Normen der zivilisierten westlichen Welt negierenden nationalsozialistischen Täter?
   Im Hinblick auf die Person Alfred Meyer stehen dabei für den Autoren zwei Entscheidungsaspekte bzw. –momente im Vordergrund: der Schritt in den Rechtsextremismus und die Beteiligung an den von Nationalsozialisten begangenen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – die Beteiligung am Völkermord an den Juden ebenso wie die Verschleppung und den Einsatz von Sklavenarbeitern.
   Für Meyers Beitritt in die NSDAP am 1. April 1928 findet Priamus keine schlüssige Antwort. Trat er ein, weil die Kollegen bei der Gelsenkirchener Zeche „Graf Bismarck“ dies auch taten? Wahrscheinlicher: Für den durch Krieg und Systemwechsel Verarmenten und der Zukunftsperspektive als Offizier Enttäuschten gab es kein Zurück mehr in irgendeine Elite eines bürgerlich-nationalen Staates, denn ein solcher existierte nicht mehr und würde auch in seiner alten Form nicht wieder hergestellt werden können. So blieb nur die Schaffung eines an die Stelle der verhassten Weimarer Republik, die aus der Sicht Meyers auch für seine ganz persönliche Misere verantwortlich war, tretenden neuen Staates mit einer neu geordneten Gesellschaft, in deren Eliten auch Alfred Meyer seinen Platz finden konnte. Und daran mitzuwirken, schien ihm eine lohnende Aufgabe.
   Meyers Schritt in die Täterschaft, womit er Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen übernahm, ist für Priamus faktisch karriereimmanent. D.h. Meyer begab sich im Zuge seines sukzessiven Aufstiegs in NS-Partei und –Staat freiwillig und selbstverständlich mehr und mehr in die Rolle des Täters.
   Dabei war Meyer, das zeigt Priamus, in jeder Hinsicht ein überzeugter Nationalsozialist, kein bloßer „Techniker der Macht“ und schon gar kein ideologiefreier Karrierist. Deutlich macht der Autor dies in der sehr eindrücklichen Darstellung des Antisemitismus’ Meyers, den er im Sinne von Daniel Goldhagens als „eliminatorischen Antisemitismus“ bezeichnet, aus dem der Judenmord als Selbstzweck abgeleitet wird. Die im Wannsee-Protokoll wiedergegebenen wörtlichen Äußerungen Meyers dienen hierbei als Beleg.
   Priamus Werk ist sehr breit angelegt: Die Quellenlage ist schwierig, vor allem, wenn es um das persönliche Leben Meyers geht. Sie ist fast unübersichtlich, wenn es um die Darstellung von Meyers Rolle in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern geht.   Der Autor meistert dieses Problem zumeist sehr souverän. Es gibt besonders eindrucksvolle Kapitel: Der Aufstieg Meyers und seine Tätigkeit im Gau Westfalen-Nord, seine Auseinandersetzung mit Kardinal von Galen. Die breite Darstellung des Kontextes der Arbeitsbereiche Meyers mag den Fachleuten manchmal zu ausführlich zu sein. Aber sie hat ihre Berechtigung: Die bevorzugte Zielgruppe von Priamus ist auch und vor allem der interessierte Laie. Und der wird dankbar sein für diese breit angelegten Ausführungen, die überdies sehr gut zu lesen sind.
   Der Autor versteht sein Buch als ersten Schritt zur Darstellung des Typus des NS-Funktionärs in der zweiten und dritten Reihe. Weitere Einzeluntersuchungen müssten folgen, um die so gewonnenen Ergebnisse dann in einem nächsten Schritt vergleichend in Beziehung zu setzen.
   In diesem Sinne eröffnet Jürgen Priamus Perspektiven für weitere Forschungsarbeiten, die großen Erkenntnisfortschritt versprechen, wenn es um die Frage geht, wie das NS-System funktionierte.

(Hubert Schneider)

1)  Diese Buchbesprechung ist auch erschienen in: forum Geschichtskultur Ruhr, Ausgabe 01/2012, S. 74f.