Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

Buchbesprechung

  Im Rahmen eines „Stadtgesprächs“ stellte Manfred Keller an 19. Oktober 2011 im Kunstmuseum Bochum das

Buch Gerd Liedtke (Hg.), Die neue Bochumer Synagoge. Bilder und Texte, 160 Seiten, 270 Abbildungen, Berlin 2011 – ISBN: 978-3-942271-28-8

vor. Wir drucken hier den Text der Ansprache ab.

  Meine Damen und Herren, ohne Zögern habe ich vor vierzehn Tagen dem Herausgeber Gerd Liedtke auf seine Bitte hin zugesagt, ein Referat zur Einführung in das Synagogenbuch zu übernehmen. Als ich das Buch dann in der vergangenen Woche druckfrisch in Händen hielt und mir die Fülle von Beiträgen vor Augen führte, wurde mir klar, wie leichtsinnig diese Zusage war. Fünfunddreißig nach Art und Umfang sehr unterschiedliche Texte und mehr als 250 Bilder – wie soll man davon in wenigen Minuten eine Vorstellung vermitteln?
   Kommt hinzu, dass schon der Gegenstand selbst, der Bau einer Synagoge in Deutschland nach der Shoah, ein sehr komplexes Thema ist. Zu berücksichtigen sind historische und soziologische Aspekte, religiöse Vorgaben und praktische Anforderungen. Die historische Erfahrung von Verfolgung und Vertreibung kann nicht weggewischt werden, noch weniger die kollektive Erinnerung an die Vernichtung. Aber zugleich besteht die Aufgabe, der heutigen jüdischen Gemeinde eine äußere und innere Heimat zu geben.
   Eine Synagoge erfüllt drei Aufgaben: Sie ist das Haus der Versammlung (Beth-Ha-Knesseth), sie ist ein Ort des Lernens (Beth-Ha-Midrasch) und sie ist eine Stätte des Gebets (Beth-Ha-Tefila). Sie ist kein Heiligtum im eigentlichen Sinne, aber doch auch nicht gänzlich profan. Seit jeher mischen sich im Bau einer Synagoge und der Gestaltung ihrer Räume sakrale und profane Funktionen und Stimmungen.
   Das alles, meine Damen und Herren, hat in der neuen Bochumer Synagoge bauliche Gestalt gewonnen, und das alles spiegelt sich auch in dem vorliegenden Buch, in seinen Bildern und Texten. Am liebsten würde ich jetzt die genannten Punkte durch Referieren der einzelnen Beiträge konkretisieren und durch gemeinsame Lektüre ausgewählter Abschnitte mit Ihnen vertiefen. Doch dazu fehlt uns die Zeit. So werden wir uns darauf beschränken, die Architektur des Buches zu erkennen und einen Überblick über die Beiträge zu gewinnen. Vertiefung und kritische Auseinandersetzung sind der anschließenden Diskussion vorbehalten – und Ihrer persönlichen Lektüre des Buches, zu der dieser Abend Sie anregen möchte.
   Im Klappentext des Buches, der übrigens – in leicht veränderter Form – durchaus zum Vorwort getaugt hätte, wird gleich zu Beginn auf den 16. Dezember 2007 Bezug genommen. An diesem Tag feierte die Jüdische Gemeinde Bochum-HerneHattingen die Eröffnung ihrer neuen Synagoge. Das Buch soll dieses herausragende Ereignis dokumentieren und als einen „für die Weiterentwicklung des jüdischen Lebens in unserer Region wichtigen Meilenstein“ würdigen. Die Einweihung ist gleichsam der Konstruktionspunkt des Buches, und folgerichtig bildet die Dokumentation der Eröffnungsveranstaltungen in Bild und Text die Mitte der Publikation. Das wird sinnfällig, wenn wir uns das Inhaltsverzeichnis anschauen. Die Grafikerin Renate Lintfert stellt den Inhalt übersichtlich auf drei Seiten dar. Die mittlere Seite ist komplett den Eröffnungsfeierlichkeiten vorbehalten, dem Ausund Einzug der Thorarollen, den Grußworten und Reden der Eröffnung – hier: „Weltlicher Teil der Einweihung“ genannt – und dem Eröffnungsgottesdienst – hier als „Religiöser Teil der Einweihung“ bezeichnet. Es würde den zeitlichen Rahmen sprengen, die vielen klugen Reden hier inhaltlich wiederzugeben. Mir haben beim Lesen besonders zwei Texte gefallen: die fröhliche Ansprache von Grigory Rabinovich und die ebenso nachdenklich stimmende, wie ermutigende Predigt von Rabbiner Brandt. Der Abschnitt schließt mit einer sehr lebendigen Fotostrecke von den Begegnungen nach der feierlichen Einweihung.
   Blicken wir von diesem Mittelteil des Buches, angezeigt auf Seite 2 des Inhaltverzeichnisses zurück auf Seite 1 und nach vorn auf Seite 3, so ergeben sich die Schwerpunkte und die leitenden Fragen des ersten und des dritten Teils ganz von selbst. Der erste Teil des Buches widmet sich der Vergangenheit, der dritte Teil der Gegenwart und Zukunft.
   Schauen wir uns dazu diese beiden Seiten und die entsprechenden Passagen des Buches im Detail an. Zunächst die erste Seite (in der Paginierung des Buches S. 7). Hier geht es um einen Vorblick, um die Vorgeschichte und die Entstehungsgeschichte der neuen Synagoge. Der Vorblick – hier unter dem Titel „Ein Ort zum Leben“ – beginnt mit einem sehr anrührenden Dankeswort von Michael Rosenkranz, gefolgt von einem gedanklichen Spaziergang durch die Synagoge und über den Erich-Mendel-Platz, der in die Vorstellung des architektonischen Konzeptes durch Professor Schmitz mündet.
   Meine Damen und Herren, der Neubau einer Synagoge in Deutschland nach der Shoah – das bedeutet immer: Zukunft aus der Vergangenheit. Deshalb galt es, die Geschichte der Vorgängersynagogen in Bochum, Wattenscheid, Herne und Hattingen in Erinnerung zu rufen. Dahinter steht die Frage: Auf welchen Traditionen baut die neue Synagoge für die Mitglieder der heutigen Gemeinde auf? Sie wird beantwortet durch einen „Historischen Exkurs“, der auch die Anfänge jüdischen Lebens nach 1945 beleuchtet. Diesen Text von Hubert Schneider empfehle ich Ihrer besonderen Aufmerksamkeit. Kurze Begründung: Die Shoah vernichtete das deutsche Judentum. Die Geschichte der ersten jüdischen Gemeinden in Deutschland, die 1933 knapp 600.000 Mitglieder hatten, endete 1941. Etwa 400.000 emigrierten, 170.000 wurden umgebracht. Nur 15.000 haben überlebt, als Häftlinge eines Konzentrationslagers, im Versteck oder geschützt durch eine „Mischehe“ – scheußliches Wort – mit einem christlichen Partner. Diese 15.000 – allesamt körperlich und seelisch schwer gezeichnet – haben gemeinsam mit sog. „displaced persons“ (= osteuropäischen Juden) die jüdischen Nachkriegsgemeinden gegründet, die tatsächlich so etwas wie eine „zweite jüdische Gemeinde“ in Deutsch land ist. Sie basiert auf der „Heimkehr der Unerwünschten“, wie ein neuer Buchtitel sagt, und hat unter schwierigsten Bedingungen ein neues Gemeindeleben aufgebaut.
   Ein weiterer Neubeginn, nämlich der Anfang der „dritten jüdischen Gemeinde“, wurde ausgelöst durch den Zusammenbruch der Sowjetunion. In den vergangenen zwei Jahrzehnten – genauer: zwischen 1990 und 2005 – sind gut 200.000 Juden aus den GUS-Staaten nach Deutschland eingewandert, von denen etwa die Hälfte einer jüdischen Gemeinde beigetreten ist. Durch deren Zuzug ergab sich vielerorts – und besonders in unserer Region – die Notwendigkeit, vorhandene Baulichkeiten zu erweitern (so geschehen in Recklinghausen) oder besser noch, gleich Neues zu errichten. Und dabei sind in den letzten zwanzig Jahren eine ganze Reihe interessanter, teilweise sogar spektakulärer Neubauten entstanden. Auch „unsere“ Bochumer Synagoge ist ein Glanzstück moderner Architektur. Den Weg dorthin – politisch und technisch – beschreiben die Kapitel „Der Weg zur Bochumer Erklärung vom 12. Juni 2003“, die Geschichte des Fördervereins und die eigentliche Baugeschichte. Besonders spannend und gut zu lesen ist der Beitrag von Eckart Kröck über den Architekturwettbewerb.
   Wenden wir uns nach diesem Blick in die Vergangenheit nun der Gegenwart und der Zukunft zu – und damit dem dritten Blatt des Inhaltsverzeichnisses. Die „Presseberichte“ spiegeln noch einmal das soeben Referierte. Dabei werfen sie immer auch einen Blick auf das aktuelle jüdische Gemeindeleben und damit auf den Schwerpunkt der letzten vierzig Seiten des Buches. Die Leitfragen lauten: Für wen und für welches künftige Gemeindeleben ist die neue Synagoge gebaut worden? Welche Chancen bietet der Neubau und welche Auswirkungen sind zu verzeichnen, innergemeindlich und für den Stellenwert der jüdischen Gemeinde in der Gesellschaft? Erfreulicherweise stammen die Beiträge dieses Teils mehrheitlich von Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde, von Felix Lipski, Michael Rosenkranz, Julia Feygin, Olga Isaak und Aleksander Chraga. Diese Texte zeigen exemplarisch den biographischen Hintergrund der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und die Herausforderungen, die in der neuen Heimat auf sie zukommen: sprachlich und kulturell, beruflich und sozial, und nicht zuletzt religiös. Besonders informativ sind in diesem Zusammenhang die Beiträge von zwei „Gastarbeitern“, die den Unterricht betreffen. Rosa Rappoport, jüdische Religionslehrerin aus Dortmund, beschreibt die Ziele des jüdischen Religionsunterricht für Kinder und Jugendliche, und Horst Friedrichsmeier, erfahrener Lehrer und Lehrerausbilder, schildert den Deutschunterricht für Erwachsene, – mit spürbarer Liebe und deutlichem Respekt gegenüber seinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
   Alle diese sehr vielfältigen und vielschichtigen Texte – ergänzt durch anschauliche Fotos – bilden den inneren Lebensraum der Gemeinde ab. Ergänzt und abgerundet wird dieser Abschnitt des Buches durch einen Beitrag des WAZRedakteurs Michael Weeke über „Die jüdische Gemeinde in der öffentlichen Wahrnehmung“. Weeke berichtet seit Jahren kontinuierlich über die jüdische Gemeinde im Lokalteil seiner Zeitung. Er kennt die Hintergründe bestimmter Vorgänge und die Probleme der Gemeinde. Aber vor allem schätzt er die Stärken und die Potentiale einzelner Mitglieder und Gruppen, die es zu fördern gilt, im Innern der Gemeinde und in der Öffentlichkeit. Weeke wörtlich: „Die Gemeinde hat es verdient, wahrgenommen zu werden. Wahrgenommen in ihrem Versuch, sich Struktur zu geben. Der Jugendclub, die Seniorenbegegnungsstätte, die verschiedenen Initiativen, die zum Alltag einer funktionierenden Gemeinde gehören.“
   Das neue Haus bietet also die Chance zu einem Wachstum im Innern. Zugleich aber zieht es die Blicke von außen an. Und nicht nur die Blicke, sondern ganze Scharen von Besuchern. Weeke spricht von einem regelrechten „Synagogentourismus“, den es zu nutzen gelte für die Öffnung der Gemeinde und für die „Schaffung einer großen aufgeklärten und vor allem vorurteilsfreien Gesellschaft“. Deshalb wünscht der Journalist der jüdischen Gemeinde im neuen Haus den Mut zur Öffnung und den Willen zum Engagement, „dass sie sich als selbstbewusste Gemeinschaft aus eigener Kraft und mit der Würde dieser uralten Religion einen festen Platz im Leben dieser Stadt erarbeitet.“
   Diesem Wunsch schließe ich mich gerne an, auch als Mitautor des Buches, das hoffentlich seinen Beitrag leistet zu eben diesem Ziel.

(Manfred Keller)