Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

Das „Forum Juden & Christen“ in Hattingen

   Ein Flügel stand mitten in der Volme, vom Wasser umspült. Fanatisierte Menschen hatten ihn aus der Wohnung von Juden herausgeschleppt und in den Fluss geworfen. Gerda Budde wusste sehr wohl, was ein Flügel ist, und dieses Bild grub sich tief in ihre Erinnerung ein. Geboren am 08.01.1931 in Hagen, erlebte sie als Siebenjährige an der Hand des Vaters die Verwüstungen der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938, in der auch die Synagoge in der Hagener Potthofstraße brannte. Ihre Eltern waren aufrechte, zutiefst religiöse Menschen, die sich mit ganzem Vermögen dafür einsetzten, ihren Kindern Werte der Menschlichkeit und der Bildung zu vermitteln. Nach dem Studium der evangelischen Theologie wurde Gerda Budde 1972 Pastorin der Evangelischen JohannesKirchengemeinde in Hattingen-Süd. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen beschäftigte sie immer wieder. Unter der Führung von Dr. Metzger, dem Leiter der Evangelischen Fortbildungsstätte Denkendorf (bei Esslingen/Baden -Württemberg), nahm sie im Oktober 1979 an einer ersten Reise nach Israel teil. Die Reiseeindrücke vermittelte sie dann in einem ersten Versammlungsabend am 08.11.1979 in der Johannesgemeinde anhand von Diapositiven. Bereits am 22.11.1979 veranstaltete sie eine Gesprächsrunde über „das Verhältnis von Juden und Christen“ und gründete damit die „Arbeitsgemeinschaft Judentum – Christentum und Freunde von Israel“, später „Arbeitskreis Juden – Christen“ genannt. Zunächst monatlich, später in etwas größeren Abständen, wurden ab 1980 regelmäßig Gesprächsrunden veranstaltet zu verschiedenen Themen des Judentums, die für Christen von Interesse sind oder mit dem Christentum im Zusammenhang stehen, meist donnerstags abends, anfangs übergangsweise im Gemeindehaus in der Bruchstraße, ab 1981 dann im neu erbauten Gemeindehaus in der Uhlandstr. 32: Über „die Stellung der Frau in Israel“, über „die Messiaserwartung“, über „jüdische Feste und Bräuche“, über „jüdische Einflüsse in unserer Literatur“, und andere Themen. Die Vorbereitung einer weiteren Israel-Reise im Frühjahr 1982 war Anlass, sich mit Sehenswürdigkeiten die ses Landes zu beschäftigen. Für schwierige und komplexe Themen, etwa „Jesus, Paulus und die Juden“ oder „Judesein, zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, konnten in der Folge immer wieder auch Referenten von auswärts gewonnen werden; meist wurden die Gesprächsrunden aber von Pastorin Budde oder anderen Teilnehmern des Arbeitskreises geführt. Sie leitete die Arbeitsgemeinschaft Judentum Christentum bis zu ihrer Pensionierung am 31.03.1995, außerdem auch noch einen christlich-islamischen Arbeitskreis, der gleichfalls an der Gemeinde angesiedelt war. Bereits 1988 hatte Pastorin Budde einen Sommerkurs an der Jüdischen Hochschule Heidelberg besucht und im Anschluss ein Semester dort studiert. Gleich nach ihrer Pensionierung immatrikulierte sie sich dort zum Sommersemester 1995 und studierte daselbst weitere fünf Semester, in denen sie sich, neben anderen Inhalten, sehr mit Rabbiner Leo Baeck beschäftigte. Hernach verlagerte sich der Schwerpunkt ihrer Interessen zur Biblischen Archäologie, auf welchem Gebiet sie heute noch tätig ist.
   Ihre Nachfolger und Nachfolgerinnen im Amt in der Johannesgemeinde waren mit dazu gekommenen Aufgaben so stark belastet, dass der christlich-islamische Gesprächskreis nicht weiter gepflegt werden konnte und auch der Arbeitskreis Juden – Christen an Dynamik verlor. Dr. Felix Schikorski, von Beruf Jurist, der bereits 1995 zum Arbeitskreis dazugekommen war und am 16.03.1995 ein Referat zum „Grundlagenabkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel“ gehalten hatte, engagierte sich in der Folge sehr für den Erhalt des Arbeitskreises. Anlässlich des Ökumenischen Stadtkirchentags in Hattingen am Samstag, 18.06.2005, konnten neue Kontakte zur Jüdischen Gemeinde BochumHerne-Hattingen hergestellt werden. Ein Referat über „Das Fest des Achten Tages und der Thorah-Freude“ bildete den Auftakt für Vortragsabende mehrmals im Jahr, die seither wieder regelmäßig durchgeführt werden. Der Teilnehmerkreis konsolidierte sich. 2006 gab sich der Arbeitskreis den jetzigen Namen „Forum Juden & Christen Hattingen“ und wird seither gemeinschaftlich von Herrn Axel Zachey, Presbyter der Johannes-Kirchengemeinde, und Dr. Felix Schikorski geführt und vom Pfarrer der Johannesgemeinde, Frank Schulte, theologisch begleitet. Das Forum setzte sich zum Ziel, die Verlautbarungen der Evangelischen Kirche in die Gemeindearbeit umzusetzen, nach denen ein neues Verhältnis der Kirche zum Jüdischen Volk gesucht werden soll auf der Basis des PaulusWortes (Röm. 11, 18): „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ Darüber hinaus will das Forum offen sein für Mitarbeit und Teilnahme auch Angehöriger anderer Konfessionen oder Religionen oder von religiös nicht gebundenen Menschen. Das Forum will auch weiterhin Kenntnisse über das Judentum und über Beiträge jüdischer Menschen für unsere Kultur vermitteln, zugleich aber über Formen des Antijudaismus und Antisemitismus informieren, um so erneutem Auftreten vorzubeugen. Dr. Schikorski gelang es seither, für 4 -5 Vortragsabende pro Jahr Referenten zu finden und die Themenvielfalt auf hohem Niveau zu halten. Die Referate behandelten unter anderem: „Die Thorah: Ein Gesetz auch für Christen?“, „Der Schabbath“, „Das jüdische Zinsverbot“, „Dietrich Bonhoeffer und die Juden“, „Die Deutschen Christen“, „Bibel in Gerechter Sprache“, „Die ‚Entjudung’ des Wohnraums in Bochum“, zudem Künstlerporträts wie z.B. Felix Mendelsohn-Bartholdy, Jacques Offenbach.
   Während die bisherigen Vortragsabende prinzipiell auch weiterhin durchgeführt werden sollen, schlug Dr. Schikorski Anfang 2012 ein von ihm lange schon vorbereitetes weiteres Kapitel der Tätigkeit des Forums auf: die Auseinandersetzung mit der Thorah, das sind die Fünf Bücher Moses, die nicht nur die Grundlage der jüdischen Religion ist, sondern, durch Jesus, auch der christlichen, auf die sich Jesus in all seinen Worten immer wieder bezieht. In Form von Seminarabenden werden, unter Zuhilfenahme von Quellenmaterialien des jüdischen Judaisten Y. T. Radday, einzelne Themen der Thorah (Tora) behandelt: „Ein Stück Tora“. Im ersten Halbjahr 2012 widmeten sich je zwei Abende den Themen „Die vier Flüsse im Garten Eden“ und „Die Bindung Isaaks“. Im Weiteren sind die Themen „Die Lagerstätten Israels in der Wüste“, „Nächstenliebe“ und „Amalek – oder Widerstand dem Bösen“ vorgesehen. Die bisherigen Abende fanden reges Interesse. Vielleicht kann sich aus diesen Aktivitäten eine Art gemeinsames Lehrhaus zur Thorah entwickeln, zugänglich für Juden und Christen, aber auch für religiös nicht gebundene Menschen, wäre es nicht einer gemeinsamen Anstrengung wert?

(Dr. Michael Rosenkranz )

Quellenangaben:
   Handschriftliche Aufzeichnungen von Frau Budde über die Veranstaltungen der Arbeitsgemeinschaft Judentum – Christentum im Zeitraum 08.11.1979 – 24.02.1984
   Gedruckte Aufzeichnungen von Herrn Lüdecke über die Veranstaltungen der Arbeitsgemeinschaft Judentum – Christentum und Freunde von Israel im Zeitraum 11.04.1984 – 11.05.1995
   Eigene Aufzeichnungen von einem Gespräch mit Frau Budde anlässlich eines Besuchs bei ihr zu Hause am Do., 10.05.2012, 16 Uhr
   Liste der Veranstaltungen des Forums Juden & Christen für den Zeitraum 08.03.2007 – 10.05.2012, die Herr Zachey am 06.12.2011 per E-mail zur Verfügung stellte
   Kurze Informationen zur Geschichte und zu den Zielen des Forums Juden & Christen, die Dr. Schikorski am 02.01.2012 per E-mail zur Verfügung stellte
   Yehuda T. Radday: „Auf den Spuren der Parascha: Ein Stück Tora, zum Lernen des Wochenabschnitts“, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt a.M., und Verlag Sauerländer, Aarau, 1. Auflage 1989
   Eigene Aufzeichnungen