Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

September 1941: die deutschen Juden müssen den „gelben Stern“ tragen

Vortrag, gehalten am 23. September 2011 auf einer Veranstaltung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) – Bund der Antifaschisten.

   Im September 1941 mussten sich die deutschen Juden einen handtellergroßen, sechszackigen, gelben Stern auf die linke Brustseite der Kleidung heften. Er war schwarz umrandet und trug die Aufschrift „Jude“ in schwarzen, die hebräische Schrift parodierenden Buchstaben. Die Stigmatisierung schloss praktisch den Prozess der Ghettoisierung ab und signalisierte zugleich den Beginn der planmäßige Deportation. Ach in den besetzten Gebieten kündigten die Judensterne die „Endlösung“ an. Schon zuvor hatten Nationalsozialisten wiederholt auf die Einführung eines Judenabzeichens gedrängt. Aus der langen Geschichte der Judenfeindschaft kannten sie die vielfältigen Formen, Funktionen und Folgen der Diffamierungszeichen, die im 9. Jahrhundert in der arabisch-islamischen Welt aufgetaucht und im 13. Jahrhundert im christlichen Europa von kirchlichen und weltlichen Autoritäten übernommen worden waren. Im 18. Jahrhundert waren die gelben Flecke verschwunden, überflüssig geworden, als sich im Zeichen der Aufklärung der Eintritt der Juden in die moderne, bürgerliche Gesellschaft anbahnte. In der Tradition des Antisemitismus lebten die historischen Vorbilder weiter. 1933 begannen die nationalsozialistischen „Judenexperten“ mit der Planung und Praktizierung einer Kennzeichnungspolitik. Im KZ Dachau, dem „Modelllager der SS“, führte man die farbigen Winkel ein, die die verschiedenen Häftlingskatego- rien markierten: Rot wurde für die „Politischen“ verwendet, grün für die „Kriminellen“, schwarz für die „Asozialen“, violett für die „Ernsten Bibelforscher“, rosa für die Homosexuellen und braun für die Zigeuner. Jüdische Häftlinge trugen – je nach ihrem Einlieferungsgrund – unter dem roten, blauen, grünen oder schwarzen Dreieck einen gelben Winkel: dadurch wurde ein sechszackiger, zweifarbiger Judenstern gebildet. Das gelbe Stoffdreieck prägte sich einem Nationalsozialisten ein, er in Dachau das Amt eines Bürgermeisters ausübte. Nach Ausbruch des Krieges zum Stadtkommandanten von Wloclawek (Leslau) ernannt, zwang er – ohne Weisung von oben – am 24. Oktober 1939 den Juden in der Weichselstadt einen gelben Winkel auf. Das Beispiel machte Schule: Innerhalb weniger Tage verbreiteten sich die Judenabzeichen über das besetzte Polen. Es dauerte auch nicht lange, bis hohe Staats-, Parteien- und SS-Funktionäre dafür plädierten, die Kennzeichnung der deutschen Juden vorzunehmen.
   Adolf Hitler behielt sich die Entscheidung vor, und er schob sie so lang hinaus, bis er in der Lage war, den Juden – wie er sagte – „den Stoß ins Herz hinein“ zu versetzen.
   Den Vernichtungsschlag kündigte er am 29. April 1937 in ei- ner Rede vor Kreisleitern der NSDAP an. Ich zitiere diese Rede etwas ausführlicher, weil sie die Vorgehensweise Hitlers – nicht nur in der Frage der Kennzeichnung der Juden – charakterisiert. Die Anregung eines Journalisten zur Einführung eines Judenabzeichens apostrophierend, sagte er:
  „Also, der Herr Redakteur fordert im Namen seiner Leser von mir, dass ich das tue. Zunächst: Längst eh’ dieser Herr Redakteur von der Judenfrage eine Ahnung hatte, habe ich mich doch schon sehr gründlich damit beschäftigt; zweitens, dieses Problem der Kennzeichnung wird seit zwei, drei Jahren fortgesetzt erwogen und wird eines Tages so oder so natürlich auch durchgeführt. Denn: das Endziel unserer ganzen Politik ist uns ja allen ganz klar. Es handelt sich bei mir immer nur darum, keinen Schritt zu machen, den ich vielleicht wieder zurück machen muss, und keinen Schritt zu machen, der uns schadet. Wissen Sie, ich gehe immer an die äußerste Grenze des Wagnisses, aber auch nicht darüber hinaus. Da muss man nur die Nase haben, ungefähr zu riechen: ‚Was kann ich noch machen, was kann ich nicht machen?’ (Große Heiterkeit und Beifall!). Ach im Kampf gegen einen Gegner. Ich will ja nicht gleich einen Gegner mit Gelt zum Kampf fordern, ich sage nicht: ‚Kampf!’, weil ich kämpfen will, sondern ich sage: ‚Ich will dich vernichten! Und jetzt Klugheit hilf mir, dich so in die Ecke hineinzumanövrieren, dass du zu keinem Stoß kommst, und dann kriegst du den Stoß ins Herz hinein.’ Das ist es! (Bravorufe)“
  Dieser Zeitpunkt war gekommen, als die Deportationen vor- bereitet wurden. Am 20. August 1941 gab Hitler die Zustimmung zur Einführung des Judensterns und dem Reichspropagandaminister Goebbels freie Hand, das Modell zu entwerfen. Sachverständige im Reichsinnenministerium und im Reichssicherheitshauptamt einigten sich über die Ausformulierung der „Polizeiverordnung“, die am 1. September fertiggestellt, wenige Tage später verkündet wurde und am 19. September 1941 in Kraft trat. Fortan mussten fast alle Juden – lediglich „Mischlinge“ und jüdische Partner in „privilegierten Mischehen“ waren ausgenommen über sechs Jahre in der Öffentlichkeit einen Judenstern tragen, „sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks“ und „fest angenäht“. Und fortan durften die „Sternträger“ nicht mehr ihre Wohnbezirke ohne polizeiliche Genehmigung verlassen. Die öffentliche Stigmatisierung erleichterte es den Nationalsozialisten, die neuen Wohnund Bewegungsbeschränkungen durchzuset- zen, sie war so eine entscheidende „Vorausmaßnahme“ für die schnelle Erfassung und den störungsfreien Abtransport der Opfer, die im Oktober 1941 begann (in Bochum im Januar 1942).
   Ankündigung und Aushändigung der Judensterne überließen die Behörden den jüdischen Repräsentanten. Am Nachmittag des 8. September 1941 wurden Dr. Paul Eppstein für die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ und Dr. Josef Löwenherz für die israelitische Kultusgemeinde Wien ins Berliner RSHA beordert, dort erhielten sie die entsprechenden Weisungen:
 
Die Verteilung der Kennzeichen hatte zu erfolgen:

    - durch die Reichsvereinigung der Juden im Altreichsgebiet sowie für die seit 1939 neu eingegliederten Ostgebiete ohne Generalgouvernement, ferner für die eingegliederten Westgebiete: Luxemburg, Elsaß und Lothringen
    - pro Person sollten 4 Sterne ausgegeben werden. Die Organisationen erhielten den Stern zum Selbstkosten- preis von 3 Pfennigen, sie ihrerseits hatten die Sterne zur Deckung der mit der Verteilung verbundenen Verwaltungskosten für 10 Pfennige abzugeben.
    - Die Nichtglaubensjuden mussten die Sterne bei der zu- ständigen jüdischen Kultusvereinigung bzw. Bezirksstelle abholen.
    - Sollten Juden gegen die Maßnahme verstoßen, wurde nicht nur mit Geldstrafen, sondern auch mit Inschutzhaftnahme gedroht.
    - Juden wurde ferner verboten, Orden und Ehrenzeichen zu tragen und den Wohnort ohne schriftliche polizeiliche Genehmigung zu verlassen.

Beim Empfang der Judensterne mussten die Empfänger die Kenntnisnahme der Bestimmungen bestätigen und mit ihrer Unterschrift erklären:
  „Ich verpflichte mich, das Kenneichen sorgfältig und pfleglich zu behandeln und bei seinem Aufnähen auf das Kleidungs- stück den über das Kennzeichen hinausragenden Stoffrand umzuschlagen.“
   Den Zuschlag für die Herstellung der Judensterne erhielt die Berliner Fahnenfabrik Geitel & Co, die innerhalb weniger Tage den Auftrag ausführte. Fast 1 Million Sterne – aufgedruckt auf langen Stoffrollen und verpackt in schweren Ballen – wur- den geliefert. Der Auftrag brachte der Firma 30 000 RM ein, wobei noch die üblichen Geschäftspraktiken befolgt und „bei Zahlung innerhalb von 5 Tagen“ 2 % Skonto gewährt wurden. „Weisungsgemäß“ buchte die „Reichsvereinigung der Juden in D.“ die Rechnungsbeträge von einem Sonderkonto ab, das unter dem Namen “Grundstückserlöse“ lief. Und auf dieses Konto floss im Oktober 1941 noch ein Betrag von 3 000 RM zurück, ein „Guthaben“, das bei der Fahnenfabrik entstanden war, da man hier inzwischen den Preis von je 100 Kennzeichen von 3 RM auf 2,90 RM herabgesetzt hatte.
   Vertrauliche, „nicht zur Veröffentlichung geeignete“ Richtlinien des RSHA wiesen die regionalen Stapoleitstellen und andere Dienststellen an, „Tragweise“ und „Verteilung“ der Judensterne genauestens zu überwachen und jeden Verstoß „grundsätzlich mit Schutzhaft zu ahnden“. Ebenso eindeutig waren die Instruktionen zur Durchsetzung der Wohn- und Bewegungsrestriktionen. Und um den Sternträgern „jede Möglichkeit“ zu nehmen, „sich auch weiterhin zu tarnen“, ordnete das RSHA in einem vom 13. März 1942 datierten Schnellbrief Reinhard Heydrichs die Kennzeichnung der jüdischen Wohnungen, Verwaltungsdienststellen, Kinder-, Alters- und Siechenheime an. Diese Kennzeichnung sollte in Größe und Form dem gelben Stern entsprechen, jedoch in weißer Farben gehalten sein, „damit es sich von den meistenteils raunen Türen besser abhebt“. „Das Kennzeichen ist unmittelbar neben dem Namensschild oder in Ermangelung eines solchen sonst wie am Wohnungseingang von außen und für jedermann sichtbare durch Aufkleben zu befestigen.“.
   Die Polizeiverordnungen zur Kennzeichnungspflicht wurden durch andere Maßnahmen ergänzt:
   Am 24. Oktober 1941 erging ein Runderlass des RSHA, der denjenigen „deutschblütigen“ Bürgern eine Schutzhaft von drei Monaten androhte, die „in der Öffentlichkeit freundschaftliche Beziehungen zu Juden“ erkennen ließen. In Hamburg beispielsweise wurde den „deutschblütigen Volksgenossen“ beim Abholen der Lebensmittelkarten ein Flugblatt ausgehändigt, das diesen Erlass im Wortlaut enthielt.
   Bereits am 18. April 1941 war Juden die Benutzung von Reisezügen und -schiffen ohne Sondergenehmigung untersagt worden. „Sternträger“ durften ab Oktober 1941 keine Telefonzellen mehr benutzen und ab September 1942 nur noch zu bestimmten Zeiten einkaufen. Am 24. März 1942 verbot das Reichsministerium des Inneren grundsätzlich auch die Benutzung von innerstädtischen Verkehrsmitteln; nur Fahrstrecken zur Arbeit über sieben Kilometer Entfernung galten als genehmigt.

Wie reagierten die Betroffenen auf die verordnete Kennzeichnung?

   Um das herauszufinden, muss man auf Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Erinnerungen aus der Nachkriegszeit zurück- greifen. Für Bochum liegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt meines Wissens kaum Zeugnisse vor.
   Emmy Vollmann, die Frau des Vorsitzenden der Ende 1945 wiedergegründeten kleinen jüdischen Gemeinde Bochum, schrieb in ihrem 1953 an das Wiedergutmachungsamt Bochum gerichteten langen Bericht über ihre Erfahrungen im Nationalsozialismus:
   „... Ich habe alles redlich mit ihm (Siegbert Vollmannn) geteilt, als er 1941 im Mär als fast 60jähriger in den Tiefbau beordert wurde, und schwer arbeiten musste, bekam er keine Schwerarbeiterzulage, da habe ich auf vieles verzichtet, um meinem Ehemann das Durchhalten zu ermöglichen. Als dann im Jahre 1941 mein Mann den Judenstern tragen musste, wurde unsere Wohnungstüre (das war schon im Judenhaus Horst-Wessel-Straße 56) mit einem Judenstern verziert, damit jeder sofort sehen konnte, dass hier Juden wohnten. Außerdem musste ich meine elektrischen Geräte abgeben und meinen Kanarienvogel abschaffen. Sehr häufig war ich groben Pöbeleien ausgesetzt, wenn ich mit meinem Manne mich auf der Straße sehen ließ, weil ich es wagten, als Deutsche mit einem Juden – Sternträger – auszugehen. ...“ (Judenhäuser, S 140f.).
   Karola Freimark, die Chronistin der Situation in Bochum in dieser Zeit, erwähnt in ihren Briefen an die Kinder in die USA den Stern überhaupt nicht: Sei es, dass sie die Kinder nicht belasten wollte, wahrscheinlicher ist, dass sie mit anderen Dingen beschäftigt war: Zentrales Thema in den Briefen ist die Auswanderung, die Finanzierung der Schifffahrt in die USA. Beides gelingt nicht mehr, die Freimarks müssen im Mai 1942 ins „Judenhaus“ in der Horst-Wesselstraße 56 ziehen, sie werden im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Auch in ihren Aufzeichnungen nach 1945 erwähnt Karola Freimark den „gelben Stern“ nicht.
   Vielleicht erwähnt Frau Freimark die Einführung des gelben Sterns auch deswegen nicht, weil die soziale Situation der Juden in der überschaubaren Stadt Bochum im September 1941 schon lange desolat war – man kannte hier seine Juden. Im September lebten ohnehin nur noch etwa 200 Juden in Bochum, die meisten von ihnen lebten in den sogenannten „Judenhäusern“. Liest man die Freimark-Briefe, dann wird klar, dass nach der Pogromnacht die soziale Isolierung der Juden in allen gesellschaftlichen Bereichen rasant fortschritt. Dazu kam, dass der jüdische Kulturbund in Bochum den Juden kein Programm anbieten konnte – es fehlten die Räume. Angesichts der weiter fortschreitenden emigrationsbedingten Auflösung der Gemeinde wurde der Bekanntenund Freundeskreis stetig kleiner. Meldungen über die Emigration von Freunden, Verwandten und Bekannten ziehen sich wie ein Leitmotiv durch die Briefe. Berichte über private Aktivitäten außerhalb der Wohnung sind dagegen selten. Von einzelnen Spaziergängen, die die Eheleute Freimark alleine oder mit Freunden unternahmen, schreib Karola Freimark ausschließlich im Frühjahr 1939. Insgesamt blieben diese auf vier beschränkt, vermutlich, weil sie mit der Gefahr verbunden war, als Juden erkannt und angepöbelt zu werden. Spaziergänge in Dortmund oder am Bochumer Stadtrand, Einkäufe in Essen und Dortmund, verweisen in diesem Kontext auf mögliche Ausweichmanöver. Vor diesem Hintergrund stellte der Stern offensichtlich für Karola Freimark kein Ereignis dar, das man den Kindern mitteilen musste.
   Wir müssen also Belege aus anderen Städten Deutschlands heranziehen, um die Wirkung des Sterns auf die Betroffenen zu beschreiben. Dazu müssen wir zunächst in das Jahr 1933 zurückgehen.
   „Tragt ihn mit Stolz – den Gelben Fleck!“ hatte im April 1933 der Zionist Robert Weltsch den deutschen Juden zugerufen, um ihren Schock über den nationalsozialistischen ‚Judenboykott“ abzufangen. Sein Appell zelte damals darauf ab, mit Selbstachtung und Selbstbesinnung auf die Diffamierung und Diskriminierung zu antworten und alle Kräfte für die Absicherung, für den Wiederaufbau einer jüdischen Existenz zu mobilisieren. Die Tradition der jüdischen Geschichte verlieh ihm die Fähigkeit, die aufgezwungenen Zeichen der Schande und Unterwerfung in Symbole des Stolzes und der Ehre umzuwandeln. Die Nationalsozialisten kopierten den „Magen David“ den legendären sechszackigen Davidstern, der im 19. Jahrhundert zu einem jüdischen Symbol erhoben und der dann von den Zionisten als „Stern der Erlösung“ zum nationalen Emblem deklariert worden war. Mit diesem Stern gebrandmarkt zu werden, hieß, ein Bekenntnis zum Judentum abzulegen. Der Aufruf von Robert Weltsch hallte im Herbst 1941 noch nach. Vereinzelt trugen deutsche Juden den Stern mit Stolz oder mit einer Geste des Trotzes.
  
   Zwei Beispiele.
  
   Dem Tagebuch des Breslauer Studienrates a.D. Dr. Willi Cohen entnehmen wir den Eintrag vom 20. September 1941: Im „Schmuck des Judensterns“ ging er an diesem Tag in die Synagoge. „Ich wollte an diesem Tage unbedingt gehen, um mir nicht nachsagen zu lassen, dass ich wegen Feigheit gefehlt hätte.“ Er war überzeugt, dass das Auftauchen der Sterne „den Leuten peinlich ist“.
   Monika Richarz veröffentlicht in ihrer großen Publikation jüdischer Selbstzeugnisse einen Bericht des Jacob Jacobson. Als Spezialist für jüdische Familiengeschichte war er von der Gestapo zur Kooperation mit dem Reichssippenamt verpflichtet worden. Das Angebot, sich vom Stern befreien zu lassen, wies er zurück. Als Sternträger identifizierte er sich mit der jüdischen Schicksalsgemeinschaft:. Er notierte:
   „Als im September 1941 der Judenstern eingeführt wurde, war mir offiziell mitgeteilt worden, dass das Reichssippenamt versucht hatte, für Herrn Dr. Leopold Mosse, den kenntnisrei- chen Leiter des Wiener jüdischen Archivs – er hat den Krieg nicht überlebt -, und für mich die Befreiung vom Tragen des Judensterns zu erwirken. Ich hatte damals erwidert: ‚Was die anderen Juden zu tragen haben, will auch ich tragen.’ ... Ich muss gestehen, dass ich auf Ausbrüche der aufgepeitschten Volksseele, auf Spott und Verhöhnung gefasst war, als ich zuerst als Sternträger meine Wohnung in Charlottenburg verließ; aber nichts davon geschah. Die erste, ebenfalls mit Stern gezeichnete Person, der ich begegnete, war eine mir völlig unbekannte Dame. Unwillkürlich zog ich tief den Hut vor ihr – und damit war für mich ein für allemal der Bann gebrochen.“
   Die meisten Juden konnten sich jedoch aus diesem „Bann“ nicht mehr befreien. Fassungslos nahmen die meisten Juden die Nachricht über die Einführung des Judensternes auf. Mit Entsetzen und Verzweiflung reagierten sie, als sie den Stofflappen im Empfang nahmen und an die Kleidungsstücke nähten. An der Stigmatisierung spürten sie den Schmerz, den die soziale Degradierung hinterließ. Die Kennzeichnung wirkte lähmend und demoralisierend, sie präparierte die Opfer, sich den letzten Vernichtungsschlägen zu fügen. Die Angst breitete sich aus, jederzeit und überall festgenommen zu werden. Über jeden Schritt und jede Handlung legte sich das beklemmende und angstvolle Gefühl, ständig und von allen Seiten angestarrt, observiert und kontrolliert zu werden. Viele Erlebnisberichte bezeugen diese Empfindungen und Erfahrungen:

  Hildegard Henschel berichtet aus Berlin:
  „Der Judenstern löste unter den Betroffenen eine ungeheure Aufregung aus, man sah sofort, welche Erschwerungen des täglichen Lebens wirtschaftlicher und seelischer Art ... damit verbunden waren, aber niemand ahnte die ganze Tragweite dieser neuen Quälerei, die die erste Vorbereitung der Nazis für die Massenevakuierung der Juden aus Deutschland war.“

   Johanna Mackower schrieb nach dem Krieg an ihre Schwester:
   „Wir haben die ganze Zeit den Judenstern getragen (dies ist mir als einer der schwersten Erlebnispunkte zu bezeichnen), weil es die Seele zu tiefst verletzt und vor allem Dir Dein Wesen ungeheuer verkorkst und Du immer ein etwas komischer Kauz sein wirst. Denn ganz lässt so etwas sich nicht mehr ausgleichen. – Und auch dieses ist mit das Schlimmste, dass Du es einmal so hast zu tiefst durchleben müssen, was für eine Bestie eigentlich die nackt und ungeschminkt sich darstellende menschliche Natur ist, und dass du die Menschen alle so von tiefster Kellerperspektive her hast sehen und erkennen gelernt. – Und das war natürlich nicht nur die Gestapo, sondern – aus begreiflicher Furcht – haben ja auch so gut wie alle anderen Menschen Dich mehr oder weniger vollständig verlassen.“

   In Stuttgart musste sich Martha Haarburger den Stern anlegen:
   „Das Tragen des gelben Sterns, mit dem man uns von 1941 an wie Verbrecher brandmarkte, war eine Qual. Ich musste täglich, wenn ich auf die Straße trat, um Ruhe und Gleichmut kämpfen.“

   Anneliese Winterberg erinnerte sich: „Das Tragen des Judensterns zwang mich, mit gebeugtem Haupt, den Blick nach unten gerichtet zu gehen. Ich wollte die Reaktion der anderen Leute nicht sehen. Der Stern gab mir ein Gefühl der Angst, Aufmerksamkeit zu erreichen, ein Gefühl der Ablehnung – er isolierte mich von ihnen.“

   Die Belege ließen sich beliebig fortsetzen, erwähnt seien nur noch die Tagebücher von Victor Klemperer:
   17.9.1941: „Seit dem Davidstern, der Freitag den 19-9. aufgehen soll, ist es ganz schlimm. Umschichtige Haltung aller, mich einbegriffen: Proprio und stolz werde ich ausgehen – ich schließe ich ein und verlasse das Haus nicht mehr. Eva will weitgehend als Schabbesgoj wirken.“
   18.9.1941: „Der ‚Judenstern’ schwarz auf gelbem Stoff, darin mit hebraisierenden Buchstaben ‚Jude’, gegen 10 Pf. Uns gestern ausgefolgt, von morgen, 19.9. ab zu tragen. ...“
   20.9.1941: „Gestern, als Eva den Judenstern annähte, tobsüchtiger Verzweiflungsanfall bei mir. Auch Evas Nerven zu Ende. ... Gestern nur bei völliger Dunkelheit ein paar Schritte mit Eva. Heute um Mittag ging ich wirklich zum Kaufmann Ölner am Wasaplatz und holte Selters. Es kostete mich furcht- bare Überwindung. Inzwischen ist Eva immerfort auf Besorgungswegen und beim Kochen. Unser ganzes Leben ist um- gewälzt und alles lastet auf Eva. Wie lange werden es ihre Füße aushalten.?...“
   22.9.1941: „Trotzdem ich Sonnabend beim Kaufmann am Wasaplatz war, ... ist der entsetzliche Widerwille nicht geschwunden. Jeder Schritt, die Vorstellung jeden Schrittes ist Verzweiflung. ...“. Auch die Mitteilung, dass Berliner Passanten mit den Stern- trägern sympathisierten, tröstete Klemperer nicht (22.9.).
   Auch als ihm ein Arbeiter nach Mussolinis Tod 1943 mit dem Satz „Der eine von den Hunden ... ist ja nun weg“ Mut zusprechen wollte, erwiderte er: Aber die Kinder auf der Straße quälen mich mehr als früher.“ (23.8.43).
   Das Abreißen des Sterns in der Dresdner Bombennacht vom 13. Februar 1945 ist denn für Klemperer auch ein Akt der Befreiung.
   Manche Juden waren dem zunehmenden Druck nicht mehr gewachsen, sie gaben auf. Sie schlossen sich in ihren Wohnungen ein, starben an Hunger oder wählten einen schnelleren Weg in den Freitod.
   Andere ließen sich kaum noch in der Öffentlichkeit sehen und wenn, so versuchten sie hinter Aktentaschen, Paketen oder Büchern das gelbe Erkennungszeichen zu verbergen. Gegen diese Praxis – an vielen Orten beobachtet – ging die Gestapo drakonisch vor. In Dresden wurde ein Zwangsarbeiter auf dem Weg zur Arbeitsstelle mit einem verdeckten Stern ertappt:
  „Da fuhr ... eine Limousine vorbei, eine schwarze Limousine war der bekannte Gestapowagen, und er wurde hineingezerrt. Er wurde nie wieder gesehen. Die haben ihn nicht einmal in ein KZ gebracht, sondern gleich umgebracht. Für das Verdecken des Sterns. Ein paar Tage später haben sie seine Frau auf die Gestapo bestellt und gefragt: ‚Was, du trägst noch nicht Witwenkleidung?’ Sie hatte gedacht, ihr Mann wäre nur arrestiert. Das waren die Gestapo-Methoden.“
   Die Gestapo bestrafte auch das Vergehen, den Stern nicht vorschriftsmäßig befestigt zu haben. Bruno Blau schildert einen Fall:
   „Ein bei der Reichsvereinigung angestelltes junges Mädchen von 19 Jahren wurde einmal bei einem Besuch von Gestapobeamten dabei getroffen, dass sie an ihrem Mantel den Stern nur lose angesteckt hatte. Sie wurde sofort nach der Polizeistation des Krankenhauses gebracht und am gleichen Tage nach dem Sammellager, von wo sie in Konzentrationslager kam, ohne dass sie ihre Mutter noch einmal sehen dürfte; sie ist nicht zurückgekehrt.“
   Manche Juden gingen das Wagnis ein, sich in der Öffentlichkeit ohne den Stern sehen zu lassen. Sie benutzten Verkehrsmittel, erschienen in Geschäften oder besuchten Konzerte, Theater und Kinos. Voraussetzung war, dass sie nach Verlassen oder bei der Rückehr zur Wohnung einen sicheren Ort zum Wechsel der Kleidung fanden.

   Inge Deutschkron berichtet:
   „Zunächst hieß es, einen Ort zu finden, an dem man das Kleidungsstück mit dem Stern ablegen und das ohne anlegen konnte. Aus dem Haus, in dem bekannt war, durfte man natürlich nicht ohne Stern hinausgehen. Selbstverständlich konnte man auch nicht ohne den Stern am Mantel ins Haus zurückkehren, in dem man wohnte. Höchst unangenehm war es, jüdische Bekannte zu treffen, die grüßten oder auf einen zukamen, weil sie das Fehlen des Sterns nicht sofort bemerkten. Viele Male bin ich so unhöflich gewesen, habe Bekannte übersehen und bin schnell weitergegangen, ohne ihren Gruß zu erwidern.“
   Auf diesen Wanderschaften wurden häufig nichtjüdische Freunde oder Verwandte aufgesucht, die in die nationalsozialistische Kategorie der „Mischlinge“ oder „Mischehen“ fielen. Ingeborg Hecht berichtet über den Besuch von Sternträgern und die damit verbundene seelische Belastung und Angst der „Privilegierten“:
   „Unsere Verwandten, aber auch viele unserer Freunde, mussten dieses – wie die Nazis es sich vorstellten – Zeichen der Schande tragen, und zwar, lautete die Vorschrift, deutlich sichtbar. Wenn uns ein Sternträger besuchte, bemühte er sich darum, das gelbe Ding auf irgendeine Weise zu verdecken und zu verstecken, denn so ein Besuch gehörte ja zu den Verboten. Hatten wir doch allen Grund, vor den NS- Damen in der Vorderwohnung zu zittern. Wir zitterten aber auch um uns; wir zitterten darum, dass wir selbst in einer brisanten Situation einmal wegsehen würden, schweigen, weitergehen; wir zitterten auch bei uns selbst um das, was man Charakter nannte.“
   Juden in „privilegierte Mischehe“ blieben vom Stern – und damit zugleich auch von der Deportation verschont. An diese Ausnahmeregelung klammerten sich etliche Juden, die der Kennzeichnungspflicht unterworfen waren. Sie bemühten sich um eine Freistellung. Anträge wurden eingereicht, häufig mit gefälschten Dokumenten versehen, um die jüdische Herkunft zu verwischen. In der Regel lehne die Gestapo diese Bittgesuche ab. Sie zeigten sich ebenso wenig bereit, auf die Interventionen kirchlicher Repräsentanten einzugehen und den Christen jüdischer Herkunft das Privileg der Sternbefreiung zu erteilen. Wieder zu Juden deklariert, wurden diese christlichen sternträger zu den Evakuierungen freigegeben.

Was wissen wir über die Reaktionen der nichtjüdischen Bevölkerung.

   Die Reaktionen der nichtjüdischen Bevölkerung spiegeln sich hauptsächlich in zwei unterschiedlichen Quellensorten: Zum einen gibt es mit den sogenannten Meldungen aus dem Reich die Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS aus dieser Zeit. Zum anderen kann man auf Tagebuchnotizen, Briefe oder spätere Berichte der „Sternträger“ selbst zurückgreifen. Die Aussagekraft beider Quellenarten ist aus unterschiedlichen Gründen begrenzt und lässt abgeleitete Verallgemeinerungen unsicher erscheinen.
   Unter dem 9. Oktober 1941 berichten die Meldungen aus dem Reich, die Polizeiverordnung sei „überwiegend begrüßt, in katholischen und bürgerlichen Kreisen aber auch mit Mitleid aufgenommen“ und es sei aber auch „von mittelalterlichen Methoden“ gesprochen worden. Im November wird berichtet, dass die Forderung von Gemeindemitgliedern, die „Judenchristen“ in der Kirche beim Gottesdienst und Sakramentsempfang abzusondern, von den katholischen Bischöfen wie der Bekennenden Kirche abgelehnt worden sei. Am aus- führlichsten wird im Bericht Nr. 256 vom Februar 1942 auf die Auswirkungen der Verordnung eingegangen. Die Verordnung habe „einem lang gehegten Wunsch weiter Bevölkerungskreise“ entsprochen. Außerordentlich breiten Raum nehmen kritische Bemerkungen über die Ausnahmeregelungen ein. Ein in „privilegierter Mischehe“ lebender Jude sei nicht gekennzeichnet, somit unverdächtig, gleichsam getarnt und überdies nicht durch einen Zwangsvornamen im Ausweis zu erkennen. Es werde „allgemein erwartet, dass sämtliche Sonderbestimmungen zugunsten der Juden und der jüdischen Mischlinge aufgehoben“ würden und dass die jüdischen Wohnungen eine Kennzeichnung erhielten. Es muss offen bleiben, ob diese Stimmungsberichte repräsentativ sind oder die Berichterstatter vorgesetzte Stellen zu beeinflussen suchten.
   In einer Konferenz des Propagandaministeriums warnte ein Sprecher vor einer Mitleidswelle „aus Kreisen der Intelligenzbestien“. Ablehnende Reaktionen der Bevölkerung lassen sich aus manchem Presseartikel ableiten, wenn über „falsches Mitleid und schlecht angewandte ‚Menschlichkeit’ gegenüber besternten Juden“ gewettert wurde.
   Anders als im besetzten Westeuropa blieben in Deutschland nach der Einführung des Judensterns spontane und massive Protestdemonstrationen aus. Was den deutschen Juden noch zuteil wurde, waren individuelle Sympathiebezeugungen. Sie zeigten sich in kleinen Freundlichkeiten und Gesten, die Leo Baeck, der Repräsentant des deutschen Judentums ,so inter- pretierte: „Manchmal war die einzige Art, in der Deutsche ihre Opposition gegen die Nazis ausdrücken konnten, einem Juden zu helfen.“ Manchmal erhoben sich Deutsche in Verkehrsmitteln ostentativ von ihrem Platz, um dem gezeichneten „Volksfeind“ eine Sitzgelegenheit anzubieten. Valerie Wolffenstein erinnerte sich später: „Immer wieder empörten sich Mitfahrende, besonders die Arbeiter in den Frühzügen, dass wir nicht sitzen durften, sie wollten einen immer dazu verführen: ‚Komm, Sternschnuppecken, und setze Dir’“. Elisabeth Freund überlieferte diese Episode:
   „Eine Mutter sah, dass ihr kleines Mädchen neben einem Juden saß: ‚Lieschen, setz dich auf die andere Bank, du brauchst nicht neben einem Juden zu sitzen.’ Da stand ein ‚arischer’ Arbeiter auf: ’Und ick brauch nicht neben Lieschen zu sitzen!’“
   Ursula von Kardoff berichtet einen anderen „typischen Dialog“: „ ‚Setz dir hin, olle Sternschnuppe’, sagte ein Berliner Arbeiter, und als sich ein Parteigenosse darüber beschwerte, fuhr er ihn an: ‚Üba meenen Arsch verfüje ick alleene.’“
   Ein Soldat winkte im Zug den Studenten Ludwig Ehrlich zu sich heran und forderte ihn auf, sich zu ihm zu setzen: „Ich tat es nicht, ... aber ich habe ihm sehr gedankt. Es war sehr mutig von diesem Soldaten“.
   Heimlich oder offen wurden den Sternträgern manchmal Lebensmittel oder Rationierungskarten, Zigaretten oder Süßigkeiten zugesteckt. Davon berichten Inge Deutschkron und Leo Baeck.
   Andere Überlebende berichten, dass Sternträger von wildfremden Menschen mit besonderer Höflichkeit gegrüßt oder angesprochen wurden. Sie hörten Stimmen des Bedauerns, des Mitleids und der Empörung.
   Neben den Solidaritätsund Sympathiebezeugungen standen freilich die Manifestationen des offenen Judenhasses. Die Sternträger mussten die sporadischen Ausbrüche des offenen Judenhasses erdulden. Sie sahen „hasserfüllte Blicke“, hörten „gehässige Zurufe“ und erlebten, wie vorwiegend Jugendliche ihren Spott und ihre Angriffslust an jüdischen Kindern ausließen.
   Inge Deutschkron berichtet: „Am schlimmsten erging es jüdischen Kindern. Vom sechsten Lebensjahr an war das Tragen des ‚Judensterns’ Pflicht. Da Kinder grausam sein können und den ständigen Hetzereien gegen Juden ebenso ausgesetzt waren wie Erwachsene, schlugen sie oftmals auf jüdische Kinder ein, wo sie sie trafen, es sei denn, ihre Eltern hatten den Mut, das ihnen vermittelte Judenbild zu korrigieren. Ich habe mehr als einmal nichtjüdische Kinder verdroschen, um jüdischen Kindern Gelegenheit zur Flucht zu geben, ein Unterfangen, das auch für mich nicht ungefährlich war.“
   Schlimmer und folgenschwerer als die Schimpfworte waren die Denunziationen. Was schon zuvor zum jüdischen Alltag im nationalsozialistischen Deutschland gehört hatte, setzte sich nach der Einführung des Judensternes unvermindert fort. Lokale Parteigrößen im allgemeinen und Nachbarn im besondern beeilten sich, Ausschau nach „Verstößen“ zu halten. Sie entdeckten Juden, die das Erkennungszeichen verhüllt, un vorschriftsmäßig angenäht oder gar nicht getragen hatten. Und sie schreckten auch nicht davor zurück, Anzeige gegen Personen zu erstatten , von denen sie annahmen, dass sie an sich einen Stern tragen müssten. So berichtete beispielsweise der Regierungspräsident von Oberund Mittelfranken am 7. Oktober 1941:
   „Die Kennzeichnung der Juden erfolgte ohne Zwischenfälle, auch das Escheinen der gekennzeichneten Juden in der Öffentlichkeit führte bis jetzt zu keinerlei Störungen. Dagegen häufen sich anonyme und offenen Anzeigen der deutschblütigen Bevölkerung gegen vermeintliche Juden bzw. solche, die laut Verordnung von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind.“
   Beide Reaktionen – Solidarität und Aggression – markieren nur die äußeren Grenzwerte der allgemeinen Verhaltensskala. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung nahm die Rolle schweigenden Zuschauens ein, verhielt sich so, wie sie es schon zuvor getan hatte. Allgemein waren nach der Einführung des Judensternes Verwunderung und Betroffenheit, wer und wie viele plötzlich als „Jude“ erkennbar waren, noch unter ihnen lebten: ein Indiz dafür, wie wenig Deutsche im Herbst 1941 noch direkten Kontakt zu Juden hatten. In der bereits zitierten SD-Meldung vom 9. Oktober 1941 wird die erste Reaktion der deutschen Bevölkerung so beschrieben:
   „ ... Überall ist das erste Auftreten von gekennzeichneten Juden stark beachtet worden Mit Erstaunen wurde festgestellt, wie viel Juden es eigentlich noch in Deutschland gibt.“
   Das Erstaunen legte sich schnell: der gelbe Stern verlor seine Ausstrahlungskraft. Joel König berichtet in seinen Erinnerungen: „Unsere Arbeitgeber ‚übersahen’ das neue Abzeichen, oder sie machten darüber, wie Schulze, eine witzelnde Bemerkung, und der Fall war für sie erledigt. Nach ein paar Tagen hatten sich alle Leute, mit denen wir zu tun hatten, daran gewöhnt.“ Das änderte natürlich nichts an der Wirkung des Kenneichens.
   Dr. Theodor Tuch erfuhr in Hamburg die Vereinsamung. Am 25. 5. 1942 schrieb er in sein Tagebuch: „Pfingstmontag. Gestern war Mimi bei uns. Sie ist die einzige, die uns noch besucht. Alle Welt, d.h. alle Leute, meiden die Juden. Mir kommt es vor, als wenn in letzter Zeit manche, die früher nicht so waren, viel zurückhaltender geworden sind. Es wäre ja auch kein Wunder. Denn seit bald 10 Jahren wird in jeder Zeitung, morgens und abends, und in jedem Rundfunk und in vielen Plakaten usw. die Minderwertigkeit und Schädlichkeit der Juden betont, ohne dass eine Stimme zu Gunsten der Juden erhoben werden darf.“
   Wenige Wochen zuvor hatte Tuch auf der Straße noch eine Stimme vernommen. Eine unbekannte Frau hielt den „Besternten“ an und fragte ihn, ob er nicht einen Kleiderschrank zu verkaufen habe: ‚die Juden müssten ja doch alle ihre Sachen hergeben!“.
   Hermann Samter, ein anderer Überlebender, schrieb einer Bekannten, der die Flucht nach Amerika gelungen war: „Ab 19. September ... müssen Juden einen festangenähten, handtellergroßen gelben Davidstern, mit der Inschrift ‚Jude’ tragen. Nun kann ich keine Zeitung mehr außer der Zeit von 4 -5 kaufen, oder in ein Restaurant essen gehen oder arische Bekannte besuchen. Na, es gibt aber noch andere unangenehme Folgen, die Sie sich selbst ausmalen können. Aber von mir aus sollen die Leute ihr Vergnügen haben.“
   Die meisten Deutschen nahmen dann auch keinen Anstoß daran, als die Sternträger vor ihren Augen abgeholt und verladen wurden. Es ging sie nichts an; es interessierte sie nicht. Mit ihrer Gleichgültigkeit demonstrierten sie die Unfähigkeit, die Existenz jüdischen Lebens zu achten und zu schützen, geschweige denn zu lieben. Diese Grundhaltung überdauerte die nationalsozialistische ‚Endlösung“. Sie schloss nach 1945 Trauerempfindungen über den „Verlust“, über die Auslöschung jüdischen Lebens, aus.
   Erwähnung findet der „gelbe Stern“ in den sogenannten „Wiedergutmachungsverfahren“ der Nachkriegszeit. Dort gibt es die Kategorie „Schaden an Freiheit“. Als Anfangsdatum der „verlorenen Freiheit“ der Juden wird der 19. September 1941 genannt, das Ende ist bei Überlebenden der Tag der Befreiung, in der Regel aber das Todesdatum oder – wenn dieser nicht feststellbar ist – das amtlich festgesetzte Todesdatum. Für jeden Monat des „Schadens an Freiheit“ erhielten die Betroffenen oder deren Nachkommen 150 DM.

(Hubert Schneider)