Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

„Laute Stille“
im ehemaligen Bochumer Zwangsarbeiterlager
„Saure Wiese“ in Bochum

  „Laute Stille“ nennt der Bochumer Künstler Markus Kiel seine (Gedenk)Installationen am Gedenkort „Saure Wiese“, der am 8. Mai 2012 von Oberbürgermeisterin Dr. Ottilie Scholz der Öffentlichkeit übergeben wurde. Neben Angehörigen von ehemaligen Zwangsarbeitern, Initiatoren dieses Gedenkortes, VertreterInnen aus Politik und Gesellschaft waren auch viele BürgerInnen zu dieser Veranstaltung gekommen. Die Übergabe dieses Gedenkortes war bewusst auf den 8. Mai, den „Tag der Befreiung“ gelegt worden, worauf Oberbürgermeisterin Scholz hinwies. Sie hoffe, dass viele BürgerInnen an diesem Ort einmal mehr die Gelegenheit wahrnehmen, sich der schrecklichen Vergangenheit zu erinnern, der Opfer zu gedenken. Sie sollten dadurch ermutigt werden, gegenwärtigen faschistischen Aktivitäten entgegenzutreten.
   Aus Bochums ukrainischer Partnerstadt Donezk waren auf Einladung der Gesellschaft Bochum-Donezk ehemalige Zwangsarbeiter mit ihren Angehörigen gekommen. Für sie schilderte Efim Gelfoner in bewegenden Worten seine eigenen schweren Erlebnisse und die anderer Zwangsarbeite. Er beendete seine Ansprache mit beschwörenden Worten: Alle müssten helfen,, dass so etwas nicht wieder geschehen könne. Günter Gleising, Vertreter der Bochumer VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten) erinnerte in seiner Rede an Klaus Kunold, der für die Realisierung dieses Gedenkortes den Anstoß gegeben hatte. Klaus Kunold, der 28 Jahre lang Vorsitzender der VVN war, ist im vergangenen Dezember gestorben (siehe den Nachruf an anderer Stelle dieses Heftes).
   Nachdem das Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers jahrzehntelang brach gelegen hatte, sollte es im Rahmen der Renaturierung des Ahbaches umge- staltet und in ein städtisches Naherholungsgebiet umgewandelt werden. 2008 erfuhr die VVN davon, setzte sich sofort mit den zuständigen Stellen in Verbindung und stieß dabei auf offene Ohren. Nach vielen Gesprächen erhielt der Bochumer Künstler Markus Kiel den Auftrag, Ideen zur Gestaltung eines Gedenkortes zu entwickeln. Der Entwurf wurde vom Kulturund Wissenschaftsausschuss der Stadt genehmigt. Nach Auffassung der Beteiligten „soll der Gedenkort ein lebendiges Gedenken ermöglichen und vor allen Dingen die Menschen in unserer Stadt motivieren, sich mit dem Thema Zwangsarbeit und Nationalsozialismus sowie darüber hinaus mit dem Rechtsextremismus unserer Tage auseinander zu setzen“, so beschreibt es Klaus Kunold in einer Stadtrallye „Spurensuche Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945“
   Das Wiesengelände durchziehen Wege, an deren Rändern große rechteckige Stahlplatten auf Betonsockeln liegen. In die Stahlplatten sind Zitate aus Berichten von Zwangsarbeitern eingefräst, die „das große Leid in wenige Worte fassen“ (Ruhrnachrichten v. 05.05.12). Auf dem ehemaligen Appellplatz sind fünf Plexiglasstelen in Betonsockeln eingelassen, „die über die düstere Vergangenheit des Lagers berichten.“ Ebenda). Ein Kiesweg markiert die Baracken, so dass Besucher sich zumindest einen sehr eingeschränkten Eindruck von dem Lager machen können.
   Das Zwangsarbeiterlager „Saure Wiese“ in Bochum-Höntrop hatte der „Bochumer Verein“ seinerzeit in der Nähe des Betriebs an der Alleestrasse errichtet. Das Stahlwerk „unterhielt 12 Lager. 40% der Belegschaft waren auslän- dische Arbeitskräfte. Ein Zwangsarbeiterlager befand sich auf der „Sauren Wiese”. Hier waren 450 ZwangsarbeiterInnen untergebracht, vorwiegend Ukrainer und Russen. Die Behandlung und die Lebensbedingungen auf dem Bochumer Verein waren besonders schlimm .“ (Stadtrallye s.o.). Insgesamt mussten beim Bochumer Verein ca. 4.000 Menschen Zwangsarbeit leisten. In einem „Bericht an den Kreisleiter der NSDAP in Bochum vom 14. Juli 1943 werden 100 Lager genannt. Der Bericht gibt 4.525 Kriegsgefangene, 5.519 männliche und 32 sonstige Gefangene sowie 5.515 männliche und 1.663 weibliche Ostarbeiter an, also insgesamt 17.254 Personen. Ende Februar 1944 waren etwa 30.000 und im April 1945 mehr als 27.000 Zwangsarbeiter in Bochum.“ (Wikipedia)
   P.S. Wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Geschichte in unserer heutigen Zeit ist, zeigen die zwei Beschädigungen des Gedenkortes im Juni / Juli. Eine Gedenkplatte wurde zerstört, andere mit Hakenkreuz und „Böhse Onkel was here“ beschmiert.

 (Günter Nierstenhöfer)

BildStelen

Vier Stelen mit Informationen über die Geschichte des 
Zwangsarbeiterlagers „Saure Wiese“.
Im Hintergrund Hallen des früheren „Bochumer Vereins“ 
an der Alleestraße. (Heute Thyssen-Krupp)

BildBetonsockel

Eine von mehreren Betonsockeln mit Stahlplatten auf denen
Zitate von Zwangsarbeitern eingefräßst sind – hier:

„Täglich marschierten wir zum Werk an der Alleestrasse. Hier
wurden wir in der Munitionsfertigung eingesetzt.“