Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

Projekt über osteuropäisch-jüdische Einwanderer in Bochum

   In der letzten Ausgabe unserer Vereinszeitschrift berichteten wir über das Projekt unserer stellvertretenden Vereinsvorsitzenden, Sabine Krämer, zur Geschichte polnisch-jüdischer Einwanderer in Bochum. Bei ihren Recherchen stieß sie unlängst im Staatsarchiv Münster auf einen Brief, der auf eindringliche Weise die Stimmung Bochumer jüdischer Familien nach der Abschiebung der polnischen Juden im Oktober 1938 und den Ereignissen des Novemberpogroms widerspiegelt.
   Frau Rosel Naftalie schreibt am 3. Dezember 1938 aus Bochum an Georg Feigmann, den 1934 nach Palästina emigrierten Sohn ihrer Nachbarn. Zum besseren Verständnis der familiären Hintergründe des Briefes möchte ich die Familien Naftalie und Feigmann kurz vorstellen.
   Zur Familie Naftalie zitiere ich aus Hubert Schneiders 2010 erschienen Buch über die „Judenhäuser“ in Bochum: „Wilhelm Naftalie, geboren am 10. September 1890 in Soldau (Ostpreußen), heiratete am 2. September 1919 in Berlin Rosa Naftaniel, geboren am 15. Juni 1883 in Lautenburg/ Westpreußen. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Am 8. Mai 1920 wurde in Dortmund der Sohn Erich Martin geboren, am 16. April 1930 in Bochum der Sohn Hans. Die Familie lebte bis 1926 in Dortmund, zog dann nach Berlin und wohnte dort in der Koepenicker Straße 30. Im August 1929 kamen sie nach Bochum und lebten in der Querenburger Straße 24. […] Wilhelm Naftalie war von Beruf selbständiger Vertreter in Bochum, zunächst für Textilwaren, später für Süßwaren.“ Während sich der jüngere Sohn Hans im Dezember 1938 noch bei seiner Mutter in Bochum aufhielt, befand sich der 1920 geborene Sohn auf der von der Hechaluz-Bewegung betriebenen Schulfarm Ellguth bei Steinau i/S, wo er auf seine Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurde.
   Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte im Haus Nr. 15 die Familie Feigman. David Feigmann (auch Faygmann) wurde am 10.01.1887 in Meseritz im von Russland annektierten Teil Polens geboren und kam 1906 nach Deutschland. 1917 heiratete er in Leipzig die am 17.05.1891 oder 1892 in Zwickau geborene Frieda Clara Leber. Frieda verfügte ursprünglich über die deutsche Staatsbürgerschaft, musste diese aber aufgrund ihrer Eheschließung mit dem polnischen Staatsbürger David Feigmann zugunsten der polnischen aufgeben. Auch die aus dieser Ehe hervorgehenden sechs Kinder waren entsprechend des damaligen Staatsbürgerschaftsgesetztes polnische Staatsbürger, auch wenn sie in Deutschland geboren wurden. In Leipzig wurde am 25.08.1917 der Sohn Georg und am 17.03.1920 der Sohn Roland geboren. 1920 übersiedelte die Familie nach Bochum, wo am 17.03.1923 der Sohn Harald, am 08.05.1927 der Sohn Günther, am 22.09.1928 der Sohn Waldemar und am 31.10.1930 die Tochter Margot geboren wurde. David Feigmann war als Bauarbeiter bei der Hoch und Tiefbau A.G. Bochum tätig und handelte nebenbei mit verschiedenen Artikeln. Die Familie bewohnte eine gut eingerichtete drei Zimmer Wohnung mit Küche.
   Georg Feigmann – an ihn schreibt Frau Naftalie – beendete 1931 in Bochum die jüdische Volksschule und besuchte bis Frühjahr 1932 einen Fortbildungskurs in Tagesschule. Anschließend begann er eine Ausbildung im Kaufhaus Gebrüder Alsberg als Plakatu. Schildermaler, entschloss sich aber dann für eine landwirtschaftliche Ausbildung. Etwa ab Juli 1932 arbeitete er als Gärtnerlehrling bei dem Bergassessor Dr. Eichler unter dem Gärtnermeister Peter Kessler an der Querenburger Straße. Mitte 1933 sah Dr. Eichler sich „gezwungen mich als Jude zu entlassen“, sein bisheriger Lehrmeister beschäftigte ihn bis Januar 1934 privat als Landgehilfe. Da er in Deutschland keine berufliche Perspektive für sich sah, entschloss er sich zur Auswanderung nach Palästina und besuchte Auswanderungsvorbereitungslager in Harzburg, Berlin-Grunewald und Potsdam, kehrte im August 1934 zu seinen Eltern nach Bochum zurück und wanderte im Dezember 1934 nach Palästina aus. Er traf am 17.12.1934 in Haifa ein, kam in ein Jugendlager und konnte sich in den folgenden Jahren durch Gelegenheitsarbeiten sein Existenzminimum sichern. Sein Bruder Roland folgte ihm 1936 nach Palästina, verstarb aber noch im selben Jahr im Alter von 16 Jahren. David und Frieda Feigmann wurden zusammen mit ihren vier jüngeren Kindern in der Nacht vom 27./28. Oktober 1938 in der so genannten „Polenaktion“, von der reichsweit etwa 17. 000 Juden polnischer Nationalität betroffen waren, über die deutsc polnische Grenze abgeschoben und nachfolgend in dem kleinen Grenzort Zbazyn (Bentschen) unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert.

   Nach diesem Exkurs zurück zum eingangs vorgestellten Brief.
   Frau Rosel Naftalie schreibt am 3. Dezember 1938:
   „Lieber Georg! Du mußt schon entschuldigen, daß ich Dir erst heute auf Deinen Brief v. 13.11. antworte, aber es haben sich in der Zeit Dinge ereignet, die mich und uns alle hier derart aus dem Gleichgewicht gebracht haben und grenzenloses Leid über alle Juden in Deutschland. Doch Du wirst über die Ereignisse gewiß aus Zeitungen und Berichten aus Briefen etc. auch im Bilde sein, so daß ich Dir nur noch mitzuteilen brauche, wie es uns hier persönlich ergangen ist. Vorher will ich Dir, falls Du nicht inzwischen durch direkte Verbindung mit Deinen lb. Eltern u. Geschwistern, die polnische Adresse notieren: Fam. Feigmann Zbaszýn / Polen Strzelnica. Ich hatte vor einigen Tagen wieder einen Brief von Deiner lb. Mutter und sind sie noch alle in dem Lager. Die Wohnung hier ist noch unverändert, es sind alle Sachen noch vorhanden, aber in den nächsten Tagen wird wohl alles verkauft werden, weil Herr Bente(1) darauf drängt, daß die Wohnung anderweitig vermietet wird. Die Stadt zahlt schon seit dem 31. Oktober keine Miete mehr, aber die poliz. Genehmigung zur Auflösung war bis jetzt nicht zu erreichen gewesen. Deine Lieben haben an Kleidung u. Wäsche soviel mitgenommen, als sie bewältigen konnten, aber natürlich mußte vieles zurückbleiben und wir würden ihnen das Nötigste nachgeschickt haben, wenn es möglich gewesen wäre – auch dazu ist eine Genehmigung v. Landes-Finanzamt Münster er ist erforderlich, die von Fr. Schönewald wohl beantragt, aber noch nicht genehmigt ist. – Genau 14 Tage nachdem Deine Lieben rr mit allen anderen poln. Juden so plötzlich fort mußten, ereigneten sich die Aktionen gegen das Judentum im Verlauf dessen hier in  Bochum in der Nacht v. 9. zum 10. Novbr. die Synagoge abgebrannt ist! Ebenso das schöne Heim, die Schule zerstört, alle noch vorhandenen jüd. Geschäfte demoliert, sehr viele Privatwohnungen demoliert, das Mobiliar zerschlagen und am 10. 11. u. 12. Novbr. wurden alle jüd. Männer von 14 Jahren ab in Schutzhaft genommen! Alle, beide Rabbiner, Mendel, alle Vorstandsmitglieder – inzwischen sind die 14 Jährigen Knaben und die Männer über 60 Jahren entlassen worden –
d.h. soweit sie sich noch im hiesigen Polizei-Präsidium befanden – der größte Teil ist nämlich fortgeschickt worden und nach genau 14 Tagen bekamen die Angehörigen ein paar Zeilen aus dem Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin! Daß mein lieber Mann auch bei diesen Unglücklichen ist, brauche ich wohl gar nicht besonders zu erwähnen. Wenigstens weiß ich aber wo mein lb. Mann ist und habe auch schon ein Lebenszeichen von ihm. Das Furchtbare aber ist, daß ich nicht weiß wo mein Erich ist! Der Hachscharah Kibbuz Ellgut existiert natürlich seit dem 10./11. auch nicht mehr und ich habe von meinem lb. Jungen noch nichts wieder gehört, alle Anfragen blieben bis jetzt unbeantwortet – in der Meinekestr. wird erst seit einigen Tagen wieder gearbeitet, und ich warte mit jeder Post auf eine Aus- kunft, diese Ungewißheit zermürbt mich und man weiß wirklich nicht, wie lange die Kräfte noch reichen werden, um das Leid zu tragen – ein Bruder meines Mannes ist als Opfer dieser Aktionen auf schreckliche Weise ums Leben gekommen, ein Mann von 33 Jahren – so ist jede Familie aufs tiefste getroffen und ich meine, das Deine Lieben in Polen trotz ihrer Not dem Schicksal dankbar sein können, daß die Eltern u. Kinder beisammen sein dürfen und nicht alle Familienbande zerrissen sind Nun sollen von hier die Kinder ins Ausland geschickt werden nach Holland u. Palästina – unser Hans wird wohl auch fort kommen, nach Holland, (denn Palästina nimmt ja die Kinder erst vom 10. Lebensjahr u. Hans ist 8 Jahre) meine Einwilligung habe ich blutenden Herzens schon gegeben und auch die nötigen Papiere besorgt. Dann bleibe ich ganz allein mit meinem Kummer, aber danach darf ich nicht fragen, die Zukunft des Kindes ist wichtiger, hier ist weder Erziehungs noch Existenz Möglichkeit mehr zu erwarten. – Sehr viele jüd. Mieter sind von ihren Hauswirten die Wohnungen gekündigt worden, wer weiß wann die Reihe an uns ist? – Nun habe ich Dir in kurzen u. armseligen Worten unsere Lage hie schildert, es würde mich sehr interessieren wie es bei Euch Lande aussieht! Die Zeitungsberichte sind erschütternd, hoffentlich bist Du gesund und in der Lage Deinen lb. Eltern zu helfen! Hast dem Du irgendwelche Beziehungen zu früheren Bochumern? Du wolltest wissen, welche Bochumer Familien von der Ausweisung nach – Polen betroffen wurden: Es waren Brand, Baron, Flaumenhaft,, Segall, Unger, Sporn, Ziegellaub, Schreiber, Zucker, Lauber, Wiener, Goldwerger, Insler, Lustmann, Schmerler, Jäckel, Rosenheck, [unleserlich], Herschberg, Plesser, Weißmann, Literat, Goldberger ich und noch einige alleinstehende Personen, die ich nicht beim Namen kenne. Ich will nun Schluß machen und würde mich freuen, bald wieder etwas von Dir zu hören. Lebe wohl und sei herzlichst gegrüßt in Freundschaft von Deiner Frau Rosel Naftalie“
   Es folgt noch ein im schönsten Sütterlin geschriebener im Gruß von dem achtjährigen Sohn Hans:
  „Viele herzliche Grüße und Schalom ! Dein Hans Naftalie“
   Am 4. Januar 1939 schickte Rosel Naftalie ihren Sohn Hans zu einer bekannten jüdischen Familie nach Rotterdam, später lebte er in einem Waisenhaus am Mathenesserplaan 208 in Rotterdam. Von dort wurde er am 10. Oktober 1942 in das Lager Westerbork und am 2. März 1943 nach Sobibor deportiert. Er starb am 5. März 1943 in Sobibor.
   Der Sohn Erich war am 10. November 1938 auf der Schulfarm Ellguth von der SA verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert worden. Mit Hilfe der Jewish Agency konnte er am 10. Dezember 1938 das Lager verlassen, kehrte nach Bochum zurück und bemühte sich um seine Auswanderung. Am 12. Februar 1939 reiste er in ein Werkdorf in den Niederlanden. Nach einigen Monaten vergeblichen Wartens auf seine Einreisegenehmigung nach Palästina, entschloss er sich auf illegalen Wegen dorthin zu gelangen. Am 12. August 1939 reiste er in Palästina ein, schloss sich bis 1946 dem Kibbuz Gal Ed an wurde im Mai 1948, nachdem er in der Zwischenzeit als Lohnarbeiter bei Bauern gearbeitet hatte, zum Militär einberufen. Nach seiner Entlassung im Januar 1950 lebte er bis 1955 in der Gemeinschaftssiedlung ARABEL und trat dann eine Stelle als Jugendgruppenleiter in einer landwirtschaftlichen Schule in Petach -Tikwa an. Dort verbrachte er die nächsten Jahre und heiratete.
   Wilhelm Naftalie kehrte Ende Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager nach Bochum zurück. Etwa ab Mitte 1939 musste er im Bergund Straßenbau Zwangsarbeit leisten und durfte nur gelegentlich nach Hause kommen. Wilhelm wurde zusammen mit seiner Frau Rosel im Januar 1942 nach Riga deportiert. Während Rosel Naftalie in Riga blieb, wurde ihr Mann schon bald in das Konzentrationslager Salaspils in der Nähe von Riga gebracht. Das letzte Lebenszeichen ihres Mannes erhielt sie im August 1944. Über das weitere Schicksal von Wilhelm Naftalie ist nichts bekannt. Rosel Naftalie wurde am 1. Oktober 1944 von Riga in das Konzentrationslager Stutthoff verlegt. Nachdem sie im April 1945 im Lager Thorn befreit worden war, kehrte sie zunächst nach Bochum zurück und emigrierte nach England. 1955 ging sie nach Israel, wo sie am 28. Februar 1963 starb.
   David und Frieda Feigmann blieben zunächst mit ihren vier jüngeren Kindern in Zbaszyn. Es gelang ihnen ihre neunjährige Tochter Margot kurz vor Kriegsausbruch mit Hilfe der Jugend Alliah Organisation mit einem Kindertransport nach England zu bringen. Das Lager Zbaszyn wurde im Oktober 1939 aufgelöst. Wann genau die Feigmanns das Lager verlassen haben, wissen wir nicht, sie befanden sich aber im Sommer 1941 in Krynki paw Grodno (Bezirk Bialystok) im sowjetisch besetzten Teil Polens. Von dort erhielt Georg Feigmann im Juni 1941 das letzte L und benszeichen seiner Eltern und Geschwister. Mit Beginn de deutsch-sowjetischen Krieges fiel diese Gegend unter deutsche Besatzung. Erst nach Kriegsende erfuhr Georg Feigmann vom weiteren Schicksal seiner Familie in Polen. Er fand einen J gen aus der Gegend von Krynki, der ihm erzählte, dass alle Juden aus Krinky im Juli 1941 in ein Konzentrationslager deportiert und dort bald nach Ihrer Ankunft ermordet wurden. Am 03.12.1959 wurden David und Frieda Feigmann und ihre Kinder Günther, Harald und Waldemar zum 31.12.1945 für Tod erklärt.
   Margot Feigmann kam zunächst zu einer Familie nach Manchester, wurde aber schon bald kriegsbedingt in eine ländliche Region evakuiert. Als sie nach zwei Jahren nach Manchester zurückkehrte, konnte sie nach dreijähriger Unterbrechung ihre Schulausbildung wieder aufnehmen. Obwohl sie eine gute Schülerin war musste sie mit vierzehn Jahren die Schule verlass und arbeitete als Maschinistin in einer Kleiderfabrik. Nach dem Tod ihres Pflegevaters half sie zwei Jahre lang der Pflegemutter, die durch Heimarbeit ihren Lebensunterhalt bestritt und war dann wieder in einer Fabrik tätig. Mit einundzwanzig Jahren heiratete sie, bekam zwei Kinder und gab 1956 als berufliche Tätigkeit Hausfrau an.
   Georg Feigmann hielt sich von Februar 1940 bis März 1945 in Tiberias auf und stand mit seiner Schwester Margot in ständiger Verbindung. Bis in die fünfziger Jahre lebte er unter sehr ärmlichen Verhältnissen. Erst dann gelang es ihm als Bauarbeiter einen gering bezahlten Arbeitsplatz zu finden. 1956 lebte er Kiriath Amal bei Haifa, war verheiratet und Vater von drei Kindern. Seit März 1959 wohnte er in Chicago / USA.

(Sabine Krämer)

1) Herr Bente war der Vermieter der Familie Feigmann. Sein Sohn erklärte 1961  als Zeuge im Wiedergutmachungsverfahren Feigmann, dass der Hausrat der Familie Feigmann im Hofe des Hauses Querenburger Str. 15 versteigert wurde und er annehme, dass die Beschlagnahmung durch die Stadt Bochum erfolgte.  Die Familie Feigmann sei nicht nach Bochum zurückgekehrt und habe auch nicht die Versteigerung eingeleitet. 
   StA NRW Münster, Regierung Arnsberg Wiedergutmachung 460 280: 
Feigmann, David.