Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2012                          Nr. 16

Inhaltsverzeichnins

Rückblick auf die Arbeit des Vereins

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

Veranstaltung zum 9. November 2011:

    Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2011 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Nach der Einweihung der neuen Synagoge im Dezember 2007 versuchen die Veranstalter, auch im Programm zum 9 November dieser Tatsache Rechnung zu tragen. Im Verlauf des Tages sollte ein Bogen von der Zerstörung der alten Synagoge zur Existenz der neuen Synagoge gespannt werden. In den letzten Jahren erinnerten wir fortlaufend an die jüdische Bevölkerung, die in bestimmten Stadtvierteln lebten. Dabei gehen wir davon aus, dass die Bochumer Juden keine homogene Gruppe waren. Was sie einte, war ihr Selbstverständnis als Deutsche jüdischen Glaubens. Ansonsten fühlten sie sich der gesellschaftlichen Schicht zugehörig, die ihrem Beruf und Bildungsstand entsprach. 2010 lag der Fokus der Gedenkveranstaltung auf der Schicht der jüdischen Arbeiter, die am Moltkemarkt (dem heutigen Springerplatz) ansässig waren. 2011 wurde der jüdischen Bewohner der Goethestraße gedacht. Was waren das für Leute, die dort wohnten? Dies waren vor allem Menschen, die der Bochumer Oberschicht (Kaufleute und Akademiker) zuzuordnen sind. Zu dieser Schicht zählte auch die Familie Kaminski. Mathilde Kaminski und ihr Sohn Walter führten eine renommierte Maßschneiderei in der Viktoriastraße. In der Nacht des 9. November 1938 plünderten und verwüsteten Nationalsozialisten das Geschäft und die Wohnung von Walter Kaminski, welche sich in der Goethestraße 14 befand. Walter floh noch in derselben Nacht aus Bochum und entging dadurch der Verhaftung und der Deportation ins Konzentrationslager Sachsenhausen. 1939 emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Seine Mutter musste das Gebäude an die Stadt Bochum verkaufen. Ein ehemaliger Angestellter, Mitglied der NSDAP, übernahm daraufhin das Geschäft. Mathilde Kaminski musste ihre Wohnung in der Viktoriastraße räumen und zog vorübergehend zu den Schwiegereltern ihres Sohnes, später in das „Judenhaus“ in der Goethestraße 9. Obwohl inzwischen fast mittellos, gelang ihr im Januar 1941 mit Hilfe ihrer inzwischen in den USA lebenden Kinder noch die Ausreise. Hubert Schneider hatte zusammen mit zwei Lehrern, Frau Schneider und Herrn Ossmann, in intensiver Arbeit eine Schülergruppe der Goetheschule das jüdische Leben in der Goetheschule erforscht.. Die Schüler trugen während der Veranstaltung die Ergebnisse ihrer Bemühungen vor. Besonderen Eindruck machten dabei die vorgelesenen Passagen aus Briefen Walter Kaminski – später Walter Cummins – aus der Nachkriegs- zeit. Den hohen Stellenwert, den die Gedenkveranstaltung inzwischen in der Stadt spielt, unterstrichen auch die Ansprachen der Oberbürgermeisterin, Frau Dr. Scholz, und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, Herrn Grigory Rabinovich. Anschließend hatten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung die Möglichkeit, die neue Synagoge unter der Leitung von Dr. Hubert Schneider zu besichtigen. Bereits um 15 Uhr hatten Hubert Schneider einen sehr gut besuchten Rundgang zu den in Bochum verlegten Stolpersteinen durchgeführt. Solche Rundgänge sind inzwischen November geworden.

Das Projekt Stolpersteine wurde 2011 fortgeführt:

    Am 19. September war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 15 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten am 16. November ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem Heft genannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolpe stein gelegt werden sollen, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden: www.Bochum.de/Stolpersteine

Das Interesse an einer Besichtigung der neuen Synagoge ist in der Bevölkerung nach wie vor groß: Bisher wurden einige hundert Führungen durchgeführt. Mehrere Leute führen abwechselnd die Gruppen, inzwischen auch drei Mitglieder der jüdischen Gemeinde, fünf sind Mitglieder des Freundeskreises Bochumer Synagoge, darunter auch Hubert Schneider. Die Gruppen – Schulklassen, Vereine, Einzelpersonen – melden sich bei der jüdischen Gemeinde oder bei städtischen Einrichtungen – zum Beispiel bei der Volkshochschule – an, die Führung übernimmt die Person, die an den gewünschten Terminen Zeit hat. Die gemachten Erfahrungen sind durchaus positiv, zeigen aber auch, wie gering das Wissen über jüdisches Leben in der Bevölkerung ist. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die Führungen mit jungen Leuten. Dabei besteht die Hoffnung, dass diese Gruppen, wenn sie etwas erfahren über Judentum und jüdisches Leben, weniger anfällig sind für die Propaganda rechter Gruppierungen, die ihre Aktivitäten ja gerade auf Jugendliche ausrichten. In diesem Sinne sind solche Führungen durch die Synagoge auch politische Aufklärungsarbeit.

Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

Auch Anfragen aus dem In und Ausland zu jüdischem Leben in Bochum erreichten uns: Z.B. aus Brighton in Großbritannien meldete sich eine Doktorandin: Sie arbeitet über die Wirkung deutscher Rabbiner nach deren Emigration nach Großbritannien. Wir konnten Literatur und Dokumente zum Bochumer Rabbiner Dr. David liefern. Von einem Architekturstudenten kam eine Anfrage zum Haus des Herrn Weinberg in der Bergstraße 105, das ja durch seine expressiven Ornamente an der Hausfassade auffällt. Auch hier konnten wir helfen.

Hubert Schneider hielt auch im vergangenen Jahr bei unterschiedlichen Gelegenheiten Vorträge zur Geschichte der Juden in Bochum: Im Zusammenhang mit einem im Bahnhof Langendreer durchgeführten Filmfestivals: Über Mut, . Engagiert. Couragiert, Kontrovers wurde am 10. Juli 2011 der Film: Fritz Baur – Tod auf Raten gezeigt. Unser Verein wurde aufgefordert, für diesen Film die Patenschaft zu übernehmen. Hubert Schneider stellte vor Beginn des Films den Verein „Erinnern für die Zukunft e.V.“ und dessen Arbeit vor, im Anschluss an die Veranstaltung diskutierte er mit den Besuchern über den Film und die Arbeit des Vereins. Am 23. September 2011 hielt Hubert Schneider auf Einladung der VVN-Bund der Antifaschisten einen Vortrag: September 1941. Die deutschen Juden müssen den „Gelben Stern“ tragen. Der Text dieses Vortrags wird in diesem Heft abgedruckt. Am 25. Oktober 2011 wurde in der Bochumer Innenstadt, Ecke Massenbergstraße/Schützenbahn, in Anwesenheit der Oberbürgermeisterin Dr. Scholz eine Stele „Anfänge jüdischen Lebens“ aufgestellt. Hier wird an die Anfänge jüdischen Lebens in Bochum erinnert: Die Errichtung der ersten Synagoge, den ersten Friedhof, die erste Schule. Dabei handelt e sich um ein Projekt der Evangelischen Stadtakademie. Den Text der Stele haben Frau Blätgen, Dr. Manfred Keller (beide evangelische Stadtakademie) und Dr. Hubert Schneider erarbeitet. Manfred Keller und Hubert Schneider hielten im Anschluss an die Enthüllung der Stele im Gemeindesaal der jüdischen Gemeinde einen Vortrag zu den Anfängen jüdischen Lebens in Bochum. Am 27. Oktober hielt Hubert Schneider im Bahnhof Langendreer einen sehr gut besuchten Vortrag „Die Verwertung des Besitztums der deportierten Juden aus Bochum“. Dabei handelte es sich um eine Veranstaltung im Rahmenprogramm zur im Bahnhof gezeigten Ausstellung „Betrifft: Aktion 3 –Deutsche verwerten jüdische Nachbarn.“ Am 17. November 2011 hielt Hubert Schneider in der Evangelischen Stadtakademie einen Vortrag über die Bochumer Ärzte jüdischer Herkunft. Der Text liegt inzwischen auch gedruckt vor. Am 15. September las Hubert Schneider in Hattingen aus seinem „Judenhaus“-Buch vor.

Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden.

Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im „Bochumer Bündnis gegen Rechts.“

In letzter Zeit kommen wieder Nachfahren alter Bochumer jüdischer Familien zu einem Besuch in Bochum. Zumeist sind es die Enkelkinder, die außerhalb Deutschlands geboren wurden, meistens in den Nachlässen der Eltern von den deutschen Wurzeln der Familien erfahren. Für uns ist das eine ganz neue Erfahrung. Im Zentrum des Interesses der Besucher steht nicht mehr die Erinnerung an die eigene leidvolle Erfahrung in Deutschland: Man will einfach mehr wissen über das Leben der Vorfahren hier. Dabei kommt es immer wieder zu höchst emotionalen Begegnungen. Im November war Simone Sommer aus den USA einige Tage zu Besuch. Sie ist die Enkelin von Frieda und Simon Herschberg, Tochter von der heute noch lebenden Hildegard Hadassah Herschberg, verheiratete Sommer. Die Familie betrieb zunächst in Langedreer, später in Bochum ein Geschäft. Als sogenannte „Ostjuden“ wurden sie im Oktober 1938 aus Deutschland ausgewiesen, die Großeltern Frieda und Simon Herschberg wurden später von den deutschen Besatzern ermordet. In der Bochumer Uhlandstraße, dem letzten Bochumer Wohnort in Bochum, Stolpersteine für das Ehepaar. Paten sind Karl und Ingeborg Heyduk. Die Enkelin Simone Sommer wurde von dem Ehepaar Heyduk, Mitarbeitern des Stadtarchivs und unseres Vereins betreut. Ebenfalls im November 2011 kam Dawn Kershaw mit ihrem Mann David aus Großbritannien für einige Tage nach Bochum. Dawn entstammt einer viele Generationen in Bochum lebenden jüdischen Familie. Die Urgroßeltern Röttgen betrieben in Bochum-Linden ein Einzelhandelsgeschäft, das in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von der Tochter Else, verheiratet mit Alexander Adler, übernommen wurde. Alexander Adler wurde nach dem 9. November 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, starb wenige Tage nach seiner Entlassung im Dezember 1938 in Bochum an einer Sepsis, die im Lager nicht behandelt worden war. Urgroßmutter Röttgen wurde 1942 deportiert und ermordet. Der Mut. Großmutter Else Adler gelang 1942 kurz vor ihrer Verhaftung in Bochum die Flucht nach Frankreich. Sie überlebte und kam nach 1945 nach Bochum zurück. Dawns Vater kam mit einem der Bochumer Kindertransporte nach England, heiratete in den 50er Jahren Dawns Mutter, starb vor einigen Jahren. Der Vater hat Dawn nie von der deutschen Familie erzählt. Erst nach dessen Tod fand sie in seinem Nachlass entsprechende Dokumente, die sie nicht einordnen konnte. Über Internet kam sie an die Adresse unseres Vereins. Der Kontakt führte sehr schnell zu einem Besuch hier. Es war eine sehr emotionale Begegnung hier, zumal das alte Geschäftshaus der Familie in Linden noch steht, auf dem jüdischen Friedhof in Hattingen zahlreiche Gräber – u.a. des Urgroßvaters, der Großeltern und vieler anderer Verwandter – erhalten sind. Es kam zu Begegnungen mit einer Schulklasse aus Wattenscheid, die Stolpersteinrecherchen für die Urgroßmutter Röttgen und den Großvater Adler durchgeführt hatte. Betreut wurde Dawn Kershaw von Hubert Schneider. Der Besuch hatte ein Nachspiel: Aufmerksam geworden durch die Berichterstattung in der Presse, meldete sich eine über 90-jährige alte Damen aus Linden. Das Gespräch mit ihr ergab, dass sie sich sehr gut an die Alten Röttgens und auch an die Adlers erinnern konnte. Else Adler hatte im Haus der alten Dame verkehrt.

Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde. In Israel starb Erich Ferse. Er war 1937 mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Palästina geflohen. 1995 gehörte er zu den Besuchern, die auf Einladung der Stadt für eine Woche nach Bochum gekommen waren. Von einzelnen anderen Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde kommt inzwischen die Post zurück, ohne dass wir sagen können, was der Grund dafür ist. In Bochum starb Ende November, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag, Klaus Kunold, Mitbegründer unseres Vereins uns eines der aktivsten Mitglieder. Siehe hierzu den Nachruf in diesem Heft.

Von Hubert Schneider sind im vergangenen Jahr erschienen:

Leben im Abseits. Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Hünnebeck (1897 -1976) aus Bochum.
In: V erwischte Spuren. Erinnerung und Gedenken an nationalsozialistisches Unrecht in Westfalen, Münster 2011, S. 34-45.

Schicksale der Ärzte jüdischer Herkunft aus Bochum.
In: Bochumer Zeitpunkte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Nr. 27, Bochum 2011, S. 3-27.

Anfänge jüdischen Lebens in Bochum nach 1945. In: Die neue Bochumer Synagoge. Bilder und Texte,
hrssg. Von Gerd Liedtke, Berlin 2011, S. 44-48.

Der Weg zur Bochumer Erklärung vom 12. Juni 2003.
In: Ebenda, S. 49-56.

„Von hier sind wieder 65 Personen so weit.“ Bochumer Juden zwischen städtischer Gesellschaft und Deportation.
In: Ralf Piorr: Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamosc im April 1942, Essen 2012,
S. 131-140.

„Judenhäuser“ in Herne und Wanne-Eickel. Die Errichtung von „Judenhäusern“ in Deutschland im Allgemeinen, in Herne und Wanne-Eickel im Besondern.
In: Der Emscherbrücher, Bd. 15 (2011/12), S. 7-24.

Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse: www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

(Hubert Schneider)