Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Dr. Carl Rawitzki (1879 - 1963)
Sozialdemokratischer Rechtsanwalt und führender Kulturpolitiker in Bochum

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bochum beschloss in ihrer Sitzung am 3. Mai 1962, dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Rawitzki, Bochum, das Ehrenbürgerrecht zu verleihen.

In der Begründung hieß es:

"Dr. Rawitzki besitzt besondere Verdienste um die Stadt Bochum. Er war von 1919 - 1932 Stadtverordneter, Mitglied und Vorsitzender verschiedener Ausschüsse und von 1925 bis 1932 stellv. Stadtverordnetenvorsteher. Nach Rückkehr aus der Emigration als politisch Verfolgter gehörte er der Stadtverordnetenversammlung seit 1952 als Mitglied und Vorsitzender des Kulturausschusses an.

In dreiundzwanzigjähriger kommunalpolitischer Tätigkeit hat Dr. Rawitzki insbesondere das Kulturleben der Stadt Bochum maßgeblich ausgerichtet und beeinflusst. Auf die erfolgreiche Entwicklung des Bochumer Schauspielhauses hat er seit der Gründung im Jahre 1919 durch Initiative und Tatkraft verdienstvoll eingewirkt. Seine unermüdliche kulturelle Aufbauarbeit wirkt sich nachhaltig auch in der Förderung der Shakespeare-Dramaturgie, in Bereichen des städtischen Musikwesens, der Stadtbücherei, des Museumswesens und der Kunstgalerie aus.
Mit seiner hervorragenden Tätigkeit hat sich Dr. Rawitzki um die kulturelle Entwicklung der Stadt Bochum besonders verdient gemacht. Die Wirksamkeit seiner außerordentlichen Leistung für die Bundesrepublik Deutschland hat der Bundespräsident am 11. November 1959 durch die Verleihung des Verdienstkreuzes 1. Klasse ausgezeichnet.

Auf Grund der Empfehlung des Ältestenausschusses vom 18. 4. 1962 und des Hauptausschusses vom 25.4.1962 faßt die Stadtverordnetenversammlung folgenden Beschluß:

Die Stadtverordnetenversammlung hat am 3. Mai 1962 beschlossen, Herrn Rechtsanwalt und Notar Dr. Carl Rawitzki das Ehrenbürgerrecht der Stadt Bochum zu verleihen.

Sie wünscht mit dieser höchsten Auszeichnung, die eine Gemeinde zu vergeben hat, einen Stadtverordneten mit Dank und Anerkennung zu ehren, der seit 1919 die kulturelle Entwicklung der Stadt Bochum durch besondere verdienstvolle Leistungen erfolgreich gefördert hat.

Die Stadt Bochum verleiht das Ehrenbürgerrecht einem Bürger der Stadt, der in dreiundzwanzigjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit mit Rat und Tat zum Nutzen der Bürgerschaft selbstlos gewirkt hat."

Wer war dieser so hoch geehrte Mann, der erste Ehrenbürger Bochums nach dem Zweiten Weltkrieg, der nach den Worten von Oberbürgermeister Heinemann das "Kulturleben Bochums" geformt hatte? Nach ihm wurde eine Straße in Weitmar benannt , heute ist er aber weitgehend vergessen.

Carl Rawitzki wurde am 21. Oktober 1879 als einer von drei Söhnen des jüdischen Kaufmanns Salo Rawitzki und dessen Ehefrau Regina geb. Posnanski in Thorn geboren. Er besuchte das Gymnasium seiner Stadt und studierte nach dem Abitur in Berlin, München und Königsberg Jura. Die erste juristische Prüfung legte er 1901 mit der Note "gut" ab, die Große Staatsprüfung 1906 in Berlin. 1902 wurde Rawitzki zum Doktor jur. promoviert. 1907 war er erstmals Anwalt in Bochum. Am Ersten Weltkrieg nahm Rawitzki von 1916 bis 1918 als Armierungssoldat teil. Gleich nach dem Krieg, noch vor Abschluss des Waffenstillstandes, ging er als Legationsrat nach Warschau. 1919 ließ er sich endgültig in Bochum als Anwalt nieder. Den stärksten politischen Anstoß, sich politisch zu betätigen, gab Rawitzki ein Vortrag von Klara Zetkin, die er als junger Mann 1899 in Berlin hörte - er trat noch im selben Jahr in die SPD ein. Wie kam der junge Sozialdemokrat von Berlin nach Bochum?

In Berlin lernte Rawitzki durch den alten Freund und Kollegen Ernst Heilmann - er wurde 1940 in Buchenwald ermordet - Hermann Sachse und Otto Hue kennen. Hermann Sachse war damals Vorsitzender des sog. Alten Verbandes der Bergarbeiter und Otto Hue Chefredakteur der Bergarbeiter-Zeitung. Beide bestürmten ihn, sich in Bochum als Anwalt niederzulassen. Sie erklärten ihm, in Rheinland und Westfalen gäbe es keinen Anwalt, der ihre Interessen so vertreten würde, wie sie es wünschten.

So wurde Rawitzki der erste sozialdemokratische Rechtsanwalt Bochums. Nach einer Übergangszeit eröffnete er seine Kanzlei - zusammen mit dem Rechtsanwalt Koppel - in dem damals Friedrichstraße genannten Abschnitt der heutigen Kortumstraße. 1920 wurde Rawitzki zum Notar ernannt. Wie er sich später erinnerte, wurde er damals nicht gerade freundlich von der Kollegenschaft aufgenommen.

Der Sozialdemokrat Rawitzki engagierte sich - neben seiner Anwaltstätigkeit - sofort kommunalpolitisch. 1919 wurde er in den Stadtrat gewählt. Dort nahm er zahlreiche Funktionen wahr, vor allem im kulturellen Bereich: Er war u.a. Mitglied der gemeinsamen Theaterkommission Bochum/Duisburg, der Musik- und Theaterkommission, der Ausschüsse der Stadtbücherei und der Gemäldegalerie. Von 1925 bis 1933 war er stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher. Rawitzki wurde zu einer prominenten Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, trat dabei in Wahlkämpfen immer offensiv für die SPD auf, scheute dabei auch Auseinandersetzungen mit den Juristen-Standesorganisationen nicht. Er hatte in dieser Zeit auch immer wieder den Bergarbeiterverband und die Sozialdemokratische Partei in den damals nicht seltenen Strafprozessen vertreten, in den letzten Jahren vor der Naziherrschaft auch das Reichsbanner. In den letzten Jahren vor 1933 kam es im Stadtparlament immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der NSDAP: In seiner Eigenschaft als Leiter der Stadtverordneten-Versammlung wurde er häufig von den Mitgliedern der nationalsozialistischen Fraktion als Jude beschimpft und musste mehrfach die nationalsozialistischen Stadtverordneten wegen ungebührlichen Benehmens aus den Sitzungen ausschließen. Die Nationalsozialistische Zeitung "Rote Erde" brachte deshalb wiederholt Schmähartikel gegen ihn und drohte ihm öffentlich mit Repressalien, wenn Hitler an die Macht käme.

So geschah es dann auch:

In der Nacht vom 10. zum 11. März 1933 wurde Dr. Rawitzki durch die SA aus seiner Wohnung heraus verhaftet, in der Wirtschaft Schäfer, Ringstraße, festgehalten und am nächsten Tage zum Polizeipräsidium gebracht. Nach der Entlassung aus der Haft verließ Rawitzki mit seiner Frau Bochum, er tauchte in Berlin unter und emigrierte 1939 nach London. Bereits am 9. Juni 1933 verlor er seine Zulassung als Rechtsanwalt beim Amts- und Landgericht Bochum und wurde auch als Notar entlassen - "weil Sie sich im kommunistischen Sinn betätigt haben", hieß es in den entsprechenden Dokumenten.

Auch in Großbritannien war Carl Rawitzki politisch aktiv. In verschiedenen Emigrantenorganisationen bereitete er sich auf die Rückkehr nach Deutschland nach dem Ende der Naziherrschaft vor: Er beteiligte sich 1941 an der Arbeitsgemeinschaft "Deutschland und Europa nach dem Kriege" und wurde 1943 Mitglied der Emigrantenvereinigung "Freie Deutsche Bewegung", ab 1944 war er Mitglied des Präsidiums dieser Bewegung. Es kam immer öfters zum Streit in Sachfragen zwischen den kommunistischen und sozialdemokratischen Mitgliedern der Organisation, die schließlich in der grundsätzlichen Frage gipfelten, inwieweit Kommunisten und Sozialdemokraten überhaupt zusammenarbeiten können und sollen. Gegenseitig warf man sich Unredlichkeit vor. Alte, nicht verheilte Wunden und ideologische Differenzen standen einer echten Annäherung im Wege. Als keine Aussicht mehr auf Einigung bestand, bekämpfte man sich auf die altbekannte Weise wie zuvor in der Weimarer Republik - und das zunehmend in der Öffentlichkeit. Als der SPD-Vorstand von seinen Mitgliedern verlangte, sie sollten die Freie Deutsche Bewegung verlassen, folgten einige ihrer Mitglieder nicht, unter anderen auch Carl Rawitzki. Als sie unbeirrbar an dem Bemühen einer Verständigung mit den Kommunisten festhielten, wurden sie Ende 1944 aus der SPD ausgeschlossen; ein Beschluss, der nach Kriegsende wieder aufgehoben wurde. Nach dem Krieg arbeitete Rawitzki in Großbritannien u.a. für die alliierte Kommission zur Untersuchung deutscher Kriegsverbrechen, in Kriegsgefangenenlagern hielt er vor deutschen Soldaten Vorträge, die sie auf ein Leben in einem demokratischen Deutschland vorbereiten sollten.

1949 kam Rawitzki mit seiner Frau nach Bochum zurück: eine frühere Rückkehr scheiterte an dem Verhalten der britischen Behörden gegenüber politisch aktiven Remigranten, aber auch daran, dass es in Bochum schwierig war, eine Wohnung für Rawitzki zu finden.

Nach seiner Rückkehr wurde Rawitzki alsbald wieder als Rechtsanwalt beim Amts- und Landgericht Bochum zugelassen und zum Notar ernannt. Seine Kanzlei betrieb er fortan in der Freiligrathstraße 5. Das Haus, das im Krieg nicht zerstört worden war, hatte früher dem jüdischen Unternehmer Aaron Meyer gehört, dessen Familie in den USA überlebt hatte. Nach der Rückgabe des Hauses an die Familie Meyer hatte diese die Immobilie an die Stadt Bochum verkauft. Die Stadt brachte hier Menschen unter, deren Rückkehr erwünscht war - neben Rawitzki beispielsweise den Intendanten Hans Schalla.

Auch politisch knüpfte der inzwischen siebzigjährige Carl Rawitzki an seine frühere Arbeit an: Ab 1953 nahm er als SPD-Stadtverordneter zahlreiche Funktionen wahr: Er war u.a. von 1952 bis 1962 Vorsitzender des Kulturausschusses, 1952 bis 1956 Mitglied und 1956 bis 1962 stellvertretendes Mitglied des Hauptausschusses. Von 1956 bis 1962 war er Altersvorsitzender der Stadtverordnetenversammlung.

Rawitzki - der als Jude verfolgt worden war, obwohl er nach seiner Heirat mit der evangelischen Grete Schulze 1921 aus dem Judentum ausgetreten war- trat 1950 wieder in die kleine neue jüdischen Gemeinde Bochum ein. Als Anwalt vertrat er die Interessen vieler Überlebender der alten jüdischen Gemeinde in deren sogenannten "Wiedergutmachungsverfahren". Das Wirken Rawitzkis in Bochum wurde 1954 und 1959 anlässlich seines 75. und 80. Geburtstages und seiner 50-jährigen Anwaltschaft in Bochum 1957 in zahlreichen Presseartikeln ausführlich gewürdigt. Hervorgehoben wurde immer wieder besonders sein großes Interesse für das Theater und seine ungewöhnliche Kenntnis der dramatischen Literatur. In kulturellen Fragen galt sein Wort in der Bochumer SPD ungemein viel und man war sich darin einig, dass eigentlich er allein es war, der in den 20er Jahren den Bochumer Theaterplänen in seinen Kreisen, nicht immer ohne Überwindung von Widerständen, den Weg bereitet hat. Der Volksbühnengedanke hat durch ihn in Bochum Fuß fassen können. Er hat der Volksbühne vorgestanden und sie bis zum Schluss geleitet. Übereinstimmend wird Carl Rawitzki in seiner Bedeutung für die Entwicklung der Bochumer Kultur gleichberechtigt neben dem langjährigen Kulturdezernenten Wilhelm Stumpf gesehen.

Der Ehrenbürger der Stadt Bochum Dr. Carl Rawitzki starb am 18. April 1963, kurz nach seiner Ehefrau. Die offizielle Trauerfeier der Stadt Bochum fand am 24. April 1963 in der großen Trauerhalle des Hauptfriedhofes am Freigrafendamm statt. Seine Urne wurde in einem Ehrengrab auf dem Friedhof an der Blumenstraße beigesetzt.

(Hubert Schneider)