Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Dritte Biennale zeigt Vielfalt jüdischer Kultur

Von Bochum über das Ruhrgebiet nach Ostwestfalen

Nordrhein-Westfalen ist in den letzten zwanzig Jahren fast unbemerkt zu einem neuen Zentrum jüdischen Lebens in Deutschland geworden. Dazu hat die Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion geführt, deren Zahl in keinem anderen Bundesland größer ist als hier. Rund 50.000 jüdische Kontingentflüchtlinge haben sich zwischen Rhein und Weser angesiedelt, die meisten davon im Ruhrgebiet. Dadurch sind die jüdischen Gemeinden von Duisburg bis Unna und von Münster bis Minden seit 1990 teilweise sprunghaft gewachsen. Heute hat das jüdische Leben in vielen Städten unseres Landes wieder eine Zukunft.
Das Evangelische Forum Westfalen hat auf diese Entwicklung reagiert. Ausgehend von einem Langzeitprojekt der Evangelischen Stadtakademie Bochum, das sich bereits in den 1990er Jahren der jüdischen Kultur des Ruhrgebiets widmete, wurde im Jahr 2008 die "Biennale: Musik der Synagoge" ins Leben gerufen. Damals umfasste das Programm lediglich drei Konzerte in Bochum und Gelsenkirchen. Mit der erfolgreichen Teilnahme am Programm der Kulturhauptstadt RUHR.2010 entwickelte sich daraus die "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" mit Veranstaltungen im ganzen Ruhrgebiet. Die beiden Leiter der "Ruhr.2010 GmbH", Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, regten an, das Angebotsspektrum zu erweitern und die jüdische Kultur in der ganzen Breite mit einzubeziehen. Der Erfolg gab ihnen recht.1

Mit dieser Ausweitung erlebte die Biennale nun von November 2012 bis Mai 2013 eine Neuauflage. Aufgeteilt in drei Zyklen hat das bundesweit einzigartige Kulturfestival mit seinen 34 Veranstaltungen eindrucksvolle Begegnungen mit der großen Tradition deutsch-jüdischer Kultur ermöglicht.
 
Symposion für Rabbiner Henry G. Brandt

Erstmals war das Festival Anfang November vergangenen Jahres auch in Ostwestfalen zu Gast. Denn zu Beginn der 3. Biennale würdigte das Evangelische Forum Westfalen den früheren Landesrabbiner von Westfalen-Lippe, Dr. Henry G. Brandt, mit einem Symposion anlässlich seines 85. Geburtstages. Brandt hat sich um die jüdische Gemeinschaft in Westfalen verdient gemacht. Bis heute liegt ihm das religiöse ebenso wie das kulturelle Leben am Herzen. Mit auf seine Initiative geht die Gründung des Chors "Bat Kol David" (Echo der Stimme Davids) im Jahr 1996 zurück. Durch diesen Chor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Westfalen und Lippe hat Brandt nachhaltig dazu beigetragen, den jüdischen Einwanderern die synagogale Musik des liberalen Judentums in Westeuropa nahe zu bringen. Die aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Chormitglieder nahmen die Anregung begeistert auf und verstehen sich heute als Vermittler sowohl der großen historischen Tradition als auch moderner jüdischer Musik. Bei zwei Konzerten im 3. Zyklus der Biennale im April und Mai 2013 begeisterte der Chor sein Publikum in Hattingen und Essen.

Das Auftaktkonzert am 4. November 2012 in der Bielefelder Synagoge mit liturgischer Musik aus drei Jahrhunderten wurde allerdings nicht von dieser jüdischen Formation gestaltet, sondern vom Kammerchor der Universität Münster. Unter der Leitung von Universitätskantorin Prof. Ellen Beinert übernahm der Bielefelder Kantor Paul Yuval Adam die solistischen Partien, an der Orgel begleitet von Daniel Ladermann. Der Bogen der dargebotenen Werke reichte von der Spätrenaissance des 17. Jahrhunderts (Salomone Rossi, jüdischer Hofmusiker in Mantua) über die großen Komponisten des 19. Jahrhunderts (Salomon Sulzer, Louis Lewandowski und Samuel Naumbourg) bis zum "Kiddusch" des Kantorensohns Kurt Weill.

Am 5. November schloss sich eine Tagung - Rabbiner Brandt zu Ehren - im Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld-Bethel an. Thema: Jüdische Vielfalt im östlichen Westfalen. Als Einstieg in die wechselvolle Geschichte gab Prof. Dr. Diethard Aschoff, der Nestor der jüdischen Geschichtsschreibung in Westfalen, einen anschaulichen Überblick. "Mutterstadt" für die westfälischen Juden war Köln; den "Brückenkopf" bildete die jüdische Gemeinde in Dortmund. Nach und nach siedelten sich Juden auch in Soest, Münster und Minden an. Nach den schlimmen Pogromen im Gefolge der Pest von 1349/50 zogen die überlebenden Juden aus den Städten in ländliche Bereiche - u.a. des Münsterlands, der Sauerlands und Ostwestfalens - , soweit sie es nicht vorzogen, nach Osteuropa auszuwandern.

Alexandra Khariakova Dr_Manfred Keller
Alexandra Khariakova, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Unna,
und
Dr. Manfred Keller, Leiter der Biennale,
stellen in der Synagoge Unna das Programm des 2. Zyklus vor

Schwerpunkte der Tagung waren die wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Verhältnisse der Juden in der beginnenden Neuzeit (dargestellt von Dr. Dina van Faassen am Beispiel des Hochstifts Paderborn), die Wohn- und Lebensverhältnisse des Landjudentums in Ostwestfalen-Lippe vom 18. bis zum 20. Jahrhundert (illustriert durch die Geschichte jüdischer Häuser von Dr. Heinrich Stiewe) und die Geschichte der Ostjuden von 1900 bis zur Gegenwart (nachgezeichnet von PD Dr. Ludger Heid). Das Tagungsprogramm wurde abgerundet durch Einblicke in die Überlieferung jüdischer Genealogien (Dr. Bettina Joergens), durch Vorstellung des "Handbuchs der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe (Prof. Dr. Franz Josef Jakobi) und eines Projekts der Erinnerungskultur in Herford (Stadtarchivar Christoph Laue, M.A.). Dass die Tagung sowohl für Fachleute wie interessierte Laien ein Gewinn wurde, verdankte sich nicht zuletzt der ebenso kundigen wie geschickten Moderation von Dr. Jens Murken, dem Leiter des Landeskirchlichen Archivs der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Erster Zyklus: Schwerpunkt Bochum

Der geographische Schwerpunkt der Konzerte und Vorträge des ersten Zyklus lag allerdings in Bochum, versteht sich doch die Biennale als ein "Bochumer Gewächs", das an den bedeutenden jüdischen Kantor Erich Mendel erinnern will, der zwischen 1922 und 1939 in Bochum wirkte und nach seiner erzwungenen Emigration in den USA eine bedeutende Rolle als Lehrer und Sammler jüdischer Musik spielte.2 Das Eröffnungskonzert fand deshalb am 1. November 2012 in der Christuskirche am Bochumer Rathaus statt. Dabei wurde auch ein inhaltlicher Schwerpunkt der Konzertreihe in den Mittelpunkt gerückt: die Orgel.

Denn zu den Neuerungen der dritten "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" zählten mehrere Veranstaltungen rund um die "Orgel in der Synagoge". Damit sollte ein in der Nachkriegszeit nahezu völlig in Vergessenheit geratenes Kapitel der jüdischen Musikgeschichte beleuchtet werden. Daneben waren im Verlauf des Festivals Kompositionen zu hören, die - ausgehend von der jüdischen Liturgie - für den Konzertsaal geschaffen wurden. Auch diese Werke werden hierzulande sehr selten aufgeführt.

Das erste Thema - die Orgel in der Synagoge - war zunächst Gegenstand eines Vortrags im Paul-Spiegel-Saal der neuen Synagoge Bochum. Dr. Achim Seip, Orgelsachverständiger in den Bistümern Mainz und Limburg sowie Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main, gab einen umfassenden Einblick in die fast vollständig versunkene Welt der Synagogenorgeln. Um 1900 besaßen die Synagogen der meisten Großstädte in Deutschland eine Orgel. Die Bochumer Synagoge verfügte über eine Orgel von Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder), die mit ihrem weichen "romantischen" Klang für die synagogale Orgelmusik besonders geeignet ist. Ein solches Instrument steht heute noch in der Altenbochumer Lukaskirche. Deswegen wurde hier auch ein Konzert mit Orgelwerken jüdischer Komponisten veranstaltet. KMD Johannes Vetter aus Bielefeld, der sich seit Jahren dieser Musik widmet, spielte Werke u.a. von Jaromir Weinberger, Heinrich Schalit und Hermann Berlinski. Das Programm war das Echo einer verschütteten Tradition.

Mit den genannten Komponisten berührte das Konzert in Altenbochum zugleich den zweiten Themenbereich, die Musik jüdischer Komponisten, die für den Konzertsaal geschaffen wurde, aber von der synagogalen Tradition inspiriert ist. Dafür stehen Namen wie Ernest Bloch (1880 - 1959) und Paul Ben Haim (1897 - 1984). Deren Werke standen am 18. November 2012 auf dem Programm eines virtuosen Konzerts mit Kammermusik unter dem Titel "Niggun - Melodie ohne Worte" im Gemeindehaus an der Stiepeler Dorfkirche. Es konzertierten der Geiger Wolfgang Jellinek und der Cellist Gregor Pfisterer aus Tübingen und der Pianist Alexander Plotkin aus Freiburg. Das musikalische Programm wurde von Texten begleitet, die nicht nur mit Leben und Werk der beiden Komponisten vertraut machten. Deutlich wurde auch, dass die selten aufgeführten Werke zwar der Tradition jüdisch-sakraler Musik entstammen, aber in der Tonsprache der europäischen Kunstmusik verpflichtet sind. Wolfgang Jellinek zitierte in seinem Vortrag auch den Bochumer Kantor Erich Mendel, der in einem Aufsatz die Niggunim als "Melodien ohne Worte in der Liturgie" beschreibt, die "all dem Ausdruck verleihen, was Worte nicht zu sagen vermögen."3
 
Zweiter Zyklus: Schwerpunkt Landkreis Unna

Nach dem Start im Ruhrgebiet und in Ostwestfalen wurde die "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" im Kreis Unna fortgesetzt. Kooperationspartner des Evangelischen Forums Westfalen waren der Evangelische Kirchenkreis Unna, die Jüdische Gemeinde haKochaw Unna und die Volkshochschule Selm.

Der zweite Zyklus begann mit der Eröffnung der Wanderausstellung "Die Synagoge - Schnittpunkt jüdischen Lebens" im Kreiskirchenamt Unna. Auf rund 30 Schautafeln und durch zahlreiche Exponate sind in der Präsentation des Jüdischen Museums Westfalen Aufgabe und Bedeutung der Synagoge von ihren geschichtlichen Anfängen im Israel der Antike bis in die Gegenwart dargestellt. Neben mittelalterlichen Synagogen aus Worms und Speyer werden Prachtbauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert, aber auch schlichte Gebäude und Landsynagogen dokumentiert. Eine weitere Ausstellung widmete sich vom 1. bis 19. März im Bürgerhaus in Selm unter dem Motto "Gebauter Aufbruch" den neuen Synagogen in Deutschland. Die Ausstellung war eine Leihgabe der Stiftung Baukultur Rheinland-Pfalz. Neben den farbigen Ausstellungstafeln der neuen Gebäude hingen in schwarz-weiß die Fotos der zerstörten Vorgängerbauten, ein eindrucksvolles Kapitel der Verlustgeschichte, die das Zusammenleben von Juden und Christen belastet.

Wie Synagogen entstanden und wie sie aufgebaut sind, lernten die Besucher der Biennale in den Ausstellungen. Eindrücke davon, was in den Synagogen gelehrt und gelebt wird und wie sie "klingen", vermittelten die Wortbeiträge - u.a. ein Seminar mit jüdischen Gelehrten - und drei höchst unterschiedliche Konzerte.

Gruppe vor Tor

Im Eröffnungskonzert des zweiten Zyklus "L'Dor wa Dor - von Generation zu Generation" erklang in der Evangelischen Stadtkirche Unna europäische und amerikanische Synagogalmusik des 19. und 20. Jahrhunderts. Die synagogale Reise führte von Kompositionen Lewandowskis zu osteuropäischen Chasanut von Ismar Schorr, Shlomo Rawitz, Adolph Katchko und bis nach Amerika mit Stücken von Kurt Weill, Ben Steinberg und Meir Finkelstein.

Zwei weitere Konzerte folgten am 17. Februar und am 3. März. In der Synagoge in Unna gastierte am Sonntag, 17. Februar, das Vokalensemble "Feyne Töne" aus Wuppertal, Leitung von Monika Fey. Unter dem Motto "Den Sabbat in die Herzen singen - Häusliche und synagogale Musik zum Shabbat" unterstrich "Feyne Töne" musikalisch die einzigartige Bedeutung des Shabbat durch die sogenannten Sabbatlieder. Darunter nehmen die "Semirot", die häuslichen Sabbatlieder, eine besondere Stellung ein. Sie erklingen im jüdischen Haus am Freitagabend, am Samstagmittag und am Sabbatausgang zu den Mahlzeiten und besonders auch im synagogalen Gottesdienst. 1937 hat der später in Auschwitz ermordete Arno Nadel seine Sammlung "Die häuslichen Schabbatgesänge - semirot schabbat" herausgegeben. Der Bochumer Kantor Erich Mendel, dessen Todestag sich am 6. Februar 2013 zum 25. Mal jährte, war mit Arno Nadel eng befreundet. Auf die Bedeutung Arno Nadels, der Musiker, Schriftsteller und Maler war, ging Manfred Keller in seiner Moderation ausführlich ein. Das Werk dieses vielseitigen Künstlers sollte auch künftig in der "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" vorgestellt werden.

Am Sonntag, 3. März, gastierte in der Dorfkirche Bausenhagen in Fröndenberg das Ensemble "Vocalitas" aus Bad Segeberg unter der Leitung von Kantor Dieter Podszus. Auf dem Programm standen "Gesänge der Synagoge, jiddische und internationale Folklore". Podszus, Kantor der beiden Jüdischen Gemeinden in Bad Segeberg und Unna, hat in seiner Segeberger Gemeinde vor acht Jahren den Frauenchor "Vocalitas" gegründet. Das Repertoire des Chores reicht von liturgischen Gesängen der Synagoge mit mehrstimmigen Choralsätzen aus sieben Jahrhunderten über hebräische und jiddische Lieder bis zur klassischen, internationalen Folklore.

Seminare und Gespräche zur jüdischen Theologie und zur aktuellen Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Deutschland sind integrale Bestandteile des Biennale-Konzepts. In diesen Komplex gehörte am Montag, 11. Februar 2013 ("Rosenmontag"!), ein theologisches Seminar zum Thema "Alte und neue Vielfalt - das Verständnis der Thora in unterschiedlichen Richtungen des Judentums" in der Synagoge Unna. Trotz des "exotischen" Termins füllten über hundert Teilnehmende das "jüdische Lehrhaus" in Unna-Massen. Referenten waren die liberale Rabbinerin Irith Shillor aus London, der orthodoxe Rabbiner Jaron Engelmayer aus Köln und der jüdische Historiker Dr. Uri Kaufmann, Leiter der Alten Synagoge Essen. Kaufmann gab einleitend einen Überblick über die Entwicklung verschiedener jüdischer Thoraauslegungen, insbesondere seit dem 19. Jahrhundert. Ausgehend von den "Dreizehn Glaubensartikeln" des Moses Maimonides (12. Jh.) beschrieb danach Jaron Engelmayer, wie orthodoxe Juden die Texte der Thora sehen. Irith Shillor machte die Unterschiede zwischen orthodoxer und liberaler Auslegung an ausgewählten Texten des ersten Buchs der Bibel deutlich. Anschließend kamen Referenten und Teilnehmer in getrennten Gesprächsrunden ins Gespräch, ein direktes Streitgespräch wurde (noch) nicht gewagt. Wie brisant die Unterschiede zwischen den Richtungen jüdischer Frömmigkeit in Deutschland gegenwärtig sind, wurde dennoch deutlich.

Die aktuelle Situation der jüdischen Gemeinden war darum folgerichtig das Thema eines Abendgesprächs am 6. März in der Alten Synagoge Selm-Bork mit Alexandra Khariakova, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde "haKochaw" in Unna. Höchst anschaulich erzählte die gebürtige Ukrainerin von den Konflikten um die Gründung einer liberalen jüdischen Gemeinde.

Den Abschluss des zweiten Zyklus und zugleich den Auftakt des dritten Zyklus der "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" bildete am Sonntag, 7. April, eine ganztägige Exkursion zu neuen Synagogen an Rhein und Ruhr, gemeinsam angeboten von der Volkshochschule Selm und dem Evangelischen Forum Westfalen. Stationen waren Recklinghausen, Bochum - mit Einkehr im Restaurant "Matzen" - und Duisburg.

Dritter Zyklus: Ruhrgebiet und Ostwestfalen

Der abschließende dritte Zyklus führte noch einmal in die Kernstädte des Ruhrgebiets und nach Ostwestfalen. In den Monaten April und Mai 2013 bot das Programm in Herford und Höxter sowie in Bochum, Essen, Hattingen und Herne insgesamt 15 sehr unterschiedliche Veranstaltungen: Konzerte, Vorträge, Ausstellungen mit Einführungsvorträgen und Führungen, einen theologischen Gesprächsabend, einen musikalischen Workshop sowie eine Tagung über "Jüdische Kultur in Westfalen".

Die Besonderheit der Konzerte in der "Ruhrgebietsschiene" war die "Regionalität" der ausführenden Künstler. Sie sind alle im Ruhrgebiet und benachbarten Regionen zu Hause, allerdings großenteils als jüdische Einwanderer. Das gilt für den Dortmunder Chor "Bat Kol David" und den Chor "Masel Tov" der Jüdischen Gemeinde Wuppertal. Dazu gesellten sich als einheimische Partner die Essener Kantorei und das Ensemble "mendels töchter". Im Konzeptpapier des Projekts von 2007/2011 heißt es: "Die 'Biennale: Musik & Kultur der Synagoge' will auch die Basisarbeit in den jüdischen Gemeinden unterstützen, indem sie den musikalischen Kräften jeder einzelnen Gemeinde Förderung zuteil werden lässt und Aufführungsmöglichkeiten schafft. Sie kann darüber hinaus - beim Einsatz entsprechender Mittel - durch Workshops auch Fortbildung in Chorgesang sowie in Leitung und Begleitung der synagogalen Gesänge bieten.

Dieses Ziel verfolgten die Konzerte von "Masel Tov" in der Bochumer Synagoge und von "Bat Kol David" in Hattingen. Erfreulich, dass beide Veranstaltungen auch von zahlreichen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinden besucht wurden. Großen Zuspruch fand ebenfalls das gemeinsame Konzert des Dortmunder Chors mit der Essener Kantorei in der Alten Synagoge Essen unter der Überschrift "Von Mendelssohn-Bartholdy zur Jüdischen Liturgie heute".

Zu einer Begegnung mit der westeuropäischen Musiktradition der Synagoge bei den jüdischen Einwanderern aus Osteuropa gestaltete sich der Workshop mit liturgischen Stücken der Shabbat-Gottesdienste in Wuppertal. Eingeladen waren ausschließlich die Mitglieder der Synagogengemeinde. Chorleiterin Rokella Verenina hatte sieben liturgische Lieder - von "Ma tovu" bis "Adon olam" - ausgewählt und dem Anlass entsprechend neu arrangiert. Vor dem gemeinsamen Üben übersetzte und erklärte Ruth Tutzinger, die Vorsitzende des Gemeinderats, die ausgewählten Stücke und beschrieb ihren Ort in den Gottesdiensten am Shabbat. - Wie gut das Experiment angekommen ist, geht aus dem Bericht in der Gemeindezeitung hervor. Darin heißt es zu Beginn: "Trotz besten Wetters waren an diesem Sonntag mehr als 30 Mitglieder und Freunde der Gemeinde dem Aufruf gefolgt und fanden sich sichtbar gut gelaunt im Saal der Synagoge ein. Unter den Teilnehmern fanden sich erwartungsgemäß einige Sänger aus dem Gemeindechor "Masel Tov", aber auch viele, die einfach nur Freude am Singen haben und noch genauer über die Lieder des Schabbats Bescheid wissen wollten." Das Fazit am Schluss des Artikel macht Mut zur Wiederholung: "Weil das Programm so abwechslungsreich und kurzweilig gestaltet war, waren die drei Stunden wie im Fluge vorbei. Zum Abschluss wurden alle sieben neu eingeübten Stücke in der entsprechenden Reihenfolge noch einmal hintereinander weg gesungen - zu unserer aller Zufriedenheit. Frau Tutzinger und Frau Verenina dankten Herrn Dr. Manfred Keller, dem Projektleiter der Biennale, der die Veranstaltung ermöglicht hatte. . Singen macht glücklich. Das konnten wir auch an diesem Nachmittag noch einmal erfahren." 4

In Herne und Hattingen fanden im dritten Zyklus Veranstaltungen mit Unterstützung der Kommunen statt. In Herne ermöglichte das Kulturbüro der Stadt Herne ein Konzert des Ensembles "mendels töchter" in der Künstlerzeche "Unser Fritz". In Hattingen übernahmen die VHS und die Kirchen die Trägerschaft für das Konzert von "Bat Kol David". Daneben wurde hier ein biblisch-ökumenischer Gesprächsabend im "Forum Juden und Christen" angeboten. Rabbiner Dr. David Vinitz (Wuppertal) und Pfarrer Dr. Manfred Keller (Bochum) interpretierten den "Aaronitischen Priestersegen" aus jüdischer und christlicher Sicht.

Im selben Zeitraum ging die Biennale noch einmal nach Ostwestfalen mit drei Konzerten und einer intensiv begleiteten Ausstellung moderner Synagogen in Herford sowie einer zweitägigen Abschlussveranstaltung in Höxter.

"Überwältigende Klangpracht" - so und ähnlich titelte die Presse in Herford und Höxter zu den Auftritten des "Synagogal Ensembles Berlin", das den Konzertreigen in Ostwestfalen am 14. April 2013 eröffnete und am 26. Mai beendete. Gemeinsam mit Kantor Isaac Sheffer gestaltet das Ensemble - geleitet und an der Orgel begleitet von Regina Yantian - die Gottesdienste in der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin. An jedem Shabbat und an allen jüdischen Feiertagen wird die Liturgie in der Tradition von Louis Lewandowski musiziert. In der Herforder Stiftbergkirche und der Höxteraner Marienkirche stellte sich das Ensemble als ein zwar kleiner Chor vor, der aber durch seine Klangfülle und die hervorragend geschulten Stimmen beeindruckte.

Tief beindruckt waren die Zuhörer auch bei den Konzerten des Ensembles "mendels töchter" in Herford. Die Evangelische Mariengemeinde Stiftberg hatte bereits am Nachmittag ein Vorkonzert für Senioren angesetzt, bevor am Abend zum Hauptkonzert in die Herforder Synagoge eingeladen wurde, deren Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Presse lobte die musikalische Qualität der Liedbearbeitungen und der Interpretation. "Mendels Töchter", so heißt es in einer Konzertkritik, "gingen zwar respektvoll, aber sehr kreativ mit dem Erbe des Bochumer Kantors um. Der instrumentale Part ist meist sehr schlicht gehalten, der Klaviersatz immer zart und aufgelockert. Es ist eine Art Meditationsmusik, nur ohne die dabei üblich gewordenen elektronischen Effekte, stattdessen mit sparsam eingesetzter Percussion unterfüttert."5

Das starke Publikumsinteresse der Herforder Veranstaltungen verdankt sich zu einem nicht geringen Teil dem guten Zusammenwirken der lokalen Partner: Jüdische Gemeinde Herford-Detmold, Evangelische Kirche, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und Sparkasse Herford, die sowohl zwei der Konzerte als auch die Ausstellung zur Architektur neuer Synagogen großzügig förderte. Gemeinsam traten Vertreter dieser Institutionen bei der Eröffnung der Synagogen -Ausstellung in der Hauptstelle der Sparkasse auf. Die Ausstellung der Mainzer "Stiftung Baukultur" war vor Ort durch Tafeln der neuen Herforder Synagoge ergänzt worden. In zwei Abendveranstaltungen wurden im Ausstellungsraum Vorträge zur Geschichte und Architektur der Synagogen gehalten. Außerdem stand Gruppen und Schulklassen eine von Manfred Keller erarbeitete Power-Point-Präsentation zur Verfügung, die Kirchengemeinden und Schulen bei der Evangelischen Erwachsenenbildung Herford ausleihen konnten.

Gute und effektive Kooperation kennzeichnete auch die abschließende Zwei-Tages-Veranstaltung der "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" 2012 / 2013 am 26 ./27. Mai in Höxter zum Thema "Jüdische Kultur in Westfalen". Zusammen mit der Jacob Pins Gesellschaft Höxter wurde ein Programm erstellt, das jüdische Kultur in Malerei und Musik erlebbar machte und unter Anleitung von Fachleuten intensiv reflektierte. Den Einstieg gestaltete am Sonntag, 26. Mai, in einer Nachmittagsveranstaltung im Jacob Pins Forum Dr. Dieter Schuler, Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der Gesellschaft, die das Erbe des aus Höxter stammenden Malers Jacob Pins pflegt. Anschließend fand in der Marienkirche das bereits erwähnte Konzert des Synagogal Ensembles Berlin statt: "L`Dor wa Dor - von Generation zu Generation".

Literatur, Musik, Bildende Kunst, aber auch die Architektur der Synagoge waren Facetten jüdischen Kulturlebens, die am Montag, 27. Mai, im Historischen Rathaus wissenschaftlich beleuchtet wurden. Den einführenden Vortrag zur jüdischen Geschichte Westfalens in der Neuzeit hielt der renommierte Historiker Prof. Dr. Arno Herzig aus Hamburg. Die weiteren Referenten und ihre Themen waren:

Prof. Dr. Hartmut Steinecke, Paderborn
Ein deutsch-jüdischer und deutsch-israelischer Dialog: Jenny Aloni im Briefwechsel mit Heinrich Böll. Mit Vorbemerkungen über jüdische Schriftsteller in Ostwestfalen

Prof. Dr. Jascha Nemtsov, Potsdam/Weimar
Von Seesen nach Berlin: jüdische religiöse Reform und die Entwicklung der synagogalen Musik in Deutschland 1810-1938

Dr.-Ing. Ulrich Knufinke M.A., Wolfsburg
Synagogenarchitektur im Wandel.
Beispiele aus Westfalen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart

Zu dieser zweiten Tagung im Mai 2013 waren die Veranstalter durch das starke Echo auf die erste Tagung im November 2012 ermutigt worden. Die Erträge beider Tagungen sollen veröffentlicht werden, um sowohl den Verlust wie die hoffnungsvollen Neuansätze jüdischer Kultur deutlich zu machen.

Die "Biennale: Musik & Kultur der Synagoge" 2012/2013 wurde ermöglicht durch die Stiftung Kulturhauptstadt RUHR.2010, durch die Evangelische Kirche von Westfalen und die Stadt Bochum, die bereits vor Beginn der Veranstaltungen den größten Anteil der finanziellen Förderung bereitstellten. Der Ausbau zu einem Gesamtprogramm, wie es hier rückblickend Alexandra Khariakova, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Unna, und Dr. Manfred Keller, Leiter der Biennale, stellen in der Synagoge Unna das Programm des 2. Zyklus vor dargestellt wurde, war allerdings nur möglich, weil die örtlichen Partner bei fast jeder Veranstaltung finanzielle und personelle Hilfe leisteten. Auch einige der jüdischen Gemeinden - insbesondere Herford, Unna und Wuppertal - unterstützten das Projekt sehr engagiert. Dieses Zusammenwirken zählt zu den besonders schönen Erfahrungen eines Unternehmens, das für einen kleinen Verband wie das Evangelische Forum Westfalen fast "eine Nummer zu groß" ist. Wie sehr die positive Resonanz aber den Einsatz lohnt, zeigt das Echo in den Medien, das - soweit möglich - im Internet auf der Webseite www.ev-forum-westfalen.de dokumentiert ist. Auch das Gesamtprogramm ist dort unter dem Stichwort "Projekte" wiedergegeben.

 (Manfred Keller)

1 Vgl. dazu meinen Bericht: Musik der Synagoge neu entdecken. Biennale 2010 "Musik & Kultur der Synagoge" im Ruhrgebiet, in: Erinnern für die Zukunft. Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins, Nr. 14, September 2010,

2 Vgl. dazu Manfred Keller, Der Bochumer Kantor Erich Mendel und die "Biennale: Musik & Kulur der Synagoge", in: Festschrift Hans Jaskulsky zum 60. Geburtstag, Berlin 2010, S. 59 - 78.

3 Erich Mendel, Niggunim - eine Plauderei über jüdische Melodien, in: Erich Mendel / Eric Mandell, Zwei Leben für die Musik der Synagoge, hg. von Manfred Keller. Mit einer Studie von Ronna Honigman, 2006, S. 143 f.

4 Sandra Schmiedel, Ein interessanter Nachmittag zur Musik der Synagoge, in: Unsere Gemeinde. Gemeindeblatt der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, Nr.6 / Juni 2013, S. 8

5 Gerd Büntzly, Mendels Werk zeugt von Eleganz und Schlichtheit. Konzert in der Herforder Synagoge, in: Herforder Kreisanzeiger vom 1. Mai 2013