Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Einführung zum Film "Ehe im Schatten" -
Das Schicksal der jüdischen Familie Wolff aus Bochum.

Der Film wurde am 15. November 2012 im Stadtarchiv Bochum gezeigt.

In Wikipedia erhalten wir folgende Informationen zu dem Film, den Sie nachher sehen werden:

"Handlung
Hans Wieland, ein junger Schauspieler, lehnt es im Dritten Reich ab, sich von seiner jüdischen Frau Elisabeth scheiden zu lassen. Hans steht Abend für Abend auf der Bühne, während seine Frau Berufsverbot hat. Eines Tages, bereits im Krieg, nimmt er sie mit zu einer Premiere, wo sie auffällt. Vor die Alternative gestellt, sich scheiden zu lassen oder an die Front geschickt zu werden, was die Verschleppung seiner Frau in ein KZ zur Folge hätte, sieht er nur einen Ausweg: den gemeinsamen Tod. Um seiner Frau diesen zu versüßen, führt er sie als Abschluss eines schönen Tages abends in ein Restaurant und lässt den Koch ihr Essen vergiften."

Zum Hintergrund heißt es bei Wikipedia:

"Ehe im Schatten basiert auf dem Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk. Als Vorlage für das Drehbuch diente die unveröffentlichte Novelle Es wird schon nicht so schlimm von Hans Schweikart. Es ist der einzige DEFA-Film, der in allen vier Berliner Sektoren gleichzeitig Premiere hatte, nämlich am 3. Oktober 1947. Im russischen Sektor fand die Aufführung im Filmtheater am Friedrichtsshain, im amerikanischen Sektor im Cosima-Filmtheater in Friedenau, im britischen Sektor in der Kurbel in Charlottenburg und im französischen Sektor im Prinzenpalast in Gesundbrunnen statt. Der Film fand auch im Westen hohe Anerkennung. Innerhalb kürzester Zeit sahen ihn zehn Millionen Zuschauer. Mit insgesamt zwölf Millionen Besuchern wurde Ehe im Schatten der erfolgreichste deutsche Film während der ersten Nachkriegsjahre."

Meine Damen und Herren, Sie sehen schon: Im Zentrum der Wahrnehmung steht Joachim Gottschalk. Das ist auch nicht erstaunlich. War er es doch, der nach 1933 - neben seiner Karriere als Bühnenschauspieler - eine erstaunlich Filmkarriere machte, während seine Frau Meta, die in den zwanziger Jahren an denselben Theatern wie ihr Mann gespielt hatte, 1933 als Jüdin nicht mehr auftreten durfte.

Die folgenden Ausführungen werde ich in zwei Abschnitte unterteilen:

1. Was wissen wir über die Schauspielerin Meta Wolff und ihr Leben vor und nach 1933?

2. Was wissen wir über das Schicksal der in Bochum lebenden Familie Wolff, der Meta entstammte.

Zu 1) Was wissen wir über die Schauspielerin Meta Wolf und ihr Leben vor und nach 1933?

Meta Wolff, am 13. August 1902 als 4. Kind des Moses Wolff und dessen Ehefrau Friederike geb. Hanau in Dudweiler (Saarland) geboren, kam 1910 mit ihrer Familie nach Bochum - der Vater übernahm in diesem Jahr das Fotogeschäft Frohwein in der Kortumstraße 45 - heute Ecke Kortumstraße / Südring. Über Schul und Berufsausbildung wissen wir wenig, nur, dass sie Schauspielerin wurde. In den Spielzeiten 1927/28 und 1928/29 reiste sie mit der Württembergischen Volksbühne durch die süddeutsche Provinz. Hier lernte sie den Kollegen Joachim Gottschalk kennen und lieben. 1930 sind beide an einem festen Haus in Zwickau engagiert. Im Mai 1931 ist Hochzeit in Halberstadt - Meta spielt am dortigen Theater. Ihrem Mann zuliebe hat sie sich evangelisch taufen lassen. Im Februar 1933 wird der Sohn Michael geboren. Gottschalk spielt inzwischen an größeren Bühnen.

Als der Generalintendant Hans Meißner im Februar 1934 Gottschalk an die Frankfurter Bühne holt, muss der schon den arischen Nachweis erbringen, brauch der "jüdisch Versippte" die "Sondererlaubnis des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda". Gottschalk beginnt, sein Privatleben "bedeckt" zu halten, nur eng befreundete Kollegen wissen Bescheid. Er verdient gut, verwöhnt seine Frau, tröstend, so gut er kann, denn sie hat ja Auftrittsverbot. Im Mai 1936 muss er wie alle städtischen Angestellten Frankfurts ein Treuegelöbnis auf den "Führer" ablegen. Von der Reichstheaterkammer aus Berlin kommt ein Brief an die Intendanz: "Für die Mitteilung der Vertragsdauer es Herrn Joachim Gottschalk an Ihrer Bühne wäre ich Ihnen sehr verbunden. Heil Hitler!". Noch steht der Generalintendant zu seinem besten Mann. Als jedoch der Gaupropagandaleiter Hessen-Nassau Willi Stöhr den "Parteigenossen Meißner" am 17. Dezember 1937 auffordert, "die geeignet erscheinenden Schritte zu unternehmen, um das weitere Verbleiben Gottschalks und sein Auftreten in Frankfurt a. Main zu beenden," unternimmt Pg. Meißner die geeigneten Schritte: Am 8. Januar 1938 steht Gottschalk zum letzten Mal auf einer Frankfurter Bühne. Meta schreibt zu diesen Zeitpunkt an eine Freundin:

"Wie wird das alles enden? Ich bin natürlich bereit, mich scheiden zu lassen, wenn es sein muss, wenn Jochen anders nichts kriegt. Er will aber erst alles versuchen - es wird uns schwer auseinander zu gehen."

Und zunächst hat er Erfolg: Er bekommt einen Vertrag an der Volksbühne in Berlin unter dem Intendanten Eugen Klöpfer, spielt am Theater an der Saarlandstraße - dem heutigen Hebbeltheater - leichte Kost: Krimis und Boulevard.

Und Gottschalk bekommt eine Chance beim Film: Wolfgang Liebeneimer gibt ihm - neben Brigitte Horney - die Hauptrolle in der Romanverfilmung "Du und ich." Er dreht - wieder mit der Horney - Ende 1938 "Aufruhr in Damaskus", 1939 "Flucht ins Dunkel" und "Eine Frau wie Du". Goebbels ist sehr angetan von den Filmen, das Publikum begeistert. Er ist endgültig der Liebling der Berliner, der deutsche Clark Gable. 1940 dreht er mit Paula Wessely das Melodram "Ein Leben lang".

Das alles spielt sich ab vor dem zunehmenden Druck auf die Juden und dem beginnenden II. Weltkrieg.

Und Gottschalk spielt weiter Theater bei Eugen Klöpfer an der Volksbühne, feiert Im Januar 1941 als Silvio in Goldonis "Diener zweier Herren" einen glänzenden Erfolg. Doch als Intendant Klöpfer Anfang Juni den Faust in eigener Inszenierung herausbringt, steht Gottschalks Name nicht auf dem Besetzungszettel. Auch bei den großen Herbstpremieren fehlt er. Klöpfer versuchte sich später zu rechtfertigen: "Goebbels hat mir beinahe den Kopf abgerissen. ... Die Meta stört den Doktor! Die jüdische Frau. Ich darf Gottschalk überhaupt nicht mehr beschäftigen."

Der Jud Süß-Regisseur Veit Harlan will Gottschalk für seinen Film "Die goldene Stadt". Mit Gattin Kristina Söderbaum und Reichsfilmkammerpräsident Carl Froelich sitzt er bei Goebbels zum Tee. Das Gespräch kommt auf Gottschalk. Wie Harlan 1966 in seinem Buch "Im Schatten meiner Filme" berichtet, geriet Goebbels plötzlich in Rage: Gottchalk sei den "ausgedachtesten Sexuallisten" einer "raffinierten Jüdin" hörig geworden. "Er soll seine Chonte hinschicken wo der Pfeffer wächst!" Das jiddische Wort ist mit "Nutte" eher milde übersetzt.

Goebbels bietet Gottschalk an, die Familie, nach der Scheidung, in die Schweiz gehen zu lassen. Das scheint ein Zugeständnis zu sein: Die Wehrmacht hat inzwischen die Sowjetunion überfallen, im Straßenbild tauchen die "gelben Sterne" auf, es ergeht das Emigrationsverbot, die sogenannte "Endlösung" hat begonnen. Gottschalk lehnt das Angebot von Goebbels ab; angesichts des Siegeszuges der Wehrmacht, der unaufhaltsamen Eroberung Europas kann er nicht an das Fortbestehen der Schweiz glauben. Dann zitiert ihn Hans Hinkel zu sich ins Propagandaministerium. Der SS-Offizier und Blutordenträger ist "Sondertreuhänder der Arbeit für die kulturschaffenden Berufe", Goebbels' Büttel für die "Entjudung" des Kulturbetriebs: "Sie werden sich scheiden lassen, Herr Gottschalk!" und "Wen interessiert es schon, was aus einer Jüdin wird."

Meta und Joachim haben sich für eine andere Lösung entschieden. Auskunft darüber geben die letzten Briefe:

Meta schreibt am 5. November 1941 an eine Freundin:

"Meine liebe Fanny, nimm diese Nadel als Andenken mit meinem letzten Lebewohl. ... Um uns musst Du nicht trauern, Du weißt, wir sind glücklich ...".

Und am 4. November schreibt sie an die "Liebe Mutti Weber", die Schwiegermutter ihres Bruders Friedrich Wolff:

"Tausend Dank für die guten Nachrichten und für das wertvolle Paket! Aus allem sehen wir so recht Ihre Güte und Anhänglichkeit. Ich weiß, was ich Ihnen jetzt schreiben muss ist schwer für Sie, aber Sie werden uns verstehen und verzeihen. Es kommen neue Bestimmungen heraus, die unsere Ehe scheidet; wie ja alles überhaupt verschärft worden ist in dieser Sache, so sollen auch diese Ausnahmen und Vergünstigungen wegfallen. Was das zu bedeuten hat, können Sie wohl ermessen. Michael, der bis jetzt nichts ahnt, soll nicht erst erfahren was auf ihn wartet. Das Kind ist so glücklich und wir mit ihm. Uns drei Menschen sollen sie nicht erst auseinanderreißen. Wenn Sie dies lesen, sind wir erlöst. Wir sind keineswegs traurig, im Gegenteil, wir freuen uns gesund und frei ein Ende machen zu können. Denken Sie nicht, dass wir nicht alles erwogen haben, alles versucht haben und leichtsinnig die Flinte ins Korn werfen. Es gibt keine Möglichkeit, wir haben bis zuletzt ausgehalten.

Wir haben gedacht, meine Eltern und Geschwister brauchen es gar nicht zu erfahren. Sie sind der Meinung, es geht uns gut, das ist tröstlich und stimmt ja, wenn auch in anderem Sinne. Sie bitte ich nur und zwar von ganzem Herzen, seien Sie nicht traurig und vor allem, seien Sie überzeugt, dass wir glücklich sind. Auf uns würde nur Trennung und Schmach warten, Demütigungen aller Art, jeder, der uns kennt und liebt, wird uns unseren schönen Frieden können. Es freut mich, dass Sie auf ein irdisches Wiedersehen mit Ihren Kindern hoffen dürfen. Wie schön wird das werden. Unsere allerbesten Wünsche für Sie alle!. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal danken für Ihre Liebe und Treue und Ihnen das Beste wünschen mit den herzlichsten Grüßen!
Joachim, Michael und Meta.

Joachim Gottschalk schrieb in seinem Abschiedsbrief an seine Mutter:
"Meta und der Junge schlafen schon" - als er den Gashahn aufgedreht hat und darauf wartet, dass das Veronal auch bei ihm zu wirken beginnt. Es ist die Nacht auf den 7. November.

Wir es scheint, hat man sorgfältig geplant, dass auch ja nichts schief gehen kann an ihrem Plan. Jahre später berichtet ein Freund und Mitschüler des Sohnes Michael: Er habe an dem Abend noch bei Gottschalks angerufen, wollte sich mit Michael verabreden. Frau Gottschalk meinte, das sei nicht möglich. Michael müsse helfen, die Türen und Fenster der Wohnung abzudichten, damit es bei dem bevorstehenden Winter nicht kalt in die Wohnung ziehen könne. ...

Goebbels notiert am 7. November 1941 in sein Tagebuch:

"Am Abend kommt noch die etwas peinlich Nachricht, dass der Schauspieler Gottschalk, der mit einer Jüdin verheiratet war, mit Frau und Kind Selbstmord begangen hat. Er hat offenbar keinen Ausweg mehr aus dem Konflikt Staat und Familie finden können. Ich sorge gleich dafür, dass dieser menschlich bedauerliche, sachlich fast unabwendbare Fall nicht zu einer alarmierenden Gerüchtebildung benutzt wird. Wir leben eben in einer sehr harten Zeit, und das Schicksal nimmt den Einzelmenschen manchmal barmungslos vor ..." Er untersagt jeden Nachruf. Trotz des Verbots, jüdische und "arische" Tote zusammen zu bestatten, sorgen die Freunde für ein gemeinsames Grab, draußen auf dem Stahndorfer Friedhof. Während der Beerdigung fotografieren die Herren der Gestapo.

Zu 2) Zur Geschichte der Familie Wolff aus Bochum.

Als Meta, ihr Mann und ihr Sohn am 7. November 1941 sterben, hat ihre Familie längst Deutschland verlassen. Meta meint ja, wie wir gehört haben, sie könne ihr die Nachricht von der Art ihres Todes vorenthalten.

Auf der Geschichte dieser Familie soll zumindest kurz eingegangen werden.

Grundlage sind die Aussagen der Mitglieder der Familie Wolff, die sie nach dem Krieg im Zusammenhang mit den langwierigen und schwierigen sogenannten "Wiedergutmachungsverfahren" machten.

Ende 1910 kam Moritz Wolff, geboren 1869 in Essen, mit seiner Familie aus Dudweiler im Saargebiet nach Bochum. Er übernahm hier das fotografische Atelier Frohwein, das im Wege der Erbfolge an ihn übergegangen war. In Dudweiler hatte die Familie ein Kaufhaus geführt, das 1892 von Friederike Hanau gegründet wurde. Nach deren Verheiratung mit Moritz Wolff 1894 trat dieser in den Betrieb ein, das fortan unter dem Namen Hanau & Cie. geführt wurde, etwa 15 Personen beschäftigte.

In Dudweiler wurden die sieben Kinder geboren:
- 1895 die Tochter Johanna
- 1897 der Sohn Siegfried
- 1899 die Tochter Emmi
- 1902 die Tochter Meta, die Protagonistin unserer Geschichte,
- 1904 die Tochter Martha
- 1906 der Sohn Friedrich Joseph
- 1910 der Sohn Richard.

Nach dem Umzug nach Bochum wurde das Kaufhaus in Dudweiler geschlossen.
Das Fotogeschäft Frohwein, gelegen in zentraler Lage in der Kortumstraße 45, entwickelte sich sehr gut. Es war, wie Zeugenaussagen berichten, in den vornehmsten Kreisen Bochums sehr beliebt, es galt als eines der besten in der Stadt. Kunden waren vor allem die Schauspieler des Schauspielhauses, deren Porträts immer im Schaufenster zu Werbezwecken ausgestellt waren.

Moritz Wolff engagierte sich in Bochum: Er saß im Vorstand der "Friedensgesellschaft" und der "Liga für Menschenrechte", erregte sehr bald die Aufmerksamkeit der Bochumer Nationalsozialisten.

Bereits im Mai 1933 verließen die Wolffs Bochum. Wie es dazu kam, das berichtet der älteste Sohn Friedrich in einer eidesstattlichen Erklärung, die er am 16. Oktober 1956 auf dem deutschen Konsulat der BRD in Lyon abgab:1

"Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich unsere Lage von Grund auf. Von allenthalben kamen Anrufe der Kundschaft, die Photographien aus dem Fester zu nehmen. Die Schaufester wurden beschmiert. Das Geschäft ging erheblich zurück. Wie eingangs erwähnt, war ich aus dem Saarland gebürtig. Zu diesem Zeitpunkt war dieser Landesteil dem deutschen Reich nicht wieder einverleibt. Ich begab mich deshalb nach Saarbrücken, um das Terrain für eine Geschäftsverlegung zu sondieren. Als ich von meiner Reise zurückkehrte, wurde ich verhaftet. Ich wurde auf dem Polizeipräsidium in Bochum vernommen. Man wies mir eine Anzeige vor, der zufolge ich im Saarland Greuelpropaganda getrieben und Geld dorthin verschoben hätte. Die vernehmenden Beamten verhielten sich jedoch bei der ersten Vernehmung durchaus korrekt und bestellten mich für den folgenden Tag wieder, weil der diensthabende Offizier gerade abwesend war. Am folgenden Tag fand ich mich wieder auf dem Polizeipräsidium ein und wurde schon ganz anders behandelt als das erste Mal, aber auch diesmal aus dem gleichen Grunde wieder nach Hause geschickt. Ich betrachtete diese Vorkommnisse als Warnung und beschloss zu fliehen. Ende April 1933 überschritt ich mit Frau und Kind die saarländische Grenze und begab mich von dort nach etwa 14 Tagen nach Metz. Meine Anmeldung in Metz datiert vom 15.5.1933. Meine Eltern trafen mich in Metz. Es war ihnen gelungen, unsere Möbel und einen Teil der photographischen Einrichtung über das Saargebiet nach Metz zu bringen. Über die zurückgelassenen Gegenstände gibt die Erläuterung der Schadensfälle Auskunft."

Wie es weiter ging, darüber schreibt Siegfried in demselben Bericht weiter:

"Meine Lebensversicherung in Höhe von 25 000 Mark hatte ich noch zu Geld machen können. Mit den wenigen mir zur Verfügung stehenden Mitteln eröffnete ich mit Erlaubnis der Mairie ein Photographengeschäft. Bereits nach 6 Monaten musste ich Metz wieder verlassen, weil die Präfektur eine Aufenthaltserlaubnis nicht erteilte. Dieser Umstand führte zum Verlust meiner geringen liquiden Mittel, Wir begaben uns nach Lyon. Mein Vater war durch die Ereignisse so mitgenommen, dass er nicht mehr arbeitsfähig war. Es lag mir daher ob, meine Familie und meine Eltern zu ernähren. Eine Arbeitserlaubnis erhielt ich nicht. Ich sah mich deshalb gezwungen, bei französischen Kollegen Schwarzarbeit gegen geringsten Entgelt zu verrichten. Meine Einnahmen reichten keineswegs hin alle Unkosten zu decken. Wir waren auf die Unterstützung meiner Geschwister angewiesen, die in alle Welt zerstreut lebten. Meine Schwester war die Frau des durch seinen tragischen Tod bekannt gewordenen Berliner Schauspielers Gottschalk. Auch sie liess ihren Eltern bis zum Schluss Unterstützungen zukommen."

Mit Kriegsbeginn verschlechterte sich die Situation der Wolffs dramatisch. Siegfried berichtet:

"Bei Kriegsausbruch wurde ich in dem Lager Chambaran (Isére) und später in Chelaard/Ardéche interniert. Am 23.7.1940 kam ich wieder nach Lyon zurück. Als die deutschen Truppen zum zweiten Male Lyon im August 1942 besetzten, verließen wir Lyon und suchten Zuflucht in der italienischen Besatzungszone. Wir hatten keinerlei Subsistenzmittel und wurden trotz gegenteiliger Zusicherungen nicht einmal von dem Hilfskomitee unterstützt. Wir hungerten und waren auf Gaben der Bevölkerung angewiesen. Die Not zwang uns, im Januar 1943 nach Lyon zurückzukehren. Meine Eltern brachte ich in einem Heim einer Krankenversicherung der Mutualité in Villfranche/Rhone unter, meine Kinder bei Bauern in Oléans/Rhone. Ich selbst fand mit meiner Frau bei einem Kunden, Madame Grand in Bron, rue de Genét Zuflucht. Wir trauten uns nicht auf die Strasse und lebten in vollständiger Freiheitsbeschränkung. Um unserer Gastgeberin nicht völlig zur Last zu fallen, beschlossen meine Frau und meine Schwester - die Schwester Emmi war inzwischen auch in Lyon - im Mai 1943 tagsüber in unsere Wohnung zurückzukehren und dort photographisch zu arbeiten. Ich selbst rührte mich nicht von meinem Platze. Ende Juni 1943 wurden beide Damen von der Gestapo verhaftet und über das Fort Montluc in das KZ Drancy verbracht, woraus sie später nach Auschwitz deportiert wurden. Seither fehlt von ihnen jede Spur.

Am Abend desselben Tages fuhr ein Auto vor dem Haus meiner Wirtsfrau vor. Zufällig sah ich es und schöpfte gleich Verdacht. Mein Zimmer lag zu ebener Erde, ich sprang deshalb zum Fester Hinaus, im Moment als die Beamten Gestapo das Haus betraten. Später hörte ich, dass meine Wirtin verhaftet worden sei. Durch meinen Freund konnte ich unterkommen bei dessen Bekannten Crohn, Place des la Bascule. Dort lebte ich 4 Wochen in völliger Freiheitsbeschränkung. Nach 4 Wochen musste ich dieses Versteck aufgeben und fand Zuflucht bei einem Polizisten, der mich und einen anderen Emigranten Feitler beherbergte. Es gelang mir bei einem französischen Photographen Arbeit zu finden. Mein Verdienst war jedoch sehr gering. Ich erhielt einen Tagelohn von 100 ffrs, der einen Wert von 5 Rmark entsprach. Mit diesen Mitteln musste ich die Pension für meine Eltern und Kinder bezahlen, so dass mir selbst nichts verblieb. Ich blieb also weiterhin auf die Mildtätigkeit anderer Menschen angewiesen."

Und dann berichtet Siegfried Wolff über das Ende seiner Eltern und den Überlebenskampf seiner Kinder:

"Im Januar 1944 verstarb meine Mutter in dem Heim an Entkräftung. Für meinen Vater konnte ich den Unterhalt in dem Heim nicht länger aufbringen, zumal er krank wurde und der Pflege bedurfte. Ich fand für ihn einen Platz in einem Altersheim bei Petites Soeurs des Pauvres. Die Verhältnisse entsprachen denen eines Armenhauses. Mein Vater starb dort im Januar 1945.

Der Aufenthalt meiner Kinder war der Gestapo bekannt geworden. Ich sah mich deshalb gezwungen, sie aus ihrem Versteck bei den Bauern herauszunehmen. Freunde brachten sie ... in ein Kinderheim bei Aix-le-Bains unter. Sie schossen die Kosten vor, die ich ihnen später zurückerstattete. Sie betrugen insgesamt 38 430 ffrs. Eine Quittung lege ich bei. [...]"

Nach der Befreiung Lyons am 2. September 1944 ging Siegfried Wolff wieder in seine Wohnung zurück, arbeitete dort selbständig als Photograph. Auf Grund der erlittenen Verfolgungen erhielt er jetzt eine Arbeitsbewilligung und wurde in die Photographeninnung aufgenommen.

Meine Damen und Herren, ich könnte natürlich die Geschichte der Wolffs noch wesentlich ausführlicher darstellen. Ich verzichte hier und heute darauf, denn es soll sich ja hier nur um eine Einführung in den Film handeln, den Sie gleich sehen werden.

Ich möchte am Ende lediglich kurz das Schicksal der einzelnen Familienmitglieder skizzieren:

- Die Eltern Moritz und Friederike Wolff kamen unter erbärmlichen Umständen ums Leben , sie haben es gehört. Das ist ein Trauma, das die heute noch in Lyon lebenden Enkel und Urenkel der Wolffs belastet.

- Der 1895 geborenen Tochter Johanna verheiratete Leeser gelang rechtzeitig die Flucht in die USA, sie lebte nach dem Krieg in San Francisco, hatte 2 Kinder und war Mitinhaberin eines Geschäftes.

- Die 1899 geborene Tochter Emmi. Nach ihrem Schulabschluss in Bochum machte sie im Atelier ihres Vaters eine Photoausbildung, arbeitete danach bis 1928 in dem Geschäft auf der Kortumstraße. 1928 eröffnete sie dann in Essen-Kettwigerstraße in einem Hochhaus "Lichtburg"ein eigenes Fotoatelier, das sich sehr gut entwickelte. Aufgrund des judenfeindlichen Boykotts ab 1933 gab sie im Frühjahr 1933 das Geschäft auf, erhielt bei der Firma "IMAGO", Inhaber Schwartz, Essen einen Posten als erste Operateurin. 1934 verließ sie Deutschland und ging zu ihrer in Lyon lebenden Familie. Wie Sie bereits gehört haben, wurde sie dort zusammen mit ihrer Schwägerin im Juni 1944 verhaftet, kam in das Lager Drancy und von dort am 26.6.1945 in das Vernichtungslager Auschwitz.

- Über das Schicksal der 1902 geborenen Tochter Meta, der Schauspielerin, verheiratet mit Joachim Gottschalk, sind Sie informiert.

- Die 1904 geborene Tochter Martha war wie ihre Schwester Meta Schauspielerin, die 1933 Auftrittsverbot erhielt. Sie lebte zuletzt in Frankfurt am Main, emigrierte 1937 nach Palästina und lebte in den 50er Jahren als Martha Bongässer in Tel Aviv

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- Der 1906 geborene Sohn Friedrich Joseph blieb nach 1933 zunächst noch in Deutschland. Am 30. November 1938kam er in das Konzentrationslager Buchenwald, Häftlings-Nr. 30197, am 23. Dezember 1938 wurde er wieder entlassen. Im März 1939 verlässt er Deutschland, kommt am 28.3.1939 in Shanghai an. Von dort kehrt er am 11.2.1949 nach Europa zurück, lebt zunächst in Frankreich, wandert dann in die USA aus, stirbt 1969 in Kalifornien. Über ihn sind die anrührenden letzten Briefe der Meta Wolff überliefert, die zweite Frau von Friedrich hat sie dem Theaterarchiv in Frankfurt a.M. überlassen.

- Der 1910 geborene jüngste Sohn Richard. Er trat als Soldat in die französische Armee ein, kam im Februar 1944 ums Leben.

- Bleibt der 1897 geborene Sohn Siegfried, zuletzt Mitinhaber des Fotoateliers Frohwein, dessen ausführlichen Bericht Sie ja gehört haben. Er war mit Gustel Wittgenstein aus Bochum verheiratet, die - wie wir gehört haben - zusammen mit der Schwägerin Emmi Wolff in Lyon verhaftet wurde, über das Lager Drancy nach Auschwitz kam und dort ermordet wurde. Seine beiden Kinder Marianne und Pierre, die von den Eltern immer wieder versteckt wurden, überlebten mit viel Glück. Sie arbeiteten beide als Fotografen in Lyon. Pierre war vor einigen Jahren für einen Tag in Bochum, um sich hier umzusehen. An Gesprächen mit Einheimischen war er kaum interessiert. Siegfried Wolff hat nach dem Krieg noch einmal geheiratet.

(Hubert Schneider)

1 Eidesstattliche Erklärung Siegfried Wolff vom 16.10.1956 vor dem deutschen Konsulat der BRD in Lyon (StA NRW Münster, Regierung Arnsberg Wiedergutmachung 460414.