Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Fritz Bauer (1903-1968) -
Jurist aus Freiheitssinn und Kämpfer für die Menschenrechte

Fritz Bauer

Fritz Bauer war einer der bedeutendsten Juristen in der deutschen Justizgeschichte. Sein positives humanes Denken, dass er sich trotz aller Anfeindungen und allen Leids bewahrte, war die Grundlage für sein juristisches Werk und sein Handeln im besten politischen Sinne. Fritz Bauer war den Menschen zugetan. 1903 in Stuttgart geboren, wurde sein Lebensweg durch die tiefen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Einschnitte des zu Ende gehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt, von zwei Weltkriegen und dem Holocaust. Ebenso beeinflussten ihn seine jüdische Herkunft und der freie emanzipatorische Geist, der im Haus seiner Großeltern in Tübingen herrschte, der Heimatstadt seiner Mutter.1

Die Kindheits- und Jugendjahre verbrachte Fritz Bauer in Stuttgart. Hier besuchte er das traditionsreiche Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, hier erlebte er die Revolution von 1918/19. Aus Stuttgart zog er fort ins Studium der Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaft, nach Heidelberg, München und Tübingen, und wurde in Württembergs Hauptstadt schließlich jüngster Amtsrichter Deutschlands. Als Student riss ihn die Aufbruchstimmung nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs ins politische Leben. In Stuttgart schloss er sich 1920 der Sozialdemokratischen Partei an. Bis zum letzten Tag kämpfte er für den Erhalt der Weimarer Republik.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialsten endete die Laufbahn des jungen Juristen jäh. Sofort wurde er 1933 ins KZ gesperrt und das nationalsozialistische "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" beendete kurz darauf sein Richteramt. Ende 1935 flüchtete der Fünfunddreißigjährige von Stuttgart nach Kopenhagen. Als die Nationalsozialisten die so genannte "Endlösung der Judenfrage" auch dort in Gang setzten, floh er im Oktober 1943 nach Schweden, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging er erneut nach Dänemark. Wenige Wochen vor Gründung der Bundesrepublik und der Verabschiedung des Grundgesetzes kehrte Bauer zurück, zunächst nach Braunschweig. Eine Heimkehr in sein geliebtes Schwabenland gelang ihm nicht. In der württembergischen Justiz gab es niemanden, der Fritz Bauer zurückrief. Nach einem langen Schwebezustand wurde er 1949 zunächst zum Landgerichtsdirektor, dann 1950 zum Generalstaatsanwalt am Braunschweiger Oberlandesgericht ernannt. 1956 berief der hessische Ministerpräsident und Justizminister Georg August Zinn (SPD) ihn in das Amt des Generalstaatsanwalts nach Frankfurt am Main. Dort wirkte er zwölf Jahre, bis zu seinem Tod 1968.

"Ich bin zurückgekehrt", sagte Bauer selber, "weil ich glaubte, etwas von dem Optimismus und der Gläubigkeit der jungen Demokraten in der Weimarer Republik , etwas vom Widerstandsgeist und Widerstandswillen der Emigration im Kampf gegen staatliches Unrecht mitbringen zu können. [.] Ich wollte ein Jurist sein, der dem Gesetz und Recht, der Menschlichkeit und dem Frieden nicht nur Lippendienst leistet."2 Mit diesem Programm kehrte er nach Deutschland zurück, in der Hoffnung, bei einem grundlegenden Neubeginn mithelfen zu können und die geistige Revolution der Deutschen mitzubewirken. Die Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Nationalsozialismus hielt er für unumgänglich. Wir sollten "Gerichtstag halten" über alles, was hier inhuman war, Gerichtstag "über uns selbst".

Haben sich Fritz Bauers Erwartungen erfüllt? Kennengelernt habe ich ihn zuerst und vorrangig als Überlebenden der NS-Verbrechen, der Fragen an uns Menschen stellte. Fritz Bauer ließ unsere Geschichte nicht ruhen. Das provozierte das schlechte Gewissen der Täter und Mitläufer des NS-Regimes, die er in den NS -Prozessen mit den Einzelheiten ihrer Verbrechen erneut konfrontierte. Er war der Generalstaatsanwalt, der Auschwitz vor Gericht brachte. Deshalb verfolgten ihn Anfeindungen und Drohbriefe bis zum Tod. Fritz Bauer dem Vergessen zu entreißen und den ihm gebührenden Platz in der deutschen Justizgeschichte zu verschaffen, bedeutet, das wurde mir bei den Recherchen bald klar, alte Wunden aufzureißen. Besonders bei denen, die ihn geliebt haben und die sich nach seinem allzu frühen Tod schwere Vorwürfe machten, ihn im Stich gelassen zu haben. "Was haben wir für ihn getan?", fragte sich damals schon der frühere Ankläger beim Internationalen Nürnberger Gerichtshof, Robert M. W. Kempner (1899-1993), der Bauers drohende Resignation gespürt hatte. In dem hessischen Generalstaatsanwalt sah er den Sprecher der Ermordeten, der sich dafür einsetzte, dass die Überlebenden der Konzentrationslager, die als Zeugen zu den Prozessen nach Deutschland zurückkamen, fürsorglich betreut wurden: "Ideen, an die früher noch niemand gedacht hatte".3

Immer wieder traten Versäumnisse und Hypotheken der juristischen Ahndung des millionenfachen Mordes in den Vordergrund der Biographie Bauers: die gescheiterte Entnazifizierung und Integration der NS-Juristen in die neue Justiz, überhaupt der ehemaligen Nazis in den Beamten- und Verwaltungsapparat - die Unwilligkeit der Justiz und Polizei, der NS-Verbrecher habhaft zu werden und den Massenmord mit den zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln zu ahnden - die erschreckende Gehilfenrechtsprechung in den KZ- und Einsatzgruppenprozessen, die aus Massenmördern lediglich Befehlsvollstrecker und Henkersknechte, Marionetten eines verbrecherischen Regimes machte - und besonders schmerzhaft: das fehlende Mitgefühl mit den Opfern.

Fritz Bauer, dieser Eindruck ließ sich nicht beiseite schieben, war ein Außenseiter und zugleich Prophet im eigenen Land. Leben und Werk waren von zwei Weltkriegen, von Ausgrenzung, Antisemitismus und Judenvernichtung, von Abwehr und Nichtanerkennung des Leids der Opfer und Überlebenden geprägt. Ebenso sehr davon, dass seine Vision, durch historische Forschung und juristische Aufklärung zu einem besseren Verständnis unserer Vergangenheit beizutragen und damit den Ursachen von Inhumanität und Unrecht vorzubeugen, im Wirtschaftswunderland Westdeutschland unerwünscht war. Die übergroße Mehrheit wollte vergessen, so schnell wie möglich einen Schlussstrich ziehen.

Waren Bauers Bemühungen also vergeblich? Was war es eigentlich, das ihn trotzdem vorwärts trieb und nicht aufgeben ließ? Es war ein Bibelwort des Alten Testaments, das die Mutter Ella Bauer dem Knaben zur Antwort gab, als er sich, bedrängt von antisemitischen Attacken seiner Mitschüler, an sie wandte mit der Frage: "Was ist eigentlich Gott"? Fritz Bauer erinnerte sich später ganz wörtlich an diese Szene und bekannte, er habe die Antwort nie vergessen, die zur Richtschnur seines Lebens und seiner Tätigkeit wurde. Sie lautete: "Was Du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!" Schon in diesem frühen Moment fand wohl eine Art Berufswahl statt und fiel die Entscheidung über seine politische Existenz. Denn die damit angesprochene Devise entsprach, aktueller und politischer ausgedrückt, dem Kernsatz unserer Demokratie, wie er seit 1949 im Grundgesetz steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Nach Bauers Rechtsauffassung können Staat und Gesellschaft das Gebot der Nächstenliebe nicht zum Inhalt ihres Rechts machen. Vielmehr müssten sie sich mit einem anderen Gebot begnügen, das da lautet: "Schädige keinen anderen!" Bei dieser Maxime, die in den Weltreligionen seit Jahrtausenden verankert ist und zu bewusstem Handeln in Form eines aktiven Unterlassens auffordert, blieb Bauer Zeit seines Lebens. Die Erfahrung, die er als Jude in Deutschland gemacht hat, bestärkte ihn darin. Bereits in der ersten Schulzeit passierte etwas, das ihn entsprechend warnte. Auf eine knifflige Lehrerfrage hatte nur der kleine Fritz zutreffend geantwortet, was die Mitschüler veranlasste, über den Primus herzufallen und ihm vor lauter Neid vorzuwerfen: "Du und Deine Eltern, ihr habt Christus umgebracht!" Unglücklich suchte der Knabe bei seiner Mutter Trost und, so die spätere Erinnerung: "Damals wollte ich Polizist werden, [.] Die Polizisten sind dazu da, daß niemandem Unrecht geschieht, und ich hatte das Gefühl, es geschehe mir Unrecht."4

Fritz Bauer erlebte die Jahre 1918/19 als fünfzehn-, sechzehn-jähriger Pennäler gemeinsam mit vielen ebenso idealistisch gesinnten Jugendlichen, die glaubten, dass mit dem Umsturz und der Revolution ein Schritt auf dem Weg der Selbsterlösung der Menschheit, ein Sieg des Geistes, der Freiheit und Gerechtigkeit will, zu erringen sei. Damit verbunden war die jugendliche Hoffnung, der neue freiheitliche Geist würde das Zusammenleben der Menschen langfristig verändern und dazu führen, dass alle Deklassierten und Benachteiligten, und darunter auch die Juden, freier, stolzer und selbstbewusster würden leben und wirken können. Insofern kam die sozialistische Idee den Vorstellungen des Schülers Fritz Bauer entgegen, dessen Berufswunsch sich vom ordnungshütenden Polizisten zum Anwalt des Rechts entwickelte. In den zwanziger Jahren waren es vor allem drei Ereignisse, die seine Einstellung zum Juristenberuf und zur Politik in der Weimarer Republik prägten:

Bereits zu Beginn seiner Studien stieß er auf den Juristen Gustav Radbruch, dessen Schriften er (besonders die Einführung in die Rechtswissenschaft) bewegt, ja begeistert gelesen habe. Radbruch unterscheide "zwischen zwei Juristentypen, dem Juristen aus Ordnungssinn und dem aus Freiheitssinn" - und gerade ein solcher wollte er werden.5 Das zweite Ereignis war 1922 das Attentat auf Reichsaußenminister Walter Rathenau, den rechtsextremistische Mörder genau in dem Moment als "Erfüllungspolitiker" beseitigen wollten, als er von den uneinsichtigen Kriegs- und Nachkriegsgegnern Zugeständnisse errungen hatte, die der Republik zum Überleben verhalfen. Die dritte Persönlichkeit schließlich, die Bauers politisches Schicksal bestimmte, wurde Kurt Schumacher, der nach 1920 in Stuttgart zu wirken begann und mit seinen Ideen den werdenden Amtsrichter in seinen Bann zog. Bauer wurde aktives Mitglied in der Republikschutzorganisation "Reichsbanner Schwarz Rot Gold", in Stuttgart 1930 Reichsbanner-Führer, und er wäre 1932/33 bestimmt nicht dagegen gewesen, wenn sich die linken Parteien vereint gegen die Nazis und ihre so genannte "Machtergreifung" geschlagen hätten.

Die Jahre nach 1933 bestärkten ihn in seiner Lebensmaxime, die eine Aufforderung zu mehr Mut und Zivilcourage war. Zu viele machten im nationalsozialistischen Unrechtsstaat mit, schauten weg oder schwiegen: "[.] bei den 'Arisierungen', bei der [.] Umsiedlung und Vertreibung von Millionen, bei harten, mitunter grausamen Gerichtsentscheidungen, [.] in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, bei den Einsatzgruppen des Ostens und bei vielen anderen Unrechtstaten".6

Als Ursache für den Rückfall in die Barbarei sah der Jurist die Auflösung des Rechtsbewusstseins. Er glaubte an die Vernunft und dass das millionenfache Leid der Jahre nach 1933 an das Herz der Menschen appellieren müsse. Indessen bekräftigte ihn die erlebte Wirklichkeit in seiner Skepsis gegenüber "höheren" Werten und angeblich universell gültigen Prinzipien. Moralisch wären die Menschen ja doch verpflichtet gewesen, den bedrängten Juden zu helfen! Auf der lebenslangen Suche nach dem Recht, wie er sein letztes Buch 1965 nannte, bekam Fritz Bauer ein Gefühl für die Vergeblichkeit dieser Suche. Dennoch glaubte er daran, dass sich Gegenwart und Zukunft im Sinne von Recht und Gerechtigkeit gestalten ließen, weil letztlich alle Menschen das richtige, das wahre Recht suchen.

Es war dieser Glaube, sein Idealismus, der Bauer nach KZ-Haft und Exil nach Deutschland zurückkehren ließ. Obgleich ihm die Entscheidung nicht nur schwer fiel, sondern ebenso schwer gemacht wurde. Remigranten wurden in Deutschland nicht mit offenen Armen willkommen geheißen, im Gegenteil. Bauer musste feststellen, dass das schlechte Gewissen der deutschen Bevölkerung mit einer gehörigen Portion Wut verbunden war, und zwar nicht nur wegen der durch die Bombenangriffe angerichteten Zerstörungen, die nun mit einer schier unfasslichen Geschwindigkeit beseitigt wurden. Besonders löste das schlechte Gewissen Abwehr gegenüber den "Anderen" aus, denjenigen, die sich der Anpassung an den Nationalsozialismus widersetzt hatten und die jetzt heimkehren wollten. Und ganz besonders gegenüber den verfolgten und ermordeten Juden, mit deren Schicksal die Deutschen nach 1945 konfrontiert wurden. Ihre Gefühlskälte berührte Fritz Bauer schmerzlich, da er darin die Flucht vor der eigenen Verantwortung erkannte.
Als Fritz Bauer 1949 sein Amt als Landgerichtsdirektor in Braunschweig aufnahm, herrschte bereits Kalter Krieg in voller Stärke. Auf der einen Seite hatte die so genannte "Bewältigung der Vergangenheit" 1949 vielerorts noch gar nicht begonnen, andererseits wurde bereits alles unternommen, um die Entnazifizierung von der Tagesordnung abzusetzen.

Bauer wurde damals in zahlreichen Verfahren ins Jahr 1933 zurückversetzt und mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sich die Justiz als willfähriges Instrument des Naziregimes hatte missbrauchen lassen. Eine Justiz zumal, die nach 1945 nicht ausgetauscht wurde und keine grundlegende Erneuerung erfuhr. In den NS -Prozessen nahm er die besondere Problematik wahr, dass die alltägliche Kriminalität anders bewertet wurde, als wenn es sich um die Kriminalität der Nazi-Verbrecher handelte.

Neben der Selbstaufklärung der Gesellschaft hatten die NS-Prozesse deshalb für Bauer vor allem einen Sinn: dem Widerstandsrecht und Widerstandshandlungen zu neuer Geltung zu verhelfen. Die politischen Entwicklungen in Niedersachsen lieferten ihm rasch Gelegenheit, im Verfahren gegen Otto Ernst Remer, Mitbegründer der im Oktober 1949 gegründeten rechtsextremen und neonazistischen Sozialistischen Reichspartei, ein Exempel zu statuieren.

Noch vor den überraschenden Erfolgen in der Landtagswahl, die Remer nicht zuletzt in der Unterstützung durch Soldatenverbände und rechtsextreme Klüngel fand, hatte dieser 1951 auf einer Großveranstaltung die Männer des 20. Juli 1944 böse geschmäht. Sie hätten Verrat begangen und sich sogar als Landesverräter vom Ausland bezahlen lassen - eine Verunglimpfung, die den CDU-Innenminister des Bundes Robert Lehr zu einer Strafanzeige veranlasste. Das Verfahren endete im März 1952 mit einer vollständigen Rehabilitierung des 20. Juli 1944, nicht zuletzt mit dem Beweis, dass sich die Verschwörer nicht nur für ein baldiges Kriegsende geschlagen hatten (was vielen Hunderttausenden Soldaten das Leben gerettet hätte), sondern ein verbrecherisches Regime beseitigen wollten.

Der zweite Weltkrieg war längst verloren und das deutsche Volk, erklärte Bauer, "total verraten"; schon deshalb sei es gar nicht möglich gewesen, Landesverrat zu üben. Das "Dritte Reich" sei ein "Unrechtsstaat und deswegen sittenwidrig und nichtig gewesen"; ein solcher Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtige jedermann zur Notwehr. Und folglich sei jedermann berechtigt gewesen, "den bedrohten Juden und den bedrohten Intelligenzschichten des Auslands Nothilfe zu gewähren". Ein Hauptsatz seines Plädoyers gipfelte in der Feststellung: "ein Unrechtsstaat wie das Dritte Reich ist überhaupt nicht hochverratsfähig".7
Fritz Bauer wurde durch den Remer-Prozess in der Geschichte der Bundesrepublik zu einem bemerkenswerten, allerdings auch vielfach angefeindeten Ankläger. Er brachte die Zeitgenossen gegen sich auf, weil er erklärte, es wäre das Recht und die Pflicht eines jeden Mitmenschen gewesen, nach 1933 den bedrohten Juden, Sinti und Roma, und überhaupt allen von den Nazis Verfolgten zu helfen. 1956 wechselte er nach Hessen und fortan wurde sein Hauptanliegen, die bis dahin noch von keiner deutschen Staatsanwaltschaft zur Anklage gebrachte, von den Nazis so genannte "Endlösung" vor Gericht zu bringen.

Bei seinen Bemühungen kamen ihm mehrfach Zufälle zu Hilfe. Speziell im Fall des Deportationsspezialisten Adolf Eichmann. Frühzeitig informierte ein ehemaliger KZ -Häftling Fritz Bauer über den argentinischen Aufenthaltsort des ehemaligen SS-Obersturmbannführers. Und wenn man auch nicht ganz genau weiß, welche Organe Bauer mit seinen Informationen belieferte - jedenfalls hatte er entscheidenden Anteil daran, dass die Israelis Eichmann zu fassen bekamen. Weniger Glück hatte er in den Fällen Mengele und Bormann.

Zufälle kamen Bauer auch in Deutschland zu Hilfe. Vor allem, als es ihm 1959 gelang, die Zuständigkeit seiner Behörde für die Ermittlungen gegen die Auschwitz -Täter zu erlangen. Vielfältigkeit und Umfang seiner pausenlosen Ermittlungstätigkeit lassen sich kaum darstellen. Sie führten zu diversen Verhaftungen ehemaliger Auschwitz-Funktionäre. Nicht zuletzt brachte er es mit Unterstützung Hermann Langbeins (1912-1995), des Generalsekretärs des Internationalen Auschwitz-Komitees in Wien, fertig, dass 211 Überlebende im Frankfurter Auschwitz-Prozess aussagten. Es wurde, zwei Jahre nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem, das bis dahin umfangreichste Schwurgerichtsverfahren in der deutschen Justizgeschichte.8

Verurteilt wurden schließlich zwanzig Auschwitz-Verbrecher, die, so ihre sture Verteidigung, immer und alles nur unter strikten Befehlen ausgeführt hatten. Befehl sei Befehl und Gesetz sei Gesetz. Die größte Last nahmen die Überlebenden auf sich, die ihr unermessliches Leid noch einmal aufleben ließen. Zusammen mit den Zeithistorikern, die Bauer als sachverständige Gutachter aufgeboten hatte, wurde ein Totalbild der so genannten "Endlösung" enthüllt.9 Das Urteil fiel am 20./21. August 1965. Von jetzt an konnte alle Welt wissen, was Auschwitz war - niemand kann das mehr leugnen!

Konnte Generalstaatsanwalt Bauer nicht zufrieden sein? Er war es - und er war es nicht. Für ihn war jeder Auschwitz-Funktionär, waren alle Angeklagten Täter. Für das Gericht aber galten zehn, also die Hälfte, nur als Gehilfen, was leider die inzwischen von der höchsten deutschen Rechtsprechung, dem Bundesgerichtshof, eingeführte und damit gewissermaßen verordnete Praxis der so genannten Gehilfenrechtsprechung unterbaute und bekräftigte.

Fritz Bauer hat nicht nur den Auschwitz-Prozess auf den Weg gebracht, sondern so viele weitere Verfahren, dass deren Dokumente, setzt man sie wie ein Mosaik zusammen, ein Schreckensbild des NS-Unrechts auf fast allen Lebensgebieten ergeben. Mit den Prozessen wollte er nicht in erster Linie verurteilen, sondern uns zeigen, "wie dünn die Haut der Zivilisation war und ist", "was Menschsein in Wahrheit bedeuten sollte, und was wir zu lernen haben".10 Er wollte, dass wir erkennen, dass Auschwitz etwas mit dem Menschen selbst zu tun hat. Die Wurzeln nationalsozialistischen Handelns erkannte er in autoritärer Staatsgläubigkeit und mangelnder Zivilcourage. Mit allen Kräften setzte er sich für die staatsrechtliche und politische Anerkennung des Widerstands ein. Einer seiner letzten Vorträge ging folglich nicht von ungefähr über das Thema "Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart".11 Auf die aktuellen Verhältnisse übergehend, betonte Bauer, dass unser Staat, unser Recht, unser heutiges Grundgesetz "eine Pflicht zum Ungehorsam" fordere, sowohl im Beamten- wie im Soldatengesetz. Wohlverstanden, ein Recht auf Befehlsverweigerung und Ungehorsam, "wenn ein Befehl [.] die Menschenwürde verletzt". Zum Schluss folgerte er: "Unsere Strafprozesse gegen die NS-Täter beruhen ausnahmslos auf der Annahme einer solchen Pflicht zum Ungehorsam."

Die von den Nazi-Tätern immer wieder präsentierte Entschuldigung, sie hätten nur ihre Pflicht getan, war unverantwortlich. Sie selber und unsere Gerichte sahen von der eigenen Geschichte ab. Fritz Bauer hingegen blieb bei dem von seiner Mutter in frühester Jugend übernommenen Lebensmotto: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu." Es war eine mutige Entscheidung, mit der er sich als Mensch bewies.

(Irmtrud Wojak)


1 Vgl. die Lebensgeschichte Bauers und hier verwendete Zitate in: Irmtrud Wojak, Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biographie. München 2009.

2 Zitat aus einem unbetitelten Artikel von F. Bauer für die Deutsche Post, Jg. 14 (1962), H. 24, S. 657f.

3 Vgl. Hessisches Ministerium der Justiz (Hg.), Fritz Bauer. In memoriam. Wiesbaden 1969, S.25.

4 Fritz Bauer, "Im Kampf um des Menschen Rechte", in: ders., Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften. Hg. v. Joachim Perels und Irmtrud Wojak. Frankfurt/M., New York 1998, S. 37-49, hier S. 38.

5 Bauer, "Im Kampf um des Menschen Rechte", S. 41.

6 Fritz Bauer, Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns. Hg. v. Landesjugendring Rheinland-Pfalz, Mainz 1961, S. 32.

7 Fritz Bauer, "Eine Grenze hat Tyrannenmacht", in: ders., Die Humanität der Rechtsordnung, S. 169-179, hier S. 177.

8 Siehe dazu Irmtrud Wojak (Hg.), Auschwitz-Prozeß. 4 Ks 2/63. Frankfurt am Main. Köln 2004.

9 Die Gutachten wurden veröffentlicht und seither immer wieder neuaufgelegt. Vgl. Hans Buchheim, Martin Broszat, Hans Adolf Jacobsen und Helmut Krausnick, Anatomie des SS-Staates. Bd. 1 und 2. Olten und Freiburg im Breisgau 1965 (Orig.).

10 Fritz Bauer, "Antinazistische Prozesse und politisches Bewusstsein", in: Hermann Huss, Andreas Schröder (Hg.), Antisemitismus. Zur Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main 1965, S. 168-193, hier S. 176.

11 Vgl. die folgenden Zitate in: Fritz Bauer, "Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart", in: Vorgänge, (1968), H. 8/9, S. 286-292.