Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Eine würdige Mahn- und Gedenkstätte für die
Wattenscheider Opfer des Holocaust

Seit 1551 ist jüdisches Leben in Wattenscheid dokumentiert durch den "Clevischen Schutzjuden Seligmann" "Ihre Zahl ist zunächst gering. 1642 werden in der Freiheit zwei jüdische Familien gezählt, 1728 sind es schon 10 Familien. Um 1834 zählt die jüdische Gemeinde im Amt 102 Mitglieder, das waren 2% der Gesamtbevölkerung." "Durch "Allerhöchste Kabinettsorder vom 27.12.1827" wird ihnen von Friedrich Wilhelm III. die Erlaubnis zum "Erwerb von Grundeigentum behufs des Baues einer Synagoge" erteilt. Ausdrücklich wird angeordnet, das jüdische Gotteshaus so zu errichten, dass "es ein wenig außerhalb der Freiheit zu liegen habe und als Synagoge nicht kenntlich zu machen sei". Abraham Koppe, der damalige Vorsteher der jüdischen Gemeinde, kauft in ihrem Auftrag ein Gebäude am Rande der Freiheit, südlich der Oststraße zwischen der Katharinengasse und Braugasse. 1829 wird die Synagoge eingeweiht. Am 10. Nov. 1938 - einen Tag nach der Pogromnacht - wurde sie angezündet und zu 85 Prozent zerstört. Die restlichen Grundmauern bildeten bis Ende der siebziger Jahre das Fundament einer Lagerhalle.

Damit endete erst einmal, was öffentlich an jüdisches Leben in Wattenscheid erinnerte.

Auf dem Gelände der Synagoge und dem angrenzenden Areal entstand eine neue Wohnbebauung, die von der Oststraße durch einen Torbogen zugängig ist. Viele Jahre haben Wattenscheider BürgerInnen durch Anträge an den Rat der Stadt und die Bezirksvertretung versucht, den Ort, an dem die Synagoge gestanden hatte, durch ein Denkmal zu würdigen, was aber zunächst aus finanziellen Gründen abgelehnt wurde. Die Stadt brachte 1990 lediglich an einer Seite der Passage zum Brauhof eine Tafel an, die in deutscher und hebräischer Schrift an die Zerstörung 1938 erinnerte. Diese Tafel wurde immer wieder beschädigt und beschmiert. Nach den Gedenkveranstaltungen zum Pogrom im November wurden oft die Kränze angezündet. Diese Situationen und die unangemessene Gedenktafel ließen vor allem Mitglieder der Antifaschisten und des Wattenscheider Bürgervereins nicht ruhen. 2007 forderte der 79-jährige Hannes Bienert, Mitbegründer der Wattenscheider Antifaschisten und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN), in einem Bürgerantrag eine würdige Gedenkstätte auf dem hinter der Passage gelegenen Nivellesplatz, dem Innenhof der neuen Wohnbebauung. Dem Antrag lagen genaue Vorstellungen über die Gedenkstätte bei. Sie sollte eine Darstellung der Synagoge zeigen, sowie die Namen aller 87 bekannten Wattenscheider Opfer des Holocaust und die Aufforderung aus einem Gedicht von Stephan Hermlin: "Die Erinnerung muss das Vergessen besiegen". Bei der Mehrheit in der Bezirksvertretung fanden die Ideen Zustimmung. Durch die Kulturverwaltung wurden erste Kosten ermittelt, die um 10.000 _ lagen. Damit dieses Mahnmal nicht an der schwierigen finanziellen Lage der Stadt scheitern sollte, wurden Buttons verkauft, Bittbriefe an heimische Unternehmen versandt und aktiv Spenden gesammelt.

In einer besonderen Veranstaltung zum 9. November 2008 zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht wurden in einem Benefizkonzert mit Lesungen in der Friedenskirche weitere Gelder gesammelt. Mitglieder der Bochumer Symphoniker spielten Stücke der beiden jüdischen Komponisten Hans Krasa und Gideon Klein, die diese im KZ Theresienstadt komponiert hatten. Ulrike Migdal, Bochumer Schriftstellerin, las aus ihrem Buch, "Wann wohl das Leid ein Ende hat" in dem sie aus Briefen und Gedichten von Ilse Weber zitierte, die diese in Theresienstadt geschrieben hatte.

Eine Kommission aus Initiatoren, Jüdischer Gemeinde, Stadtverwaltung und Heimatverein hatten sich inzwischen auf den Ort und die Entwürfe geeinigt. Die Kosten von nunmehr ca. 8000 Euro sollten nach Vorstellung der Verwaltung gedrittelt werden: Kulturamt, Bezirksvertretung, Antifa

Drei Steelen. Die drei Stelen aus Glas: in der Mitte ein Bild der alten Synagoge, rechts und links mit den Namen der ermordeten jüdischen WattenscheiderInnen Aufgenommen am Pogrom-Gedenktag 9. Nov. 2012

Hannes Bienert hatte ursprünglich gehofft, die Gedenkstätte zum 70 Jahrestag der Pogrome 2008 realisieren zu können. Als nun die Zuschüsse der Stadt u. a. aufgrund einer drohenden Haushaltssperre auf sich warten ließen, machte er sich erneut und unermüdlich ans Spendensammeln. Ca. 3000 Euro waren inzwischen zusammen gekommen, aber der größte Teil fehlte, den letztendlich die Wattenscheider Glasfirma Nowak als Sachleistung spendete; sie fertigte die Stelen. Auf eine ganz besondere Geschichte zur Erstellung der Stelen weist Stefan Nowak hin. Die eine der drei Stelen konnte nur angefertigt werden mit einer "hypermodernen, gigantischen Maschine" mit der es möglich war, "das einzig noch erhaltene Bild der Wattenscheider Synagoge auf eine der drei gläsernen Stelen zu projizieren" Von diesen Maschinen gibt "es auf der ganzen Welt nur eine Handvoll". Und diese Maschine kommt aus Israel! Mit Hilfe von Sach- und Geldspenden von Firmen und vielen 'Kleinspendern' gelang es schließlich, die Gedenkstätte ganz ohne öffentliche Gelder zu finanzieren. Endlich im Jahre 2009 konn-ten die drei gläsernen Stelen mit dem Foto der Synagoge und den Namen der 87 Opfer eingeweiht werden. Oberbürgermeisterin Dr. Scholz wies darauf hin "Diese Stelen sind nicht nur Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, sondern sie stehen zugleich für vorbildliches bürgerschaftliches Engagement. "Der israelische Botschafter sah "ihre Bedeutung . nicht nur im unmittelbaren Zusammenhang der ehemaligen jüdischen Gemeinde Wattenscheids, sondern im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Deutschland und innerhalb des komplexen Zusammenlebens aller Menschen." Er bekräftigte, dass die Stelen "weit über Wattenscheid hinausweisen". Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Bochum, Herne, Hattingen hoffte, "dass dieses ein Ort zur Verständigung und zum gegenseitigen Verständnis der jüdischen und nichtjüdischen Bürger Wattenscheids und Bochums wird".

Inzwischen finden die Gedenkveranstaltungen zum 9. November an dieser sehr beeindruckenden Mahn- und Gedenkstätte statt. So konnte 2010 das erste Mal wieder ein "Minjan" abgehalten werden (wir berichteten 2011 in unserem Mitteilungsblatt darüber.) Regelmäßig berichten überlebende Mitglieder der neuen Gemeinde, die v. a. aus der Ukraine kommen, bei diesen Veranstaltungen von ihren leidvollen Erfahrungen aus dem Holocaust, schaffen mit Gesängen ihrer Heimat eine intensive Atmosphäre.

(Günter Nierstenhöfer)