Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Nora Platiel geb. Block (1896- -1979)
Sozialdemokratische Politikerin - Juristin - Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus 1

Seit 1986 gibt es auf dem Gelände der Universität Kassel und seit 2007 in der Gemeinde Lohfelden bei Kassel die Nora-Platiel-Straße. Nora Platiel ist Trägerin des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. 1966 erhielt sie mit der Goethe-Plakette die höchste Auszeichnung des hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und 1969 wurde ihr mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille die höchste politische Auszeichnung des Landes Hessen überreicht.

Wer war diese hoch geehrte Frau, die in ihrer Geburtsstadt Bochum heute kaum noch jemand kennt?

Nora Platiel wurde am 14. Januar 1896 als Eleonore - Nora - Block als achtes von zwölf Kindern des Bendix Block und der Therese Block geb. Mayer in Bochum geboren. Die Eltern betrieben ein Bekleidungsgeschäft in der Oberen Markstraße 26, heute Bongardstraße: Man verkaufte Herren- und Knabenanzüge, Berufskleidung (vor allem Grubenhemden), Überzieher, Mützen und Hüte. Innerhalb der jüdischen Gemeinde galt die Familie als bürgerlich-liberal. 1912 starb Bendix Block an einem Gallenleiden. Bereits vor seinem Tod hatte er das Konfektionsgeschäft aufgegeben und eine Reklamefirma aufgebaut. Nora verließ das Lyzeum, übernahm im elterlichen Betrieb immer größere Verantwortung, vor allem, nachdem ab 1914 die drei ältesten Brüder Soldaten geworden waren. Als der Betrieb 1917 nicht mehr zu halten war, brach Nora Block ihre Zelte in Bochum ab und verpflichtete sich freiwillig für den internationalen Kriegshilfsdienst in Rumänien, arbeitete dort als Sekretärin. Nach dem Krieg folgte Nora ihrem älteren Bruder Max - er wurde später in Auschwitz ermordet - nach Berlin. Als Sekretärin konnte sie bei der Frauenrechtlerin Helene Stöcker und bei der Schulreformerin Elisabeth Rotten arbeiten. Die Namen der beiden Frauen standen seit dem Ersten Weltkrieg nicht nur für ein entschiedenes Eintreten gegen Krieg und Nationalismus, sondern auch für ein radikales Engagement in der Frauenbewegung. Die Begegnung mit ihnen bestimmte noch Jahre später das politisches Engagement und Denken von Nora Block. Von Helene Stöcker ermutigt, holte Nora 1922 in Berlin das Abitur nach. Im gleichen Jahr wurde sie Mitglied der SPD.

Nora Block studierte zunächst in Frankfurt a.M. Nationalökonomie, wechselte aber bald nach Göttingen, um Jura und Rechtsphilosophie zu studieren. "Meine Wahl des Anwaltsberufes geschah unter dem Gesichtspunkt, mich für die Durchsetzung des Rechts in der Gesellschaft einzusetzen", begründete sie später diese Entscheidung. In Göttingen schloss sich Nora Block dem Philosophen Leonard Nelson an. Nelson hatte den "Internationalen Jugendbund (IJB)" gegründet, der als Teil des linken Flügels der SPD auftrat. Nelsons umfassende Idee des "ethischen Sozialismus" wurde prägend für Nora Blocks ganzes späteres Leben, ein unablässiges Engagement für den Sozialismus ging damit einher. 1927 legte Nora Block in Celle das Staatsexamen ab, ging zurück nach Bochum, absolviert am dortigen Amts- und Landgericht ihre praktische juristische Ausbildung. Ihr Referendariat macht sie dann in Kassel bei dem angesehenen Rechtsanwalt und Sozialisten Erich Lewinski. Durch Lewinski lernt sie auch den Rechtsreferendar Georg August Zinn kennen, den späteren hessischen Ministerpräsidenten. Aus dieser frühen Bekanntschaft mit Zinn entstand später während ihrer Zeit als hessische SPD-Politikerin eine bis zu Zinns Tod andauernde tiefe Freundschaft. 1931 kehrte Nora Block nach Bochum zurück, eröffnete in der Wilhelmstraße - heute Huestraße - ein Anwaltsbüro und zog zu ihrer Mutter Therese Block, die inzwischen in der Neustraße 18 wohnte. Sie widmete sich zwei politischen Aufgaben: Sie arbeitete als Strafverteidigerin vorwiegend in politischen Prozessen und sie baute eine Ortsgruppe des ISK auf, des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), der von Nelson 1926 gegründet worden war, nachdem die SPD den Internationalen Jugendbund (IJB) aus der Partei ausgeschlossen hatte.

Für Nora Block, die sich als Sozialistin leidenschaftlich für Recht, Gerechtigkeit und Freiheit einsetzte, war es nur konsequent, dass sie vor allem Kommunisten, Sozialisten und andere Antifaschisten verteidigte. Als einzige Frau unter den zugelassenen Anwälten Bochums, wurden die Nazis rasch auf sie aufmerksam, wurde sie ihnen bald als Jüdin und politische Anwältin, wie sie selber später schreibt, "ein Dorn im Auge." Nora Block war auch publizistisch tätig. In ihren Texten wird deutlich, dass sie ihre juristische Arbeit als Teil ihres politischen Kampfes gegen den bedrohlichen Vormarsch des Faschismus und gegen eine ihn begünstigende Justiz verstand. Nora Block konnte nur kurze Zeit als Anwältin in Bochum arbeiten. Später erinnerte sie sich: "Da ich in zahlreichen politischen Strafprozessen gegen die nationalsozialistische Regierung aufgetreten war, auch als politische Gegnerin des Nationalsozialismus schon vor 1933 gegen die Bewegung öffentlich aufgetreten war, wurde ich persönlich verfolgt. Gleich nach der Machtergreifung kamen wiederholt bewaffnete SS-Leute in meine Wohnung, um mich zu verhaften." Und weiter: "Genossen warnten mich, in Bochum zu bleiben. Nächtelang haben wir Material verbrannt. Weil ich erklärte, an einem Kursus über Rechtsfragen in Frankreich teilnehmen zu wollen, erhielt ich einen gültigen Paß." In den ersten Märztagen 1933 floh Nora Block nach Frankreich, hoffend, bald wieder nach Bochum zurückkehren zu können. Aus der Flucht für einige Wochen wurden 16 Jahre Exil.

Im Exil wurde Nora Block in vielfältiger Weise aktiv im Widerstand gegen das faschistische Deutschland. Dabei hielt sie engen Kontakt mit den Nelson-Anhängern, die mit ihr emigrieren mussten. Sie war in Flüchtlingsorganisationen aktiv und veröffentlichte u.a. Artikel in der Exilzeitschrift "Sozialistische Warte". Mit 38 Jahren bekam sie ihren Sohn Roger, den sie aufgrund der teils schwierigen und gefährlichen Situation des Exillebens schweren Herzens in die Obhut eines Wohnheimes für Exilkinder geben musste. Dass dies eine gute Entscheidung war, zeigte sich 1940: Sie wurde verhaftete und im Lager Gurs interniert. Sie konnte jedoch nach Montauban fliehen, dort war sie einige Zeit als Flüchtlingsfürsorgerin tätig.

Im Januar 1943 heiratete sie in Montauban Hermann Platiel. Doch die beiden konnten nur für kurze Zeit zusammenleben, sie wurden während einer Razzia getrennt. Nora gelang die Flucht in die Schweiz. Erst nach dem Krieg kamen sie dort wieder zusammen, auch mit Noras Sohn Roger. Nora und Hermann Platiel arbeiteten beim Arbeiterhilfswerk in der Abteilung Wiederaufbau. Doch ihr eigener Aufenthaltsstatus wurde zunehmend unsicherer und so versuchten sie, sich eine neue Existenz in Frankreich oder Deutschland aufzubauen. Sie wollten beim Wiederaufbau Europas mitwirken.

Erst1949 kehrten Nora und Hermann Platiel mit ihrem Sohn auf Betreiben von Georg August Zinn und Erich Lewinski - alten Freunden aus Noras Referendariatszeit - nach Deutschland zurück. Vier Jahre waren seit dem Kriegsende vergangen. Einer sofortigen Rückkehr im Jahre 1945 standen sowohl die Fülle der im schweizerischen Arbeiterhilfswerk zu leistenden Aufgaben, ihre anfängliche Orientierung auf Frankreich als auch die Unentschlossenheit des Nachkriegsdeutschland entgegen, seine politischen Flüchtlinge zurückzuholen. Nicht nur die Alliierten hatten Vorbehalte gegenüber den "Linken", und so wird häufig ein im Schnellverfahren "Entnazifizierter" einem Emigranten vorgezogen. Nach Bochum wollte Nora Block auf keinen Fall zurück, weil die Erinnerungen an ihre Verfolgung durch die Nazis dort noch zu lebendig waren - so schreibt sie1948 aus der Schweiz an den damaligen Justizminister Zinn in Hessen. Und sie erinnerte sich auch an die antisemitischen Schmähungen, die sie als Kind und Jugendliche in Bochum hatte erleben müssen. Nora Platiel orientierte sich deshalb vor allem nach Kassel. Hier nahm sie die Stelle einer Landgerichtsrätin an. Sie suchte und fand schnell Anschluss an die SPD, die sie, wie es heißt, begeistert empfing. Ab 1950 spielte Nora Platiel in der Kasseler Öffentlichkeit eine hervorgehobene Rolle: Sie trat bei Gewerkschaftstreffen auf, nahm an Kundgebungen teil und wurde vor allem die zentrale Rednerin des Internationalen Frauentags, der in den fünfziger Jahren in Kassel noch mit allem Nachdruck von seiten des SPD-regierten Magistrats gefeiert wurde. 1951 wurde sie die erste Landgerichtsdirektorin in Hessen. Die Juristin galt als Expertin in Rechts- und Frauenfragen. Ihr Engagement für die Frauen beschränkte sich jedoch nicht nur auf das Recht der Menschen, in Frieden zu leben und die Mitverantwortung der weiblichen Bürgerinnen, sich für eine Friedenssicherung einzusetzen. Als Juristin mischt sich Nora Platiel auch in die aktuelle Familien- und Arbeitsrechtsdiskussion mit Blick auf die Benachteiligung der Frauen ein. So legt sie in einer Rundfunkansprache 1952 die Gleichberechtigung in der Ehe als moralische und politische Forderung dar. Weitere Anstrengungen Nora Platiels richteten sich vor allem auf die rechtliche und finanzielle Wiedergutmachung der NS-Verbrechen. 1954 wagte Nora Platiel endgültig den Schritt zur hauptamtlichen Politikerin. Während drei aufeinanderfolgenden Legislaturperioden wurde sie in den hessischen Landtag gewählt, sechs Jahre davon war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD. Ihre parlamentarische Arbeit konzentrierte sich auf die Rechts- und Kulturpolitik in Hessen. Ihrem Engagement ist es maßgeblich zu verdanken, dass Hessen recht bald nach dem Krieg wieder auf eine gute kulturelle Infrastruktur verweisen konnte. Vor allem aber setzte Nora Platiel sich als Politikerin für die Kontaktaufnahme mit Israel ein und unternahm selbst zahlreiche Reisen dorthin. Ihr Einsatz für die Verständigung mit Israel resultierte nicht zuletzt aus ihrer eigenen Geschichte. Wie ein roter Faden ziehen sich ihre Kindheitserfahrungen mit dem Antisemitismus über ihre Verfolgung als Jüdin durch das Nazi-Regime und ihre Auseinandersetzung mit "Nazi-Richtern" und Nazi-Politikern" der Nachkriegszeit bis hin zu den zahlreichen Israel-Kontakten in den sechziger und siebziger Jahren durch das Leben Nora Platiels. Ein Ausdruck dieses Israel-Engagements ist die 1966 in Kassel gezeigte Ausstellung "Graphik und Zeichnung israelischer Künstler", die Nora Platiel als Vorsitzende des Kassseler Kunstvereins organisierte, die ein großer Erfolg war und ihr die Anerkennungsurkunde der Hebräischen Universität Jerusalem einbrachte.

1962 kandidierte Nota Platiel für das Amt der Landtagspräsidentin - eine Aufgabe, die ihrer Souveränität und ihrer Lebenserfahrung entsprochen hätte. Aber sie unterlag bei der Wahl mit einer Stimme Abstand zu ihrem Gegenkandidaten, was nicht nur ihre Parteifreunde bedauerten.

Als sie 1966 - nach zwölf Jahren Landtagsarbeit im Parlament und in zahlreichen Kommissionen - Wiesbaden verließ, wurde dies in einem Zeitungsartikel so kommentiert:

"Da ist die zierliche Dame aus Kassel, Nora Platiel, deren körperliche Fragilität in stärkstem Kontrast zu ihrer rednerischen Begabung stand. Die beste Rednerin des Parlaments! Ihre Stimme füllte, sie sprach ohne Konzept. Eine Freude, ihr zuzuhören. Eine Abgeordnete mit Substanz, Grundsätzen und auch Eigenwilligkeit. Eine geistige Frau!"

Ende der sechziger Jahren geriet Nora Platiel in eine innere Opposition zu ihrer Partei, der sie 1922 beigetreten war. Sie beklagte in einem Brief Tendenzen der Politik der "Großen Koalition": Sie kritisierte die Notstandgesetze, stellte die Autoritätsansprüche der "Eminenzen" in Frage. Sie schrieb auch: "Mit der kritischen, suchenden Jugend aber fühle ich mich verbunden." Bedeutsam erscheint, dass weder Nora noch Hermann Platiel sich aufgrund der Distanz zur öffentlichen SPD-Politik frustriert zurückzogen, sondern dass sie vom Ende der sechziger Jahre an junge Leute um sich versammelten, um sie in ihrem kritischen Denken zu unterstützen und sie zum Weiterdenken zu animieren.

Nora Platiels letztes Lebensjahr wurde überschattet durch den frühen Tod des geliebten Sohnes Roger im Jahre 1978, der gerade im Begriff war, eine internationale Karriere als Künstler zu machen.

Nora Platiel geb. Block starb am 6. September 1979 in Kassel.

(Hubert Schneider)

1 Zu Nora Platiel-Block gibt es eine Monographie: Helga Haas-Rietschel/Sabine Hering: Nora Platiel. Sozialistin - Emigrantin - Politikerin. Eine Biographie, Köln 1990. Die wesentlichen Informationen, vor allem die wörtlichen Zitate, sind dieser Publikation entnommen.