Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2013                          Nr. 17

Inhaltsverzeichnins

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

Veranstaltung zum 9. November 2012:

    Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2012 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Die Veranstaltung begann in diesem Jahr wegen des beginnenden Schabbat bereits um 15 Uhr. Erinnert wurde an die großen drei Deportationen Bochumer Juden nach Riga, Zamosc und Theresienstadt im Jahre 1942. Schülerinnen der Melanchthon-Gemeinde haben sich dabei vor allem mit dem Schicksal der Fanny Rath - die Familie besaß ein Möbelgeschäft in der Brückstraße - beschäftigt, die im Januar 1942 nach Riga deportiert wurde und dort unter nie geklärten Umständen ums Leben kam. Die Schüler trugen während der Veranstaltung die Ergebnisse ihrer Bemühungen vor. Den hohen Stellenwert, den die Gedenkveranstaltung inzwischen in der Stadt spielt, unterstrichen auch die Ansprachen der Oberbürgermeisterin, Frau Dr. Scholz, und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, Herrn Grigory Rabinovich. Das Totengebet (Kaddisch) sprach Herr Aaron Naor von der jüdischen Gemeinde. Artur Libischewski vom Kinder- und Jugendring Bochum e.V. moderierte die Veranstaltung. Im umfassenden Rahmenprogramm zu dem Gedenktag war unser Verein mit 3 Veranstaltungen beteiligt:

      Bereits um 13 Uhr des 9. November hatte Hubert Schneider einen sehr gut besuchten Rundgang zu denin Bochum verlegten Stolpersteinen durchgeführt. Solche Rundgänge sind inzwischen November geworden.

      Am 6. November hielt Hubert Schneider in der Evangelischen Stadtakademie einen Vortrag zum Thema "Juden in Bochum nach 1945".

      Am 15. November wurde im Stadtarchiv der Spielfilm "Ehe im Schatten" aus dem Jahre 1946 gezeigt. Dabei geht es um das Schicksal des Schauspielerpaares Gottschalk-Wolff. Meta Wolff stammte aus Bochum. Hubert Schneider führte in den Film ein und berichtete über das Schicksal der Bochumer Familie Wolff.?

    Das Projekt Stolpersteine wurde 2012 fortgeführt: Am 21. September war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 10 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten am 7. November ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem Heft genannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden sollen, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden: www.Bochum.de/Stolpersteine?

    Das Interesse an einer Besichtigung der neuen Synagoge ist in der Bevölkerung nach wie vor groß: Bisher wurden einige hundert Führungen durchgeführt. Die Gruppen - Schulklassen, Vereine, Einzelpersonen - melden sich bei der jüdischen Gemeinde oder bei städtischen Einrichtungen - zum Beispiel bei der Volkshochschule - an. Die gemachten Erfahrungen sind durchaus positiv, zeigen aber auch, wie gering das Wissen über jüdisches Leben in der Bevölkerung ist. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die Führungen mit jungen Leuten. Dabei besteht die Hoffnung, dass diese Gruppen, wenn sie etwas erfahren über Judentum und jüdisches Leben, weniger anfällig sind für die Propaganda rechter Gruppierungen, die ihre Aktivitäten ja gerade auf Jugendliche ausrichten. In diesem Sinne sind solche Führungen durch die Synagoge auch politische Aufklärungsarbeit.

    Bisher wurden die Führungen von 3 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und 5 Mitgliedern des Freundeskreises Bochumer Synagoge, darunter auch Hubert Schneider, durchgeführt. Inzwischen ist die jüdische Gemeinde in der Lage, alle Führungen durch ihre Gemeindemitglieder gestalten zu lassen.

    - Im letzten Heft hatte Manfred Keller das vom Freundeskreis Bochumer Synagoge herausgegebene Buch "Die neue Synagoge" vorgestellt, das ja auch an die Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde in aller Welt verschickt worden war. Das Buch wurde sehr positiv aufgenommen. An den Verein bzw. den Freundeskreis schrieben: Magret Gil-Michels aus Israel, Miriam Kleineibst aus Südafrika, Paul Wassermann aus London, Dr. Cohn aus den USA, Walter Schoenholz aus den USA, Frau Szlamazarnik und Frau Silbermann aus Argentinien, Frau Pollak aus Wien, Frau Cahn und Frau Deutch aus den USA.

    Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

    Auch Anfragen aus dem In- und Ausland zu jüdischem Leben in Bochum erreichten uns. Einige seien hier genannt:

        Nachfahren der Familie Günzburger, die sich mit der Familiengeschichte beschäftigen, meldeten sich bei uns. Wir konnten bei ihren Recherchen helfen.
        Aus Dresden kam eine Anfrage zur Familie Hähnlein. Der Sohn Victor Hähnlein lebte als Arzt in Dresden, ihm gelang von dort aus mit Frau und 2 Kindern die Flucht in die USA. Wir konnten unsere umfassenden Recherchen zur Bochumer Familie Hähnlein zur Verfügung stellen.
        Aus Bayreuth kam eine Anfrage zur Familie Reichnberg. Paula Reichenberg ist in Bayreuth geboren. In unserem Archiv liegen ja viele Dokumente zu dieser Familie.
        Frau Schindewolf aus Bochum konnte - mit unserer Unterstützung erfolgreich ihre Nachforschungen zum Schicksal ihres Vaters fortsetzen.
        Frau Hanusch von der WAZ hat mit unserer Untrstützung einen Artikel zu jüdischem Leben in Bochum veröffentlicht. Sie hat uns den Artikel zugeschickt.
        Frau Brändle aus Süddeutschland erforscht das Schicksal der Juden aus Pforzheim. Dabei stieß sie auf Ernst Block aus Bochum - Bruder von u.al. Emmi Block vom früheren Moltkemarkt, heute Springerplatz, der dort eine Metzgerlehre machte. Ernst Block gelang Anfang der dreißiger Jahre die Flucht nach Argentinien. Dokumente zu Ernst Block haben wir nicht. Wir konnten Frau Brändle aber Informationen geben, die wir von der inzwischen verstorbenen Emi Block erhalten haben.

    Roberta Hall-Bass aus den USA hat sich wieder gemeldet. Wir hatten ihr vor einigen Jahren geholfen, die Geschichte der Familie Halle zu erforschen - Ausgangspunkt war damals ein Grab auf dem hiesigen jüdischen Friedhof. Frau Bass ist jetzt auf der Suche nach Unterlagen zu einem Großonkel Emil Halle, der vor 1914 in Argentinien ums Leben gekommen ist. Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass im Bundesarchiv in Berlin eine Akte zum Fall des Emil Halle liegt. Der Kontakt zwischen Frau Halle-Bass und dem Bundesarchiv wurde von uns vermittelt.

    Aus Berlin kam eine Anfrage von Herrn Schwing. Er arbeitet über die Berliner jüdische Familie Apfel. Frau Apfel ist eine geborene Schoenewald. Die Anfrage lautete: Hat Frau Apfel etwas mit Siegmund Schoenewald in Bochum zu tun? Der folgende Kontakt bestätigte diese Annahme, führte auch dazu, dass es zu Kontakten mit Caroline Field, einer Enkeltochter von Siegmunds Bruder Sally Schoenewald kam, die ein umfassendes Familienalbum besitzt. Von Siegmund und Ottilie Schoenewald hatten wir bisher nur ganz wenige Fotos. Herr Schwind hat uns jetzt zahlreiche Fotos geschickt, das letzte stammt aus dem Jahre 1937: Auf ihm sind die Brüder Siegmund und Sally Schoenewald mit ihren Frauen während eines Ferienaufenthalts zu sehen. Der Kontakt wird fortgesetzt.

    Ein Filmteam aus Los Angeles möchte einen Dokumentarfilm zu jüdischem Leben nach 1930 in unserer Region drehen. Drei Leute waren als Vorhut hier, um zu recherchieren. Hubert Schneider betreute die Gruppe, verwies sie anschließ0en d an Ralf Piorr in Herne.

    Anlässlich des 150. Jahrestages der Parteigründung publizieren die Bochumer Sozialdemokraten ein Buch: Bochumer Profile.Die ersten 150 Jahre Sozialdemokratie. Hubert Schneider schrieb 2 Artikel: Zu Nora Block-Platiel und zu Dr. Carl Rawitzki.

    Am 18. April 2013 vor 50 Jahren starb der Ehrenbürger der Stadt Bochum, Dr. Carl Rawitzki. Aus diesem Anlass hielt Hubert Schneider an diesem Tag einen Vortrag im Stadtarchiv. In erweiterter Form wird der Text im nächsten Heft der "Bochumer Zeitpunkte" veröffentlicht.

    Das jüdische Museum in Dorsten plant eine Ausstellung und eine Veröffentlichung zum Thema "Juden in der Kommunalpolitik". Hubert Schneider hat hierfür einen Artikel über den Bochumer Kommunalpolitiker Dr. Carl Rawitzki geschrieben.

    In diesen Tagen wird die 3. Stele des von der Evangelischen Stadtakademie initiierten Stationenweges an der Bochumer Goethestraße aufgestellt: Juden in der Goethestraße. Sie ist von Lehrern und Schülern der Goethestraße mit Materialien aus dem Archiv unseres Vereins erarbeitet worden. Das wird auch auf der Stele vermerkt. Geplant ist, die nächste Stele am Springerplatz - früher Moltkemarkt - aufzustellen.

    Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden.

    Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im "Bochumer Bündnis gegen Rechts.

    (Hubert Schneider)